Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

13.12.2016

Zum Landboten bitte hier entlang

Ausnahmsweise gibt es hier statt des Beitrages nur einen link – für ihr Blogevent #MeinKlassiker habe ich Birgit Böllinger für Sätze und Schätze einen Beitrag über den Hessischen Landboten geschrieben. Zu ihrem Blog schreibt sie:

 „ … seit 2013 finden sich unter dem Titel „Sätze&Schätze“ die literarischen Sätze und Schätze, die sich in einem Leserleben ansammeln: Schwerpunkte liegen auf der Literatur der Weimarer Republik, nordamerikanischen Autoren sowie zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. Ab und an werden literarische Orte vorgestellt und Kunst geschaut, weil Lesen eben doch nicht alles ist…
Der Blog ist ein reines Freizeitvergnügen von Birgit Böllinger, Jahrgang 1966, im Hauptberuf Pressesprecherin einer Gebietskörperschaft in Bayern. Regelmäßig bringen auch Gastautoren frischen Wind und neue Ansätze auf die Seite, die sich mit Lust&Leidenschaft Sätzen&Schätzen der Literatur verschrieben hat.”

Die entstandene Reihe (sie schreibt ganz zu Recht, dass das ein Adventskalender hätte werden können …) ist auf charmante Art illuster und individuell – sowohl was die vorgestellten Texte wie was die Persönlichkeiten der Beitragenden angeht. Ich freue mich also sehr, wenn Sie jetzt erst meinen Beitrag

#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner

und dann auch alle anderen lesen!

Übrigens ist es ganz einfach, diesen Blog, Birgits „Sätze und Schätze“ und auch fast alle anderen, für die sich das lohnt, nicht aus den Augen zu verlieren: Blogs lassen sich (sehr gerne) abonnieren; meist mittels Anmeldung, die hier bspw. rechts unter „Registrieren“. Dann kommt nach jedem neuen Beitrag eine Erinnerungs-Mail. Das kostet und verpflichtet zu nichts!

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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11.6.2016

„Auch hoffe ich daß Du Schmetterlinge einsammlen wirst”*

Filed under: Büchner,in eigener Sache,Publizistik,Rezension,Texte,Theater,Veranstaltung — Schlagwörter: , — peter brunner @ 13:56

Das Zitat im Titel stammt aus Wilhelm Büchners Brief vom 13.11.1831 an den Bruder Georg in Straßburg. Ich nehme es als Metapher für eine Möglichkeit, die ich gefunden habe, um dies und das für Sie aufzuspießen.

Ich suche schon lange nach einer Form, mit der die zahlreichen kleinen „Büchner”-Nachrichten und Informationen, die mir über den Tag begegnen oder auf die ich hingewiesen werde, den Leserinnen hier zugänglich gemacht werden können.

Es steht ja außer Frage, dass nicht alles, was zum Stichwort „Büchner” in den Weiten des Web vagabundiert, einer ausführlicheren Kommentierung bedarf (oder sie verdient). Das wäre ohnehin schon aus Zeitgründen schon längst nicht mehr zu leisten, ganz abgesehen von der inhaltlichen Kompetenz, die dazu erforderlich wäre. Andererseits möchte ich immer wieder die eine oder andere Nachricht über eine Inszenierung, einen Aufsatz, eine Neuerscheinung, eine Website, eine neue Recherchemöglichkeit usw. usf.  nicht im weißen Rauschen untergehen lassen.

Daher gibt es seit wenigen Tagen eine Pinnwand „Büchners” bei Pinterest,

Pinterest_Screenshot_Buechners

 

die von nun an solche „Büchner-Marginalien”, meist unkommentiert, verzeichnet, wie sie mir unterkommen. Durch einen Klick kommen Sie auf die jeweilige Website, die mir „Pin”-wert erschien. Das kann durchaus auch ein „Memo” für mich sein, darauf – z.B. hier – noch einmal ausführlicher zurückzukommen. Bitte nehmen auch Sie das gerne zum Anlass, zu „Pins”, die Sie dort finden, nachzufragen oder mir Hinweise auf  „Pin”-wertes zu geben.

Eine Erläuterung, was Pinterest ist und wie die Nutzung funktioniert, finden Sie hier.

Wie immer freue ich mich über Ihre Kommentare dazu, besonders gerne natürlich über Ihre eigenen Erfahrungen mit Pinterest im allgemeinen oder mit „meiner” neuen Pinnwand.

Peter Brunner

von Peter Brunner

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24.2.2016

Ein Luxusbegräbnis

Zum letzten Beitrag über die verramschte Büchner-Werkausgabe schreibt mir erfreulicherweise Dr. Herbert Wender und gesteht meinen Thesen zur Bedeutung derselben immerhin „einen gewissen Wahrheitsgehalt” … :

 

„ … bietet die Edition auch ihren Kritikerinnen einen bisher nicht anders verfügbaren Werkzugriff.”
Als einer der mitgemeinten Kritiker der Marburger Büchner-Ausgabe möchte ich das so nicht unkommentiert stehen lassen, denn es kommt doch sehr darauf an, was man unter „Werkzugriff” versteht, um dieser Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt zuzubilligen. In trivialer Weise richtig (Danke! pb) ist sie etwa, wenn als Alleinstellungsmerkmal gelten soll, daß auf den Stummeltext, auf eine gewisse divinatorische Auffassung von Büchners Werk den „Lenz”-Text – gewissermaßen als ‚Fassung letzter Hand‘- verkürzt, so nur in dieser Ausgabe ‚zugegriffen‘ werden kann. (Aber gerade darauf hätten die Kritikerinnen gern verzichtet!)

Richtig ist aber zweifellos auch, daß die jeweiligen Faksimile-Teile den wissenschaftlichen ‚Werkzugriff‘ über die handschriftliche Überlieferung beträchtlich erleichtern, und gerade deshalb erscheint es als Glücksfall, daß das Vermarktungsziel der hoch subventionierten Ausgabe bereits jetzt erreicht ist. Da das Copyright bei der Mainzer Akademie liegt und überdies das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv bereits die Erlaubnis zur Web-Veröffentlichung der vom Archiv zur Verfügung gestellten Scans erteilt hat, darf man hoffen, daß das ebenfalls mit öffentlichen Mitteln geförderte Büchner-Portal diese Scans ‚zeitnah‘, wie es heißt, auch denjenigen zugänglich macht, die sich an der Ramsch-Aktion nicht beteiligen wollen.

Für eine ganze Reihe anderer Aspekte indessen, die im Wissenschaftsbetrieb mit dem Begriff ‚Werkzugriff‘ verbunden werden können, ist die zitierte Aussage schlicht falsch, weil mit Poschmanns Studienausgabe (Klassikerverlag, mittlerweile auch als Taschenbuch-Kassette) immer schon eine zuverlässige Alternative zur Verfügung stand.
Dr. Herbert Wender

Ich bin ganz einverstanden mit diesen Formulierungen und gestehe gerne, dass da bei mir der Bibliomane mit dem Kritiker durchgegangen ist. Und Poschmanns Editionsverdienste wollte ich nicht im Geringsten schmälern – spätestens, seitdem ich dieser 2005 das Büchnersche Schülergedicht auf Schillers Graf Eberhardt verdanke, ist sie mir unersetzlich geworden (Poschmann hat daran offenbar Gefallen gefunden, er zitiert unsere „Welturaufführung” jedenfalls hier auf seinen websites, die zu Text und Textkritik, leider nur bis ca. 2007, ohnehin eine wichtige Quelle sind).

Gleichzeitig werde ich an ein Interview erinnert, das Jan-Christoph Hauschild zum Erscheinen der „Danton-Bände” Radio Bremen gegeben hat (und das hier vollständige Wiedergabe verdient hätte). Dort sagte er u.a. :

 

Ein Luxusbegräbnis ist es. Der Versuch, sich mit diesem elfpfündigen Monument selbst als endgültige Definitionsmacht zu inthronisieren.

Frage: Was stört Sie denn so ungemein an dieser – ich bleibe dabei – opulenten Ausgabe.

Unter anderem die Opulenz. Mit der gleichen Emsigkeit Heine zu edieren, hieße aus den 23 Bänden der Düsseldorfer Heine-Ausgabe 75 zu machen.


Frage: Ich hatte bisweilen den Eindruck, daß man mit diesem Festungsbau – wie Sie sagen – einen Schlußstein setzen wollte.

Einen Schlußstein, der gleichzeitig ein Epitaph fremder Unwissenheit sein sollte. Haben Sie das auch bemerkt?

Frage: Sie meinen die Kritik an Forscherkollegen? Die ist in der Tat augenfällig. Über Dantons vierfachem Guillotinentod wölbt sich ja ein ganzer ein Stammbaum der Irrtümer und Fehldeutungen aus der Pionierzeit der Büchner-Philologie, den die Marburger bis in die feinsten Verästelungen verfolgen.

Wobei ernsthafte Philologen hier Seite an Seite stehen mit Feuilletonisten. Freilich wuchert der Stammbaum nicht überall, sondern nur dort, wo es ziemlich erscheint. Es ziemt zum Beispiel bis heute nicht, daran zu erinnern, daß die Marburger Entdeckung von Heine-Spuren in „Danton’s Tod“ nur eine Wiederentdeckung war, sie hatte zwei Vorgänger. Und lasen wir vor 20 Jahren noch, Büchners Briefe an die Familie seien eigentlich an die Mutter gerichtet, erscheint heute der Vater als der eigentliche Adressat. Doch nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, werden die eigenen Dummheiten unter den Teppich gekehrt. So wird verschleiert, daß Wissenschaft prinzipiell ein offener Erkenntnisprozeß ist, in dem die vergangenen Irrtümer unter Umständen nützlicher sind als die eigene Besserwisserei.

Es müssen also alle die, die schon kritisiert haben, wie spät mir dieses Begräbnis der Luxusklasse aufgefallen war, weil sie nichts mehr vom Leichenschmaus abbekamen (es sind nur noch ein paar Einzelbände zu haben …) nicht so arg trauern. Und wenn sie sie immer noch nicht haben, endlich die Poschmann-Ausgabe kaufen!

 

von Peter Brunner

19.9.2015

Thomas Lange: Georg Büchner in Frankreich

Unsere Zeit steht im Begriff, durch das Mittel des täglich wachsenden internationalen Verkehrs die noch bestehenden Stammes-, Sitten- und sonstige Verschiedenheiten der heutigen europäischen Kulturvölker unter sich auszugleichen. Wir haben in großen Städte Leute kennen gelernt – und zwar nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer, und keine Ideologen, sondern erfahrene, praktische Geschäftsmenschen welche, unter Anführung vieler empirischer Gründe, – behaupteten, binnen fünfzig bis hundert Jahren werde von den gegenwärtigen Unterschied jener Nationen, namentlich der Deutschen, Engländer und Franzosen, wenig mehr zu bemerken sein; namentlich müsse sich bis dahin eine gemeinsame, für Alle gleichmäßig verständliche, Verkehrs- und Umgangssprache gebildet haben. ” (Alexander Büchner: Französische Literaturbilder aus dem Bereich der Aesthetik, seit der Renaissance bis auf unsere Zeit. Frankfurt am Main. Hermann´scher Verlag. 1858. Einleitung: Die starken und die schwachen Seiten der französischen Dichtung)

Die hundertfünfzig Jahre alte Vermutung, die Alexander Büchner gleich so relativiert: „ … daß manche Gattungen und Formen der Kunst dem Einen Volk mehr als dem Anderen passen, daß das Eine mehr auf diesem, das Andere mehr auf jenem Felde leistet. … ” (a.a.O.) hat sich nicht zur Gänze verwirklicht, wenn auch der Autor dieser Zeilen bestätigen muss, dass die lingua franca unsere Tage, das gestammelte Englisch, jedenfalls in Italien und inzwischen auch in Frankreich alle Versuche torpediert, sich in Bruchstücken mühsam angeeigneter Landessprachen zu verständigen.
Noch immer ist es selbst für die Literatur unserer nächsten Nachbarländer bei uns (und ebenso für unsere Literatur dort) unumgänglich, übersetzt zu werden, um zum Gegenstand aktueller Diskussion zu werden. Damit einher geht dann allerdings oft die Bemerkung kenntnisreicher Rezensentinnen, welch großen Verlust die Übersetzung eines Textes bedeute und wie unmöglich es eigentlich doch sei, sich der Sprachmacht der jeweiligen Autorin zu nähern, ohne ihre Sprache zu beherrschen. Immerhin gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass in fremder Sprache verfasste Texte sowohl in der Literatur wie erst recht in Politik und Wissenschaft wirksam und folgenreich werden konnten.
Der langjährige Darmstädter Archivpädagoge Thomas Lange hat sich mit dem Weg von Georg Büchners Werk in Frankreich beschäftigt. Lange hat in der Vergangenheit Studien und kenntnisreiche Veröffentlichungen über Alexander Büchner, der in Frankreich neue Freunde und eine neue Heimat fand, vorgelegt und darin auch den ersten Übersetzer von „Dantons Tod“, Auguste Dietrich, als Schüler Alexander Büchners erwähnt (z. B. in seinem Aufsatz „Champions du libéralisme …“ im Archiv für Hessische Geschichte 70, 2012).
Seine Untersuchung teilt er in die Kapitel 1845 bis 1878, 1889 – 1913, 1924 – 1939, NS-Kulturpropaganda und Nach 1945 und damit zugleich in Epochen des französisch-deutschen Verhältnisses zwischen aufgeschlossenem Interesse und feindlicher Abneigung.
Gründliche Recherche und profunde Kenntnis von Georg Büchners Werk machen den Band als Wirkungsgeschichte Büchners in Frankreich zugleich zu einer Betrachtung über das Auf und Ab der Zu- und Abneigung gegenüber der Literatur aus Deutschland in Frankreich. Es ist bemerkenswert und ein Zeichen für gründliche Textkenntnis, wie Lange entlang der Geschichte der Veröffentlichungen zu Georg Büchner und deren Autoren souverän darauf hinweisen kann, zu welchen Zeiten welche „Stellen“ der Prüderie, dem Zeitgeist oder der Haltung des Übersetzers zum Opfer fielen, zensiert wurden oder einfach den bereits „bereinigten“ deutschen Vorlagen folgten.
Die frühe Rezeption Büchners in Frankreich beginnt mit der Erwähnung durch „einen der besten Kenner der deutschen Gegenwartsliteratur“, Saint-René Taillandier, einem Professor für französische Literatur in Montpellier, im Jahr 1845. Schon in den Buchauflagen des Textes 1848 und 1849 ließ dieser allerdings die Erwähnung Büchners aus – Lange vermutet, wohl zurückschreckend vor dem Lob der Radikalen im Angesicht der Barrikaden von 1848. 1865 hat Taillandier dann ganz unmittelbar mit den Büchners zu tun bekommen: er war Präsident der Prüfungskommission, die über Alexander Büchners Bewerbung um die „agrégation für die littérature étrangères“ (als sechstbesten der zwölf Bewerber) entschied. Allerdings wird das Werk des Bruders wohl nicht Thema der beiden gewesen sein, denn „Alexander vermied als französischer Beamter im Zweiten Kaiserreich, sich offen als Bruder zweier radikaler Deutscher zu erkennen zu geben“ (Lange). Bis zum endlichen Erscheinen einer französischen Übersetzung blieb Georg Büchner in Frankreich stets der zusammen mit den Geschwistern, insbesondere dem berühmten Ludwig, gemeinsam erwähnte deutsche Republikaner.
Lange hält es für keinen Zufall, dass dem ein veränderter Blick der Franzosen auf ihre revolutionäre Vergangenheit mit der Errichtung von Denkmälern für Diderot (1886 in Paris, zur Einweihung sprach Ludwig Büchner), 1888 für Marat in seinem Geburtsort Arcis-sur-Aube und 1891, wieder in Paris, schließlich für „den Patrioten“ Danton, voraus gegangen war. Allerdings „blieb die Reaktion auf die erste französische Werkausgabe von Büchner verhalten“ (Lange). 1896 kommt es endlich zum Plan der Aufführung von Dantons Tod am „Odeon“ in Paris, wo der rührige Impressario Paul Ginisty mit „volkspädagogischem Engagement“ inszeniert. Es bleibt ein Rätsel, warum es zur zweimal angekündigten Aufführung schließlich nicht kam. Lange vermutet Furcht vor wirtschaftlichem Misserfolg, aber auch vor der auch unter der Republik durchaus weiter existierenden Zensur. Es dauerte schließlich bis 1948 (!), als Dantons Tod durch Jean Vilar auf die Bühne gebracht wurde.
1931 erscheint eine Woyzeck-Übersetzung in der Zeitschrift „Commerce“, die ausländische Dichter in den Fokus ihrer Veröffentlichungen stellte. Der Co-Übersetzer Jean Paulhan macht den Theaterradikalen Antonin Artaud auf Georg Büchner aufmerksam: es wäre „eine wunderbare Sache“, wenn er den „Woyzeck wieder neu erfinden würde“. Jedoch: „je mehr Artaud in den folgenden Jahren sein Theaterkonzept aber in Richtung eines Mythentheaters mit magischen Erlösungswirkungen veränderte, desto mehr verlor der Plan, die letztlich doch realistischen und gesellschaftskritischen Woyzeck-Fragmente auf die Bühne zu bringen, für ihn an Bedeutung“ (Lange). Besondere Erwähnung findet bei Lange „Georg Büchner radiophonique“, Aufführung und Wirkung von Büchners Stücken im französischen Radioprogramm. Am 20. August 1939, gerade einmal zwei Wochen vor dem Kriegsausbruch, sendet Radio Paris einen „Danton“ in der Adaption des deutschen Exilanten Richard Thieberger. Thieberger hat sich als „Hörspielexperte“ früh und gründlich mit der Bearbeitung von Theaterstücken für den Rundfunk beschäftigt und historische Stoffe als besonders geeignet dafür bezeichnet. Somit „scheint das Hörspiel das ideale Medium für Büchners Dantons Tod zu sein“. Leider ist das Tondokument nicht erhalten. Lange fand das maschinenschriftliche Skript, das auf der ersten Seite als Motto „Die Geschichte Frankreichs als Inspiration deutscher Dichter“ trägt.
Die NS-Kulturpropaganda in Frankreich verzichtete nicht auf Büchner, wenn dieser auch im Reich der „tendenziösen Verherrlichung des republikanischen Freiheitsgedankens“ bezichtigt wurde. Höchst unappetitlich waren die Versuche bspw. der zweisprachigen „Deutsch-französischen Monatshefte“ , der Erklärung der Menschenrechte in Frankreich die Reinhaltung und Pflege der Rasse gegenüberzustellen. In Deutschland ist Georg Büchner „nach 1940 in der NS-Diktatur nur noch in wenigen Nischen zu finden“. Eine davon war die Luftwaffenzeitung „Adler im Süden“, in der Ernst Gläser, der 1939 als einer von wenigen Exilanten freiwillig nach Deutschland zurückgekehrt war, über Leonce und Lena als „Zeugnis einer Heiterkeit ohnegleichen“ schreiben durfte.
Aufschlussreich liest sich Langes Darstellung der „Kulturpolitik der deutschen Sieger in Frankreich“. Im „französischen Sender unter deutscher Leitung“ Radio Paris wird am 23. 2. 1941 „Léonce et Lena, comédie en dix tableaux de George Büchner“ angekündigt. Mit deutscher Arroganz und Überheblichkeit ignoriert der vormalige Oberspielleiter des Rundfunks Stuttgart, Karl Köstlin als deutscher Besatzer die Tradition französischen Hörspiels und postuliert das Selbstverständnis als „Kulturbringer“ – man habe „mit der rundfunkmäßigen Bearbeitung der Hörspiele für Frankreich eine Neuerung eingeführt.“ Alles in allem gelang es den Deutschen naheliegenderweise nicht „auf nennenswerte Weise Gewohnheiten und Geschmack eines Publikums zu verändern, das durch eine lange pluralistische Tradition geformt worden war“ und „Radio Paris lügt, Radio Paris ist deutsch“ („Radio Paris ment, Radio Paris est allemand“) wurde auf die Melodie von „la cucaracha“ gesungen. Am 28. Dezember 1944 sendet Radio Toulouse wieder Thiebergers Bearbeitung von Dantons Tod – „gewissermaßen zum Fest der Befreiung“, wie Thieberger selbst schreibt.
Nach der Befreiung kommt schon 1946 der Woyzeck, 1948 Danton auf französische Bühnen – nicht unumstritten, aber triumphal. Die Freiluftaufführung des Danton durch Jean Vilars in Avignon wird ein ungeheurer Erfolg, „die Geburt einer neuen Ästhetik des Freilichttheaters“. Und Büchner wird von den Franzosen wieder zurück in seine Heimat geführt. Der Generaldirektor für kulturelle Angelegenheiten der französischen Besatzungszone, Raymond Schmittlein, ein Mann des militärischen Widerstandes, formuliert als Aufgabe der Umerziehungspolitik: „die demokratische deutsche Tradition zu erneuern, indem man jene Schriftsteller bevorzugt, die sich für Freiheit, Toleranz, Weltbürgertum und den Primat des Geistigen eingesetzt haben, um so den engen nationalistischen Kreis zu durchbrechen, der Deutschland seit der Romantik umgab und ihm bewusst zu machen, dass es auch nur ein Glied der menschlichen Gemeinschaft darstellt.“ 1947 erscheint Dantons Tod in Offenburg – mit der Einleitung von Karl Emil Franzos aus der deutschen Ausgabe von 1879, allerdings ohne diesen zu erwähnen und mit Kürzungen, die Lange „vielleicht als Folge der Zensurvorschriften der Besatzungsmächte“ erklärt – über das Elsass und Straßburg zu schreiben, erschien nicht opportun. Im bis 1949 streng vorzensurierten Südwestfunk wurde 1947 eine Woyzeck-, 1948 eine Danton-Bearbeitung gesendet. Und Richard Thieberger war als französischer Kulturoffizier für das Erziehungswesen zuständig und „sorgte für die Verbindung zwischen den französischen und deutschen Buchhändlern und Verlegern“. So kam er wohl in Kontakt mit dem Darmstädter Buchhändler Ludwig Saeng, dessen Originalexemplar von Dantons Tod mit Georg Büchners eigenhändigen Korrekturen (heute im Besitz der Darmstädter Landesbibliothek) er auslieh und für seine Forschungen benutzte.
Langes Schluss, dass „Büchners Dramen in Frankreich zum festen Bestandteil an gültiger Literatur gehörten“ darf nach der hier vorgelegten Studien als belegt gelten.

 

Eine besonderes Lob verdienen die zahlreichen Illustrationen in dem schön ausgestatteten Band, die Zeugnis für Langes gründliche Recherche ablegen – ein Bild des ersten Übersetzers und Alexander Büchner-Freudes Auguste Dietrich hat er allerdings leider nicht finden können.

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Lange, Thomas: Georg Büchner in Frankreich. Vom „französischen Hamlet“ zum „Instrument gelungener Kollaboration“. Wahrnehmung und Wirkung 1845 – 1947. Marburg, Jonas Verlag, 2015. ISBN 978-3-89445-509-5. 127 S., ca. 25 Abb., Broschur. 20 €

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von Peter Brunner

27.6.2015

„Haben wir dich, Spitzbuben, Hallunken, jetzt muß das Geld heraus!“

Filed under: Georg Büchner,Geschichte,Rezension,Zeitgen — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 20:00

1825 erschien in Giessen eine kleine Schrift des Criminalgerichtssekretärs Carl Franz, in der dieser mit Auszügen aus den Gerichtsakten und in freier Erzählung Hergang, Aufklärung und Ende eines Raubes im ärmsten und rückständigsten Teil des Großherzogtums berichtet: eine Gruppe von Bauern überfiel am 19. Mai 1822 das sogenannte „Geldkärrnchen” und machte große Beute. Bis auf einen Beteiligten, der  – wohl nach Amerika – fliehen konnte, wurden alle verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt.

Sodann mit der drückendsten Armuth und Dürftigkeit kämpfend, nimmt er (der Wilddieb – pb), schon gewöhnt an Verbrechen und vertraut mit den Gefahren, die sie begleiten, zu den verzweifelten Mitteln, zu Diebstahl und Raub, seine Zuflucht, die ihn immer tiefer in den Pfuhl alles Verderbens ziehen und endlich an einen entsetzlichen Abgrund führen. (aus der Einleitung)

Das kleine Heft hat Karriere gemacht – hundert Jahre später, 1933, erschien ein Reprint in Marburg,  1971 machten es Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff zur Grundlage ihres Films „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“, 1978 wurde es, illustriert von Johannes Nawrath, zum ersten Titel des aufstrebenden Marburger Jonas Verlags, der den Text 1986, jetzt illustriert von Wilhelm M. Busch, ein erstes Mal und, gerade eben, als schlichte Textedition ein zweites Mal wieder auflegte.

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Carl Franz: Der Postraub in der Subach Begangen von acht Strassenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden sind. Marburg (Jonas) 2015. ISBN 978-3-89445-510-1. 64 S., Klappenbroschur. 8 €

Für den Herbst 2015 schließlich wurde der Text die Grundlage eines Freilicht-Musicals bei den diesjährigen Schlossfestspielen in Biedenkopf, dem kleinen Residenzstädtchen, das bei wikipedia unter wenig Anderem eine ausführliche Erwähnung des Kartoffelbratens verdient hat. Für das Musical, das am 21.8. vor bereits ausverkauftem „Haus” uraufgeführt werden soll,  schrieb Birgit Simmler das Libretto, die Musik ist von Paul Graham Brown ( „Eine Hetzjagd aus Verrat, Bestechung und Bedrohung bringt Liebe und Freundschaft ins Wanken. Wer gefasst wird, dem droht der Tod.” Quelle: website ).

Was soll das im Büchner-Blog?

Spätestens seit Trotta/Schlöndorffs Verfilmung ist klar, dass der schlichte Text des Gerichtssekretärs eine ganz hervorragende Schilderung der Verhältnisse unter den armen Bauern des hessischen „Hinterlandes“ bietet. Lebensverhältnisse, wie sie Friedrich Weidig und seinen Genossen tagtäglich  als das geplagte Leben der potentiellen Leser des Hessischen Landboten (und damit auch der Protagonisten des ersehnten Aufstandes) vor Augen standen. Der oben verlinkte wikipedia-Artikel erwähnt den Postraub leider ebensowenig wie den Mann, der später jahrelang Landtagsvertreter der Bauern in Darmstadt war: kein geringerer als der Büchner-Freund August Becker vertrat in der Hessen-Darmstädtischen Hauptstadt das Hinterland von 1849 bis zu seiner Auswanderung in die USA 1853 (12. – 14. Wahlperiode). Anders als Wilhelm Büchner, dessen Polit-Engagement mit der widerrechtlichen Auflösung des zweiten „Revolutions-Landtages“ von 1849 vorläufig endete, ist Becker auch für die beiden folgenden Landtage von „seinen” Bauern gewählt worden.

Hessisches_Hinterland_„Hessisches Hinterland“ von Ziegelbrenner - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - httpscommons.wikimedia.orgwikiFileHessisches_Hinterland.png#me

„Hessisches-Hinterland“ von-Ziegelbrenner. Eigenes-Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia-Commons httpscommons.wikimedia.org wikiFileHessisches_Hinterland.pngme

Wer also aus erster Hand wissen will, wie elend und unterdrückt die Hinterländer Bauern in den 1820er Jahren leben mussten, der schaffe sich dieses Büchlein an. Und besorge sich dann den Film. Und gehe schließlich, ausreichend vorbereitet, zu den Festspielen nach Biedenkopf.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

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