Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

18.8.2017

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“*

 

Fast 200 Jahre nach dem Erscheinen des Hessischen Landboten 1834 unter seiner berühmten Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ bietet das Motto des Denkmalstages 2017 Gelegenheit, über Macht und Pracht, also über Herrschaft und ihre Repräsentation, nachzudenken.

Ist es wirklich so einfach, dass die Paläste für Unterdrückung und Beharrung und die Mietwohnungen im Hinterhof für Freiheit und Aufbruch stehen?

Wolfgang Koeppen hat schon 1962 zu bedenken gegeben, dass es eine gefährliche Vereinfachung ist, Freiheit und Recht stets auf der Seite der Armen, Ausbeutung und Terror stets auf der der „Vornehmen“ zu verorten.

„Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast,
und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr“
(W. Koeppen in seiner Büchnerpreisrede 1962)

 

Das Büchnerhaus hat persönliche und politische Nachfahren der Protagonisten von 1834 eingeladen.

Britta Flinner, Magda Pillawa, Peter Soeder und Ludwig Steinmetz sind Ur- bzw. Ur-Ur-Enkel Ludwig Büchners, Friedgard Wyporek und Manfred Büchner Ur-Ur-Enkel Wilhelm Büchners, alle sind Großnichten und -neffen Georg Büchners. Diese Verwandtschaft hat sie alle begleitet und geprägt.

Reiner Christoph Friedrich von Hessen ist ein Cousin des 2013 verstorbenen Moritz Landgraf von Hessen aus dem Hause Hessen-Kassel, der 1960 durch Adoption auch Erbe des Darmstädter Fürstenhauses wurde. Durch seine Mutter ist Rainer von Hessen zudem ein Nachkomme Großherzog Ludwigs II., unter dessen Regentschaft Georg Büchner seine revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ verfasste und verbreiten ließ.

Reiner von Hessen beim Besuch im Büchnerhaus mit einem Faksimile des Hessischen Landboten

Thomas Will, Landrat des Landkreises Groß-Gerau und Aufsichtsratsvorsitzender der „KulturRegion FrankfurtRheinMain“ vertritt die die politische Verantwortung, die „Macht“ von heute.

Wir wollen mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen:

–          Steckt in ihnen noch der alte Widerspruch zwischen Palast und Hütte?

–          Spielt in ihrem Leben die Herkunft eine Rolle – und war das Fluch oder Segen?

–          Auf welcher Seite hätten sie 1834 gestanden?

–          Ist der Kampf um die Meinungsfreiheit gewonnen?Braucht sie heute Verteidigung oder Beschränkung?

Tatsächlich waren schon die Aktivisten des Hessischen Landboten um Friedrich Weidig keine „arme Leut“. Die Gegnerschaft zu den „Reichen“ strichen sie Georg Büchner aus dem Manuskript und ersetzten das Wort durch „die Vornehmen“. Über die Gegnerschaft zur herrschenden Aristokratie bestand Einigkeit, nicht aber über Georg Büchners Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit. Der Hessische Landbote gehört in das Programm der Kämpfe für Presse- und Meinungsfreiheit: das Treffen auf der Badenburg, wo der Druck beschlossen wurde, diente der Koordination des „Oberhessischen Pressvereins“.

Das Museum ist am Tag des offenen Denkmals 2017, Sonntag, dem 10. September 2017, ab 11 Uhr vormittags bei freiem Eintritt geöffnet.

Das Gespräch findet nach Schließung des Museums um 18 Uhr in der Galerie am Büchnerhaus statt.

Falls Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte
per E-Mail (buechnerhaus@riedstadt.de) oder telefonisch (06158/4621) an!

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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5.8.2017

„Er habe sich daher auch geärgert, wenn die Leute von ihm gesagt hätten, daß er ein guter Mensch sey, weil er gefühlt habe, daß er es nicht sey”*

Filed under: Büchner,Georg Büchner,Theater,Veranstaltung — Schlagwörter: — peter brunner @ 12:31

Am 27. August 1824 wird in Leipzig eine öffentliche Hinrichtung veranstaltet. Der Perückenmacher Johann Christian Woyzeck hatte am 21. Juni 1821 Johanna Christiane Woos ermordet.

Im Büchner-Jahrbuch 4 (1984) zitieren N. Dorsch und J.-C. Hauschild den Zeitgenossen Ernst Anschütz (dem wir außerdem „Oh Tannenbaum” verdanken…):

„Freitag, den 27. August (1824). Heiter und sehr warm. Hinrichtung des Delinquenten Woyzeck. Das Schafott war mitten auf dem Markt gebaut. 54 Cürassiere von Borna hielten Ordnung um das Schafott; das Halsgericht wurde auf dem Rathause gehalten. Kurz vor halb 11 Uhr war der Stab gebrochen, dann kam gleich der Delinquent aus dem Rathause, Goldhorn und Hänsel gingen zur Seite und die Rathsdiener in Harnisch, Sturmhaube und Piken voran, rechts und links; die Geistlichen blieben unten am Schafott; der Delinquent ging mit viel Ruhe allein auf das Schafott, kniete nieder und betete laut mit viel Umstand, band sich das Halstuch selbst ab, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht, und schnell mit großer Geschicklichkeit hieb ihm der Scharfrichter den Kopf ab, so daß er noch auf dem breiten Schwerdte saß, bis der Scharfrichter das Schwerdt wendete und er herabfiel. Das Blut strömte nicht hoch empor; sogleich öffnete sich eine Fallthür, wo der Körper, der noch ohne eine Bewegung gemacht zu haben auf dem Stuhl saß, hinabgestürzt wurde; sogleich war er unten in einen Sarg gelegt und mit Wache auf die Anatomie getragen. Alsbald wurde auch schnell das Schafott abgebrochen, und als dies geschehen war, ritten die Cürassiere fort. Die Gewölbe, die vorher alle geschlossen waren, wurden geöffnet und alles ging an seine Arbeit. Daß Vormittags keine Schule war, versteht sich.“

1807 war Woyzeck als Soldat napoleonisch-mecklenburgischer Truppen „vor Stralsund” – nebenan stand ein niederländisches Regiment, in dem der Odenwälder Arztsohn Ernst Büchner als „chirurgischer Gehilfe” diente. Ernst Büchners Sohn Georg sollte Woyzeck unsterblich machen.

Als sich Georg Büchner 1836 daran macht, aus mindestens zwei Kriminalfällen, die er aus der Bibliothek des Vaters kennt, ein Drama zu verfassen, entstehen die Fragmente eines Dramas, das bis heute Furore auf der Bühne machen kann. In seiner Einleitung zum Text schreibt Tilman Fischer (zit. nach dem Buechnerportal): „Im Woyzeck werden erstmals in der internationalen Theatergeschichte Personen der Unterschicht im ernsthaften Drama dargestellt.”

Zum Jahrestag der Hinrichtung präsentiert die Leipziger Schaubühne Lindenfels die Inszenierung dieser Hinrichtung am historischen Ort.

Hier der Pressetext:

„Spektakuläre Stadtraum-Aktion: Schaubühne Lindenfels errichtet temporäres Monument auf Leipziger Marktplatz

Unter dem Titel „Woyzeck – letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ startet die Schaubühne Lindenfels am 27. August ihren „Büchner-Zyklus“, ein internationales Kooperationsprojekt zum Gesamtwerk Georg Büchners, mit der Installation eines temporären Monuments auf dem Leipziger Marktplatz. Der 6x7x4 Meter große Holzkubus dient bis zum 10. Oktober – dem Internationalen Tag gegen die Todesstrafe – als Ausstellungsort und wird mit einer Rekonstruktion der letzten öffentlichen Leipziger Hinrichtung eröffnet.

Rekonstruktion einer Hinrichtung: So, 27.08. | 18 Uhr | Marktplatz Leipzig | Eintritt frei

Ausstellung im Kubus: 29.08. – 10.10. | täglich 10 – 18 Uhr | Marktplatz Leipzig | Eintritt frei

Öffentliche Führungen: 30.08. und 05.09. | 16 Uhr | Eintritt frei

Am 27. August 1824 wurde Johann Christian Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz vor 5000 Zuschauern enthauptet. Der Fall diente Georg Büchner als Vorlage für sein weltberühmt gewordenes Drama „Woyzeck“. Am Beispiel dieser letzten öffentlichen Hinrichtung in Leipzig thematisiert die Schaubühne Lindenfels 193 Jahre später an gleicher Stelle Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte einer Stadtgesellschaft. Ein Holzkubus, in Größe und Gestalt dem Schafott Woyzecks entsprechend, wird dazu auf dem Leipziger Marktplatz errichtet.

Der Kubus wird am 27. August eröffnet mit einer Rekonstruktion dieses von der Justiz legitimierten Mordes, der 1824 als erzieherisches Spektakel und zur Abschreckung mitten in der „aufgeklärten“ Stadtgesellschaft Leipzigs vor großem Publikum stattfand. In der Rekonstruktion mischt sich eine fiktionale Live-Übertragung der damaligen Ereignisse mit szenischen Tonfragmenten aus Büchners Werk. Für die Sound-Regie zeichnet David Fischbach verantwortlich, Co-Leiter des BUCHFUNK Verlags, der unter anderem 2013 mit dem elektroakustischen Hörbuch „Der heilige Pillendreher“ den Deutschen Hörbuchpreis gewann.

Im Inneren des Kubus ist bis zum 10. Oktober eine Ausstellung zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig entsteht und das historische Geschehen Büchners Dramenfragment gegenüberstellt. Ein weiterer Bestandteil der Ausstellung wird von Amnesty International konzipiert und untersucht den Fall Woyzeck hinsichtlich völkerrechtlicher und juristischer Fragen in Hinblick auf die Todesstrafe. Am 10. Oktober jeden Jahres wird der „Internationale Tag gegen die Todesstrafe“ begangen. Im Rahmen des Projektes soll auf diesen Aktionstag hingewiesen werden.

Im Rahmen des „Büchner-Zyklus“ wird der Kubus samt Ausstellung auch in Strasbourg und Zürich zu sehen sein. Im April 2018 bringt das Ensemble der Schaubühne Lindenfels seine Inszenierung „Fragment Woyzeck“ zur Premiere.

Gesamtkonzeption: René Reinhardt
Gestaltung Kubus: Elisabeth Schiller-Witzmann
Produktion Hörstück: David Fischbach
Sprecher: Laila Nielsen, Thomas Dehler, Johannes Gabriel, Wolfgang Gerber, David Jeker, Andreas Keller, Alexander Pensel, Mario Rothe-Frese, Christopher Schleiff
Technische Leitung Kubus: Robert Schiller

Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, Amnesty International / Hochschulgruppe Leipzig, Buchfunk Verlag, Universität Leipzig – Institut für Theaterwissenschaft. Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Stadt Leipzig, LEIPZIGSTIFTUNG, Sparkasse Leipzig. Mit Unterstützung von Cine Impuls.”

 

Zum anschließenden „Büchner-Zyklus” verschiedener Veranstalter an verschiedenen Orten heißt es:

 

BÜCHNER ZYKLUS Ein Projekt der Schaubühne Lindenfels Leipzig in Kooperation mit Theater Winkelwiese, Zürich, und Dinoponera / Howl Factory, Strasbourg.

Der „Büchner Zyklus“ folgt innerhalb von zwölf Monaten den Lebensstationen Georg Büchners und denen seiner Protagonisten in drei europäischen Ländern und trägt sein politisches Denken und seine Diskurse mitten in die jeweiligen Stadtgesellschaften von Leipzig, Zürich, Straßburg sowie in die Gemeinde Waldersbach (F) hinein. Damit verbindet der Zyklus zwei Stationen des Autoren und politischen Flüchtlings Georg Büchner (Strasbourg, Zürich) mit zwei weiteren Orten, die als Schauplätze realer historischer Ereignisse eine wesentliche Rolle für das Werk Büchners gespielt haben (Leipzig, Waldersbach).
Georg Büchner war studentischer Aktivist im Kampf für Gleichheit und für eine demokratische Vision von Deutschland und Europa. Er war ein genialer Dichter und ehrgeiziger Wissenschaftler. Er wurde zum politischen Flüchtling und zum Schriftsteller im Exil. Gleichzeitig war er ein junger Mensch mit selbstverständlichen Sehnsüchten nach einem erfüllten Leben, nach Liebe und Geborgenheit in einer eigenen Familie. Seine Figuren sind geprägt von diesen Erfahrungen und ihren An- bzw. Abwesenheiten. Seine Diskurse bewegen sich im Konfliktfeld zwischen „großer Politik“ – einschließlich des seiner Erfahrung nach vorläufig aussichtslosen Hoffens auf gesellschaftlichen Ausgleich oder radikalen Wandel – und andererseits den Bedürfnissen, Ansprüchen und Sehnsüchten des Einzelnen, die beständig im Widerstand zu ersterem stehen.
Der BÜCHNER ZYKLUS nimmt im August 2017 mit der Installation eines temporären Monuments auf dem Leipziger Marktplatz unter dem Titel „Woyzeck, letzte Szene, ein öffentlicher Platz“ seinen Anfang. Unter dem Titel „Anatomie Woyzeck“ wird zwischen Herbst 2017 und Frühjahr 2018 eine Lecture Performance Reihe an ungewöhnlichen Orten konzipiert, die sich dem Komplex Woyzeck mithilfe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen nähert. Im Frühjahr 2018 feiern dann die Leipziger Inszenierung „Fragment Woyzeck“ in der Schaubühne Lindenfels Premiere, die Stücke „Lenz“ (Theater Winkelwiese, Zürich) und „Purge (nach Dantons Tod)“ (Dinoponera / Howl Factory, Strasbourg) werden ebenso im Frühjahr 2018 entwickelt und im Rahmen einer Büchner-Woche in Strasbourg und Waldersbach im März/April 2018 gezeigt und in Verbindung mit den gemeinsam entwickelten und durchgeführten theatralen Stadtbegehungen der Öffentlichkeit präsentiert. Das Monument aus Leipzig, ein Kubus, der dem Schafott, auf dem Johann Christian Woyzeck 1924 in Leipzig hingerichtet wurde, entspricht, soll ebenfalls in Strasbourg zu sehen sein.
Der Zyklus endet im Frühsommer 2018 mit dem internationalen Fragment Festival: Georg Büchner, im Rahmen dessen u.a. die drei entstandenen Inszenierungen gezeigt werden und gemeinsam mit allen drei Partnern der letzte Stadtspaziergang des Zyklus entsteht, der sich aus den jeweiligen Erfahrungen der vorangegangenen Wanderungen in Frankreich und der Schweiz zusammensetzt. Das Programm der Büchner-Woche wird in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig durch ein Studierendenpanel und ein wissenschaftliches Symposium ergänzt.

Ich will versuchen, am 27.8. in Leipzig zu sein und anschließend hier zu berichten; auch die weiteren Aktivitäten werde ich aufmerksam verfolgen.

* Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Gutachten von Johann Christian August Clarus: Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Christian Woyzeck, Erlangen 1825, hier zitiert nach dem Buechnerportal.

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

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13.7.2017

Call for papers: Georg Büchner und die Religion

Zur Abwechslung ist Georg Büchner für die GBG in diesem Jahr einmal „der angehende Philosophieprofessor Georg Büchner”. Zur Jahrestagung am 27. und 28. Oktober heißt es:

 

„Büchners Verhältnis zur Religion ist schon oft und stets kontrovers und vielleicht nicht nuanciert genug diskutiert worden. Die Georg Büchner Gesellschaft nimmt das Lutherjahr 2017 zum Anlass, diese Diskussion wieder aufzugreifen.”

Strasbourg, Saint.-Guillaume. Hier war Johann Jakob Jaeglé, der Vater von Georg Büchners Verlobter Minna, Pfarrer

Strasbourg, Saint Guillaume. Detail der Kanzel: Ein Pelikan, der Wappenvogel der Büchners

Um Vorschläge für Beiträge wird gebeten:

„Bitte schicken Sie uns baldmöglichst, spätestens jedoch bis zum 10. September, eine Skizze von etwa einer Seite und einige Angaben zu Ihrer Person. Siehe auch: www.uni-marburg.de/hosting/gbg

 

von Peter Brunner

 

 

 

 

 

Peter Brunner

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4.5.2017

WIR im Büchnerland

Filed under: Büchner,Büchnerhaus,Georg Büchner — peter brunner @ 09:14

Der Herausgeber von „WIR- Das Magazin im Gerauer Land” (Groß-Gerau ist die Kreisstadt, in deren Bereich Goddelau als Stadtteil von Riedstadt in Südhessen liegt),  W. Christian Schmitt, hat mir angeboten, eine regelmäßige Kolumne in seiner Zeitung zu veröffentlichen, und das habe ich gerne angenommen.

Die Redaktion hat das mit einem Interview eingeleitet:

  1. Herr Brunner, seit Februar sind Sie der erste hauptamtliche Leiter des Büchnerhauses, der Gedenkstätte im Geburtshaus des berühmten Dichters. Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgaben und Herausforderungen in dieser Tätigkeit?

Ich habe die Aufgabe mit großem Vergnügen, vor allem aber auch mit großer Hochachtung vor der bisher geleisteten ehrenamtlichen Arbeit, übernommen. Selbstverständlich stehen wie bisher die BesucherInnen des Museums im Mittelpunkt der Tätigkeit.  Mit der Stadt und dem Förderverein diskutieren wir zusätzliche Präsentations- und Kommunikationsformen sowie eine Erweiterung des Netzwerks. Auch da muss kein Rad neu erfunden werden: in der Arbeitsgruppe „Geist der Freiheit“ bei der Kulturregion Rhein-Main ist das Büchnerhaus eingebunden – ich habe gerade an einem Treffen teilgenommen, bei dem „MeinungsFreiheit“ als ein Schwerpunkt der Aktivitäten 2017/18 festgelegt wurde -, und mit vielen Institutionen, Personen und Orten im „Büchnerland“ gibt es schon gute Kommunikation. Das wollen wir zum gegenseitigem Nutzen intensivieren.

 

  1. Sie folgen im Amt Rotraud Pöllmann, die diese Aufgabe ehrenamtlich versehen hat. Was wird sich unter dem hauptamtlichen Leiter Peter Brunner verändern? Gibt es bereits geplante Projekte/Neuerungen, von denen Sie unseren Lesern berichten können?

Selbstverständlich ist und bleibt das Museum auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Das ist nicht nur aus arbeitsökonomischen Gründen so, sondern auch deshalb, weil es bürgerschaftliches Engagement war, das das Haus in seiner heutigen Form überhaupt zustande kommen ließ, und weil dies ein wichtiger Aspekt dabei ist, das Haus als Goddelau-Riedstädter Haus zu verorten. Neuerungen im Sinne von „Alles anders machen“ strebe ich nicht an – wozu auch. Dafür gibt es keinen Grund. Wir werden sicher ein bisschen aktiver mit elektronischer Kommunikation umgehen, es wird eine eigene Website entstehen und unsere Erreichbarkeit haben wir bereits mit der Mailadresse Buechnerhaus@Riedstadt.de verbessert. Für das Veranstaltungsprogramm des Büchnerhauses in der Galerie diskutieren wir für das kommende Jahr einen thematischen Rahmen, der Interessierten vielleicht Anlass bieten kann, regelmäßig in die Weidstraße zu kommen.

 

  1. Zum Gegenstand Ihrer Arbeit: Wie viel Aktualität messen Sie dem literarischen Werk Georg Büchners bei, und was können wir Ihrer Meinung nach in Zeiten (Un-)Sozialer Medien, von Fake News und rechter Hetze von Georg Büchner und aus seinem Werk lernen?

Büchners Aktualität ist ja zunächst einmal eine des Autors und seines literarischen Werkes; die ungebrochene Aktualität der Dramen und ihre packende Wortmacht zeigt sich ja in den unzähligen Inszenierungen auf der ganzen Welt. Die Bedeutung von Georg Büchners Werk in der Literatur spiegelt sich auch in den Dankesreden der Büchnerpreisträger, die fast alle die außergewöhnliche Kraft der Texte und ihre Wirkung auch auf sie persönlich betonen. Dass es die Schwachen, Verfolgten und Elenden sind, auf die Büchner unseren Blick richtet, macht ihn außerdem weit über die Literatur hinaus bedeutend und vorbildlich. Was neue Medien und ihren Missbrauch angeht, habe ich allerdings an einem keinen Zweifel: er hätte einen Twitter-Account – hashtag #Gerechtigkeit!

 

Nachdem das nun zum ersten Mal erchienen ist, hier auch im Geschwisterblog

die April-Kolumne „WIR im Büchnerland”

 

Zu Beginn meiner neuen Tätigkeit als Leiter des Riedstädter Museums Büchnerhaus bin ich gefragt worden, ob und warum sich denn Georg Büchner heute als Vorbild eigne.

Sein Wissen, seine Weltanschauung, sein Schreibstil, sein Lebensplan, seine politische Sympathie – alles spiegelt wider, in welchem Umbruch und welcher Zerrissenheit er lebte. Während seiner kurze Lebenszeit zwischen 1814 und 1837 wurde Europa auf den Kopf gestellt – und es ist der Kopf und das, was darin ist, was ihn unablässig beschäftigt. „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ schreibt er seiner Geliebten. Als Wissenschaftler folgt er dieser Frage mit dem Skalpell, als Autor mit der Feder.

Was aus Büchner geworden wäre, wäre er älter geworden, wissen wir nicht. Als er, noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, stirbt, hinterlässt er ein kleines, unfertiges Werk.

Es gelingt nicht, ihn oder auch nur seine Texte mit einer einzigen, abschließenden Überschrift versehen abzuhaken: zuverlässig findet sich stets ein Zitat, ein Verhalten oder ein Zeugnis seiner Freunde oder Familie, das dem gerade gefundenen Urteil widerspricht.

Als Student in Gießen schreibt er im Februar 1834 an seine Eltern: Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen. … Die Lächerlichkeit des Herablassens werdet Ihr mir doch wohl nicht zutrauen. Ich hoffe noch immer, daß ich leidenden, gedrückten Gestalten mehr mitleidige Blicke zugeworfen, als kalten, vornehmen Herzen bittere Worte gesagt habe. Hier nennt er das Moment, das ihn stets bewegt – es ist Sympathie im Wortsinn, es ist „Mit-Leiden“ mit den Schwachen, was ihn nicht loslässt. Das findet sich im Aufruf zur Revolte des „Landboten“, in den Gesprächen des Volks auf den Straßen von Paris im „Danton“, in der beißenden Kritik an der Aristokratie in „Leonce und Lena“, in der verstummenden Anteilnahme am Leben des verwirrten „Lenz“ und in der Benennung der Verantwortlichen hinter Woyzecks verzweifeltem Mord.

 

Unrecht benennen und sich für Gerechtigkeit einsetzen: das ist es, was Georg Büchner bis heute als Vorbild auszeichnet.

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

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28.4.2017

Heraus zum 7. Mai!

Selten fiel es mir so schwer, am Tag für die Literatur in Hessen am Sonntag, dem 7. Mai,  zum Besuch einer Büchner-Veranstaltung einzuladen – weil es gleich mindestens vier unbedingt besuchenswerte geben wird.

Trösten wir uns mit dem hier schon öfter zitierten Johannes Breckner vom Darmstädter Echo, der mit „Büchner hält das aus” eine wahrlich epochale Formulierung gefunden hat. Ausserdem bietet das Programm wieder einmal die schöne Möglichkeit einer Reise quer durch das Büchnerland – und ganz wie es die Intention der Veranstalter ist, können tatsächlich mehrere Veranstaltungen am gleichen Tag besucht und dabei großartige Kulturinitiativen kennengelernt oder wieder getroffen werden.

 

Also herzlich willkommen allen Gästen an allen Orten! 

 

Maria Sibylla Merian –  Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau
16 — 17.30 Uhr | 10 €
Pretlacksches Gartenhaus im Prinz-Georg-Garten
Schloßgartenstr. 6b . 64293 Darmstadt

Die in Frankfurt geborene Naturforscherin und Künstlerin
Maria Sibylla Merian (1649–1717) leistete Pionierarbeit
nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Naturwissenschaften.
Ihre Faszination für Raupen und deren Verwandlung
in Schmetterlinge führte sie 1699 bis in den
tropischen Urwald von Südamerika. Nach ihren großen
Biografien u.a. über Hildegard von Bingen und Sophie
Scholl erzählt Barbara Beuys in ihrem neuen Buch
spannend und kenntnisreich von dem ungewöhnlichen
Leben einer Frau im 17. Jahrhundert. Musikalisch wird
die Lesung von dem Gitarristen Stefan Hladek begleitet.
Tel. 06151 599788 oder 06150 4687
www.luise-buechner-gesellschaft.de
Eine Veranstaltung der Luise Büchner-Gesellschaft e.V. Darmstadt

UND

Georg Büchner, Friedrich Lehne  und Peter Schöffer im graphischen  Werk von Mario Derra
11 — 18 Uhr | Eintritt frei
Altes E-Werk Gernsheim . Obergeschoss des Kesselhauses
Riedstr. 28 . 64579 Gernsheim

Der Künstler Mario Derra hat in Gernsheim ein aufgegebenes
Industriedenkmal, das 1905 erbaute Alte E-Werk, als
Atelier und Ausstellungsraum renoviert. Zu sehen sind dort
unter anderem historische Druckpressen und Schaustücke
zum lithographischen Bilder- und Notendruck, der von
Offenbach aus weltweite Verbreitung fand. Im Obergeschoss
zeigt Mario Derra etwa 80 Lithographien, Radierungen und
Holzschnitte zu Leben und Werk dreier für Gernsheim und
Goddelau bedeutender Persönlichkeiten: Georg Büchner,
Friedrich Lehne und Peter Schöffer.
Tel. 06258 4828 | www.mario-derra.com
Eine Veranstaltung von Mario Derra

UND

Martin Luther und der Hessische Landbote
18 Uhr | 7 € zugunsten des Büchnerhauses
Kunstgalerie am Büchnerhaus
Weidstr. 9 . 64560 Riedstadt-Goddelau
Im Luther-Jahr 2017 beleuchtet Matthias Gröbel eine
Beziehung, die bisher eher im Dunkeln lag: Natürlich war
Martin Luther kein unmittelbares Vorbild für Georg Büchner
und seine Gesellschaft der Menschenrechte. Aber von der
Sprachkraft Luthers hat auch der »Hessische Landbote«
profitiert: Ohne die biblischen Bezüge wäre die rhetorische
Wucht der Flugschrift schwächer. Und Büchners
Co-Autor, der evangelische Theologe Friedrich Ludwig
Weidig, trug sich noch kurz vor seinem Tod im Darmstädter
Arresthaus mit Plänen einer neuen Bibel-Übersetzung.
Tel. 06158 9308-41/-42 www.buechnerhaus.de
Eine Veranstaltung des Fördervereins Büchnerhaus e.V.
Kunstgalerie am Büchnerhaus
Weidstr. 9 . 64560 Riedstadt-Goddelau

UND

Der Zwingenberger Pfarrer Büchner  träumt von Amerika
19 — 20.30 Uhr | Eintritt frei
Ev. Bergkirche . Auf dem Berg . 64673 Zwingenberg
Georg Büchner war das Genie der Familie – doch in den
letzten Jahren geraten auch seine Geschwister und andere
Verwandte zunehmend in den Blick. Friedrich Büchner, ein
Cousin des Sozialrevolutionärs und Schriftstellers Georg
Büchner, war von 1858–1869 Lehrer und Mitprediger in der
evangelischen Bergkirche Zwingenberg. Der Publizist und Leiter
des Museum im Riedstädter Büchnerhaus Peter  Brunner stellt
Friedrich Büchner und seine unbekannten
»Deutschen Märchen« vor. Eingebettet sind sie in die
abenteuerlichen Erlebnisse einer Gruppe deutscher Siedler
im Wilden Westen Amerikas.
Tel. 06251 73855 | www.kunstundkultur-zwingenberg.de
Eine Veranstaltung des Förderkreises für Kunst und Kultur Zwingenberg e.V.

 

Das Literaturfestival „Ein Tag für die Literatur“ wird im Rahmen des Netzwerkprojekts „Literaturland Hessen“ alle zwei Jahre von hr2-kultur in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Literaturrat koordiniert. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst fördert die Veranstaltungen.

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

Peter Brunner

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