Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

17.11.2016

Bald steht das Denkmal für Luise Büchner!

Filed under: Darmstadt,Feminismus,Luise Büchner,Veranstaltung — peter brunner @ 13:37

Gute Nachrichten zum Projekt eines Denkmals für Luise Büchner!

Die beauftragte Künstlerin, Barbara Dieckmann aus Berlin, hat die Vorbereitungen für den Guss abgeschlossen und uns ein Foto ihrer bisherigen Arbeit übermittelt. In Kürze wird die kleine Büste gegossen werden und dann nach Darmstadt kommen.

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Mit Ruth Andres, die schon den Grabstein für Mathilde Büchner gestaltet hat, haben wir ein erstes Gespräch über die Ausgestaltung des Sockels geführt und sind sehr zuversichtlich, dass sie eine gute Lösung finden wird.

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Die „Kunstkommission“ der Stadt Darmstadt hat bei einer Ortsbegehung unseren Vorschlag angenommen, das Denkmal vor das Pädagog zu platzieren – vor dem Treppenaufgang  in  der Döngesborngasse. Das DARMSTÄDTER ECHO meldete aus der Stadtverordnetenversammlung: „In der Sitzung teilte Stadträtin Iris Bachmann zudem mit, dass die Kunstkommission einen Standort für die Luise-Büchner-Büste gefunden habe: gegenüber vom Pädagog am Abgang zum Liebighaus.“

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Und der Vorstand der Luise Büchner-Gesellschaft hat sich vorgenommen, das Denkmal am 1. Juni 2017 der Öffentlichkeit zu übergeben.

Bis dahin soll nicht nur der Kopf auf dem Sockel montiert sein, sondern auch ein Text auf dem Säulchen angebracht werde, die dahinter liegende Wand saniert werden und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Zitat versehen sein. Wir denken, dann werden wir dorthin einladen und an dieser dafür bestens geeigneten Stelle daran erinnern, dass noch vor 150 Jahren Mädchen keine Chance hatte, das – damals einzige – Darmstädter Gymnasium zu besuchen. Und natürlich feiern wir da mit den Schülerinnen der Alice-Eleonoren-Schule und allen anderen, die kommen wollen, zur Erinnerung an die Begründerin der Mädchenbildung in Darmstadt. Papa Legbas Blues Lounge hat den Termin schon mal vorgemerkt …

Dieses schöne Projekt, das inzwischen viele freundliche Stifterinnen und Helferinnen bei Benefiz-Aktionen gefunden hat, verdient weitere Unterstützung – hier findet sich der Prospekt mit dem Aufruf zu Aktionen und Spenden 

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

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8.11.2016

„Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat”

Filed under: Darmstadt,Georg Büchner — Schlagwörter: — peter brunner @ 18:23

Die Dankrede Marcel Beyers zum Büchnerpreis von 2016 steht auf der website der Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung.

Zum Einstieg nutzt Beyer, der Büchner und sein Umfeld offenbar gründlich studiert hat, den Bericht von Ernst Büchner über einen Fall von Tollwut, der ihm 1808 in Holland begegnet war und über den er 1826 berichtete: „Ein decidirter Fall von Wasserscheu als Folge des Bisses eines tollen Hundes, nebst beigefügtem Fall einer zweifelhaft gebliebenen Rabies ohne darauffolgende Wasserscheu“* (. Dass bei Dr. Büchner dabei aus dem holländischen Örtchen Honselersdijk**  in Büchners Erinnerung Hondshollerdyk wird, hält Beyer nicht für Zufall:

Ein Arzt erinnert sich an einen Hundevorfall im holländischen Hondshollerdyk. Eine krude, alle Vorstellungskraft sprengende Mischbildung aus Hund und Holunder und ausgehöhltem Deich, nach der man auf der Landkarte vergeblich suchen würde. Tatsächlich existiert sie, ein Schreib-, ein Hör-, ein Erinnerungsfehler, allein in Büchners Bericht.

Für Beyer gibt es einen direkten Weg von den Erfahrungen des Vaters zum Schreiben des Sohnes: den vielleicht ersten literarisch zu nennende Versuch des jungen Georg Büchner, die Verhohnepiepelung von Schillers in hohem Ton gedichteten „Graf Eberhard der Greiner“ in Darmstädter Gassenton (den auf meine Anregung hin der Walter Renneisen einst in Pfungstadt „uraufführte“***), nennt er – Pathologie.

Die Rede lohnt das gründliche Lesen, auch die Büchnerforschung mit ihren Disputen ist Beyer präsent:

Noch in den achtziger Jahren streiten sich Büchnerforscher, aus der sexuellen Revolution gestählt hervorgegangen, was da genau passiert sein soll, wenn Woyzeck erzählt, er habe einem Hund auf einen Hut geholfen. Mit stoischem Ernst zieht man Auskünfte über die maximale Größe zeitgenössischer Zylinderhüte heran. Am Ende lautet der bündigste Vorschlag: Selbst wenn im Manuskript ohne jeden Zweifel das Wort »Hut« zu entziffern sei, habe der Autor ohne jeden Zweifel das Wort »Hund« hinschreiben wollen. Woyzeck könne nur einem sehr kleinen Hund auf einen sehr großen Hund geholfen haben. … Vielleicht wird sich eines Tages ein in Ferkeldeutsch beschlagener Philologe über die gestrichenen Woyzecksätze beugen und im Manuskript statt einem »Hundele« doch noch ein »Hunderl« entdecken – die im Rotwelschen geläufige, liebevolle Bezeichnung für das weibliche Geschlecht.” 

In Marcel Beyer hat nicht nur der Büchnerpreis einen würdigen Träger, sondern auch der Büchner-Diskurs einen klugen Beiträger gefunden.

* in: Jahrb. der teutsch. Medic. und Chir. oder Rheinisch. Jahrb., 1826

** der link führt zum niederländischen Eintrag in wikipedia, einen deutschen Eintrag dazu gibt es nicht. Den Hinweis darauf verdanke ich Jan Gielkens 

*** den einzigen verbliebenen Belag dafür fand ich bei Henry Poschmanns „Mitteilungen“ vom September 2005

von Peter Brunner

Peter Brunner

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25.10.2016

Und nach und nach ward’s allen klar, dass Michel doch betrogen war

Filed under: Alexander Büchner,Darmstadt,Genealogie,Geschichte,Texte — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 10:38

Vor 189 Jahren, am 25. Oktober 1827, wurde Alexander Büchner in Darmstadt im Haus der Familie in der Grafenstrasse, geboren.

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Das Haus der Büchners in der Darmstädter Grafenstrasse 39, 1944 zerstört. Fotografie, um 1900. Stadtarchiv Darmstadt

Als alte Männer haben Alexander und Wilhelm Büchner mit wehmütiger Distanz auf ihre Hoffnungen und Taten vergangener Zeiten zurückgeblickt. „Heute, als gereifter Mann, der während seines ganzen Lebens vielfach mit den politischen Verhältnissen in Deutschland vertraut geworden ist, kann es mir nicht einfallen, die fast kindlichen Bestrebungen jener Zeit als solche anzusehen, die jemals auf einen practischen Erfolg rechnen konnten, – aber als Vorläufer jugendlicher Hoffnungen, bei dem Mangel der gesetzlichen Möglichkeiten, Deutschlands Kräfte zu einigen, bleiben sie ein Zeichen der Zeit und ein Fingerzeig für Solche, die glauben mit Ausnahme Gesetzen, den sich regenden Geist in Banden schlagen zu können.” schreibt Wilhelm Büchner an Karl Emil Franzos am 9. September 1878.

 

1851 ließ Alexander Büchner eine Reihe von Gedichten drucken, die im Umfeld seiner Revolutionsaktivitäten 1848/49 entstanden waren.

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Darunter diese beiden, die von zweimal vergangener Hoffnung zeugten:

 

Zwei Geschichten vom Michel.

Erste Geschichte.

1813.

Zum deutschen Michel sprachen einst die Herren:
(Sie legten sich voll Angst zu seinen Füßen,
denn für sie leuchtete keine Rettung Stern)
„wir wollen einen neuen Bund beschließen!
Die Freiheit sei das Unterpfand
und Einheitsband.“

der Michel nahm das Neue Testament,
(das neueste und schlechteste von allen)
sein Schwert ergänzt, die Kriegesfackel brennt,
und Michel´s Kriegsruf hört man laut erschallen.
Bald fliehet aus dem Vaterlande
der Feinde Bande.

Und als der Michel wieder heimgekehrt,
da warf er seine blut´gen Waffen nieder
und legte sich, von seinem Sieg betört
vertrauensvoll auf seine Steine wieder
und träumte von der Preßfreiheit
und Einigkeit.

Da haben ihn die Herren zugedeckt,
mit Ketten und mit Kettchen, grob und fein,
das Testament ward aber nicht vollstreckt –
die Herren wollten wieder Herren sein;
und nach und nach ward’s allen klar,
dass Michel doch betrogen war.

 

Zweite Geschichte.

1848.
Jüngst aber hatte ich einen schönen Traum –
(dass er sich so erfüllte, hofft‘ ich kaum)
da war der liebe Michel aufgetaut
und hatte sich einmal rings umgeschaut.

Da sah er sich mit Ketten ausgeziert,
an Kopf und Magen jämmerlich geschnürt,
die Herren saßen breit auf seinem Bauch
und Tafel nach altem, deutschem Brauch.
Da sprach der Michel: „Liebe Herren, verzeiht,
ist das denn Freiheit, was man mir so beut?
Wie? Ketten um den Hals und um die Hand,
und um die Füße ein gewaltig Band?
Ist das die Preßfreiheit, dass ihr euch jetzt
also auf meinem alten Bauch ergötzt?“

Die Herren riefen: „Alter Michel, still!
Du siehst ja, dass man euer Bestes will,
denn kannst du Hals und Arm und Bein nicht regen,
so wirst auch Hals, Arm und Bein nicht brechen!“

Da ist im Michel ‚mal der Zorn erwacht,
die schweren Fesseln sprengte er mit Macht
und sprang auf seine eigenen Füße wieder –
die Herren fielen jämmerlich darnieder,
„gebt ihr mir nicht, was ihr gesollt,
so packt euch nun, wohin ihr wollt!
Ich nehme mir, was mir gehört,
will sehen, wer es mir verwehrt!“

 

 

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Alexander Büchner 25.10.1827 – 7.3.1904

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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16.10.2016

Eine Geburtstagstorte für Georg Büchner

Filed under: Büchner,Darmstadt,Essen und Trinken,Georg Büchner — Schlagwörter: , , — peter brunner @ 15:20

Am Vorabend des 17. Oktober wird es im Büchnerschen Haushalt stets ein wenig turbulenter als ohnehin schon zugegangen sein: der Geburtstag des Ältesten stand bevor. Leider wissen wir weder von Geschenk- noch von anderen Sitten der Familie zu Geburtstagsfesten; Luise und Alexander Büchner lassen allerdings in ihren Erinnerungen die Vermutung zu, dass gerne und fröhlich gefeiert wurde.

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Die Büchner-Zeichnung Alexis Muston’s . Heute im Freien Deutschen Hochstift, Frankfurt a.M.

Zu Georg Büchners 203. Geburtstag hier also ein Tortenrezept aus dem Darmstädter Kochbuch „Supp, Gemüs und Fleisch“, das mit seinen zahlreichen Ausgaben seit 1854 (hier zitiert aus der 18. unveränderten Ausgabe von 1872; digitalisiert von der Sächsischen Landesbibliothek) über die Zeit ein guter Indikator für die hiesigen Ernährungsgewohnheiten der besseren Leute bietet:

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Baumtorte

Man nimmt ein Pfund Butter, läßt sie schmelzen und kalt werden, reibt sie dann beständig nach einer Seite, bis sie wie Pomade geworden, rührt dann 16 Eigelb dazu und fährt mit dem Rühren wohl ¾ Stunden fort, weil diese Arbeit hauptsächlich zum Gelingen beiträgt. Nach dem Eigelb folgt 1 Pfund fein geriebener Zucker, dann die abgeriebene Schale von 1 Citrone, etwas Muskatblume oder Nuß. 8 Eiweiß werden zu recht steifem Schnee geschlagen, die andere Hälfte läßt man weg. Dann wird von einem Pfund Kraftmehl abwechselnd ein Löffel voll Mehl, ein Löffel voll Schnee eingerührt, bis alles wohl untereinander vermischt ist; man kann auch den Schnee zuletzt darunter rühren. Dann streicht man schnelle eine glatte runde Form mit Butter aus, schöpft mit einem Vorlagelöffel von der Masse 2 Messerrücken dick hinein, setzt die Form in eine zuvor geheizte Tortenpfanne, legt unten wenig, oben aber mehr Kohlen darauf und läßt es gelblich backen. Hieruaf nimmt man in Zucker eingemachte Kirschen, legt solche dünne ein, dann wieder soviel Teig, wie das erstemal, läßt ihn ebenso gelb werden. Legt dann eine andere Sorte Eingemachtes, als Himbeeren u.s.w. darauf und so abwechselnd mit dem Teige und dem Eingemachten fortgefahren, bis die Form ganz gefüllt ist. Oben darauf muß Teig sein. Man muß sich bemühen, die Schichten recht gleich zu liefern, damit nicht eine stärker als die andere ist. Zum Belegen kann man sich alles mit Zucker Eingemachten bedienen, saurer Eingemachtes passt nicht hierzu. Nach Belieben kann man nachher einen Guß darüber anfertigen, wenn sie etwas verkühlt ist. Auch muß bei dem Feuer eine gehörige Vorsicht angewendet werden.

Mit Backen halbwegs Vertrauten werden neben den Mengen (16 Eier ..) auch die Schwierigkeit der Zubereitung und die jahreszeitliche Einordnung auffallen: eine Torte mit Obst in Schichten im Kohleherd zuzubereiten, ohne dass die unteren Lagen verbrennen, hat eine höchst erfahrene Küchenkraft zur Voraussetzung; und wann wenn nicht im Oktober sollten verschiedene eingemachte Früchte verarbeitet werden – es musste ja Platz für das neu Eingemachte geschaffen werden.

Freuen wir uns also über immerhin den Fortschritt der Küchentechnologie und vergessen wir auch an Georg Büchners Geburtstag nicht die zahlreichen anderen Umstände, deren Fortschritt noch weniger erfreuliche Zustände erreicht hat.

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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1.9.2016

„ … bei meinem Bruder Wilhelm, welcher in Pfungstadt, nah bei Darmstadt, eine große Ultramarinfabrik aufgetan hatte.”*

Die Luise Büchner-Gesellschaft veranstaltet ihr alljährliches Sommerfest 2016 anlässlich Wilhelm Büchners 200. Geburtstag in seiner Pfungstädter Villa und lädt mit der Bitte um Anmeldung bei Ilse Kuchemüller (mail: ilse.kuchemueller@t-online.de , tel: 06151 / 44 400) herzlich ein:

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  • aus Alexander Büchners Erinnerungen „Das tolle Jahr. Von einem, der nicht mehr toll ist“ (mehr dazu hier) 

Peter Brunner

 

von Peter Brunner

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