Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

25.9.2017

„Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir eine Melodie summe…. ”*

Filed under: Büchner,Büchnerhaus,Georg Büchner,in eigener Sache,Regionales,Uncategorized — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 08:59

„Der Büchnerschorsch, der Büchnerschorsch,

war nie in Golle Kerweborsch”

1607 wurde die Goddelauer Kirche geweiht, und das wird seit 410 Jahren als Kerb – Kirchweih – im Dorf gefeiert. Am 28. Oktober 1813 wurde hier Georg Büchner über dem bis heute erhaltenen Taufstein in der ebenfalls erhaltenen Taufschale getauft. Fremde, die sich auf den Weg machen, Büchners Geburtshaus zu besuchen, sind oft irritiert, weil sie entweder „Goddelau” auf der Landkarte nicht finden oder weil sie „Riedstadt“ angezeigt bekommen, wenn sie „Büchnerhaus” suchen. Das hat durchaus seine Ordnung und ist der hessischen Gebietsreform geschuldet, die aus fünf kleinen Riedgemeinden einen neuen Ort gemacht hat, der es seit einigen Jahren zum Attribut „Stadt” gebracht hat. Crumstadt, Erfelden, Leeheim, Goddelau, Wolfskehlen bilden seit 1977 die Gemeinde Riedstadt.

Regionalkundige wird es nicht wundern, dass das die traditionelle Eifersüchtelei zwischen nah beisamen gelegenen Ortschaften, insbesondere unter der jugendlich-männlichen Bevölkerung, durchaus nicht befriedet hat – die Stadtteile sind eifrig um die Wahrung ihrer je ganz eigenen Traditionen bemüht, während sich jahrhundertalte Uznamen, Kabbeleien und Eifersüchteleien erhalten.

Der oben zitierte Satz fiel während der Kerb in Erfelden, und wenn ich das richtig recherchiert habe, ist es eine Parodie auf einen Satz von Walter Renneisen, der in seinem Programm „Deutschland, Deine Hessen“ eben gerade behauptet hatte: „Der Büchnerschorsch, der Büchnerschorsch, der war in Golle Kerweborsch” (s.u.!) . Die Erfelder haben Recht: der Heranwachsende Georg Büchner, Gymnasiast des Pädagog zu Darmstadt, ist ganz bestimmt nicht mit den Goddelauer Bauernbuben zur Kerb um die Häuser gezogen. Allerdings sollten wir auch nicht ganz ausschließen, dass die Kirchweih für die Büchners Grund war, den Onkel, der als Arzt in Goddelau lebte, zu besuchen. Immerhin ist das das Datum, zu dem auch damals schon der traditionelle Quetschekuche  gegessen wurde, und der ist allemal ein guter Grund, zur Kerb ins hessische Ried zu kommen.

 

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:77.Geburtstag_2016_(4).jpg#

 

Schön und bemerkenswert an dem witzigen Spruch scheint mir, dass es Georg Büchner in seiner Heimat ins Volkstümliche geschafft hat: auch wenn er nur kurz hier gelebt hat, so ist er doch für immer mit seinem Heimatort verbunden, sei es auch mit einer Persiflage, mit der im Nachbarort davor gewarnt wird, sich darauf allzu viel einzubilden.

Zur Goddelauer Kerb am Sonntag, dem 8. Oktober 2017,  bleibt das Museum traditionell geschlossen.

* Georg Büchner am 20. Januar 1837, kurz vor seinem Tod, an die Geliebte Minna

Nachtrag am 26.9.:

Gerade schreibt mir Klaus Lohr vom legendären Mundart-Duo „Bees denäwe”:

„ … das Zitat ist auf meinem geistigen Misthaufen gewachsen. Das hat auch nix mit der Eweller Kerb zu tun.

 Ich hatte früher bei meinen Auftritten erzählt, dass ich im Büchnerhaus in Golle einen Job als Fremdenführer machen wollte und dass die Herren und Damen vom Förderverein Zweifel an meinem Wissensstand gehabt hätten.

Da ich aber schon in der Schule Büchners gesamten Lebenslauf in Gedichtform niedergeschrieben hätte, habe ich versucht sie mit diesem Gedicht zu überzeugen. 

 Das Gedicht fing mit diesem Reim an ….. und es geht aber dann auch nicht weiter ….. weil mich der Förderverein schon nach diesen Zeilen entrüstet des Hauses verwiesen hätte.

 Dabei hatte ich doch recht: Denn der Büchner-Schorsch konnte nie in Golle Kerweborsch sein  — weil er (nach meinem Wissensstand) schon mit 3 Jahren nach Darmstadt gezogen ist …. da war er für einen Kerweborsch viel zu Jung. Viel zu jung zum Autoscooterfahren und zum Saufen.

Ich weiß nicht, wer dem Renneisen den Vers hat zukommen lassen. 

Bees denäwe ist immer noch das Kokolores-Dichtkunst-Original.“

Freut mich, dass so zur historisch-kritischen Quellensicherung beigetragen werden kann. An meiner Bemerkung zum Übergang ins Volkstümliche ändert das ja nichts, denn der Spruch fiel tatsächlich auf der Erfelder Kerb.

Und: Im Büchnerhaus wird niemand wegen kritischer Bemerkungen „des Hauses verwiesen”!

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

1.9.2016

„ … bei meinem Bruder Wilhelm, welcher in Pfungstadt, nah bei Darmstadt, eine große Ultramarinfabrik aufgetan hatte.”*

Die Luise Büchner-Gesellschaft veranstaltet ihr alljährliches Sommerfest 2016 anlässlich Wilhelm Büchners 200. Geburtstag in seiner Pfungstädter Villa und lädt mit der Bitte um Anmeldung bei Ilse Kuchemüller (mail: ilse.kuchemueller@t-online.de , tel: 06151 / 44 400) herzlich ein:

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  • aus Alexander Büchners Erinnerungen „Das tolle Jahr. Von einem, der nicht mehr toll ist“ (mehr dazu hier) 

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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29.7.2016

Baufortschritt in Reinheim

Filed under: Büchner,Genealogie,Geschichte,Regionales — Schlagwörter: , — peter brunner @ 17:54

Es ist fast ein Jahr her, seitdem ich zuletzt über das Reinheimer „Doktorhaus” berichtet habe. Karl-Dieter Hessel hat das Stammhaus der Büchners gekauft und renoviert es mit lobenswertem Einsatz.

 

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Das Reinheimer „Doktorhaus“ im Oktober 2012

In dem Haus wurde Ernst Büchner, der Vater der Darmstädter Büchner-Geschwister,  geboren. Ziemlich sicher haben es alle Darmstädter Büchner-Geschwister öfters besucht, um ihren Großvater Johann Jacob Büchner und später den Onkel Johann Karl, der der letzte Büchner-Arzt nach Generationen in Reinheim und in dem Haus wurde, sowie ihre Vettern und Basen Wilhelm, Rosalie, Luise und Hermann zu besuchen.

Das alleine wäre ja schon Grund genug, das Haus zu sichern und zu erhalten, aber es hat sich glücklicherweise darüber hinaus auch noch als ein richtiges Schmuckstück entpuppt.

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Das Reinheimer Doktorhaus im Juli 2016

Buechnerhaus_Reinheim_Hofseite_Ausschnitt_kleinIm Inneren gibt es noch einiges zu tun, aber  dass das ganz wunderschöne Zimmer werden können, lässt sich schon erkennen.
Es ist wirklich ein große Freude, dass diese Rettung gelungen ist. In Kürze wird seine Tochter Susanne mit Mann und Kind neues Leben in das alte Haus bringen – die besten Wünsche dazu!

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Und besonders schön wäre es, wenn dann an Stelle des scheußlichen bisherigen Schildes eine neue, freundliche Info-Tafel angebracht würde.

 

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Die alte Beschilderung am Reinheimer Doktorhaus

 

 

 

 

 

 

 

 

Peter Brunner

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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20.7.2016

„ … dass es 1866 Alternativen zum preußisch dominierten Nationalstaat gegeben hat”

Am 16. Juli 1866 besetzten preußische Truppen nach der Schlacht von Königgrätz die freie Reichsstadt Frankfurt und beendeten ihren souveränen Status für immer. Die Ereignisse im sogenannten Deutschen Krieg, dem „Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland” sind bei wikipedia und in den dort angegebenen Geschichtswerken gründlich dokumentiert. Mit diesem Ereignis beschäftigten sich in der vergangenen Woche zwei Veranstaltungen.

Für das Historische Museum Frankfurt machte am 13. Juli Prof. Andreas Fahrmeir neben einer gründlichen Darstellung der historischen Ereignisse insbesondere auf den Tatbestand aufmerksam, dass ein erheblicher Teil der EINWOHNER der freien Stadt durchaus nicht BÜRGER Frankfurts waren – fast jede zweite war offenbar weder wahlberechtigt (das waren ohnehin nur wohlhabende Männer), sondern auch von allen Armen- und Sozialfürsorgeleistungen ausgeschlossen blieb. In Fällen von Bedürftigkeit wurden sie rigide auf ihre Herkunftsorte verwiesen.

Sonntags fand dann im Festsaal des Studierendenhauses auf dem alten Frankfurter Campus eine zweite Veranstaltung zum Thema statt, bei der die Ereignisse in insgesamt vier Referaten beleuchtet wurden. Anton Stortchilov sprach über „Die Besetzung und ihre Auswirkungen”, Brigitte Holdinghausen über „Hintergründe des Selbstmordes von Bürgermeister Fellner”, und Kathrina Süs´ Vortrag „Friedrich Stoltze und die preußische Okkupation“ wurde wegen Erkrankung  (mit schöner dialektaler Färbung) vorgetragen.

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Das Hauptreferat der zweiten Veranstaltung hielt der Wormser Kulturkoordinator und Regionalforscher Volker Gallé, der sich in den vergangenen Monaten als emsiger Motor der Veranstaltungen zur Feier der zweihundertsten Wiederkehr des Anschlusses von Rheinhessen an Hessen-Darmstadt löblich hervorgetan hat.  Ich habe ihn am Schluss der Veranstaltung um das Manuskript des Vortrages gebeten und darf ihn hier mit seiner Zustimmung vollständig wiedergeben.

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Volker Gallé und Harry Bauer auf dem Podium

Bemerkenswert und für mich daher bestens für das Blog geeignet erscheint mir der Text aus zwei Gründen: einerseits wegen seiner weit über das von außen betrachtet vielleicht wirklich nicht so weltbedeutende Ende der Frankfurter Souveränität hinausgehende Analyse der Ereignisse der Zeit von 1848 bis 1871 und ihrer unzweifelhaft Weltgeschichte begründenden Ereignisse und Folgen, weit über die Reichsgründung von 1871 hinaus, andererseits wegen der Hinweise auf kontrafaktische Geschichtsschreibung und auf heute vielleicht richtungsweisende Erkenntnisse aus damals gescheiterten Ansätzen für ein anders gestaltetes Deutschland. Es ist eben keine sinnlose Spökenkiekerei, zu historischen Ereignissen die Frage „Was wäre, wenn” zu stellen, sondern eine höchst angemessenem Methode, den Intentionen der handelnden – und besonders der scheiternden – Personen nachzugehen.

Luise und Ludwig Büchner haben sich 1866 mit einigem Engagement um die Krankenversorgung der Kriegsverletzten auf hessen-darmstädtischer Seite gekümmert und wurden dafür mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert. Die Erfahrungen aus dieser Krankenversorgung legte den Grundstein für die moderne Krankenfürsorge in Darmstadt, für die sich Prinzessin Alice zusammen mit Luise Büchner in den Folgejahren erfolgreich bemühten. Luise Büchner hat die Ereignisse in ihren Geschichtsvorlesungen aus dem Rückblick von 1875 (in der 16. und 17. Vorlesung) in höchst Bismarck-verklärter Perspektive geschildert, wie überhaupt zahlreiche 48er der Euphorie eines zwar weder ganzen noch freien, aber doch ein bisschen einigen Deutschlands verfielen.  Friedrich Hecker und August Becker, die alten Kämpen, die mittlerweile in den USA lebten, machen hier eine Ausnahme – sie äußern sich durchaus kritisch zu den eben nicht erreichten Zielen, die einmal für ein vereintes Deutschland erträumt worden waren. Im weltläufigeren Blick von außen mag das leichter gefallen sein als angesichts des scheinbar triumphalen Erfolges bismarckscher Intrigen.

Ich danke Volker Gallé für seine liebenswürdige und schnelle Bereitschaft, seinen Text zur Verfügung zu stellen, und freue mich wie immer über Austausch und Widerspruch.

Volker Gallé:
Masken der Freiheit – der unterdrückte Impuls der Republik

Drei Kapitel

1. Preußenverdrossenheit und Pathosverweigerung

1885 antwortete Friedrich Stoltze einem Leser seiner Satirezeitschrift „Frankfurter Latern“: „Ihre Postkarte mit der Adresse: An Herrn Friedrich Stoltze, Lokaldichter, Redacteur, Flüchtling von 1866, Bürgervereinsler, Humorist, Demokrat… haben wir erhalten und acceptieren sämtliche Titel.“ (Breitkreuz, S. 7) Ein Jahr zuvor hatte Stoltze zur „Wacht am Rhein“, der inoffiziellen Nationalhymne des Kaiserreichs, wie folgt Stellung bezogen:

Die Wacht am Rhei, – merr hat kää Ruh,
Merr heert se alsfort brille.
Merr wisse’s ja, zum Deiwel zu,
Un ääch um Gotteswille.

Heint Nacht um Zwelf ehrscht schlaf ich ei,

Da stolpern Zwää voriwer
Un brille laut die Wacht am Rhei,
So daß ich uffwach driwer.

Ich haw en ääch mein Dank gezollt:

Halt’s Maul! un laßt mich schlafe!

Wacht ihr am Rhei so viel derr wollt,
In Frankfort laßt mich schlafe!

(Stoltze, S. 451)

Die Abwendung vom nationalen Pathos hat einen politischen Hintergrund und närrische Methode. Dass das nah am Volksmund ist, zeigt noch eine in Mannheim gesammelte Parodie aus dem Jahr 1918 (Steinitz, S. 203). Statt „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein?“ heißt es da: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, In Mannem sin die Kardoffle all!“

Nach der Niederlage der Demokraten 1849 gingen führende Köpfe in die Emigration. Die von der Idee einer Republik begeisterten Menschen wurden behindert, verfolgt, wurden zur Minderheit, viele passten sich äußerlich an und äußerten sich nicht mehr oder nur vorsichtig politisch. Aber in der Mentalität links und rechts des Rheins blieb eine egalitäre Grundhaltung erhalten, die sich närrische Masken aufsetzte, Fastnacht zelebrierte, wie schon einmal in den 1830er Jahren gegen die Zensur, und sich dem von oben diktierten preußischen Nationalpathos entzog. Bereits 1818, als Rheinhessen entstand und die Preußen und Österreicher linksrheinisch eine Politik zurück in feudale Zeiten begannen, sagte der Binger Notar Faber Kaiser Franz auf dessen politisch gemeinte Frage, welcher Geist in Bingen herrsche: „Majestät, halten zu Gnaden, in Bingen herrscht gar kein Geist oder nur der Weingeist.“ Humoristische Camouflage und die Fortsetzung der demokratischen Festkultur waren immer wieder Auswege aus der politisch verordneten „Friedhofsruhe“, wie Stoltze es einmal in einer Karikatur 1878 beschrieb. Darin legt Germania ihren Kranz an einem Grabstein nieder, auf dem zu lesen ist: „Hier ruht die Freiheit!“ Einheit gewonnen und Freiheit verloren, so könnte man diese politische Position auf den Punkt bringen. 1872 kommentiert Stoltze daher klar und deutlich:

Ob Freiheit oder Einheit

dem Volke nöthger sei?

Ein Volk von Witz und Feinheit,

das nimmt sich – alle zwei!

(Breitkreuz, S. 119)

Nicht nur, dass für ihn die Nation nicht ohne Republik zu denken ist, er setzt auch auf den Volkswitz und sein feines Gespür statt auf das Pathos der Verführung. Und wohin eine Nation ohne Republik treibt, auch wenn sie wirtschaftlich prosperiert, das zeigt die deutsche Geschichte von 1871 bis 1945: in einen seelenlosen, geistlosen Obrigkeitsstaat, der Bürger- und Menschenrechte außer Kraft setzt und aus seinem nationalen Anspruch kriminelle Energie entwickelt bis hin zum Massenmord. Das ist keine bruchlose Entwicklung – und schließlich hat die Weimarer Republik einen bemerkenswerten Gegenpol gesetzt, gerade links und rechts des Rheins – das ist keine bruchlose Entwicklung, aber die demokratischen Gegenkräfte zum autoritären Staat und zu völkischer Gesinnung wurden in die Defensive gedrängt und ausgetrieben. Während Stoltze sich noch deutlich an die Achtundvierziger wie Robert Blum und die Paulskirchenversammlung und damit an Frankfurt als Ort der Freiheit erinnert, gerät diese Erinnerung hinter ihren Masken zunehmend in Vergessenheit. Die Sieger diktieren die Deutung der Geschichte und üben ihre Narrative und Rituale propagandistisch mit der Mehrheit ein. In einem Nachruf auf den 1880 verstorbenen Paulskirchenpräsidenten Heinrich von Gagern schrieb die Frankfurter Zeitung: „Wir sahen Gagern zuletzt im Sommer 1872 an einem schwülen Julinachmittag am Bahnhof zu Alzey. Mit einer Anzahl demokratischer Parteigenossen kamen wir von dem Kirchheim-Bolandener Friedhof, wo dankbare Erinnerung den dort gefallenen Blutzzeugen für die Reichsverfassung ein Denkmal errichtet und geweiht hatte. Da geht ein Flüstern von Mund zu Mund, man deutet auf den hoch gewachsenen Greis, der einsam den Perron entlang wandelt. Der toten Streiter für die deutsche Freiheit hatten heute Tausende gedacht, ob wohl aber ein einziger des Lebenden, der dort schreitet?“ Der Vergessensprozeß setzt sich bis heute fort, und für die Folgen des Krieges von 1866 gilt das in besonderem Maße. Nicht nur für die Stadt Frankfurt, die durch die preußische Okkupation ihre jahrhundertealte städtische Freiheit verlor, sondern auch für das gesamt dritte Deutschland, wie man die ehemaligen Rheinbundstaaten bezeichnen kann, die aus der napoleonischen Zeit – anders als Preußen und Österreich – in ihren Verfassungen an den neuen Bürger- und Menschenrechten orientiert waren. Anders als im zentralistischen Frankreich war dort auch die besonders am Rhein lebendige, föderale Tradition des alten Reichs eingebunden, die immer wieder als „deutsche Freiheit“ beschrieben wurde. Aber es gibt Erinnerungspotenziale zu einer eigenen Identität dieses dritten Deutschland, die sich nicht nur in Archiven, sondern auch in der Mentalität der Rheinregion verbergen und politisch zu wecken sind.

2. Kontrafaktische Geschichtsschreibung

Geschichtsschreibung verfolgt neben einer Quellensichtung immer auch Interessen. So entstehen Geschichten, Narrative, nicht nur erzählerisch aufbereitet in der Vermittlung, sondern bereits in den wissenschaftlichen Texten. So ist vor allem an der Bismarckforschung deutlich zu sehen, dass es einen Überhang an preußischer Geschichtsdeutung gibt, in der die Alternativlosigkeit der Reichs-gründung von 1871 betont und die Spätfolgen des daraus entstandenen autoritären Staates verharmlost werden. Das hat auch mit der Unterwerfung der Historikerzunft unter das Faktendiktat zu tun, als sei Geschehenes auch gleichzeitig notwendig und sinnvoll. In den letzten Jahren kämpft die Methode kontrafaktischer Geschichtsschreibung um Anerkennung. Dabei wird auf Grund von Quellenanalysen entworfen, was alternativ hätte geschehen können, welche Potenziale vorhanden, aber nicht ausgeführt wurden. Das ist ein Denken, das unverzichtbar ist, wenn man aus Geschichte lernen möchte, denn es geht ja immer im Nachhinein auch um die Bewertung von Fakten, um die Beschreibung der Folgen. Die kontrafaktische Geschichtsschreibung zeigt, dass historische Entwicklungen immer auf Entscheidungen von Menschen beruhen, und dass diese Entscheidungen nicht ohne Alternativen waren.

In einem SWR-2-Forum unter dem Titel „Bismarcks Sieg bei Königgrätz – Glücksfall oder Verhängnis für die deutsche Geschichte?“ vom 20. Juni 2016 wurde deutlich, dass es 1866 Alternativen zum preußisch dominierten Nationalstaat gegeben hat, nämlich zum einen ein süddeutscher Bund mit den fortgeschrittenen Verfassungsstaaten Bayern, Baden, Sachsen und Hessen-Darmstadt, eine Art süddeutsche Schweiz, zu der auch die alte Stadtrepublik Frankfurt gut gepasst hätte, und auf der anderen Seite eine supranationale Fortentwicklung des deutschen Bundes auf der Basis österreichischer Erfahrungen, eine Art Mitteleuropa-Entwurf. Prof. Jörn Leonhard aus Freiburg machte dieses Potenzial deutlich.

Erst der republikanische Impuls im Linksrheinischen hatte die Idee eines Dritten Deutschland möglich gemacht. In seinem 1989 erschienenen Buch „Die deutsche Trias in Idee und Wirklichkeit“ beschreibt Peter Burg, der an der Universität Münster Geschichte lehrt, die Entstehung und Entwicklung des Konzepts dieses Dritten Deutschland, das vom Alten Reich bis zum Ende des Deutschen Bundes, also von 1763 bis 1866, wirksam war. Ein in einer Einheit zusammengefasstes, relativ selbstständiges drittes Deutschland war in diesen gut hundert Jahren eine durchaus realistische Option, die auf der besonderen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der durch Napoleon geschaffenen Rheinbundstaaten mit ihren modernen Verfassungen und deren besonders föderal und polyzentrisch geprägter Vergangenheit im Alten Reich fußte. In seinem Resümee stellt Burg die kontrafaktische Frage: „Wäre die Trias eine eine bessere Lösung der deutschen Frage gewesen?“ (S. 358) und antwortet: „Einiges spricht dafür. Innenpolitisch hätte das Dritte Deutschland eine würdigere politische Existenz erhalten, außenpolitisch mehr Beachtung gefunden. Die Rahmenbedingungen der liberalen und konstitutionellen Bewegung wären erheblich verbessert, die Kraft des Nationalismus gebunden oder gebrochen worden. Der übersteigerte Nationalismus, der das jahrhundertealte Schwächegefühl des Dritten Deutschland kompensierte, wäre möglicherweise durch die Trias in seiner Aggressivität gedämpft worden. Vor allem hätte es die Machtzusammenballung des preußisch-deutschen Reiches nicht gegeben, die das europäische Ausland beunruhigte.“ Die preußisch dominierte Geschichtsschreibung dagegen sieht den historischen Verlauf des Einheitsprozesses als alternativlos und beschreibt die Triasidee, aber auch den am Rhein besonders ausgeprägten Föderalismus als Entwicklungshemmnis. Laut Burg werden Begriffe wie Chaos, ewige Zwietracht, Eifersüchtelei etc. gebraucht, es wird von einem „Hühnerstall“ geredet, der aufgeräumt werden muss. So sprechen Füchse über Hühner.

Interessant ist, dass die Bearbeiter der Triasidee in der Historikerzunft oft aus dem Gebiet stammen oder dort gelebt haben, über das sie forschen. Burg ist im Saarland geboren. Sein Lehrer Karl-Georg Faber lehrte in Mainz und sein bevorzugtes Forschungsobjekt war Karl Theordor von Dalberg, der Fürstprimas des Rheinbundes. Dalberg stammte aus Worms, war Mainzer Erzbischof und als Freimaurer und Illuminat schon vor Napoleon ein Wanderer zwischen den Welten von Aufklärung und Romantik, Frankreich und Deutschland, Republik und Monarchie. Und auch wenn die Triasidee politisch weitgehend nach 1871 vom Tisch war, taucht sie nicht nur in der deutschen Nachkriegssituation in verwandelter Form mit DDR, Österreich und BRD wieder auf, letztere rheinisch, französisch, westorientiert beeinflusst, sondern findet sich auch in regionalen Geschichtsurteilen immer wieder. So schreibt Klaus Dietrich Hoffmann in seiner 1985 erschienen Geschichte Rheinhessens: „Der frühe Tod des der Freisinnigen Partei nahestehenden Kaisers Friedrich III, dessen Vertrauter unser Reichstagsabgeordneter Dr. Bamberger gewesen ist, 1888 nach erst 100 Tagen Regierungszeit, war für Deutschland und Europa eine Katastrophe. Denn von ihm wären die schweren außenpolitischen Fehler seines unreifen Sohnes Wilhelm II und der von diesem ausgesuchten unfähigen Politiker, die mit zum 1. Weltkrieg und seinen Folgen (Adolf Hitler) führten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gemacht worden.“ (Hoffmann S. 54/55)

Der in Trier lehrende Historiker Christian Jansen schreibt in seinem 2011 erschienen Buch „Gründerzeit und Nationsbildung“: „Als Nahziel strebten die Föderalisten den Zusammenschluss der liberalen Mittel- und Kleinstaaten des Dritten Deutschland an. Dieser Bundesstaat sollte dann mit Preußen und Österreich einen Staatenbund bilden (Trias).“ (Jansen, S. 102) Und weiter: „Die Paulskirche wäre vermutlich besser beraten und erfolgreicher gewesen, wenn sie ihre Verfassungskompetenz und auch die deutsche Einigung zunächst auf das Dritte Deutschland, also die … Mittel- und Kleinstaaten Süd-, West- und Mitteldeutschlands sowie Bayern und Sachsen beschränkt hätte, die infolge der napoleonischen Besatzung und ihrer Lage in Europa stärker verwestlicht und die anders als die beiden Großmächte bereits vor 1848 konstitutionelle Monarchien geworden waren.“ (Jansen, S.22)

Um aber Hoffnungspotenziale auch in verschütteten Erinnerungslandschaften zu entdecken und wieder bekannt zu machen, hilft das Erzählen. Ernst Bloch nennt es fabelndes Denken. Ein solcher Fabulierer war der 2005 verstorbene bayrische Autor Carl Amery, der sich 1979 in seinem Romane „An den Feuern der Leyermark“ der Trias-Idee zuwandte. Der Roman spielt 1866. Eine gut bewaffnete Truppe von 560 Reitern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, darunter emigrierte Achtundvierziger, besiegt dort die in Bayern eingefallenen Preußen, es entsteht ein eidgenössisch orientiertes Deutschland von Bayern bis zum Rhein, republikanisch und europäisch orientiert. Am Ende steht ein fiktives Datum, der 14. Juli 1867: „Auf dem Feld von Colmar findet die Verbrüderung der Centraleuropäischen Eidgenossenschaften statt, ihre dauernde politische, kulturelle und gesellschaftliche Zusammenarbeit wird eingeleitet. Die Amerikanische Legion nimmt auf zwei Rheindampfern Abschied.“ Amery war von 1980 bis 1995 Präsident der E.-F-Schumacher-Gesellschaft. Der 1911 in Bonn geborene Schumacher schrieb mit „Small is beautiful“ 1973 ein einflussreiches Buch der europäischen Alternativbewegung, das regionalistische und zivilgesellschaftliche Tendenzen verstärkte. Inspiriert worden war er durch den in Wales lehrenden Österreicher Leopold Kohr und sein bereits 1957 erschienenes Buch „The Breakdown of Nations“, das einen Neuanfang nach 1945 empfahl, der sich an den föderalen Erfahrungen Europas orientierte. Es gibt also bis heute Alternativentwürfe, die sich in immer neuen Masken und Gewändern in zentralistische und nationalistische Prozesse einmischen und auf älteren, verdrängten Traditionen aufbauen. Wenn man will, sind bereits die frühmittelalterlichen Entwürfe eines karolingischen Mittelreiches Lohtaringien und die spätmittelalterlichen Versuche eines Königreichs Burgund, das in kurpfälzischen Fantasien des 18. Jahrhunderts wiederzukehren versuchte, Vorläufer dieses dritten Weges. Am Rhein wurde das stets dadurch gespeist, dass die wegen der zentralen Bedeutung territorial vielfältige politische Landschaft sich statt Beherrschung konsensualer Einigungsrozesse bediente. Die aus der territorialen Vielfalt folgende starke Multikonfessionalität nach der Reformation schuf weitere lebenspraktische Erfahrungen der Bevölkerung im Zusammenleben mit Verschiedenen, schuf Arrangements, Witz und Verfassungsprinzipien, die für jeden Einzelnen gelten. Das waren und sind lebendige Alternativen zu völkischen Narrativen. Sie sehen nicht nur die Region, sondern auch die Nation als Republik und Europa als föderalen Prozess. Diese Mentalität ist präsent am Rhein, aber sie überlässt den völkischen Schreihälsen allzu sehr das Terrain politischer Begriffe, Symbole und Erzählungen. „Lasst mich schlafe“, wie Stoltze es formuliert hat. Die Erinnerung an die Triasidee des 19. Jahrhunderts kann ein Anfang sein, aufzuwachen und sich in die Öffentlichkeit zu begeben..

3. Zivilgesellschaftliche Schlupflöcher

Gehen wir am Ende in Praxis und Gegenwart. Die mit der Globalisierung verbundenen und als fern erlebten Zentralinstitutionen in der Verwaltung, die eine schwer überschaubare Interessenvielfalt in Gesprächsprozessen regeln, provozieren im Gegenzug den partiellen oder gänzlichen Rückzug auf personale, familiäre, regionale, nationale und religiöse Einheiten, die als überschaubar empfunden werden, in denen die Menschen sich einflussreicher glauben. Damit einher geht teilweise eine bewusste Reduktion von Wahrnehmung und Denken. Da, wo sie Ohnmachtsgefühle nicht auszuhalten vermag, radikalisiert sie sich vor allem im nationalen und religiösen Feld zu missionarischer Gewalt. Das geht bis dahin, dass einzelne Gewalttäter gar nicht in Gruppen organisiert sind, sondern sich lediglich über Internetkontakte ideologisch anschließen. Das Empfinden für die konkreten Anderen geht verloren. Es entstehen abgeschlossene Fantasiewelten, deren gewaltsame Ausbrüche in die Wirklichkeit die Täter selbst oft im Nachhinein nicht mehr verstehen. Deswegen ist es wichtig, sowohl im Bereich der Identität andere Erzählweisen zur Verfügung zu stellen und auch vorhandene und emotional aufgeladene Begriffe wie Nation und Religion anders zu erzählen, als auch die vorhandene Kreativität der Zivilgesellschaft in ihrer Problemlösungskompetenz in den Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit zu rücken und ihre vielfältigen lokalen und privaten Aktivitäten auf gut sichtbaren Plattformen zusammenzubringen. Dabei kann an den Erfahrungen und der Alltagspraxis der Region angeknüpft werden, vor allem am Humor und dem Blick fürs Konkrete, für die Situation. „S’is,wie’s kimmt“, sagt man in Rheinhessen. Für die Sichtbarmachung aber werden Begegnungsforen benötigt, bei denen sich nicht nur Akteure gesellschaftlicher Felder wie Migration, Ökologie, Ernährung, Produktion, Konsum etc. treffen und austauschen, sondern auch regionale, nationale und europäische Foren, auf denen eine Begegnung untereinander stattfindet.

Die Zivilgesellschaft kann das von unten her organisieren, wenn die staatliche Ebene bereit ist, in diese gesellschaftlichen Prozesse stärker zu investieren und hauptamtlichen Rückhalt zu geben. In einer sich immer stärker diversifizierenden Gesellschaft mit vielen temporären Projekten braucht es so etwas wie Kommunikations- und Koordinationagenturen, die hauptamtlich arbeiten. Neben den Vereinen und Verbänden, deren Struktur aus dem 19. Jahrhundert stammt, braucht es neue, offenere Formen, für die es im Bereich der Stiftungen und NGO’s ja bereits Ansätze gibt. Eine solche an Projektarbeit orientierte Begegnungstruktur ist deutlich wichtiger als die Debatte um mehr direkte Demokratie per Volksabstimmung, nicht zuletzt weil diese Instrumente viel stärker völkisch missbraucht werden und werden können. Es geht auch nicht um die Abschöpfung und Steuerung von Stimmungen wie in der Quotendemokratie, sondern um die Organisation realer Erfahrungs- und Begegnungsräume auf allen Ebenen. Dazu wäre es hilfreich, wenn es durch gesetzliche Regelungen möglich wäre, einen Teil der Arbeitszeit gegen Grundsicherungskomponenten darauf zu verwenden. Utopien tun Not, und zwar Utopien mit menschlichem Gesicht, die begeistern und Mitmachen ermöglichen. Wut- und Hassfratzen führen immer nur in den Untergang, auch den eigenen. Ich habe damit Erfahrung, schließlich ist Worms, wo ich für die Kultur verantwortlich bin die Hauptstadt der Nibelungenerzählung.

Kehren wir am Ende noch einmal zu Friedrich Stoltze zurück, der uns mit seinem Gedicht „Der Komet“ Mut macht, indem er sich über Weltuntergangsstimmungen, die uns ja derzeit zu beherrschen drohen, lustig macht und das Machbare des einzelnen Menschen dagegensetzt:

Jetzt laßt uns noch recht lustig sei

un drinkt bedeitend Äppelwei

un eßt noch Kuche un Pastet,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Un hippt so hoch als wie die Tern

un kißt die scheene Mäderchern;

dann die sin jetz net halb so spreed,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Verbutzt des Geld nor unverzagt

un werdt err schließlich eigeklagt,

fors Stadtamt is es doch zu speet,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Un nor kaa Forcht, weils doch nix batt –

un werdt merr ja net rawiatt.

Nor lustig bis zur letzt Trombeet.

Weil doch die Welt bald unnergeht.

(Stoltze, s. 612)

Das erinnert an Luthers Apfelbäumchen, das er gegen den Weltuntergang zu pflanzen gedenkt. Und von diesen Apfelbaumpflanzern gibt es heute überall in der Welt mehr als Angst- und Hasspropheten. Es bleibt die Aufgabe, diese abertausend Apfelbiotope sichtbar zu machen. Die Freiheit sollte ihre Masken absetzen, zumindest vorübergehend.

Literaturhinweise

Carl Amery, An den Feuern der Leyermark, München, 1979

Petra Breitkreuz, Friedrich Stoltze -Dichter – Denker – Demokrat, Frankfurt, 2016

Peter Burg, Die deutsche Trias in Idee und Wirklichkeit – Vom alten Reich zum detuschen Zollverein, Stuttgart, 1989

Klaus Dietrich Hoffmann, Die Geschichte der Provinz und des Regierungsbezirks Rheinhessen, Alzey, 1985

Christian Jansen, Gründerzeit und Nationsbildung 1849 – 1871, Paderborn, 2011

Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters, Berlin, 1978

Friedrich Stoltze, Werke in Frankfurter Mundart, Frankfurt, 1961

Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

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19.4.2016

Nur noch 21 Jahre bis zur nächsten Büchner-Ausstellung!

Ein Fund, den ich schon vor längerer Zeit durch den freundlichen Hinweis einer Nachfahrin von Ernst Emil Hoffmann machen konnte, hat gestern den angemessenen Platz gefunden.

Ernst Emil Hoffmann ist für die Büchnerinteressenten in den Fokus geraten, weil er der Vermieter der Familie in Darmstadt war. Ausgerechnet am 1. April 2014 habe ich zum ersten Mal in einer Glosse auf die zweite Darmstädter Büchner-Ausstellung bekannt machen können, dass ein Bild des Hauses gefunden wurde, in dem die Büchners zur Zeit der Geburt von Luise und Ludwig Büchner (1821/1824) in der damaligen „Oberen Baustraße“ lebten. In Beiträgen zu ihren Geburtstagen habe ich das dann wiederholt erwähnt und vertieft. Hier finden sich alle Beiträge dazu in chronologischer Folge.

Dabei ist dieser Darmstädter Demokrat durchaus auch ganz ohne einen Bezug zu den Büchners von einiger Bedeutung und, da wiederhole ich mich gerne, des Gedenkens sicher mehr wert als manch anderer, dem unangemessen ergeben gedacht wird.

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Büste Ernst Emil Hoffmanns. Darmstadt, Alter Friedhof

Die „Hessische Biografie” führt seine Verdienste tabellarisch so auf:

Werdegang:

  • Besuch des Gymnasiums in Darmstadt
  • Kaufmännische Lehre in Mannheim und Hamburg
  • 1805 erfolgreicher Unternehmer
  • Einer der Führer der freiheitlichen Richtung, der „Schwarzen“, als Politiker ein redegewaltiger „Volkstribun“
  • Durch sein Vermögen bald umfangreich sozial tätig
  • 1813 Beiträge zum deutschen Freiheitskampf
  • 1820er Jahre Beiträge zum griechischen Freiheitskampf
  • 1826 Mitglied der zweiten Kammer des Großherzogtums Hessen, konnte den Sitz aber erst 1829 einnehmen
  • 1828-1842 Mitglied des Darmstädter Gemeinderats, als Bürgermeister von der Regierung nicht bestätigt
  • 1829-1835 Abgeordneter
  • Gründete das „Hessische Volksblatt“
  • Vorkämpfer des Deutschen Zollvereins
  • Initiator und Anreger der Main-Neckar-Bahn
  • Veranstaltete 1842 für die Geschädigten des großen Brandes von Hamburg und 1843 für die Erdbebenopfer von Guadeloupe Geldsammlungen
  • Griechisches Ehrenbürgerrecht

Drei Bände seines „Hessisches Volksblatt“ von 1832/33 sind hier bei der Bayerischen Landesbibliothek als Digitalisate einsehbar.

Im Katalog zur Büchner-Ausstellung von 1987 ist ein Familienbild der Hoffmanns mit dem Hinweis „Fotografie der verschollenen Lithographie“ aus dem Darmstädter Stadtarchiv abgebildet.

 

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Ernst Emil Hoffmann und seine Familie, 1839. Unsignierte Lithografie. Scan der Fotografie aus der Familiengenealogie. (Das „neue” Darmstädter Original hat eine andere Titelei)

Im Odenwald lebt eine Nachfahrin Hoffmanns, die mich vor einiger Zeit darauf ansprach: sie besitze dieses angeblich verschollene Original. Tatsächlich hat sie mir, als ich sie dann besuchte, bei Kaffee und Kuchen das schöne Bild, offenbar zur Zeit seiner Entstehung um 1839 gerahmt und mit handschriftlichen Erläuterungen auf der Rückseite versehen, gezeigt. Außerdem besitzt sie eine sechsbändige Genealogie der Familie Hoffmann, die sie mir auslieh, und auf deren allerletzter Seite ich dann das Bild des lange gesuchten Hauses fand.

Schon lange wünschten sie und ich, dass die Grafik ins Darmstädter Stadtarchiv kommt, und Dr. Peter Engels hat sie gestern durch meine Vermittlung aus ihren Händen übernommen.

 

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Stadtarchivar Peter Engels hat die Gelegenheit unseres kurzen Gespräches dazu genutzt, am Beispiel Hoffmanns darauf hinzuweisen, dass das gerade unter „Büchnerianern“ verbreitete Bild von der schläfrig-schlafmützigen Beamtenstadt Darmstadt im Biedermeier den Berichten zweier aufmüpfiger und zu der Zeit auch noch pubertärer Jugendlicher entspringt. Georg und Alexander Büchner, die mehrfach abschätzig über ihre Heimatstadt schrieben, haben damit ja nichts anders getan als Millionen andere Jugendlicher, die die Enge ihrer Heimat als bedrückend und die Ferne als verlockend empfinden. Tatsächlich gab es im Darmstadt des 19. Jahrhunderts zahlreiche aufrechte und aktive Demokratinnen und Demokraten, die die Autokratie des Hofes gehörig aufmischten und wichtige Grundsteine zur hessischen und deutschen Republik gelegt haben.

Ich freue mich sehr, dass dieses schöne Stück aus der Vergessenheit auftauchte und jetzt zu Anschauung und Forschung zur Verfügung steht. Und wenn es zum 200. Todestag Georg Büchners 2037 vielleicht irgendwo irgenwie irgendeine Ausstellung geben wird, kann es zu den vielen Stücken und Informationen gehören, die sich seit 1987 gefunden haben.

 

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von Peter Brunner

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