Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

16.10.2016

Eine Geburtstagstorte für Georg Büchner

Filed under: Büchner,Darmstadt,Essen und Trinken,Georg Büchner — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 15:20

Am Vorabend des 17. Oktober wird es im Büchnerschen Haushalt stets ein wenig turbulenter als ohnehin schon zugegangen sein: der Geburtstag des Ältesten stand bevor. Leider wissen wir weder von Geschenk- noch von anderen Sitten der Familie zu Geburtstagsfesten; Luise und Alexander Büchner lassen allerdings in ihren Erinnerungen die Vermutung zu, dass gerne und fröhlich gefeiert wurde.

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Die Büchner-Zeichnung Alexis Muston’s . Heute im Freien Deutschen Hochstift, Frankfurt a.M.

Zu Georg Büchners 203. Geburtstag hier also ein Tortenrezept aus dem Darmstädter Kochbuch „Supp, Gemüs und Fleisch“, das mit seinen zahlreichen Ausgaben seit 1854 (hier zitiert aus der 18. unveränderten Ausgabe von 1872; digitalisiert von der Sächsischen Landesbibliothek) über die Zeit ein guter Indikator für die hiesigen Ernährungsgewohnheiten der besseren Leute bietet:

titel_suppgemuesunfleisch_1872

Baumtorte

Man nimmt ein Pfund Butter, läßt sie schmelzen und kalt werden, reibt sie dann beständig nach einer Seite, bis sie wie Pomade geworden, rührt dann 16 Eigelb dazu und fährt mit dem Rühren wohl ¾ Stunden fort, weil diese Arbeit hauptsächlich zum Gelingen beiträgt. Nach dem Eigelb folgt 1 Pfund fein geriebener Zucker, dann die abgeriebene Schale von 1 Citrone, etwas Muskatblume oder Nuß. 8 Eiweiß werden zu recht steifem Schnee geschlagen, die andere Hälfte läßt man weg. Dann wird von einem Pfund Kraftmehl abwechselnd ein Löffel voll Mehl, ein Löffel voll Schnee eingerührt, bis alles wohl untereinander vermischt ist; man kann auch den Schnee zuletzt darunter rühren. Dann streicht man schnelle eine glatte runde Form mit Butter aus, schöpft mit einem Vorlagelöffel von der Masse 2 Messerrücken dick hinein, setzt die Form in eine zuvor geheizte Tortenpfanne, legt unten wenig, oben aber mehr Kohlen darauf und läßt es gelblich backen. Hieruaf nimmt man in Zucker eingemachte Kirschen, legt solche dünne ein, dann wieder soviel Teig, wie das erstemal, läßt ihn ebenso gelb werden. Legt dann eine andere Sorte Eingemachtes, als Himbeeren u.s.w. darauf und so abwechselnd mit dem Teige und dem Eingemachten fortgefahren, bis die Form ganz gefüllt ist. Oben darauf muß Teig sein. Man muß sich bemühen, die Schichten recht gleich zu liefern, damit nicht eine stärker als die andere ist. Zum Belegen kann man sich alles mit Zucker Eingemachten bedienen, saurer Eingemachtes passt nicht hierzu. Nach Belieben kann man nachher einen Guß darüber anfertigen, wenn sie etwas verkühlt ist. Auch muß bei dem Feuer eine gehörige Vorsicht angewendet werden.

Mit Backen halbwegs Vertrauten werden neben den Mengen (16 Eier ..) auch die Schwierigkeit der Zubereitung und die jahreszeitliche Einordnung auffallen: eine Torte mit Obst in Schichten im Kohleherd zuzubereiten, ohne dass die unteren Lagen verbrennen, hat eine höchst erfahrene Küchenkraft zur Voraussetzung; und wann wenn nicht im Oktober sollten verschiedene eingemachte Früchte verarbeitet werden – es musste ja Platz für das neu Eingemachte geschaffen werden.

Freuen wir uns also über immerhin den Fortschritt der Küchentechnologie und vergessen wir auch an Georg Büchners Geburtstag nicht die zahlreichen anderen Umstände, deren Fortschritt noch weniger erfreuliche Zustände erreicht hat.

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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18.9.2016

Ein schönes Geburtstagsfest hatte Wilhelm Büchner

Um mit dem Wichtigsten anzufangen: das Tortenatelier hat seine Sache super gut gemacht, die leckeren frischen Kuchen und Torten waren ganz ausgezeichnet und der Service perfekt. Vielen Dank dafür!

Ein kleiner Teil der Gäste vor einem kleinen Teil der Kuchen
Aus Heidelberg war ein Gast gekommen, mit dem ich schon lange korrespondiere, den ich aber zum ersten Mal persönlich traf: Ludwig Steinmetz, Ludwig Büchners Ur-Enkel, der gerade erst aus München umgezogen ist.

Die Vereinsvorsitzende Agnes Schmidt mit Ludwig Steinmetz, Ludwig Büchners Urenkel
Die Freundinnen von der BüchnerBühne hatten im Vorfeld Teile Ihres „LenzMachtLiebe”-Musikprogramms mit unseren Texten abgestimmt, und so ist eine dichte und überzeugende Präsentation von Wilhelm Büchners Leben entstanden, die die Gäste beansprucht, aber nicht überfordert hat (sagte eine zufriedene Teilnehmerin).

Bastian Hahn, Alexander Valerius, Mélanie Linzer, Tanja Marcotte

Linzer, Marcotte

Hahn, Valerius

Christian Suhr
Von Heiner Dieckmann und mir habe ich keine Bilder.
Am meisten bedauert habe ich – bei ausverkauftem Haus – dass nicht nur Wirtschaft, Politik und Kultur Pfungstadts durch Fernbleiben glänzte, sondern dass außerdem dies die einzige Reminiszenz an den „Begründer des modernen Pfungstadts” bleibt.

Das Grab von Elisabeth und Wilhelm Büchner auf dem Pfungstädter Friedhof am 2. August 2016, Wilhelm Büchners 200. Geburtstag
Sowohl diese Veranstaltung wie weitere zu Themen um Georg Büchner, seine Geschwister und das Deutschland des 19. Jahrhunderts sind „auf Abruf zu haben” und Anfragen danach stets willkommen.
Peter Brunner

Peter Brunner

von Peter Brunner

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1.9.2016

„ … bei meinem Bruder Wilhelm, welcher in Pfungstadt, nah bei Darmstadt, eine große Ultramarinfabrik aufgetan hatte.”*

Die Luise Büchner-Gesellschaft veranstaltet ihr alljährliches Sommerfest 2016 anlässlich Wilhelm Büchners 200. Geburtstag in seiner Pfungstädter Villa und lädt mit der Bitte um Anmeldung bei Ilse Kuchemüller (mail: ilse.kuchemueller@t-online.de , tel: 06151 / 44 400) herzlich ein:

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  • aus Alexander Büchners Erinnerungen „Das tolle Jahr. Von einem, der nicht mehr toll ist“ (mehr dazu hier) 

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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16.5.2016

Maitrank

Filed under: Darmstadt,Essen und Trinken,Geschichte — Schlagwörter: , — peter brunner @ 13:35

Vom Essen und Trinken bei den Büchners war hier ja schon öfter die Rede – wie in so vielen anderen Angelegenheiten gibt es leider auch dazu kaum authentische Berichte. Grundsätzlich ist aber über Ernährung der bürgerlichen Bevölkerung im 19. Jahrhundert schon aus den zunehmend verbreiteten Kochbüchern vieles zu entnehmen; das 1839 erstmals erschienene „Supp‘, Gemüs‘ und Fleisch: ein Kochbuch für bürgerliche Haushaltungen, oder leicht verständliche Anweisung für Hausfrauen und Mädchen, wie man alle Arten Speisen und Backwerk wohlfeil und gut zubereiten kann; …“ (hier die 18. Auflage von 1872 als Digitalisat bei der sächsischen Landesbibliothek) darf schon deshalb als gute Quelle genommen werden, weil es im Darmstädter Verlag von Gustav Georg Lange erschien.

Geselligkeit wurde sicher in allen Büchnerschen Häusern gepflegt, und da wird wohl auch Punsch und Bowle gereicht worden sein. Gerade eine Maibowle kann ich mir auch auf den Tischen der Eugenia, der Straßburger Studentenverbindung, die Georg Büchner als ständigen Gast aufnahm, gut vorstellen.

Zu Pfingsten und als Anregung für ein Mitbringsel vom Maispaziergang hier das Rezept für „Maiwein“

Kochbuch_SuppGemuesUnFleisch_Maiwein

„Mai-Wein

Man nimmt im Frühling aus dem Walde ein Hand voll Waldmeister, legt ihn in eine Schüssel und übergießt ihn mit einer Bouteille Wein. Man kann hierzu ganz leichten Tischwein nehmen, oder auch nur zwei Theile Wein und ein Theil Wasser. So läßt man ihn etwa zwei Stunden lang zugedeckt stehen, alsdann durch ein reines leinenes Tuch laufen, versüßt ihn hierauf nach Gutdünken noch mit Zucker und es gibt dann ein sehr wohlschmeckendes Getränk.- Apfelwein schmeckt hierzu sehr gut.”

Schon öfter habe ich aus Charlotte Böttchers „Kraft und Stoff oder Deutsches Universal-Kochbuch umfassend die ganze Praxis der Küche sowohl für die feinste Tafel, wie den einfachsten bürgerlichen Hausstand in den sorgfältigsten Unterweisungen und mehreren Tausend ausgeprüften Recepten” (mein Exp. ist die 6. Auflage von 1882)  zitiert, weil das witzigerweise (und wohl durchaus nicht zufällig!) den Titel des damals am weitesten verbreiteten Sachbuches, eben Ludwig Büchners „Kraft und Stoff”, trug. Die Hamburger Bürgerschaft liebte es offenbar ein wenig elaborierter:

 

Kochbuch_KraftUndStoff_Maibowle

 

„Maitrank

Eine Handvoll frischer Waldmeister, 8 Spitzen weiße Taubnessel, 10 Herzchen Walderdbeerkraut, 8 Spitzen schwarzes Johannisbeerkraut, 10 grüne Blättchen wilde Hagebuttenrose, 8 Spitzen Citronenmelisse, 10 Veilchen, 10 Himmelsschlüssel, 2 Apfelsinen samt ihrer Schale in Scheiben geschnitten, 3/4 kgr. Zucker, 6 Flaschen Mosel- oder Rheinwein, dies alles in einer Terrine mehrere Stunden bedeckt ziehen lassen und dann genossen.”

Ob auf die Darmstädter oder die Hamburger Art: es möge zur Vertiefung gewonnener Erkenntnisse beitragen, und falls Sie die norddeutsche Variante ausprobieren wollen, bedenken Sie bitte: weil  „ … ihr Bestand so schwach ist, darf die Wiesen-Schlüsselblume in der freien Natur nicht gepflückt oder ausgegraben werden.” (aus der Erläuterung der Loki Schmidt Stiftung über die Ausrufung der Wiesen-Schlüsselblume zur Blume des Jahres 2016). Und neuere Erkenntnisse über das Cumarin im Waldmeister machen es ratsam, höchstens drei bis fünf Gramm frisches Kraut je Liter Bowle (wikipedia zu Maibowle) zu verwenden und diese nach 30 Minuten Ziehzeit zu entfernen.

 

von Peter Brunner

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