Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

2.10.2017

Karl Marx hat Charles Darwin nie getroffen

Filed under: Büchner,Geschichte,Ludwig Büchner,Rezension,Zeitgenossen — Schlagwörter: — peter brunner @ 12:50

In der zweiten Auflage von Ludwig Büchners „Fremdes und Eigenes aus dem geistigen Leben der Gegenwart” (übrigens ein Titel, der Ludwig Büchners Leben und Arbeit prägnant auf den Punkt bringt…), findet sich als Anhang ein Text von knapp zwanzig Seiten unter der Überschrift „Ein Besuch bei Darwin”.

 

Ich stelle ihn hier als pdf zur Verfügung. 

Charles Darwin war für Ludwig Büchner „der Wiederbeleber der Entwicklungstheorie”. Mit einigem Selbstbewusstsein, an dem es ihm überhaupt nicht mangelte, stellt er auch sich selbst in die Reihe derjenigen, welche „die Ursachen der Umwandlung und Verwandlung der Lebewelt” erforscht und beschrieben haben.

1881 nutzte Büchner seine Teilnahme am Freidenkerkongreß in London dazu, dem großen Denker seine Aufwartung zu machen. Er bediente sich dazu einer Person als Vermittler und Übersetzer, die mit „umstritten” noch sehr freundlich beschrieben wird – Edward Aveling, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der dessen Tochter Eleanor in Verzweiflung und Selbstmord trieb.

In der wunderbar erschlossenen Korrespondenz Charles Darwins findet sich ein Briefwechsel Büchners von 1862, in dem Darwin für die Zusendung seines Buches „Aus Natur und Wissenschaft“ dankt.

1864 veröffentlichte Büchner seine Übersetzung des bahnbrechenden Werks „Das Alter des Menschengeschlechts auf der Erde und der Ursprung der Arten durch Abänderung, nebst einer Beschreibung der Eis-Zeit in Europa und Amerika” von Charles Lyell. Das Buch des engen Freundes von Charles Darwin hatte in England schon beim Erscheinen Furore gemacht.

In zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen hat Ludwig Büchner immer wieder auf die weltbewegenden Erkenntnisse Darwins hingewiesen; heute wird ihm gerne vorgeworfen, er habe dabei zu Unrecht Darwins Theorien auch auf die Entwicklung der Menschheit bezogen und so einem unwissenschaftlichen „Sozialdarwinismus” Vorschub geleistet.

Die deutsche Autorin Ilona Jerger schrieb mir, dass sie Büchners Aufsatz nicht kannte, als sie ihren Roman über ein fiktives Treffen Darwins mit Karl Marx geschrieben hat, und Büchner, dessentwegen ich das Buch gelesen habe, kommt auch tatsächlich nur auf wenigen Seiten und eher blass in der Geschichte vor.

Wer aber auf eine angemessene Würdigung des Darmstädter Professors verzichten kann, kann „Und Marx stand still in Darwins Garten” als schönes Beispiel „kontrafaktischer Geschichtsschreibung” lesen. Davon hatten wir es hier ja schon einmal am Beispiel der politischen Optionen für ein Deutschland zwischen Preussen und Österreich. Es ist wirklich spannend, sich vorzustellen, was sich die beiden großen Denker zu sagen gehabt hätten, und dass sie eine ganze Weile räumlich nahe beieinander lebten, macht das Spiel noch realistischer.

Das Speisezimmer in Down House – eingedeckt mit Wedgewood, of course

Ilona Jerger gelingt es gut, die Atmosphäre in Down House lebendig werden zu lassen, sicher hat sie bei Ihren Vorarbeiten das schöne Museum in Darwins Haus besucht. (Über meinen Besuch dort habe ich hier 2009 berichtet.) Es schadet auch nicht, dass sie selbst deutlich Partei bezieht – der nachdenkliche und zögernde Darwin ist ihr als Person und mit seinem Forschungsgegenstand deutlich näher als der polternde Marx, und dass Darwin Marx‘ Kapital auf deutsch nur auf den ersten Seiten aufgeschnitten, also fast ungelesen, hinterlassen hat, kann sie offenbar gut verstehen. Tatsächlich fiel es Darwin schwer, deutsche Texte zu lesen, er erwähnt das ja auch in der oben zitierten Antwort an Ludwig Büchner. *1  Mit Vergnügen hat sie dagegen offenbar Darwins Texte gelesen, und ganz zu Recht beschreibt sie geradezu liebevoll seinen berühmten Beitrag über Regenwürmer (hier digitalisiert auf deutsch).

 

288 Seiten ISBN-13 9783550081897 Ullstein 2017. 20 €

Wer also Lust hat, ein gut geschriebenes Buch mit einer gut erfundenen Story aus dem England des 19. Jahrhunderts zu lesen, wird mit „Und Marx stand still in Darwins Garten” bestens bedient. Für mich sind zahlreiche biografische und „pseudobiografische” Romane der Anlass gewesen, mehr über Leben und Werk der handelnden Personen erfahren zu wollen, und das kann ja neben reinem Lesevergnügen auch nicht schaden.

 

 

*1  Offensichtlich kam niemand auf die Idee, Charles Darwin (und wohl auch der Autorin nicht …) vorzuschlagen, als Einstieg in Marx‘ Denken und Schreiben das Kapital – in seinem Fall auf englisch – mittendrin aufzuschlagen und mit dem lesenswerten 24. Kapitel über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation”  (für die geneigten Leser*innen hier auf deutsch …) zu beginnen. Wie Marx dort den „historischen Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel”  als „die Vorgeschichte des Kapitals” schildert, ist jedenfalls die vielleicht beste Einführung in sein Denken und eine ausgezeichnete Heranführung an seine Art des Argumentierens.

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

14.9.2017

ist friede in den hütten ist friede in den palästen amen

1982 hat das Franz Hodjak als „Variation auf ein Thema von Büchner” gedichtet, und dieser vielleicht knappstmögliche Kommentar zu Büchners Landbote, den ich zu Beginn des Gesprächs mit den Nachfahren der Landboten-Protagonisten zitierte, war, scheint mir, in der munteren und aufschlussreichen Runde konsensfähig.

 

Das „Panel” – vlnr: Ludwig Steinmetz, Manfred Büchner, Thomas Will, Magda Pillawa, Peter Brunner, Brita Flinner, Rainer von Hessen, Peter Soeder

 

Alle hatten nachgedacht und vorbereitet, ob und wie sie biographisch, politisch, gesellschaftlich auf besondere Weise mit den frühen hessischen Republikanern und/oder ihren Widersachern verbunden sind. Sei es, das Magda Pillawa kein Spur des Jähzorns bei sich findet, für den Ludwig Büchner bekannt war (es gibt da eine Geschichte von einem voller Wut aus dem Fenster geworfenen Schweinebraten …), sei es, dass Manfred Büchner über Wilhelm Büchners Neugier auf die Naturwissenschaften reflektierte. Beeindruckend, wie Rainer von Hessen schilderte, dass für ihn in der Auseinandersetzung mit den unsäglichen Verstrickungen seiner Vorfahren in die Verbrechen des Nationalsozialismus klar wurde, dass Herkunft und Geburt kein Privileg verschaffen darf und schon gar keine Garantie für überlegenes Verhalten verschaffen kann. Und berührend, wie Peter Soeder, Oberkirchenrat a.D.,  auf die Frage, wie er es mit der Religionskritik seines Urgroßvater Ludwig Büchner halte, diesen ganz direkt ansprach: „Hallo Urgroßvater …“.  Ganz zu Recht habe er sich von der Amtskirche und ihren Verstrickungen mit der Macht, den Palästen, abgewandt. Und sein Engagement für gerechtere Erbschaftsbesteuerung, Reform der Grundbesitzverhältnisse und Versicherungsschutz sei bis heute gerade für Christen vorbildlich.  Landrat Will, der als Repräsentant der  aktuellen Macht eingeladen war, fand deutliche Worte zur Ungleichheit. Es dürfe nicht sein, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufspreize. Glücklicherweise seien die Verhältnisse, gegen die sich die Landboten-Verschwörer empörten, überwunden, aber es bedürfe aktiven politischen Einflusses für Chancengleichheit, insbesondere in Bildungsfragen. Auch zur Meinungsfreiheit gab er ein klares Bekenntnis ab: nicht ihre Einschränkung, sondern ihr Schutz sei  gegen „Fake-News“ und Desinformation erforderlich, und auch hier spiele Bildung die zentrale Rolle. Brita Flinner hat mit ihren Erfahrungen aus Namibia, wo sie einen Teil ihres Lebens verbrachte, den wichtigen Hinweis darauf gemacht, dass die Hütten des 21. Jahrhunderts für uns im Ausland stehen und wie eng das Leben in unseren „Palästen” mit ihnen verbunden ist.

Schön, dass ich zum Schluss in das Exemplar von Edschmids Büchner-Roman „Wenn es Rosen sind … ” für Rainer von Hessen aufrichtig schreiben konnte: „Von Citoyen zu Citoyen“.

Und gut, dass sich das Büchnerhaus mit diesem „Familientreffen” wieder als „Ort der Freiheit” positionieren konnte.

Der Hessische Rundfunk hat das Gespräch aufgezeichnet
und wird es in  „Kulturszene Hessen”
am Samstag, dem 25. November, von 18:04 bis 19 Uhr auf HR 2 senden.

 

Mehr Fotos von der Veranstaltung hat Werner Höfler vom Vorstand des Vereins Büchnerhaus hier eingestellt. 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

 

Peter Brunner

Peter Brunner

31.8.2017

Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich „Hoppla!”

Die Schaubühne Lindenfels hatte zur Wiederkehr des Hinrichtungsdatums von Johann Woyzeck zu einer Installation auf den Originalschauplatz, den Leipziger Marktplatz, eingeladen.

Am Sonntag, dem 27. August, waren es sicher über 2.000 Menschen, die das Spektakel erleben wollten. Vorbild waren Berichte und Abbildungen vom Hergang des Ereignisses, unter anderem die bekannte Lithografie von C.G.H Geißler:

Von Christian Gottfried Heinrich Geißler (1770–1844) – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Gei I/18bOriginally uploaded to German Wikipedia by de:User:Leonce49, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5078558

Am authentischen Platz stand das Holzgerüst, das das Schafott bedrohlich glaubwürdig zitierte, vom Rathaus zu den Leitern hin war ein Weg mit Stricken abgesperrt, auf dem Scharfrichter und Delinquent hätten schreiten können.

Hätten, denn der künstlerische Leiter, René Reinhardt, verzichtete auf jede weitere Präsenz. Allein die Toninstallation machte die Ereignisse erfahrbar – gegengeschnitten hörte das bemerkenswert aufmerksame Publikum einen als Reportage gesprochenen Bericht von den letzten Handlungen vor Gericht mit Szenen aus Büchners Woyzeck. Reinhardt war entschlossen, die Gier nach dem Skandal zu enttäuschen, und das gelang auf wirklich großartige Art und Weise.

 

Die Installation auf dem Marktplatz nach der Aufführung

Gespanntes Publikum

Kein Schauspiel war nötig, um das schreckliche Geschehen zu illustrieren – als der Ton das scharfe Zischen des Schwertes einspielte, fiel der Stuhl des Delinquenten, auf den alle gebannt schauten, wie von Geisterhand.

„Hoppla”, hätte Brecht gesagt. 

 

 

 

 

Um zu zeigen, wie nah uns das Ereignis eigentlich ist und dass es sich bei der letzen öffentlichen Hinrichtung in Leipzig zwar um ein mittelalterliches Ritual, aber um ein neuzeitliches Ereignis handelt, trat dann im Biedermeierkostüm ein Mädchen als Clara Schumann auf, die tatsächlich wenige Tage nach der Hinrichtung am gleichen Ort zu Konzerten in Leipzig eintraf.

 

Die Installation wird jetzt bis zum  10. Oktober als kleines Museum zu den Ereignissen und – in Kooperation mit Amnesty International – gegen die Todesstrafe auf dem Marktplatz stehen bleiben. Später soll sie nach Straßburg und Zürich reisen, ein Abstecher nach Waldersbach, dem Ort des unglücklichen Lenz, ist geplant.

Und wir machen uns Gedanken, ob und wie ein Auftritt beim Büchnerhaus in Goddelau zu machen ist, und ob und was Büchnerhaus und  Büchnerbühne zu den geplanten weiteren Aktivitäten beitragen können.

 

René Reinhardt mit zufriedenen Akteur*innen

 

 

von Peter Brunner

 

 

 

Peter Brunner

Peter Brunner

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18.8.2017

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“*

 

Fast 200 Jahre nach dem Erscheinen des Hessischen Landboten 1834 unter seiner berühmten Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bietet das Motto des Denkmalstages 2017 Gelegenheit, über Macht und Pracht, also über Herrschaft und ihre Repräsentation, nachzudenken.

Ist es wirklich so einfach, dass die Paläste für Unterdrückung und Beharrung und die Mietwohnungen im Hinterhof für Freiheit und Aufbruch stehen?

Wolfgang Koeppen hat schon 1962 zu bedenken gegeben, dass es eine gefährliche Vereinfachung ist, Freiheit und Recht stets auf der Seite der Armen, Ausbeutung und Terror stets auf der der „Vornehmen“ zu verorten.

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast,
und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“
(W. Koeppen in seiner Büchnerpreisrede 1962)

 

Das Büchnerhaus hat persönliche und politische Nachfahren der Protagonisten von 1834 eingeladen.

Britta Flinner, Magda Pillawa, Peter Soeder und Ludwig Steinmetz sind Ur- bzw. Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners, Friedgard Wyporek und Manfred Büchner Ur-Ur-Enkel Wilhelm Büchners, alle sind Großnichten und -neffen Georg Büchners. Diese Verwandtschaft hat sie alle begleitet und geprägt.

Rainer Christoph Friedrich von Hessen ist ein Cousin des 2013 verstorbenen Moritz Landgraf von Hessen aus dem Hause Hessen-Kassel, der 1960 durch Adoption auch Erbe des Darmstädter Fürstenhauses wurde. Durch seine Mutter ist Rainer von Hessen zudem ein Nachkomme Großherzog Ludwigs II., unter dessen Regentschaft Georg Büchner seine revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ verfasste und verbreiten ließ.

Rainer von Hessen beim Besuch im Büchnerhaus mit einem Faksimile des Hessischen Landboten

Thomas Will, Landrat des Landkreises Groß-Gerau und Aufsichtsratsvorsitzender der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ vertritt die die politische Verantwortung, die „Macht“ von heute.

Wir wollen mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen:

–          Steckt in ihnen noch der alte Widerspruch zwischen Palast und Hütte?

–          Spielt in ihrem Leben die Herkunft eine Rolle – und war das Fluch oder Segen?

–          Auf welcher Seite hätten sie 1834 gestanden?

–          Ist der Kampf um die Meinungsfreiheit gewonnen?Braucht sie heute Verteidigung oder Beschränkung?

Tatsächlich waren schon die Aktivisten des Hessischen Landboten um Friedrich Weidig keine „arme Leut“. Die Gegnerschaft zu den „Reichen“ strichen sie Georg Büchner aus dem Manuskript und ersetzten das Wort durch „die Vornehmen“. Über die Gegnerschaft zur herrschenden Aristokratie bestand Einigkeit, nicht aber über Georg Büchners Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Hessische Landbote gehört in das Programm der Kämpfe für Presse- und Meinungsfreiheit: das Treffen auf der Badenburg, wo der Druck beschlossen wurde, diente der Koordination des „Oberhessischen Pressvereins“.

Das Museum ist am Tag des offenen Denkmals 2017, Sonntag, dem 10. September 2017, ab 11 Uhr vormittags bei freiem Eintritt geöffnet.

Das Gespräch findet nach Schließung des Museums um 18 Uhr in der Galerie am Büchnerhaus statt.

Falls Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte
per E-Mail (buechnerhaus@riedstadt.de) oder telefonisch (06158/4621) an!

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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21.6.2017

Die Gouda-Exkursion der Luise Büchner-Gesellschaft

Im Frühjahr war unter Anderem hier zur Sommerexkursion 2017 eingeladen worden, und am 14. 6. starteten 21 Teilnehmerinnen im komfortablen Bus, der planmäßig gegen 21 Uhr in Gouda eintraf.

Gouda erwies sich als ausnehmend hübsches, fast pittoreskes Städtchen, und die Lage des Hotels am Rand der Altstadt machte den Weg entlang von Grachten zum quirligen Marktplatz mit seinen Kneipen und Restaurants komfortabel kurz.

Gouda

Am nächsten Morgen trafen wir Paul Abels und besichtigten unter seiner fachkundigen Führung die Goudaer Hauptkirche Sint Jan, die im Wettbewerb der niederländischen Städte wegen des feuchten Baugrundes nicht die höchste des Landes werden konnte, dafür wurde sie aber die längste …

Bedeutend ist sie besonders wegen ihres wunderbaren, vollständig erhaltenen Fensterzyklus.

Sint Jan, Gouda. Jonas im Wal

Gouda, Sint Jan. Eingang zur ehemaligen Bibliothek

Nachmittags trafen wir Jan Gielkens, dessen kompetente und liebenswürdige Unterstützung bereits im Vorfeld ein Großteil des Programms angeregt und möglich gemacht hat. Gielkens ist Autor, Publizist, Übersetzer und Verleger, nebenbei betreibt er auch einen Buchversand. Auch den Kontakt zum Erasmus-Kenner Hans Trapman hat er hergestellt, der im Goudaer Museum eine großartige Einführung im Leben und Werk von Erasmus von Rotterdam gab. Beeindruckend schon deshalb, weil sein Vortrag vor der Bücherwand seiner eigenen „Handbibliothek“ mit hunderten von Titeln von und über Erasmus stattfand. Anhand der Einteilung der großen Werkausgabe erläuterte er Erasmus‘ universale Kenntnis und bedeutende Korrespondenz. (Zufällig fand ich gerade einen spannenden Beitrag zu Erasmus, der zwar mit unserer Reise nichts zu tun hat, aber sicher im Sinne von Hans Trapman auf den großen Humanisten – und sein Verhältnis zu Martin Luther – neugierig macht).

Hans Trapman, Jan Gielkens vor dem Erasmus-Portrait im Museum Gouda

Eigentlicher Anlass für Gouda als Reiseziel war ja Leben und Werk von Luise (und Georg) Büchners Verwandtschaft, besonders das dort sehr geschätzte Wirken von Wilhelm Büchner, dem Onkel der Geschwister Büchner (geb. in Reinheim 1780, gest. Gouda 1855).

Die Chirurgy Camer im Goudaer Museum

Büste für Wilhelm Büchner, „von seinen dankbaren Kindern und Freunden“

 

Unbek Künstler: Wilhelm Büchner. Museum Gouda

Büchner hat sich in Gouda mit Beiträgen zur Seuchenprävention und Stadthygiene bedeutende Verdienste erworben, wahrscheinlich ist es seiner Vorsorge zu verdanken, dass eine Cholera-Epidemie glimpflich verlief. Er hat tausende von Goudaer Kindern gegen die Pocken geimpft und das regelmäßige Spülen der Grachten veranlasst. Tatsächlich ist sein Andenken auch außerhalb des Museums präsent: unsere Stadtführerin, die erst beim Treffen von unseren besonderen Interessen erfuhr, beschrieb sich selbst als ehemalige Krankenschwester als glühende Verehrerin Wilhelm Büchners. Er hatte auch eine andere Büchnersche Eigenschaft, nämlich eine konsequente, gelegentlich starrsinnig wirkende Haltung in Fragen, die er für bedeutend hielt. So verließ er im Streit um seine Nachfolge den Goudaer Stadtrat.

Stadtführung in Gouda

Höhepunkt der Reise war der Besuch des Goudaer Büchnerhauses, tatsächlich an der Stelle des ehemaligen Wohnhauses von Wilhelm Büchner. Meine erfolgreiche Suche nach dem Haus habe ich hier im Blog ja ausführlich beschrieben. Durch die Vermittlung von Paul Abels wurden wir zu Vorträgen zur Familiengeschichte von ihm und Jan Gielkens sowie zur Enthüllung einer Erinnerungstafel eingeladen. Der großzügige, liebenswürdige und beeindruckend polyglotte Besitzer, Khalid Boutachekourt, hat uns mit überwältigender Gastfreundschaft als Freunde in seinem wunderschönen Haus begrüßt. Dies ist auch der Geburts- und Lebensort der beiden Pfungstädter Büchner-Frauen, Wilhelm Büchners Ehefrau Elisabeth Wilhelmine Friedrika Büchner (geb. in Gouda 1821, gest. in Pfungstadt 1908) und Mathilda Büchner (geb. 1852, allerdings in Amsterdam, gestorben ebenfalls 1908 in Darmstadt), verheiratet mit Wilhelms Sohn Ernst zwischen 1876 und 1884. Die Ehe wurde geschieden.

Alexander Büchner berichtet von den opulenten holländischen Frühstücken, die Elisabeth in Pfungstadt servierte, und auch wenn unser Hotelfrühstück eher mitteleuropäischer Standard war, zweifeln wir doch nicht daran, dass niederländische Gastfreundschaft überbordend sein kann.

Das Goudaer Büchnerhaus heute

Die neue Plakette am Büchnerhaus in Gouda. Foto von Paul Abels

Khalid Boutachekourt, der Eigentümer

Khalid Boutachekourt mit seiner Frau Linda Emmelkamp vor der neuen Plakette

Paul Abels, der in unmittelbarer Nähe des Büchnerhauses lebt, hatte die – offenbar sehr niederländische – Liebenswürdigkeit, uns in sein eigenes Wohnhaus einzuladen, wo wir vor Begeisterung für seine Bibliothek kaum wieder heraus zu bringen waren …

 

Gouda. Privatbibliothek von Paul Abels

Donnerstags besichtigten wir Rotterdam, die beeindruckend lebendige, dynamische Hafen- und Handelsstadt.

Markthalle Rotterdam

Niederländische Kolonialreminiszenz: ein paar Sambals in der Markthalle …

Erasmus von Rotterdam in Rotterdam

Rem Kohlhaas‘ Museum Rotterdam

Im Museum Boymans van Beuningen hatten wir eine sehr kompetente Führung zu den Hauptwerken dieses hervorragenden Kunstmuseums.

Jan van Eyck, Die drei Marien am Grab. Rotterdam, Museum Boymans van Beuningen

Zum Abend hatten wir auf Empfehlung von Jan Gielkens Britta Böhler eingeladen, die eigentlich ihr Buch über Thomas Manns Entscheidung vorstellen sollte, in dem es um die wenigen Tage geht, in denen Thomas Mann 1936 seinen berühmten Brief gegen den Nationalsozialismus schrieb. Widrige Umstände um den Versammlungsraum machten aber leider die nötige Intimität für eine Lesung unmöglich, und so bot sie souverän und als offensichtlich erfahrene Politikerin stattdessen eine höchst lebendige, anschauliche und illustrierende Einführung in Politik und Leben in den Niederlanden. Jan Gielkens moderierte und begleitete den Vortrag. Alle Beteiligten hoffen sehr, dass es gelingt, Britta Böhler jetzt auch zur Buchpräsentation nach Darmstadt und Jan Gielkens zu seinen Büchnerforschungen und Übersetzungen nach Goddelau einzuladen.

 

Britta Böhler

Samstags sahen wir mit Den Haag die dritte Variante einer niederländischen Stadt für uns, den Regierungssitz. Neben dem beschaulich-hübschen Gouda und dem brausend-schnellen Rotterdam hat mich Den Haag ein bisschen an Darmstadt erinnert, auch wenn es unvergleichlich mehr und besser erhaltene Bausubstanz gibt. Als Verwaltungszentrale hat es etwas von der Ruhe und Selbstsicherheit einer traditionsreichen Beamtenstadt.

Den Haag, Schloss

Und natürlich waren wir im Mauritshuis:

Mauritshuis, Den Haag: Vermeer mit Bewunderern

Für die Rückreise waren wir als Besuchergruppe in Haus Doorn, dem Exilort von Wilhelm II,  angemeldet, was die ausgewiesenen Republikanerinnen bereits im Vorfeld kritisch die Stirn runzeln ließ. Glücklicherweise war auch hier ein hochkompetenter Führer mit ausreichender Distanz zur Aristokratie eingesetzt, und wir waren uns einig darüber, dass die Niederlandes die Immobilie mit allem, was dazu gehörte, 1945 zu Recht als Reparation enteignet und in Staatsbesitz überführt haben. Allerdings darf die Überführung von 29 Waggons (!) mit „Privatbesitz“ des Ex-Kaisers unter der Ägide der Weimarer Republik durchaus kritisch gesehen werden.

Entgegen aller Überlegungen und „Theorien“ sogenannter „Reichsbürger“ ist der Kaiser übrigens nicht nur tot,

 

Doorn. Mausoleum Wilhelm II.

Haus Doorn. Sterbezimmer von Wilhelm II

er hat auch abgedankt

Abdankungsurkunde von Wilhelm II. Amerongen, 28.11.1918

 

Paul Abels hat in seinem Blog einen Bericht über unseren Besuch veröffentlicht, der findet sich hier.

Voraussichtlich wird die Luise Büchner-Gesellschaft auch 2018 eine Exkursion anbieten – Büchnerstätten gibt es noch zu Hauf, und wir waren gemeinsam bisher weder in Zürich noch in der Normandie …

 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

Peter Brunner

Peter Brunner

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