Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

30.12.2016

Ein neues Bild Luise Büchners

Was würde sich in einem Blog, das sich meist dem Vergangenen widmet, zum Jahresende als Beitrag besser eignen als die Nachricht über ein verloren geglaubtes und wieder aufgefundenes Dokument? Schließlich ist keine Nachricht mehr Ansporn zu Forschung und Dokumentation als ein neuer Fund.

Jan-Christoph Hauschild hat mich kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass die Österreichische Nationalbibliothek einen ganzen Batzen neuer Digitalisate online gestellt hat, und dass er da gleich drei Büchner-Bilder gefunden hat.

 

Zwei davon sind bekannt und bereits an verschiedenen Stellen veröffentlicht:

Ludwig Büchner s/w Negativ Glasplatte des Portraits von Hermann Heid. Nach 1875. ÖNB NB 519649-B

 

 

Wilhelm Friedrich Büchner (1780 – 1855), der Goudaer Onkel der Geschwister Büchner und, als Vater von Elisabeth Büchner, der Schwiegervater Wilhelm Büchners Lithographie. Re. unten gez. H. J. Backer ÖNB PORT_00025595_01

 

Ein drittes allerdings ist ein regelrechtes Weihnachtsgeschenk gewesen und verschafft uns endlich ein weiteres gesichertes Portrait:

 

„Luise Büchner. Porträt in reiferen Jahren.“ Emilie Bieber. ÖNB Pf 16670:B (1)

 

 

Luise Büchner. Bekannte und vielfach veröffentlichte Grafik. Offenbar nach der jetzt aufgefundenen Fotografie. Hess. Staatsarchiv

 

Auf der Suche nach der Provenienz des Bildes hat die ÖNB höchst freundlich und sensationell schnell – noch am gleichen Tag – geantwortet. Mathias Böhm vom Bildarchiv schrieb mir: „Informationen zur Provenienz liegt uns nur folgende vor: 01.08.1947 von Graf Danholovsky (als Teil seiner Sammlung) übernommen.” und übermittelte einen Scan der Bildrückseite:

 

 

Rückseite der o.a. Fotografie mit versch. Vermerken. „16.670″ ist leider kein Datum, sondern die ÖNB-Signatur

 

Über Herrn von Danholovsky und seine Sammlung konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Ein paar Details zum Foto allerdings konnte ich mit Hilfe von Klaus Niermann aus Hamburg, der den Nachlass der Fotografendynastie Bieber verwaltet, inzwischen klären. Leider widersprach er meiner Vermutung, dass das Foto von einer Glasplatte gefertigt wurde, die Luise Büchner ganz abbildete – offenbar war es üblich, solche Visitenkartenfotos mit einem Filter aufzunehmen, der nur die Mitte des Portraits abbildete. Auch meine Hoffnung, das Negativ könne sich finden, konnte er nicht bestärken.  Mit Staunen lernte ich die Fotografin kennen – Emilie Bieber war eine selbständige, ledige Unternehmerin, die ihr Atelier zunächst zusammen mit einer Freundin gründete und dann jahrzehntelang erfolgreich und prämiert führte. 1877, nach 25 Jahren Tätigkeit, beschäftigte sie 30 Angestellte.

Agnes Schmidt weiß von einem längeren Hamburg-Aufenthalt. In einem ausführlichen Brief vom 26. Oktober 1873 schreibt Luise Büchner an Karl Gutzkow, dass sie „auf dem Hammerdeich .. bei Frau Wüstenfeld“ wohnte.  Der bedeutenden Hamburgerin hat wikipedia nur einen bescheidenen Eintrag gewidmet, etwas ausführlicher finden sich Informationen über sie, die zahlreiche Parallelen zum Leben und zur Arbeit Luise Büchners aufweisen, auf der website der nach ihr benannten Schule. Während dieses monatelangen Aufenthaltes traf Luise Büchner im Juli 1873 an der Ostsee auch die Schwester der Darmstädter Prinzessin Alice, die spätere Kaiserin Friedrich, Victoria von Großbrittanien und Irland, und ihren Mann, den späteren unglücklichen 99-Tage Kaiser, und im August war sie für drei Wochen auf Föhr.

Es steht außer Frage, dass  das jetzt neu gefundene Bild während dieser Zeit angefertigt wurde; das Bieber’sche Atelier war seit 1868 in den Räumlichkeiten am Neuen Jungfernstieg, die auf dem Foto als Adresse angegeben sind.

Kleiner Nachtrag: 

Agnes Schmidt schickt mir noch ein Zitat aus Luise Büchners Ratgeber für heranwachsende Mädchen („Über weibliche Berufsarten“):

„Was die Photographie anbelangt, so ist schon bekannt, dass sie sehr wohl durch Frauen ausgeführt werden kann und gibt es, namentlich in Norddeutschland sehr tüchtige Photographinnen. Sehr gesucht sind überdies Damen, welche Geschicklichkeit im Retouchieren besitzen. Wir machen auf diesen Zweig ganz besonders aufmerksam, denn es ist Tatsache, dass viele Photographen oft in Verlegenheit sind, weibliche Hilfe dafür zu finden”

 

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

;

29.11.2016

„Dass wir die Geschlechterhierarchie bestärken, wenn wir die Herrschaftssprache unkritisch reproduzieren“

Am 27. November erhielt Prof. Dr. Luise F. Pusch im voll besetzten Vortragssaal des Darmstädter Literaturhauses den 5. Luise Büchner-Preis für Publizistik. Die Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Rieger hielt ihr die Laudatio. Das fast unverändert vorgetragene Manuskript darf ich hier mit ihrer freundlichen Genehmigung wiedergeben.

20161127_lubuge_preis2016_vorstandpuschrieger_spbrunner

Preisträgerin Luise Pusch, Laudatorin Eva Rieger und der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft am 27.11. 2016

 

Eva Rieger: Laudatio für Luise Pusch    (Stand 21.11)

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich gebeten wurde, eine Laudatio für Luise Pusch zu entwerfen, habe ich zuerst überlegt, ob und wo es Überschneidungen zwischen Luise Büchner und der heutigen Preisträgerin gibt. Zum einen haben sie denselben Vornamen. Zum anderen sind beide Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, und beide haben mit ihren Schriften viel bewegt. Zum dritten liebten beide die Musik – Luise Puschs Sammlung an Radiomitschnitten ist mehr als riesig und die technisch ausgefeilte Medienecke in ihrer Küche berühmt-berüchtigt; Luise Büchner befasste sich einmal intensiv mit Richard Wagners Ring des Nibelungen. Hier kommt die vierte Gemeinsamkeit zum Tragen, nämlich der Humor. Ich zitiere aus Luise Büchners Kritik der Götterdämmerung:

„Um Siegfried nur einigermaßen moralisch zu erretten, greift Herr Wagner abermals nach seinem geliebten, aber allgemach sehr langweilig werdenden Zaubertrank, welcher ihm Vergessenheit Brunhildens und Liebe zu Gutrun gibt. Nun, ein Mann, der seine Frau verlässt, um gleich danach eine Andere zu heiraten, ist gewiss ein recht schlechter, erbärmlicher Wicht, aber auf der Bühne denn doch immer zehnmal erträglicher, als solch eine Marionette, die nur das Geschöpf eines Frühtrunks ist, und die dann, da es dem grimmen Hagen gutdünkt die Flaschen zu wechseln, gleich20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_063 danach durch ein zweites Gläschen die Erinnerung wieder zurückerhält.“[1]

Hier offenbart sich eine Lust an schwarzem Humor – was auch ein elementarer Bestandteil von Luise Puschs Arbeit ist. Wir sehen also, es gibt mehrere Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Frauen.

Nichts aus ihrer Kindheit weist auf diese Fähigkeit, die Dinge zu ironisieren, hin. In Gütersloh geboren, kannte Luise Pusch ihren Vater, der Gemeindepfarrer gewesen war, kaum, denn ihre Mutter ließ sich von Luises Vater scheiden, als Luise 3 Jahre alt war. Die Lebenssituation der Mutter im Nachkriegsdeutschland, die mit einem bescheiden bezahlten Sekretärinnenjob drei Kinder durchbringen musste, prägte Luises Kindheit. Die Sorgen ums Überleben beherrschten den Alltag, die Mutter war gezwungen, die Kinder weitgehend sich selbst zu überlassen. Luise umgibt sich schon im frühen Alter mit technischen Geräten. Zunächst sitzt sie vor dem Radio, um während der Heimarbeit Musik- und Literatursendungen zu hören, dann vor dem Plattenspieler, schließlich vor dem Tonbandgerät. Musik sowie geistige Interessen sind für sie Strategien zur Bewältigung des Alltags. Als Kind ungewöhnlich schüchtern, kompensiert sie mit hohen intellektuellen Leistungen und verschafft sich so Anerkennung bei MitschülerInnen und LehrerInnen.

Um der Mutter zu imponieren, erbringt Luise beste Zensuren und Leistungen in den sprachlichen Fächern. Nach dem Abitur studiert sie Anglistik, Latinistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Hamburg. Von 1966 bis 1972 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Sie schließt ihre Studien mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Ihre Dissertation ist dem Thema Die Substantivierung von Verben mit Satzkomplementen im Englischen und im Deutschen gewidmet (Prädikat: sehr gut). Nach einer vierjährigen Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bekommt sie 1976 ein Habilstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_020

Alles deutet auf eine vielversprechende akademische Laufbahn hin, als sie 1979 – nach ihrer Habilitation zum Thema Kontrastive Untersuchungen zum italienischen gerundio für das Fach Sprachwissenschaft – für fünf Jahre das in universitären Kreisen hochgeachtete Heisenberg-Stipendium erhält. 1985 ernennt die Universität Konstanz sie zur außerplanmäßigen Professorin. So schienen die Türen für eine glänzende Universitätskarriere als Hochschullehrerin weit geöffnet, mit einem Lehrstuhl an einer traditionsreichen Universität, mit AssistentInnen, Drittmitteleinwerbung, Gremienarbeit, der Ausbildung von DoktorandInnen, der Organisation von Fachtagungen und freier Forschung. Luise hätte sich dann vielleicht in die Sprachpartikeln des Russischen vertieft oder sich zum Stand der Sondersprachen in der friesischen Lexikographie auf linguistischen Tagungen Ruhm erworben. Doch es kam anders.

Aus der Beschäftigung mit der Frauenbewegung, die sich in den siebziger Jahren aus den USA kommend rasch in Deutschland ausbreitete, wurde ihr deutlich, dass die Sprachwissenschaft große Defizite aufwies. Wie in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern auch, war es bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nicht üblich, das soziale, historische und kulturelle Umfeld in die Forschung mit einzubeziehen. Wer Sprache als ein soziales Zeichensystem sah und eine sozialwissenschaftliche Position einnahm, galt schon als AussenseiterIn. Die ersten Forschungen von Luise Pusch waren noch den traditionellen Themen ihres Faches gewidmet, nun aber entwickelte sie Ideen, wie man Sprache ändern könne. 1979 schrieb sie ihren ersten feministisch-linguistischen Aufsatz. Wohlmeinende Kollegen rieten ihr, diesen als einen kleinen „Ausrutscher“ anzusehen und zur „richtigen“ Linguistik zurückzukehren. Ihr war die Brisanz ihrer Aussagen wohl bewusst, aber sie hatte nach ihrer bis dato so steilen Karriere nicht voraussehen können, wie kaltschnäuzig man sie ausgrenzen würde. Die Versuche, gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz in der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft eine Sektion für feministische Linguistik zu gründen scheiterten ebenso, wie zahlreiche Bewerbungen auf eine Professur an einer deutschen Universität.

Außerhalb der Universität wird Luise zunächst erst in der Frauenbewegung, später auch in anderen Institutionen des öffentlichen Lebens zur profiliertesten und gefragtesten feministischen Linguistin. In zahllosen deutschsprachigen Städten des In- und Auslandes wird sie zu Lesungen und Workshops eingeladen, und die Säle sind überfüllt. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, in der Gesellschaft ein sensibilierteres Sprachbewusstsein durchzusetzen, und zwar nicht nur durch scharfsinnige Analysen und direkte Kritik, sondern auch durch das Mittel der intelligenten Ironie. Mit ihrer unerschöpflichen Phantasie, gekoppelt mit einem zum Teil schwarzen Humor, der sich in beißende Ironie verwandeln kann, fordern ihre Glossen zum Lachen auf – aber der Subtext spricht von der Einsicht in eine Machtstruktur, die die Sprache prägt und die Frau als zweitrangig abstempelt.  Viel hat sie damit erreicht. Zwar wird statt des generischen Maskulinums die Doppelform weitgehend benutzt, nicht, wie Luise es wollte, das umfassende (generische) Femininum. Doch erreichte sie einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch, der sich weiterhin verfeinert.

Luise Pusch blieb bei ihrer Überzeugung, dass Sprache und Kultur in Beziehung stehen und sich wechselseitig bedingen. Ein Lexikon bringt es auf den Punkt: „Pusch hat aufgrund ihres kontinuierlichen sprachkritischen Engagements die allgemeine Wahrnehmung männlich orientierter Sprachnormen spürbar differenziert.“[2] Indem sie sich bewusst von dem herrschenden Diskurs absetzte und neue Wege ging, war es fast zwangsläufig, dass sie keine dauerhafte Aufnahme an den traditionsverhafteten linguistischen Fakultäten deutscher Universitäten fand. Ihre Radikalität, die so viele feministisch gesinnte Frauen begeisterte und für volle Säle sorgte, war manchem Akademiker ein Dorn im Auge

Ich lernte Luise Pusch Anfang der 1980er Jahre kennen. Ihr autobiographischer Roman Sonja war gerade erschienen, in dem sie ihre persönlichen Erfahrungen aus den Hamburger Studienjahren verarbeitet. Er erlebte mehrere Auflagen und wurde 20 Jahre später noch einmal aufgelegt, diesmal mit einem bewegenden Foto der „echten“ Sonja auf dem Titelblatt. Es ist die Geschichte des Zusammenlebens zweier Frauen, von denen die eine im Rollstuhl und suizidgefährdet ist, und frau erlebt eine ganz andere Seite der Autorin: die schonungslose Offenlegung einer schwierigen Liebesbeziehung mit allen Einzelheiten bis hin zum Tod. Sie veröffentlichte ihn zunächst unter dem Pseudonym „Judith Offenbach Ich fragte sie damals nach Judith Offenbach, die ich gerne kennengelernt hätte, und erfuhr, dass es sich um Luise selbst handelte.“. Später entschied sie sich, ihr Pseudonym zu lüften und half damit vielen lesbischen Frauen, sich ebenfalls nicht mehr zu verstecken.

Für mich war es ein aufregendes Ereignis, als Pusch 1983 den Band „Feminismus – Inspektion der Herrenkultur“ herausgab. In diesem Buch kritisierten verschiedene Fachvertreterinnen die Defizite ihres jeweiligen Faches aus weiblicher Sicht. Dass der renommierte Suhrkamp Verlag den Band herausbrachte, werteten wir als Hinweis, dass der Feminismus bei den klassischen Verlagen angekommen war. In ihrer Aufsatzsammlung Deutsch als Männersprache ein Jahr später analysierte Luise Pusch die genderbezogenen Asymmetrien unseres Sprachsystems. Dieses Buch ist heute mit 140 000 verkauften Exemplaren das bestverkaufte sprachwissenschaftliche Werk der Nachkriegsgeschichte.

Inzwischen wurden Empfehlungen oder Richtlinien von staatlichen Behörden, Berufsorganisationen, Gewerkschaftsverbänden, Universitäten und anderen Institutionen zu einem beide Geschlechter adäquat umfassenden Sprachgebrauch erlassen. Dieses ist ein Erfolg der feministischen Sprachwissenschaft und damit in hohem Maße auch derjenigen Person, der diese Veranstaltung gewidmet ist.

1987, als die Herausgabe des Kalenders Berühmte Frauen begann, gab es noch kaum Straßen oder Plätze, die nach einer Frau benannt worden waren. Statt dessen erinnerten die Namen von Gebäuden, Männerköpfe auf Geldscheinen und Männer-Denkmäler flächendeckend an die Leistungen von Männern. Dazu wollte Luise Pusch ein Gegengewicht, ebenfalls in der Alltagskultur, schaffen. Anstelle eines Lexikons über bedeutende Frauen wählte sie einen Kalender. Mit ihm sollen beim täglichen Gebrauch fortwährend Gesichter und Taten von Frauen vor Augen geführt werden, damit sich das weibliche Selbstwertgefühl erholt. Es galt, das bisher verborgene Wissen über Frauen präsent zu machen, und das jährliche Erscheinen zeugt bis heute von dem Erfolg eines unerschütterlichen Beharrungsvermögens, das Luises Arbeitsweise kennzeichnet. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang ihre Herausgabe biographischer Aufsatzsammlungen, die eine feministische Sichtweise vertraten und sie zu einer Pionierin auf diesem Gebiet  machten: Schwestern berühmter Männer, Töchter berühmter Männer und  Mütter berühmter Männer.  Damit lenkte sie den Blick auf solche Frauen, die meist unbeachtet und ohne Anerkennung im Hintergrund agierten, während ihre Brüder, Ehemänner, Liebhaber oder Söhne für ihr Schaffen das Lob der Allgemeinheit einheimsten. Diese Perspektive einzunehmen war für eine feministisch orientierte Forschung ein wichtiger Schritt, denn es zeigt sich, dass trotz der in den achtziger Jahren postulierten Kritik an großen Traditionen jede Gesellschaft solche benötigt – und Frauen benötigen sie mehr denn je.

Sie ahnen sicherlich schon, wohin die Reise ging, denn diese vielen Frauenbiographien hat Luise Pusch in ihre Datenbank eingefüttert, die sie 1982 begründete. Während Literaturwissenschaftlerinnen nach marginalisierten Autorinnen und Kunsthistorikerinnen nach Künstlerinnen suchten, lag ihr daran, fächerübergreifend bedeutende Frauen aller Sparten und Fachrichtungen der Vergessenheit zu entreißen und in das gesellschaftliche Bewusstsein zu verankern. Luise sammelte zunächst aus dem fünfundzwanzigbändigen Meyer-Lexikon in dreißig Ringbüchern die Daten von 2000 bedeutenden Frauen, denen „der Meyer“ an der Seite der 100.000 Männer ein Plätzchen gegönnt hatte. Diese übertrug sie ein Jahr später auf ihren ersten Computer, wo sie als FemBio-Datenbank mit inzwischen über 32.000 biographischen Einträgen nach 250  verschiedenen Parametern (z.B. Geburtstag, Berufszugehörigkeit, Ortsname) abgefragt werden können. Suchen Journalistinnen nach spezifischen Informationen zu einzelnen Frauen und vor allem Frauengruppen, wollen LehrerInnen mehr über bedeutende Frauen im Mittelalter aus ihrer Region erfahren oder Frauenbeauftragte einen Stadtrundgang organisieren, ist die Datenbank ein unverzichtbares Hilfsmittel. Luise Pusch ist mit dieser systematischen Betrachtungsweise, die sie aus der Linguistik mitbrachte,  die Begründerin der systematischen Frauenbiographieforschung. Die besten Beispiele für ihre Kunst der analytischen Zusammenschau sind ihre Nachworte in ihren frauenbiographischen Sammelbänden. Forschungsreisende, Schriftstellerinnen, Frauenrechtlerinnen, Physikerinnen, Varietékünstlerinnen – entscheidend ist, dass sich die Erinnerung an sie lohnt. Die Leben und  Taten dieser Frauen bilden einen großartigen Kanon weiblicher Leistungen.

Gemeinsam mit Sibylle Duda gab Luise Pusch 1992 den ersten der insgesamt dreibändigen Ausgabe der WahnsinnsFrauen heraus. Wahnsinn wird darin einleitend weniger als ein psychiatrisches oder individuelles Problem denn vielmehr als ein gesellschaftliches gedeutet, nämlich als Protest gegen die Zumutungen der weiblichen Rolle. Trotz des guten Verkaufserfolges waren kritische Untertöne von feministischer Seite zu hören[3], auf die einzugehen sich lohnt, weil sich darin Argumente einer jüngeren feministischen Generation niederschlagen. So wurde bemängelt, dass die Frau im binär organisierten westlichen Denken die Rolle des Irrationalen zugesprochen bekommt, so dass „der Wahnsinn zu einer Essenz des Weiblichen“ wird. Hierbei wird jedoch die bewusste Polemik in Puschs These übersehen, nämlich dass „der Wahnsinn der Frauen … verschwinden wird, wenn das patriarchale Wahnsystem verschwindet“ und ebenso ihren siebenzeiligen „Minimalkatalog für einen Neuanfang“. Die bittere Ironie entging der Kritikerin ebenso wie die Tatsache, dass Pusch  einen Text zu verfassen hatte, der eine Anzahl von Biographien thematisierte und inhaltlich bündeln sollte. Pusch verweist in ihrer Replik[4] auf die Naivität eines Glaubens, demzufolge Wissenschaft sich chronologisch entwickele und immer genauer oder besser werde.

Im Lauf der Jahre hatte sich die Frauenbewegung von der Kritik am Mann verabschiedet und begriffen, dass die Geschlechterungleichheit ein Herrschaftsverhältnis ist, das auf allen Bühnen des sozialen, kulturellen und politischen Lebens bedient werden kann – in der Wirtschaft, im Internet, durch die Kultur, und eben durch die Sprache. Luise Pusch nimmt hier einen wichtigen Platz ein, denn sie schafft eine Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis. Macht- und Herrschaftsverhältnisse können durch die Sprache hergestellt werden, und genauso kann die Zerstörung dieser Verhältnisse durch einen kritischen oder ironischen Sprachgebrauch angepeilt werden.

In diesem Zusammenhang ist eine Stellungnahme von Gudrun-Axeli Knapp nützlich,[5] die anregende Gedanken zu der immer wieder aufgegriffenen Behauptung entwickelt, wonach man Frauen nicht mehr unter dem Begriff „Frau“ subsumieren könne und es heute nur noch wichtig sei, „Vielfalt und Widersprüchlichkeit zuzulassen“. Knapp lehnt die postmoderne Annahme ab, wonach man nicht über Gruppen sprechen könne, da das ihrer Ansicht zufolge darauf hinauslaufen würde, die sozialen Strukturzusammenhänge von Frauenunterdrückung aus dem Blick zu verlieren. Sie hält an einer doppelten Aufgabe der feministischen Theoriebildung fest und fordert, dass man „die Unterdrückung von Frauen in ihrer endlosen Varietät und monotonen Ähnlichkeit“ analysieren solle. Also: zum einen die Frau als Einzelperson mit ihren eigenen Erfahrungen, und zum anderen die Frau innerhalb einer Gruppe innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftszusammenhänge.

20161127_lubupreis_pusch_spbrunner_088

Erste Reihe v.l.n.r.: J. Breckner, E. Rieger, L. Pusch, A. Schmidt, J. Partsch, D. Wagner, B. Akdeniz

Eine solche janusköpfige erkenntnistheoretische Position scheint mir für die künftige Geschlechterforschung und –publizistik sinnvoll, und Luise Pusch nimmt darin ihren wichtigen Platz ein. Würde man das binäre Denken abschaffen, hätte das die Ignorierung der noch immer binär gespaltenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse zur Folge. Man sollte angesichts der noch immer erschreckenden Benachteiligung von Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch Frauen als Gruppe nicht aus dem Blickfeld verlieren. Es kann sonst passieren, dass die „neue“ Richtung von der nachfolgenden Generation ebenso der Einseitigkeit geziehen wird, wie es die „alte“ Generation heute erlebt. Das heißt nicht, dass feministisches Gedankengut sich nicht selbst hinterfragen darf. Jede lebendige Wissenschaft muss sich weiter entwickeln, und es bleibt den jungen nachfolgenden Wissenschaftlerinnen unbenommen, sich von „traditioneller feministischer Argumentation“ abzusetzen und die feministischen „Mütter“ abzustrafen. Das ist der Gang der Geschichte. Zugleich muss aber die Leistung Luise Puschs gesehen werden, die darin bestand und besteht, feministisches Gedankengut mit beißender Ironie und schwarzem Humor sprachlich so treffend „an die Frau“ zu bringen, dass Veränderungen auf breiter gesellschaftlicher Ebene stattfanden. Ist das ein unhinterfragter Zirkelschluss? Nein, es ist ein Stück historischer Wirklichkeit.

In der Musikwissenschaft, die ich vertrete, sind neuerdings Versuche zu finden, Identitätsentwürfe und Konstruktionen des Geschlechterverhältnisses nicht nur ideengeschichtlich festzumachen, sondern auch die Materialitäten und Auswirkungen auf Körper und Gefühlsweisen zu erfassen. Hier wird klar, wie wichtig Luise Puschs Auseinandersetzung mit der Sprache ist. Man hat endlich gemerkt, dass die Geschlechterhierarchie nicht allein durch Quotenregelungen, Frauenbeauftragte oder Gesetzestexte angegangen werden kann, sondern dass sie unserer Kultur inhärent ist und wir sie unbewusst bestärken, wenn wir die Herrschaftssprache, die Frauen ausblendet oder unterordnet, unkritisch reproduzieren..

Es ist doch erstaunlich, wie der gute alte Feminismus durch die Grapschereien des designierten  US-Präsidenten Trump medial aufgewertet wurde und Tausende von Frauen begannen,  sich Demütigungen, die ihnen durch zynische Bemerkungen oder sprachliche Diffamierung von männlicher Seite zugefügt wurden, öffentlich bekannt zu machen. Gleichzeitig müssen wir mit der Tatsache umgehen, dass, um aus einem Blog von Luise Pusch zu zitieren, 42% von den weißen Frauen für Trump stimmten, von den weißen Frauen ohne Collegeausbildung waren es sogar 53%. Das zeigt uns wiederum, wie modern und wichtig der Ansatz von Luise Pusch ist, und wie viel noch zu leisten ist. Es geht hier nicht um einen Kampf Mann gegen Frau, da auch Frauen sexistische Grundsätze vertreten können. Es geht darum, sich bewusst zu machen, wie viele Millionen Frauen auf unserem Erdball noch an ihrer gesellschaftlichen Zweitrangigkeit zu leiden haben. Mehr als 100.000 Frauen erleben Gewalt in Partnerschaften in Deutschland, so war Anfang der Woche in der Presse zu lesen, und das sind nur diejenigen, die sich bei der Polizei melden. Ich denke an Millionen genitalverstümmelte Mädchen, an verheiratete Minderjährige und an Zwangsprostituierte. Jede einzelne erleidet einen psychischen Mord und kann kein normales Leben mehr führen.  Der Abbau des Sexismus ist genau wie der Abbau von Rassismus einzuüben, und da sind die Glossen unserer heutigen Preisträgerin ein ideales Fundament, da sie auf leichtem Wege zu Verhaltensänderungen führen.

Dafür und für ihre jahrzehntelange Hartnäckigkeit gebührt ihr Dank.

 

 

 

[1] Luise Büchner: Weibliche Betrachtungen über den Ring des Nibelungen, in: Die Frau. Hinterlassene Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage. Halle 1878, 358-369. Nachgedruckt in: Frau und Musik, hg. von Eva Rieger, Frankfurt/M. 1980, 218.

[2] Stichwort Pusch, Luise F., in: Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung, hg. von Renate Kroll, Stuttgart/Weimar 2002, S. 327.

[3] Annette Schlichter: „Frauen Wahnsinn WahnsinnsFrauen: Überlegungen zur Re/Produktion einer Analogie“, in: Freiburger FrauenStudien 1.(1). 1995, S. 7-22.

[4] Luise Pusch: „Streng, aber ungerecht. Antwort auf Annette Schlichter“, in: Freiburger FrauenStudien 1.1. (1995), S. 23-24.

[5] „Macht und Geschlecht. Neuere Entwicklungen in der feministischen Macht- und Herrschaftsdiskussion“, in: Gudrun-Axeli Knapp, /Angelika Wetterer (Hg.): Traditionen Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Freiburg 1995, S. 287-321.

17.11.2016

Bald steht das Denkmal für Luise Büchner!

Filed under: Darmstadt,Feminismus,Luise Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 13:37

Gute Nachrichten zum Projekt eines Denkmals für Luise Büchner!

Die beauftragte Künstlerin, Barbara Dieckmann aus Berlin, hat die Vorbereitungen für den Guss abgeschlossen und uns ein Foto ihrer bisherigen Arbeit übermittelt. In Kürze wird die kleine Büste gegossen werden und dann nach Darmstadt kommen.

dieckmann_luise_kopf

 

Mit Ruth Andres, die schon den Grabstein für Mathilde Büchner gestaltet hat, haben wir ein erstes Gespräch über die Ausgestaltung des Sockels geführt und sind sehr zuversichtlich, dass sie eine gute Lösung finden wird.

dscn4327

Die „Kunstkommission“ der Stadt Darmstadt hat bei einer Ortsbegehung unseren Vorschlag angenommen, das Denkmal vor das Pädagog zu platzieren – vor dem Treppenaufgang  in  der Döngesborngasse. Das DARMSTÄDTER ECHO meldete aus der Stadtverordnetenversammlung: „In der Sitzung teilte Stadträtin Iris Bachmann zudem mit, dass die Kunstkommission einen Standort für die Luise-Büchner-Büste gefunden habe: gegenüber vom Pädagog am Abgang zum Liebighaus.“

dscn4330

Und der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft hat sich vorgenommen, das Denkmal am 1. Juni 2017 der Öffentlichkeit zu übergeben.

Bis dahin soll nicht nur der Kopf auf dem Sockel montiert sein, sondern auch ein Text auf dem Säulchen angebracht werde, die dahinter liegende Wand saniert werden und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Zitat versehen sein. Wir denken, dann werden wir dorthin einladen und an dieser dafür bestens geeigneten Stelle daran erinnern, dass noch vor 150 Jahren Mädchen keine Chance hatte, das – damals einzige – Darmstädter Gymnasium zu besuchen. Und natürlich feiern wir da mit den Schülerinnen der Alice-Eleonoren-Schule und allen anderen, die kommen wollen, zur Erinnerung an die Begründerin der Mädchenbildung in Darmstadt. Papa Legbas Blues Lounge hat den Termin schon mal vorgemerkt …

Dieses schöne Projekt, das inzwischen viele freundliche Stifterinnen und Helferinnen bei Benefiz-Aktionen gefunden hat, verdient weitere Unterstützung – hier findet sich der Prospekt mit dem Aufruf zu Aktionen und Spenden 

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

;

1.9.2016

„ … bei meinem Bruder Wilhelm, welcher in Pfungstadt, nah bei Darmstadt, eine große Ultramarinfabrik aufgetan hatte.”*

Die Luise Büchner-Gesellschaft veranstaltet ihr alljährliches Sommerfest 2016 anlässlich Wilhelm Büchners 200. Geburtstag in seiner Pfungstädter Villa und lädt mit der Bitte um Anmeldung bei Ilse Kuchemüller (mail: ilse.kuchemueller@t-online.de , tel: 06151 / 44 400) herzlich ein:

160917_PlakatSommerfest-Seite001

 

  • aus Alexander Büchners Erinnerungen „Das tolle Jahr. Von einem, der nicht mehr toll ist“ (mehr dazu hier) 

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

;

20.7.2016

„ … dass es 1866 Alternativen zum preußisch dominierten Nationalstaat gegeben hat”

Am 16. Juli 1866 besetzten preußische Truppen nach der Schlacht von Königgrätz die freie Reichsstadt Frankfurt und beendeten ihren souveränen Status für immer. Die Ereignisse im sogenannten Deutschen Krieg, dem „Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland” sind bei wikipedia und in den dort angegebenen Geschichtswerken gründlich dokumentiert. Mit diesem Ereignis beschäftigten sich in der vergangenen Woche zwei Veranstaltungen.

Für das Historische Museum Frankfurt machte am 13. Juli Prof. Andreas Fahrmeir neben einer gründlichen Darstellung der historischen Ereignisse insbesondere auf den Tatbestand aufmerksam, dass ein erheblicher Teil der EINWOHNER der freien Stadt durchaus nicht BÜRGER Frankfurts waren – fast jede zweite war offenbar weder wahlberechtigt (das waren ohnehin nur wohlhabende Männer), sondern auch von allen Armen- und Sozialfürsorgeleistungen ausgeschlossen blieb. In Fällen von Bedürftigkeit wurden sie rigide auf ihre Herkunftsorte verwiesen.

Sonntags fand dann im Festsaal des Studierendenhauses auf dem alten Frankfurter Campus eine zweite Veranstaltung zum Thema statt, bei der die Ereignisse in insgesamt vier Referaten beleuchtet wurden. Anton Stortchilov sprach über „Die Besetzung und ihre Auswirkungen”, Brigitte Holdinghausen über „Hintergründe des Selbstmordes von Bürgermeister Fellner”, und Kathrina Süs´ Vortrag „Friedrich Stoltze und die preußische Okkupation“ wurde wegen Erkrankung  (mit schöner dialektaler Färbung) vorgetragen.

13600365_10157123461455313_5392723460673868389_n

Das Hauptreferat der zweiten Veranstaltung hielt der Wormser Kulturkoordinator und Regionalforscher Volker Gallé, der sich in den vergangenen Monaten als emsiger Motor der Veranstaltungen zur Feier der zweihundertsten Wiederkehr des Anschlusses von Rheinhessen an Hessen-Darmstadt löblich hervorgetan hat.  Ich habe ihn am Schluss der Veranstaltung um das Manuskript des Vortrages gebeten und darf ihn hier mit seiner Zustimmung vollständig wiedergeben.

160717_Ffm_Roemerberg_Uni1866_spbrunner_045

Volker Gallé und Harry Bauer auf dem Podium

Bemerkenswert und für mich daher bestens für das Blog geeignet erscheint mir der Text aus zwei Gründen: einerseits wegen seiner weit über das von außen betrachtet vielleicht wirklich nicht so weltbedeutende Ende der Frankfurter Souveränität hinausgehende Analyse der Ereignisse der Zeit von 1848 bis 1871 und ihrer unzweifelhaft Weltgeschichte begründenden Ereignisse und Folgen, weit über die Reichsgründung von 1871 hinaus, andererseits wegen der Hinweise auf kontrafaktische Geschichtsschreibung und auf heute vielleicht richtungsweisende Erkenntnisse aus damals gescheiterten Ansätzen für ein anders gestaltetes Deutschland. Es ist eben keine sinnlose Spökenkiekerei, zu historischen Ereignissen die Frage „Was wäre, wenn” zu stellen, sondern eine höchst angemessenem Methode, den Intentionen der handelnden – und besonders der scheiternden – Personen nachzugehen.

Luise und Ludwig Büchner haben sich 1866 mit einigem Engagement um die Krankenversorgung der Kriegsverletzten auf hessen-darmstädtischer Seite gekümmert und wurden dafür mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert. Die Erfahrungen aus dieser Krankenversorgung legte den Grundstein für die moderne Krankenfürsorge in Darmstadt, für die sich Prinzessin Alice zusammen mit Luise Büchner in den Folgejahren erfolgreich bemühten. Luise Büchner hat die Ereignisse in ihren Geschichtsvorlesungen aus dem Rückblick von 1875 (in der 16. und 17. Vorlesung) in höchst Bismarck-verklärter Perspektive geschildert, wie überhaupt zahlreiche 48er der Euphorie eines zwar weder ganzen noch freien, aber doch ein bisschen einigen Deutschlands verfielen.  Friedrich Hecker und August Becker, die alten Kämpen, die mittlerweile in den USA lebten, machen hier eine Ausnahme – sie äußern sich durchaus kritisch zu den eben nicht erreichten Zielen, die einmal für ein vereintes Deutschland erträumt worden waren. Im weltläufigeren Blick von außen mag das leichter gefallen sein als angesichts des scheinbar triumphalen Erfolges bismarckscher Intrigen.

Ich danke Volker Gallé für seine liebenswürdige und schnelle Bereitschaft, seinen Text zur Verfügung zu stellen, und freue mich wie immer über Austausch und Widerspruch.

Volker Gallé:
Masken der Freiheit – der unterdrückte Impuls der Republik

Drei Kapitel

1. Preußenverdrossenheit und Pathosverweigerung

1885 antwortete Friedrich Stoltze einem Leser seiner Satirezeitschrift „Frankfurter Latern“: „Ihre Postkarte mit der Adresse: An Herrn Friedrich Stoltze, Lokaldichter, Redacteur, Flüchtling von 1866, Bürgervereinsler, Humorist, Demokrat… haben wir erhalten und acceptieren sämtliche Titel.“ (Breitkreuz, S. 7) Ein Jahr zuvor hatte Stoltze zur „Wacht am Rhein“, der inoffiziellen Nationalhymne des Kaiserreichs, wie folgt Stellung bezogen:

Die Wacht am Rhei, – merr hat kää Ruh,
Merr heert se alsfort brille.
Merr wisse’s ja, zum Deiwel zu,
Un ääch um Gotteswille.

Heint Nacht um Zwelf ehrscht schlaf ich ei,

Da stolpern Zwää voriwer
Un brille laut die Wacht am Rhei,
So daß ich uffwach driwer.

Ich haw en ääch mein Dank gezollt:

Halt’s Maul! un laßt mich schlafe!

Wacht ihr am Rhei so viel derr wollt,
In Frankfort laßt mich schlafe!

(Stoltze, S. 451)

Die Abwendung vom nationalen Pathos hat einen politischen Hintergrund und närrische Methode. Dass das nah am Volksmund ist, zeigt noch eine in Mannheim gesammelte Parodie aus dem Jahr 1918 (Steinitz, S. 203). Statt „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein?“ heißt es da: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, In Mannem sin die Kardoffle all!“

Nach der Niederlage der Demokraten 1849 gingen führende Köpfe in die Emigration. Die von der Idee einer Republik begeisterten Menschen wurden behindert, verfolgt, wurden zur Minderheit, viele passten sich äußerlich an und äußerten sich nicht mehr oder nur vorsichtig politisch. Aber in der Mentalität links und rechts des Rheins blieb eine egalitäre Grundhaltung erhalten, die sich närrische Masken aufsetzte, Fastnacht zelebrierte, wie schon einmal in den 1830er Jahren gegen die Zensur, und sich dem von oben diktierten preußischen Nationalpathos entzog. Bereits 1818, als Rheinhessen entstand und die Preußen und Österreicher linksrheinisch eine Politik zurück in feudale Zeiten begannen, sagte der Binger Notar Faber Kaiser Franz auf dessen politisch gemeinte Frage, welcher Geist in Bingen herrsche: „Majestät, halten zu Gnaden, in Bingen herrscht gar kein Geist oder nur der Weingeist.“ Humoristische Camouflage und die Fortsetzung der demokratischen Festkultur waren immer wieder Auswege aus der politisch verordneten „Friedhofsruhe“, wie Stoltze es einmal in einer Karikatur 1878 beschrieb. Darin legt Germania ihren Kranz an einem Grabstein nieder, auf dem zu lesen ist: „Hier ruht die Freiheit!“ Einheit gewonnen und Freiheit verloren, so könnte man diese politische Position auf den Punkt bringen. 1872 kommentiert Stoltze daher klar und deutlich:

Ob Freiheit oder Einheit

dem Volke nöthger sei?

Ein Volk von Witz und Feinheit,

das nimmt sich – alle zwei!

(Breitkreuz, S. 119)

Nicht nur, dass für ihn die Nation nicht ohne Republik zu denken ist, er setzt auch auf den Volkswitz und sein feines Gespür statt auf das Pathos der Verführung. Und wohin eine Nation ohne Republik treibt, auch wenn sie wirtschaftlich prosperiert, das zeigt die deutsche Geschichte von 1871 bis 1945: in einen seelenlosen, geistlosen Obrigkeitsstaat, der Bürger- und Menschenrechte außer Kraft setzt und aus seinem nationalen Anspruch kriminelle Energie entwickelt bis hin zum Massenmord. Das ist keine bruchlose Entwicklung – und schließlich hat die Weimarer Republik einen bemerkenswerten Gegenpol gesetzt, gerade links und rechts des Rheins – das ist keine bruchlose Entwicklung, aber die demokratischen Gegenkräfte zum autoritären Staat und zu völkischer Gesinnung wurden in die Defensive gedrängt und ausgetrieben. Während Stoltze sich noch deutlich an die Achtundvierziger wie Robert Blum und die Paulskirchenversammlung und damit an Frankfurt als Ort der Freiheit erinnert, gerät diese Erinnerung hinter ihren Masken zunehmend in Vergessenheit. Die Sieger diktieren die Deutung der Geschichte und üben ihre Narrative und Rituale propagandistisch mit der Mehrheit ein. In einem Nachruf auf den 1880 verstorbenen Paulskirchenpräsidenten Heinrich von Gagern schrieb die Frankfurter Zeitung: „Wir sahen Gagern zuletzt im Sommer 1872 an einem schwülen Julinachmittag am Bahnhof zu Alzey. Mit einer Anzahl demokratischer Parteigenossen kamen wir von dem Kirchheim-Bolandener Friedhof, wo dankbare Erinnerung den dort gefallenen Blutzzeugen für die Reichsverfassung ein Denkmal errichtet und geweiht hatte. Da geht ein Flüstern von Mund zu Mund, man deutet auf den hoch gewachsenen Greis, der einsam den Perron entlang wandelt. Der toten Streiter für die deutsche Freiheit hatten heute Tausende gedacht, ob wohl aber ein einziger des Lebenden, der dort schreitet?“ Der Vergessensprozeß setzt sich bis heute fort, und für die Folgen des Krieges von 1866 gilt das in besonderem Maße. Nicht nur für die Stadt Frankfurt, die durch die preußische Okkupation ihre jahrhundertealte städtische Freiheit verlor, sondern auch für das gesamt dritte Deutschland, wie man die ehemaligen Rheinbundstaaten bezeichnen kann, die aus der napoleonischen Zeit – anders als Preußen und Österreich – in ihren Verfassungen an den neuen Bürger- und Menschenrechten orientiert waren. Anders als im zentralistischen Frankreich war dort auch die besonders am Rhein lebendige, föderale Tradition des alten Reichs eingebunden, die immer wieder als „deutsche Freiheit“ beschrieben wurde. Aber es gibt Erinnerungspotenziale zu einer eigenen Identität dieses dritten Deutschland, die sich nicht nur in Archiven, sondern auch in der Mentalität der Rheinregion verbergen und politisch zu wecken sind.

2. Kontrafaktische Geschichtsschreibung

Geschichtsschreibung verfolgt neben einer Quellensichtung immer auch Interessen. So entstehen Geschichten, Narrative, nicht nur erzählerisch aufbereitet in der Vermittlung, sondern bereits in den wissenschaftlichen Texten. So ist vor allem an der Bismarckforschung deutlich zu sehen, dass es einen Überhang an preußischer Geschichtsdeutung gibt, in der die Alternativlosigkeit der Reichs-gründung von 1871 betont und die Spätfolgen des daraus entstandenen autoritären Staates verharmlost werden. Das hat auch mit der Unterwerfung der Historikerzunft unter das Faktendiktat zu tun, als sei Geschehenes auch gleichzeitig notwendig und sinnvoll. In den letzten Jahren kämpft die Methode kontrafaktischer Geschichtsschreibung um Anerkennung. Dabei wird auf Grund von Quellenanalysen entworfen, was alternativ hätte geschehen können, welche Potenziale vorhanden, aber nicht ausgeführt wurden. Das ist ein Denken, das unverzichtbar ist, wenn man aus Geschichte lernen möchte, denn es geht ja immer im Nachhinein auch um die Bewertung von Fakten, um die Beschreibung der Folgen. Die kontrafaktische Geschichtsschreibung zeigt, dass historische Entwicklungen immer auf Entscheidungen von Menschen beruhen, und dass diese Entscheidungen nicht ohne Alternativen waren.

In einem SWR-2-Forum unter dem Titel „Bismarcks Sieg bei Königgrätz – Glücksfall oder Verhängnis für die deutsche Geschichte?“ vom 20. Juni 2016 wurde deutlich, dass es 1866 Alternativen zum preußisch dominierten Nationalstaat gegeben hat, nämlich zum einen ein süddeutscher Bund mit den fortgeschrittenen Verfassungsstaaten Bayern, Baden, Sachsen und Hessen-Darmstadt, eine Art süddeutsche Schweiz, zu der auch die alte Stadtrepublik Frankfurt gut gepasst hätte, und auf der anderen Seite eine supranationale Fortentwicklung des deutschen Bundes auf der Basis österreichischer Erfahrungen, eine Art Mitteleuropa-Entwurf. Prof. Jörn Leonhard aus Freiburg machte dieses Potenzial deutlich.

Erst der republikanische Impuls im Linksrheinischen hatte die Idee eines Dritten Deutschland möglich gemacht. In seinem 1989 erschienenen Buch „Die deutsche Trias in Idee und Wirklichkeit“ beschreibt Peter Burg, der an der Universität Münster Geschichte lehrt, die Entstehung und Entwicklung des Konzepts dieses Dritten Deutschland, das vom Alten Reich bis zum Ende des Deutschen Bundes, also von 1763 bis 1866, wirksam war. Ein in einer Einheit zusammengefasstes, relativ selbstständiges drittes Deutschland war in diesen gut hundert Jahren eine durchaus realistische Option, die auf der besonderen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der durch Napoleon geschaffenen Rheinbundstaaten mit ihren modernen Verfassungen und deren besonders föderal und polyzentrisch geprägter Vergangenheit im Alten Reich fußte. In seinem Resümee stellt Burg die kontrafaktische Frage: „Wäre die Trias eine eine bessere Lösung der deutschen Frage gewesen?“ (S. 358) und antwortet: „Einiges spricht dafür. Innenpolitisch hätte das Dritte Deutschland eine würdigere politische Existenz erhalten, außenpolitisch mehr Beachtung gefunden. Die Rahmenbedingungen der liberalen und konstitutionellen Bewegung wären erheblich verbessert, die Kraft des Nationalismus gebunden oder gebrochen worden. Der übersteigerte Nationalismus, der das jahrhundertealte Schwächegefühl des Dritten Deutschland kompensierte, wäre möglicherweise durch die Trias in seiner Aggressivität gedämpft worden. Vor allem hätte es die Machtzusammenballung des preußisch-deutschen Reiches nicht gegeben, die das europäische Ausland beunruhigte.“ Die preußisch dominierte Geschichtsschreibung dagegen sieht den historischen Verlauf des Einheitsprozesses als alternativlos und beschreibt die Triasidee, aber auch den am Rhein besonders ausgeprägten Föderalismus als Entwicklungshemmnis. Laut Burg werden Begriffe wie Chaos, ewige Zwietracht, Eifersüchtelei etc. gebraucht, es wird von einem „Hühnerstall“ geredet, der aufgeräumt werden muss. So sprechen Füchse über Hühner.

Interessant ist, dass die Bearbeiter der Triasidee in der Historikerzunft oft aus dem Gebiet stammen oder dort gelebt haben, über das sie forschen. Burg ist im Saarland geboren. Sein Lehrer Karl-Georg Faber lehrte in Mainz und sein bevorzugtes Forschungsobjekt war Karl Theordor von Dalberg, der Fürstprimas des Rheinbundes. Dalberg stammte aus Worms, war Mainzer Erzbischof und als Freimaurer und Illuminat schon vor Napoleon ein Wanderer zwischen den Welten von Aufklärung und Romantik, Frankreich und Deutschland, Republik und Monarchie. Und auch wenn die Triasidee politisch weitgehend nach 1871 vom Tisch war, taucht sie nicht nur in der deutschen Nachkriegssituation in verwandelter Form mit DDR, Österreich und BRD wieder auf, letztere rheinisch, französisch, westorientiert beeinflusst, sondern findet sich auch in regionalen Geschichtsurteilen immer wieder. So schreibt Klaus Dietrich Hoffmann in seiner 1985 erschienen Geschichte Rheinhessens: „Der frühe Tod des der Freisinnigen Partei nahestehenden Kaisers Friedrich III, dessen Vertrauter unser Reichstagsabgeordneter Dr. Bamberger gewesen ist, 1888 nach erst 100 Tagen Regierungszeit, war für Deutschland und Europa eine Katastrophe. Denn von ihm wären die schweren außenpolitischen Fehler seines unreifen Sohnes Wilhelm II und der von diesem ausgesuchten unfähigen Politiker, die mit zum 1. Weltkrieg und seinen Folgen (Adolf Hitler) führten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gemacht worden.“ (Hoffmann S. 54/55)

Der in Trier lehrende Historiker Christian Jansen schreibt in seinem 2011 erschienen Buch „Gründerzeit und Nationsbildung“: „Als Nahziel strebten die Föderalisten den Zusammenschluss der liberalen Mittel- und Kleinstaaten des Dritten Deutschland an. Dieser Bundesstaat sollte dann mit Preußen und Österreich einen Staatenbund bilden (Trias).“ (Jansen, S. 102) Und weiter: „Die Paulskirche wäre vermutlich besser beraten und erfolgreicher gewesen, wenn sie ihre Verfassungskompetenz und auch die deutsche Einigung zunächst auf das Dritte Deutschland, also die … Mittel- und Kleinstaaten Süd-, West- und Mitteldeutschlands sowie Bayern und Sachsen beschränkt hätte, die infolge der napoleonischen Besatzung und ihrer Lage in Europa stärker verwestlicht und die anders als die beiden Großmächte bereits vor 1848 konstitutionelle Monarchien geworden waren.“ (Jansen, S.22)

Um aber Hoffnungspotenziale auch in verschütteten Erinnerungslandschaften zu entdecken und wieder bekannt zu machen, hilft das Erzählen. Ernst Bloch nennt es fabelndes Denken. Ein solcher Fabulierer war der 2005 verstorbene bayrische Autor Carl Amery, der sich 1979 in seinem Romane „An den Feuern der Leyermark“ der Trias-Idee zuwandte. Der Roman spielt 1866. Eine gut bewaffnete Truppe von 560 Reitern aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, darunter emigrierte Achtundvierziger, besiegt dort die in Bayern eingefallenen Preußen, es entsteht ein eidgenössisch orientiertes Deutschland von Bayern bis zum Rhein, republikanisch und europäisch orientiert. Am Ende steht ein fiktives Datum, der 14. Juli 1867: „Auf dem Feld von Colmar findet die Verbrüderung der Centraleuropäischen Eidgenossenschaften statt, ihre dauernde politische, kulturelle und gesellschaftliche Zusammenarbeit wird eingeleitet. Die Amerikanische Legion nimmt auf zwei Rheindampfern Abschied.“ Amery war von 1980 bis 1995 Präsident der E.-F-Schumacher-Gesellschaft. Der 1911 in Bonn geborene Schumacher schrieb mit „Small is beautiful“ 1973 ein einflussreiches Buch der europäischen Alternativbewegung, das regionalistische und zivilgesellschaftliche Tendenzen verstärkte. Inspiriert worden war er durch den in Wales lehrenden Österreicher Leopold Kohr und sein bereits 1957 erschienenes Buch „The Breakdown of Nations“, das einen Neuanfang nach 1945 empfahl, der sich an den föderalen Erfahrungen Europas orientierte. Es gibt also bis heute Alternativentwürfe, die sich in immer neuen Masken und Gewändern in zentralistische und nationalistische Prozesse einmischen und auf älteren, verdrängten Traditionen aufbauen. Wenn man will, sind bereits die frühmittelalterlichen Entwürfe eines karolingischen Mittelreiches Lohtaringien und die spätmittelalterlichen Versuche eines Königreichs Burgund, das in kurpfälzischen Fantasien des 18. Jahrhunderts wiederzukehren versuchte, Vorläufer dieses dritten Weges. Am Rhein wurde das stets dadurch gespeist, dass die wegen der zentralen Bedeutung territorial vielfältige politische Landschaft sich statt Beherrschung konsensualer Einigungsrozesse bediente. Die aus der territorialen Vielfalt folgende starke Multikonfessionalität nach der Reformation schuf weitere lebenspraktische Erfahrungen der Bevölkerung im Zusammenleben mit Verschiedenen, schuf Arrangements, Witz und Verfassungsprinzipien, die für jeden Einzelnen gelten. Das waren und sind lebendige Alternativen zu völkischen Narrativen. Sie sehen nicht nur die Region, sondern auch die Nation als Republik und Europa als föderalen Prozess. Diese Mentalität ist präsent am Rhein, aber sie überlässt den völkischen Schreihälsen allzu sehr das Terrain politischer Begriffe, Symbole und Erzählungen. „Lasst mich schlafe“, wie Stoltze es formuliert hat. Die Erinnerung an die Triasidee des 19. Jahrhunderts kann ein Anfang sein, aufzuwachen und sich in die Öffentlichkeit zu begeben..

3. Zivilgesellschaftliche Schlupflöcher

Gehen wir am Ende in Praxis und Gegenwart. Die mit der Globalisierung verbundenen und als fern erlebten Zentralinstitutionen in der Verwaltung, die eine schwer überschaubare Interessenvielfalt in Gesprächsprozessen regeln, provozieren im Gegenzug den partiellen oder gänzlichen Rückzug auf personale, familiäre, regionale, nationale und religiöse Einheiten, die als überschaubar empfunden werden, in denen die Menschen sich einflussreicher glauben. Damit einher geht teilweise eine bewusste Reduktion von Wahrnehmung und Denken. Da, wo sie Ohnmachtsgefühle nicht auszuhalten vermag, radikalisiert sie sich vor allem im nationalen und religiösen Feld zu missionarischer Gewalt. Das geht bis dahin, dass einzelne Gewalttäter gar nicht in Gruppen organisiert sind, sondern sich lediglich über Internetkontakte ideologisch anschließen. Das Empfinden für die konkreten Anderen geht verloren. Es entstehen abgeschlossene Fantasiewelten, deren gewaltsame Ausbrüche in die Wirklichkeit die Täter selbst oft im Nachhinein nicht mehr verstehen. Deswegen ist es wichtig, sowohl im Bereich der Identität andere Erzählweisen zur Verfügung zu stellen und auch vorhandene und emotional aufgeladene Begriffe wie Nation und Religion anders zu erzählen, als auch die vorhandene Kreativität der Zivilgesellschaft in ihrer Problemlösungskompetenz in den Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit zu rücken und ihre vielfältigen lokalen und privaten Aktivitäten auf gut sichtbaren Plattformen zusammenzubringen. Dabei kann an den Erfahrungen und der Alltagspraxis der Region angeknüpft werden, vor allem am Humor und dem Blick fürs Konkrete, für die Situation. „S’is,wie’s kimmt“, sagt man in Rheinhessen. Für die Sichtbarmachung aber werden Begegnungsforen benötigt, bei denen sich nicht nur Akteure gesellschaftlicher Felder wie Migration, Ökologie, Ernährung, Produktion, Konsum etc. treffen und austauschen, sondern auch regionale, nationale und europäische Foren, auf denen eine Begegnung untereinander stattfindet.

Die Zivilgesellschaft kann das von unten her organisieren, wenn die staatliche Ebene bereit ist, in diese gesellschaftlichen Prozesse stärker zu investieren und hauptamtlichen Rückhalt zu geben. In einer sich immer stärker diversifizierenden Gesellschaft mit vielen temporären Projekten braucht es so etwas wie Kommunikations- und Koordinationagenturen, die hauptamtlich arbeiten. Neben den Vereinen und Verbänden, deren Struktur aus dem 19. Jahrhundert stammt, braucht es neue, offenere Formen, für die es im Bereich der Stiftungen und NGO’s ja bereits Ansätze gibt. Eine solche an Projektarbeit orientierte Begegnungstruktur ist deutlich wichtiger als die Debatte um mehr direkte Demokratie per Volksabstimmung, nicht zuletzt weil diese Instrumente viel stärker völkisch missbraucht werden und werden können. Es geht auch nicht um die Abschöpfung und Steuerung von Stimmungen wie in der Quotendemokratie, sondern um die Organisation realer Erfahrungs- und Begegnungsräume auf allen Ebenen. Dazu wäre es hilfreich, wenn es durch gesetzliche Regelungen möglich wäre, einen Teil der Arbeitszeit gegen Grundsicherungskomponenten darauf zu verwenden. Utopien tun Not, und zwar Utopien mit menschlichem Gesicht, die begeistern und Mitmachen ermöglichen. Wut- und Hassfratzen führen immer nur in den Untergang, auch den eigenen. Ich habe damit Erfahrung, schließlich ist Worms, wo ich für die Kultur verantwortlich bin die Hauptstadt der Nibelungenerzählung.

Kehren wir am Ende noch einmal zu Friedrich Stoltze zurück, der uns mit seinem Gedicht „Der Komet“ Mut macht, indem er sich über Weltuntergangsstimmungen, die uns ja derzeit zu beherrschen drohen, lustig macht und das Machbare des einzelnen Menschen dagegensetzt:

Jetzt laßt uns noch recht lustig sei

un drinkt bedeitend Äppelwei

un eßt noch Kuche un Pastet,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Un hippt so hoch als wie die Tern

un kißt die scheene Mäderchern;

dann die sin jetz net halb so spreed,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Verbutzt des Geld nor unverzagt

un werdt err schließlich eigeklagt,

fors Stadtamt is es doch zu speet,

weil doch die Welt bald unnergeht.

Un nor kaa Forcht, weils doch nix batt –

un werdt merr ja net rawiatt.

Nor lustig bis zur letzt Trombeet.

Weil doch die Welt bald unnergeht.

(Stoltze, s. 612)

Das erinnert an Luthers Apfelbäumchen, das er gegen den Weltuntergang zu pflanzen gedenkt. Und von diesen Apfelbaumpflanzern gibt es heute überall in der Welt mehr als Angst- und Hasspropheten. Es bleibt die Aufgabe, diese abertausend Apfelbiotope sichtbar zu machen. Die Freiheit sollte ihre Masken absetzen, zumindest vorübergehend.

Literaturhinweise

Carl Amery, An den Feuern der Leyermark, München, 1979

Petra Breitkreuz, Friedrich Stoltze -Dichter – Denker – Demokrat, Frankfurt, 2016

Peter Burg, Die deutsche Trias in Idee und Wirklichkeit – Vom alten Reich zum detuschen Zollverein, Stuttgart, 1989

Klaus Dietrich Hoffmann, Die Geschichte der Provinz und des Regierungsbezirks Rheinhessen, Alzey, 1985

Christian Jansen, Gründerzeit und Nationsbildung 1849 – 1871, Paderborn, 2011

Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters, Berlin, 1978

Friedrich Stoltze, Werke in Frankfurter Mundart, Frankfurt, 1961

Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

;

Older Posts »

Powered by WordPress