Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

8.11.2016

„Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat”

Filed under: Darmstadt,Georg Büchner — Schlagwörter: — peter brunner @ 18:23

Die Dankrede Marcel Beyers zum Büchnerpreis von 2016 steht auf der website der Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung.

Zum Einstieg nutzt Beyer, der Büchner und sein Umfeld offenbar gründlich studiert hat, den Bericht von Ernst Büchner über einen Fall von Tollwut, der ihm 1808 in Holland begegnet war und über den er 1826 berichtete: „Ein decidirter Fall von Wasserscheu als Folge des Bisses eines tollen Hundes, nebst beigefügtem Fall einer zweifelhaft gebliebenen Rabies ohne darauffolgende Wasserscheu“* (. Dass bei Dr. Büchner dabei aus dem holländischen Örtchen Honselersdijk**  in Büchners Erinnerung Hondshollerdyk wird, hält Beyer nicht für Zufall:

Ein Arzt erinnert sich an einen Hundevorfall im holländischen Hondshollerdyk. Eine krude, alle Vorstellungskraft sprengende Mischbildung aus Hund und Holunder und ausgehöhltem Deich, nach der man auf der Landkarte vergeblich suchen würde. Tatsächlich existiert sie, ein Schreib-, ein Hör-, ein Erinnerungsfehler, allein in Büchners Bericht.

Für Beyer gibt es einen direkten Weg von den Erfahrungen des Vaters zum Schreiben des Sohnes: den vielleicht ersten literarisch zu nennende Versuch des jungen Georg Büchner, die Verhohnepiepelung von Schillers in hohem Ton gedichteten „Graf Eberhard der Greiner“ in Darmstädter Gassenton (den auf meine Anregung hin der Walter Renneisen einst in Pfungstadt „uraufführte“***), nennt er – Pathologie.

Die Rede lohnt das gründliche Lesen, auch die Büchnerforschung mit ihren Disputen ist Beyer präsent:

Noch in den achtziger Jahren streiten sich Büchnerforscher, aus der sexuellen Revolution gestählt hervorgegangen, was da genau passiert sein soll, wenn Woyzeck erzählt, er habe einem Hund auf einen Hut geholfen. Mit stoischem Ernst zieht man Auskünfte über die maximale Größe zeitgenössischer Zylinderhüte heran. Am Ende lautet der bündigste Vorschlag: Selbst wenn im Manuskript ohne jeden Zweifel das Wort »Hut« zu entziffern sei, habe der Autor ohne jeden Zweifel das Wort »Hund« hinschreiben wollen. Woyzeck könne nur einem sehr kleinen Hund auf einen sehr großen Hund geholfen haben. … Vielleicht wird sich eines Tages ein in Ferkeldeutsch beschlagener Philologe über die gestrichenen Woyzecksätze beugen und im Manuskript statt einem »Hundele« doch noch ein »Hunderl« entdecken – die im Rotwelschen geläufige, liebevolle Bezeichnung für das weibliche Geschlecht.” 

In Marcel Beyer hat nicht nur der Büchnerpreis einen würdigen Träger, sondern auch der Büchner-Diskurs einen klugen Beiträger gefunden.

* in: Jahrb. der teutsch. Medic. und Chir. oder Rheinisch. Jahrb., 1826

** der link führt zum niederländischen Eintrag in wikipedia, einen deutschen Eintrag dazu gibt es nicht. Den Hinweis darauf verdanke ich Jan Gielkens 

*** den einzigen verbliebenen Belag dafür fand ich bei Henry Poschmanns „Mitteilungen“ vom September 2005

von Peter Brunner

Peter Brunner

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16.10.2016

Eine Geburtstagstorte für Georg Büchner

Filed under: Büchner,Darmstadt,Essen und Trinken,Georg Büchner — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 15:20

Am Vorabend des 17. Oktober wird es im Büchnerschen Haushalt stets ein wenig turbulenter als ohnehin schon zugegangen sein: der Geburtstag des Ältesten stand bevor. Leider wissen wir weder von Geschenk- noch von anderen Sitten der Familie zu Geburtstagsfesten; Luise und Alexander Büchner lassen allerdings in ihren Erinnerungen die Vermutung zu, dass gerne und fröhlich gefeiert wurde.

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Die Büchner-Zeichnung Alexis Muston’s . Heute im Freien Deutschen Hochstift, Frankfurt a.M.

Zu Georg Büchners 203. Geburtstag hier also ein Tortenrezept aus dem Darmstädter Kochbuch „Supp, Gemüs und Fleisch“, das mit seinen zahlreichen Ausgaben seit 1854 (hier zitiert aus der 18. unveränderten Ausgabe von 1872; digitalisiert von der Sächsischen Landesbibliothek) über die Zeit ein guter Indikator für die hiesigen Ernährungsgewohnheiten der besseren Leute bietet:

titel_suppgemuesunfleisch_1872

Baumtorte

Man nimmt ein Pfund Butter, läßt sie schmelzen und kalt werden, reibt sie dann beständig nach einer Seite, bis sie wie Pomade geworden, rührt dann 16 Eigelb dazu und fährt mit dem Rühren wohl ¾ Stunden fort, weil diese Arbeit hauptsächlich zum Gelingen beiträgt. Nach dem Eigelb folgt 1 Pfund fein geriebener Zucker, dann die abgeriebene Schale von 1 Citrone, etwas Muskatblume oder Nuß. 8 Eiweiß werden zu recht steifem Schnee geschlagen, die andere Hälfte läßt man weg. Dann wird von einem Pfund Kraftmehl abwechselnd ein Löffel voll Mehl, ein Löffel voll Schnee eingerührt, bis alles wohl untereinander vermischt ist; man kann auch den Schnee zuletzt darunter rühren. Dann streicht man schnelle eine glatte runde Form mit Butter aus, schöpft mit einem Vorlagelöffel von der Masse 2 Messerrücken dick hinein, setzt die Form in eine zuvor geheizte Tortenpfanne, legt unten wenig, oben aber mehr Kohlen darauf und läßt es gelblich backen. Hieruaf nimmt man in Zucker eingemachte Kirschen, legt solche dünne ein, dann wieder soviel Teig, wie das erstemal, läßt ihn ebenso gelb werden. Legt dann eine andere Sorte Eingemachtes, als Himbeeren u.s.w. darauf und so abwechselnd mit dem Teige und dem Eingemachten fortgefahren, bis die Form ganz gefüllt ist. Oben darauf muß Teig sein. Man muß sich bemühen, die Schichten recht gleich zu liefern, damit nicht eine stärker als die andere ist. Zum Belegen kann man sich alles mit Zucker Eingemachten bedienen, saurer Eingemachtes passt nicht hierzu. Nach Belieben kann man nachher einen Guß darüber anfertigen, wenn sie etwas verkühlt ist. Auch muß bei dem Feuer eine gehörige Vorsicht angewendet werden.

Mit Backen halbwegs Vertrauten werden neben den Mengen (16 Eier ..) auch die Schwierigkeit der Zubereitung und die jahreszeitliche Einordnung auffallen: eine Torte mit Obst in Schichten im Kohleherd zuzubereiten, ohne dass die unteren Lagen verbrennen, hat eine höchst erfahrene Küchenkraft zur Voraussetzung; und wann wenn nicht im Oktober sollten verschiedene eingemachte Früchte verarbeitet werden – es musste ja Platz für das neu Eingemachte geschaffen werden.

Freuen wir uns also über immerhin den Fortschritt der Küchentechnologie und vergessen wir auch an Georg Büchners Geburtstag nicht die zahlreichen anderen Umstände, deren Fortschritt noch weniger erfreuliche Zustände erreicht hat.

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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10.7.2016

Schauspiel Frankfurt: Büchners Danton als unaufführbar aufgeführt

Ausverkauft sind die Karten für die heutige, letzte Vorstellung des „Danton” im Schauspiel Frankfurt – und ich bin sehr froh, dass ich am 9. 7.wenigstens in der vorletzten Vorstellung noch drin gewesen bin.
Es gab ein ganze Reihe hochkarätiger Besprechungen. u.a.:

Die Damen haben deutlich unterschiedliche Perspektiven – Judith von Sternburg erwähnt zum Beispiel die Musik von Ari Benjamin Meyers überhaupt nicht, die dagegen Christine Dössel (zu Recht) so charakterisiert: „Musikalisch angetrieben, suggestiv untermalt und gefühlsbombastisch verstärkt wird der theatrale Dauerlauf von zwei Cellisten links und zwei Gitarristen rechts am Rand. Dazu gibt es auf der hinteren Walze drei dunkel gewandete Sänger, die genauso vorwärts marschieren wie die Schauspieler, während sie in höchsten Tenortönen summen, singen oder Ha-Ha-Ha-Choräle anstimmen.Den Soundteppich hat der amerikanische Komponist Ari Benjamin Meyers gewoben, der in der Kunstszene gerade sehr gefragt ist, weil er mit Raum, Dauer, Wiederholungen experimentiert und Musik als performatives Medium begreift. Seine Dauermusikschleifen erinnern an die minimalistischen Kompositionen von Philip Glass und Michael Nyman. Sie wiegen einen in Trance, hypnotisieren, elektrisieren, und sie sind auch penetrant.”

 

Ich habe noch nie zuvor eine Inszenierung von Ulrich Rasche gesehen, der für chorische Aufführungen bekannt ist. Dem Danton hat er eine Form gegeben, die mich sehr an ein Gespräch mit dem Büchner-Biografen Jan-Christoph Hauschild erinnert hat. Hauschild nannte Büchners Dramen „eigentlich nicht aufführbar” und begründete das mit der geringen Erfahrung, die der jugendliche Dichter mit der Umsetzung von Geschriebenem auf die Bühne hatte.
Rasche hat das – ob aus diesen oder aus anderen Überlegungen heraus – großartig interpretiert. Die ganze Aufführung ist eine einzige Deklamation, und noch nie wurde mir so klar vor Augen geführt, wie der junge, verfolgte und verzweifelte Revolutionär Büchner im Darmstädter Elternhaus jeden seiner Sätze als Aufschrei formulierte. Ein großer Teil des Werkes ist ja Satz für Satz als Zitat zu verwenden; einerseits, weil Büchner selbst ständig zitiert, aber andererseits eben auch wegen der ungeheuer ausdrucksstarken Aussagen, die da jedes Wort mitbringt. Vergegenwärtigt man sich, dass Büchner ganz sicher eine Vielzahl von Stücken selbst gelesen, wohl auch mit verteilten Rollen gelesen, aber eben nicht auf der Bühne aufgeführt gesehen hat, so macht diese Aufführung einen Zugang zum Stück möglich, den eine szenische Inszenierung niemals bieten könnte.
Schon vor Jahren schrieb ich über Christian Wirmer ’s “Lenz”: „Da steht ein Mann und spricht, e r z ä h l t , und wir hören einen altbekannten Text plötzlich wie zum ersten Mal. …- Büchners Lenz ist wirklich zum Erzählen geschrieben (neben dem Landboten ist es ja auch sein einziger Prosatext), und das führt Christian Wirmer unpathetisch vor. Es gibt ja in der Büchner-Familie die belegte Tradition des Erzählens, Luise Büchner schildert das im Dichter, Georg spielt gerne mit erzählenden Figuren, Luise Büchner selbst hat ihre Märchen zuerst Ludwig Büchners Kindern vorgelesen. Vielleicht müssen wir uns ab jetzt den Lenz als eine (wörtlich) E r z ä h l u n g Georg Büchners denken, als einen Text, von einem Dramatiker als Sprechtext geschrieben. Der Verdienst, diesen wichtigen Gedanken angeregt zu haben, gehört Christian Wirmer.”
Peter Brunner

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von Peter Brunner

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7.7.2016

Wenn wem der Sinn nach Marburg steht

Filed under: Georg Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 09:56

Die Georg-Büchner-Gesellschaft e.V. ruft zum Einreichen von Beiträgen für die Jahrestagung im Oktober auf:

Sezierung_Barbe

Schnappschuss aus dem Video von der Sezierung einer Barbe bei der Darmstädter Büchner-Ausstellung 2014

cfp*: „Wenn einem die Natur kommt“ – Vorstellungen von menschlicher Natur in Büchners Werken

Bitte um Vortragsvorschläge für die Jahrestagung am 28. und 29.10.2016 in Marburg

 

„Seit Platos Phaidon, in weiten Teilen der christlichen Tradition und dann dezidiert seit Descartes‘ Meditationes besteht der Mensch aus einem materiellen, vergänglichen, unfreien Körper einerseits, einer immateriellen, unvergänglichen, freien Seele andererseits. Woyzeck nimmt den Körper im Harndrang als die ihn überwältigende Natur wahr; dem Doctor zufolge ist der Mensch Herr dieser Natur, denn „in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit“.Das Folgende sei verstanden als eine hiervon ausgehende, aber nach vielen Seiten hin offene Liste thematischer Anregungen.

1. Wie nehmen die Personen in Büchners Werk ihren Körper und dessen Funktionen wahr? Eine Liste solcher Wahrnehmungen dürfte außergewöhnlich umfangreich ausfallen. Wie verhalten sich die lustvollen Wahrnehmungen zu den schmerzhaften? Welche Schlüsse lassen sich daraus in Hinblick auf Büchners Menschenbild ziehen?

2. Welche Modelle des Körper-Geist-Verhältnisses lassen sich in den Texten nachweisen? Welches Schema bildet die Grundlage für die eben zitierte Rede des Doctors von der Verklärung „der Individualität zur Freiheit“? In welchen Denktraditionen bewegt sich der „Atheist“ Danton, wenn er an seiner Vernichtung zweifelnd sagt: „Der verfluchte Satz: etwas kann nicht zu nichts werden! und ich bin etwas“.

3. Wie äußert sich der angehende Philosophiedozent, der vergleichende Anatom und Oken-Schüler Büchner zu diesen Fragen?

4. Im körperlichen Schmerz des Hungers sieht Büchner die treibende Kraft der Revolution. Gibt es für Büchner noch weitere – materielle oder geistige – revolutionäre Antriebskräfte? Gibt August Becker Büchner korrekt wieder mit dem Satz, Metternich habe den revolutionären Geist der österreichischen Bauern im „Fett“, also in ausreichender Nahrung, „erstickt“?

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Auch Vorschläge, die mit diesem Themenkomplex nur lose in Verbindung stehen, sind willkommen (Hervorhebung von mir – pb).  Bitte schicken Sie uns baldmöglichst, spätestens jedoch bis zum 10. September eine Skizze von etwa einer Seite und einige bio-bibliographische Angaben zu Ihrer Person. Je Vortrag ist eine Redezeit von ca. 30 Minuten vorgesehen.”

Die zugehörige E-Mailadresse findet sich versteckt hier auf der Marburger Uni-Site (ganz unten)

*call for papers” – Aufruf zur Einreichung von Thesenpapieren

 

Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

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30.4.2016

… mit allen Sinnen erleben und erfahren

Klaus Heuer ist  wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Bibliothek, Literaturdokumentation und Archive des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Im Juni bietet er zum zweiten Mal eine Fahrradtour durch den südwest-hessischen Teil des Büchnerlandes an, zu der ich hier gerne einlade. Die Führung durch die Villa Büchner am 19.6. mache ich mit Vergnügen.

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Litera-Tour auf dem Fahrrad – Ein Wochenende auf den Spuren von Georg Büchner und seiner Familie zwischen Darmstadt und Kühkopf

Regionalgeschichte und Kulturgeographie sind der Rahmen, in dem die Biografie und das Werk von Georg Büchner (1813-1837) während der Fahrradtour mit allen Sinnen erlebt und “erfahren“ werden. So werden Spuren der Zeitumstände anhand von Auszügen aus dem „Hessischen Landboten“ (Flugschrift) und den Auseinandersetzungen um die Rheinbegradigung am Kühkopf freigelegt. Außerdem werden wichtige Voraussetzungen für Büchners Werk in der Familiengeschichte herausgestellt. Ausschnitte aus seinem Werk und deren musikalischer Bearbeitung werden über ein Hörbuch eingespielt.

Auf der zweitägigen rund 70 km langen Strecke gibt es guided tours in der Büchnerschen Villa in Pfungstadt, im Geburtshaus Georg Büchners in Goddelau und im Museum der Psychiatrie in Goddelau. Während der Tour gibt es auch immer wieder Gelegenheit für stärkende Imbisse und Gespräche in landschaftlich schöner Lage.

Infos:

  • Datum der Tour: Sa. 18.06.2016, 9 Uhr – So. 19.09.2016, 17 Uhr
  • Anmeldeschluss: 15.05.2016
  • Treffpunkt: Justus-Liebig-Haus am Ludwig-Metzger Platz, Darmstadt
  • Teilnahmegebühr: pro Person € 130,– Einzelzimmer; € 115,– Doppelzimmer
    incl.: Eintritte und Führungen, Karten, 1 Übernachtung mit Frühstück, 2 x Picknick
  • Bitte mitbringen: Fahrrad in technisch gutem Zustand
  • Bitte mitbringen: Mp3-Player oder Smartphone

Rückfragen und Anmeldung Klaus Heuer

Den Flyer zur Veranstaltung können Sie herunterladen
Oder sich anzeigen lassen

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von Peter Brunner

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