Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

1.4.2018

Ist Georg Büchner ein illegitimer Abkömmling des Hauses von Hessen?

Vor einigen Wochen erhielt ich ein Konvolut von Tagebüchern eines Büchner-Verwandten, das eine große Menge von Informationen über die Zeit zwischen 1808 und 1841 liefert.

Carl von Bechtold war der Großcousin von Caroline Büchner (geb. Reuß), Georg Büchners Mutter, aber annähernd gleich alt; beide sind 1791 geboren.

Die transkribierten Tagebücher Carl von Bechtolds

Als hessischer Soldat ist Bechtold zwischen 1808 und 1815 auf vielen europäischen Schlachtfeldern gewesen, seine Tagebücher, ediert von einer Nachfahrin, sind ein wahrer Schatz und bedürfen der sorgfältigen, kommentierten Edition.

Es finden sich dort auch zahlreiche private Notizen zur Familie, und dort erfahren wir staunend, dass es offenbar den Plan gab, ihn mit Caroline Reuß zu verheiraten. Bekanntlich saß die ja bei ihren Eltern in Hofheim, der Verwaltersfamilie des „Irrenhauses“, und hatte sicher keine große Auswahl an Bewerbern. Bechtold macht allerdings sehr deutlich, wie ungern er sich gefügt hätte, und als schließlich Ernst Büchner auf den Plan tritt, zeigt er sich hoch erfreut.

Eine Bemerkung macht allerdings stutzig: im Januar 1813 kehrt er mit Prinz Emil von Hessen aus dem Feldzug nach Moskau vorübergehend nach Darmstadt zurück (s. dazu Künzel, Geschichte von Hesssen …, Friedberg 1856, darin SS 313/14: v. Hanesse, Die Feldzüge des Prinzen Emil von Hessen). In diesen Tagen kommt es zu einem möglicherweise folgenreichen Treffen mit Caroline Reuß. Bechtold stellt dem Fürsten seine Verwandte vor, beide stehen „sprachlos und wie verzaubert“, und Bechtold zieht sich „dem unübersehbaren Bedürfnisse der beiden folgend“ diskret zurück (zit. nach den unveröffentlichen  „Journalen“, hier Bd. 2., Eintrag vom 12. Januar 1813).

Das Treffen scheint Folgen gehabt zu haben – die jung verheiratete Frau (im Oktober 1812 hatte sie Ernst Büchner geheiratet und Bechtold damit eine schwere Last von den Schultern genommen…) ist schwanger. Bechtold ergeht sich in kryptischen Andeutungen, und hier wird die Forschung ansetzen müssen: „Caroline ist schwanger – wie es heißt, nicht seit Oktober, sondern erst seit Januar“ (a.a.O., 7.Mai 1813) und später „Carolines Kind wird ja glücklicherweise ehelich geboren“ (a.a.O., 18. August 1813).

Sollte am Ende ausgerechnet der Schlächter von Södel, unter dessen Befehl die oberhessischen Bauern niedergemacht wurden, eine ganz andere Verbindung zu den Büchners haben als bisher bekannt? War es sogar sein Einfluss, mit dem er (zu dieser Zeit als Präsident der ersten Kammer des Landtags) 1834 die Verhaftung Georg Büchners in Gießen persönlich verhinderte und ihn im März 1835 nach Frankreich entkommen ließ? Gab es einen privaten Grund dafür, dass er bei seinem Aufenthalt in Straßburg 1835 auf die Auslieferung des Landboten-Revolutionärs verzichtete (Büchner hat das gefürchtet: er schreibt am 17.August: „Die Gegenwart des Prinzen Emil, der eben hier ist, könnte vielleicht nachtheilige Folgen für uns haben, im Fall er von dem Präfecten unsere Ausweisung begehrte; doch halten wir uns für zu unbedeutend, als daß seine Hoheit sich mit uns beschäftigen sollte.“ zitn n. Hauschild, Büchner, 1993, S. 480, auch hier) )?

In diesem Blog ist bisher die These von der Auffindung eines neuen Büchner-Bildes mit großer Distanz kommentiert worden; zahlreiche Indizien schienen dagegen zu sprechen. Nun allerdings findet sich eine verblüffende Übereinstimmung in eine Richtung, die bisher gänzlich unerforscht war – der junge Prinz Emil ist ein regelrechtes Spiegelbild des „Korsars“, und wenn er wirklich der leibliche Vater wäre, müsste auch das neu aufgetauchte Bild neu bewertet werden.

 

Emil Prinz von Hessen und bei Rhein (1790–1856)

 

(angebliches) Jugendbild Georg Büchners

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als vor einigen Jahren in Zürich die Linde über Büchners Grab fiel und die Anlage neu gestaltet wurde, hat Reinhold Pabst angeregt, das Grab zu öffnen und die sterblichen Überreste zu analysieren – das wurde unisono abgelehnt, der Züricher Magistrat hat die Totenruhe für vorrangig vor der Forschung erklärt. Mit den neuen Erkenntnissen mag es auch einen neuen Vorstoß geben – und wenn sich der fünffache Großneffe Emils, Rainer von Hessen, bereit erklärt, könnte eine DNA-Analyse Klarheit verschaffen, ob in Zukunft von den „Geschwistern Büchner” nur noch in Anführungszeichen gesprochen werden kann.

Auch die oft beschriebene kühle Distanz von Ernst Büchner zu seinem Erstgeborenen, die am Beispiel seines Briefes an Georg am 18. Dezember 1836 oft beschrieben wird, erhält eine neue Dimension: wusste er, wer der Vater des Züricher Dozenten war? Dort schreibt er ihm: „…sollst du auch so gleich wieder den gütigen und besorgten Vater um das Glück seiner Kinder in mir erkennen.“ – meint er: auch wenn ich es nicht bin?

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

25.2.2018

„Jetzt hab’ ich’s. Wir feiern die Hochzeit in effigie.”*

Es ist längst bewiesen und steht außer jeder Frage: die Namensgleichheit von Mary Shelleys Menschenschöpfer mit der Burg über der Bergstraße ist zufällig und ohne jede Bedeutung. Die Frage danach allerdings, was aus der Anhäufung von Zellen menschliches Leben macht, wie sich das organisch Entstandene vom künstlich Geschaffenen unterscheidet und welche Grenzen technischer und ethischer Natur auf dem Weg zur künstlichen Zeugung zu überwinden sind, ist auch im Schatten von Burg Frankenstein immer wieder bedacht worden.

Fritz Buechner: Der Frankenstein. Aquarell. Ca. 1925.
(Fritz Büchner war ein Großneffe Georg Büchners, Enkel seines Bruders Wilhelm)

Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven richten Büchnerhaus und Luise-Büchner-Gesellschaft in den nächsten Wochen den Blick daher nicht auf den Berg, sondern auf Frankenstein, den modernen Prometheus:

Im Büchnerhaus spricht Professor Dr. Rudolf Drux am 1. März unter dem Titel

„Im Labor des Lebens oder Frankenstein als der moderne Prometheus“

Georg Büchner hat das Thema des künstlichen Menschen in Leonce und Lena aufgegriffen; so weit, das schließlich Automaten sogar „in effigie“, stellvertretend, die Ehe schließen.

Die Gestalt des künstlichen Menschen ist längst aus den Phantasien schreibender und bildender Künstler herausgetreten. Shelleys Frankenstein und Goethes Homunculus entstehen im Labor, aber das heute Machbare übertrifft ihre wildesten Phantasien.

Nicht in der Werkstatt des Künstlers oder in den Werkshallen der Industriebetriebe ist Prometheus anzutreffen, sondern er dürfte heute wohl am ehesten in den Labors der Biotechnologen und Reproduktionsmediziner zu finden sein. Dort werden spezifische menschliche Fähigkeiten technisch nachgebildet und menschliches Leben manipuliert. Diese Entwicklung haben Mary Shelley im Frankenstein (1818) und übrigens auch Goethe in der Homunculus-Szene aus Faust II (1832) literarisch vorweggenommen.

 

Professor Drux war von 1992 bis 1996 Professor für Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der TH Darmstadt, heute ist er C4-Professor für deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln. Das Mitglied der Georg-Büchner-Gesellschaft forscht zu Deutscher Dichtung von der Frühen Neuzeit bis zum Vormärz, Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Motiv- und Stoffgeschichte, historischer Metaphorik (bes. literatur- und technikgeschichtliche Interferenzen), Gattungspoetik (Kasualpoesie, Satire, Nachtstücke, experimentelle Lyrik) und Intermedialität (Wechselbeziehungen zwischen Literatur, Musik und Film).

 

 

Der Benefizvortrag zugunsten des Fördervereins Büchnerhaus findet am

Donnerstag. 1. März um 19 Uhr in Riedstadt-Goddelau, Weidstraße 9 statt. Eintritt 7 €

Seit dem 10. Dezember fährt die Buslinie 40 als „Büchnerlinie“; sie verbindet komfortabel den Hauptbahnhof Darmstadt mit dem Büchnerhaus (Station Goddelau-Rathaus). Hier der link zum aktuellen Fahrplan.

 

 

Am Donnerstag, dem 24. Mai, widmet sich die Luise-Büchner-Preisträgerin Barbara Sichtermann der Biografie der Autorin des „Frankenstein“:

Mary Shelley – Leben und Leidenschaften der Schöpferin des Frankenstein

 

 

Barbara Sichtermann, Autorin zahlreicher Bücher über Frauen, erzählt in ihrer Romanbiografie die spannende Geschichte einer inspirierenden, emanzipierten und starken Frau, die für die Liebe große Risiken eingeht und selbstbewusst ihren Traum vom Schreiben verfolgt.

 

 

 

 

Darmstadt, 24.5., 19 Uhr,  Literaturhaus, Kasinostraße 3
Eintritt: 6 Euro, für Mitglieder der Luise-Büchner-Gesellschaft frei.

 

 

* Büchner, Leonce und Lena, III,3

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

26.1.2018

„ …ich mit dir über dein ferneres Gedeihen der Zukunft beruhigt entgegen sehen darf”*

Für die Kreisvolkshochschule Gross-Gerau biete ich in den nächsten Monaten, beginnend am 5. Februar,  eine Reihe von Abendveranstatungen an, bei denen sich Interessierte in kommunikativer Runde mit Leben und Werk von Georg Büchner und seinen Geschwistern – der „fabelhaften Büchnerbande” … – vertraut machen können.

 

Im Büchnerhaus

„Gemeinsam an einem Tisch” heißt die Installation im ersten Raum des Goddelauer Büchnerhauses, wo sinnbildlich auf den ungewöhnlich engen Zusammenhalt der Büchner-Geschwister hingewiesen wird. Der oft als streng beschriebene Vater Ernst Büchner war in Wahrheit ein ungewöhnlich interessierter und seinen Kindern zugewandter Vater, von dem überliefert ist, dass er den täglichen Austausch mit ihnen suchte und forderte.

Mit jedem einzelen der Kinder hatte er Sorgen und Mühen, die andere schon bei einem Kind weit überfordert hätten: nach Georgs dramatischer Verwicklung in die Landbotenverschwörung, Flucht, Exil und frühem Tod scheiterte der nächste Sohn, Wilhelm, am Gymnasium und wurde später auch noch der Gießener Universität verwiesen. Die beiden Töchter Mathilde und Luise blieben, eine Katastrophe für einen bürgerlichen Vater des 19. Jahrhunderts, unverheiratet. Ob Luises Einsatz für Frauenrechte und Mädchenbildung, ihre Pubikationen und Vorträge ihn später dafür entschädigt haben, wissen wir nicht. Die jüngeren Söhne trieben 1848 Revolution in Gießen (der Vater erklärt öffentlich, entsprechende Gerüchte seien falsch und er werde Verleumder zum Duell fordern!), in die Auseinandersetzungen um das Ende der Paulskirchendemokratie an der Bergstraße machte Alexander 1849 mit der Schwester Mathilde einen „Pfingstausflug”, bei dem er verhaftet wird, Ludwig wurde für sein erstes Buch in Tübingen die Lehrerlaubnis entzogen, Alexander verlor als Verschwörer den „Access” als Jurist, er erhielt Berufsverbot. Ob und wie der Vater die spätere Prominenz seiner anstrengenden Kinder geschätzt hat, ob er stolz auf sie war – wir wissen es nicht. Häufig gedeutet und meist als Zeichen von kühler Distanz (miß)verstanden ist der einzige * Brief an eines seiner Kinder, den wir kennen: der vom 18.12.1836 an Georg in Zürich. 

Ein neues Licht auf Leben und Persönlichkeit der Mutter Caroline (geb. Reuss) wirft ein Fund, über den hier bei Gelegenheit (und natürlich bei den angekündigten Treffen) ausführlicher zu berichten sein wird: der Sohn ihres Cousins Johann Bechtold, Carl, hat ein bisher völlig unbekanntes, ausführliches Tagebuch hinterlassen, das eine Nachfahrin sorgfältig transkribiert und ediert hat. Carl war offenbar heilfroh, dass er, was wohl überlegt worden war, die von ihm als hypochondrisch beschriebene Verwandte an Ernst Büchner los wurde …

 

Die Galerie am Büchnerhaus, der frühere Kuhstall des Anwesens. Heute Veranstaltungsraum. Im ersten Stock Museums- und städtisches Kulturbüro.

 

Ohne Frage sind die Büchners im 19. Jahrhundert ebenso außergewöhnlich wie exemplarisch gewesen: außergewöhnlich als berühmte Geschwister, exemplarisch für die Themen, mit denen sie sich beschäftigten. Kommunismus, Sozialismus und Materialismus, Frauenrechte und Industrie, soziales Engagement und liberale Politik, Literatur und Geschichte, Kommunal-, Landes- und Staatspolitik haben sie betrieben und beeinflusst. Karl Gutzkow nennt sie „ … von demselben göttlichen Feuer ergriffen”. Bei den Treffen bietet sich daher neben der Bekanntschaft mit außergewöhnlichen Hessen und ihrer persönlichen Geschichte auch ein besonderer Blick auf die Geschichte von Land und Leuten im 19. Jahrhundert.

Die Treffen finden in der Galerie am Büchnerhaus statt und bieten neben Information und Austausch auf Wunsch stets auch den Besuch des Museums als Ergänzung. Die Volkshochschule bittet um Anmeldung, am einfachsten hier via Internet.

Im „Flyer” finden sich alle erforderlichen Informationen:

 

 

 

 

 

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

6.12.2017

„Ich saß auch im Gefängnis …“*

Kürzlich habe ich hier  über den Büchner-Zyklus der Schaubühne Lichtenfels berichtet.

Zusammen mit Christian Suhr von der BüchnerBühne habe ich für ein event in der ehemaligen Hinrichtungsstätte der DDR ein Video aufgenommen,  das sich mit Verfolgung, Flucht, Gefängnis und Exil beschäftigt.

Nachdem das dort „wunderbar in den Abend passte” steht es jetzt auch hier – wie immer mit der ausdrücklichen Aufforderung zu kritischer Rezeption – zur Verfügung:

 

*Georg Büchner an Gutzkow. Ca. 1.6.1836 

 

 

von Peter Brunner

 

Peter Brunner

Peter Brunner

1.12.2017

Was Du in bits und bytes besitzt, kannst Du getrost auch morgen hören

Freundlicherweise hat der Hessische Rundfunk die Veranstaltung mit „Erben der Geschichte” (eine beeindruckte Besucherin), die ich für das Museum Büchnerhaus organisieren und moderieren durfte, aufgezeichnet, von meinen Hustern und Sprechfehlern weitestgehend befreit und letzte Woche ausgestrahlt.

Darüber hinaus steht die Sendung „Das aktuelle Kulturgespräch” der „Kulturszene Hessen” online zum Anhören bereit. Und wer das lieber auf dem eigenen Rechner speichern und jederzeit wieder hören möchte, kann die Datei dort (über den kleinen Abwärtspfeil rechts unter dem Bild) auch downloaden.

Wer also nachhören möchte, ob sich Rebellion oder absoluter Herrschaftsanspruch vererbt, ob Familienbande stärken oder belasten und ob hinter „Krieg den Pallästen” ein Ausrufe- oder doch eher ein Fragezeichen gehört, findet dort Anregungen zum Vertiefen gewonnener Erkenntnis.

 

Rainer von Hessen (links), Nachfahre von Ludwig II. von Hessen, der die Landboten-Verschwörer verfolgen ließ, mit Peter Soeder, Nachfahre von Georg Büchners Bruder Ludwig, der 1848 in Gießen „Revolution machte” und bis zu seinem Tod 1899 republikanisch dachte und schrieb.

 

 

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