Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

25.10.2016

Und nach und nach ward’s allen klar, dass Michel doch betrogen war

Filed under: Alexander Büchner,Darmstadt,Genealogie,Geschichte,Texte — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 10:38

Vor 189 Jahren, am 25. Oktober 1827, wurde Alexander Büchner in Darmstadt im Haus der Familie in der Grafenstrasse, geboren.

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Das Haus der Büchners in der Darmstädter Grafenstrasse 39, 1944 zerstört. Fotografie, um 1900. Stadtarchiv Darmstadt

Als alte Männer haben Alexander und Wilhelm Büchner mit wehmütiger Distanz auf ihre Hoffnungen und Taten vergangener Zeiten zurückgeblickt. „Heute, als gereifter Mann, der während seines ganzen Lebens vielfach mit den politischen Verhältnissen in Deutschland vertraut geworden ist, kann es mir nicht einfallen, die fast kindlichen Bestrebungen jener Zeit als solche anzusehen, die jemals auf einen practischen Erfolg rechnen konnten, – aber als Vorläufer jugendlicher Hoffnungen, bei dem Mangel der gesetzlichen Möglichkeiten, Deutschlands Kräfte zu einigen, bleiben sie ein Zeichen der Zeit und ein Fingerzeig für Solche, die glauben mit Ausnahme Gesetzen, den sich regenden Geist in Banden schlagen zu können.” schreibt Wilhelm Büchner an Karl Emil Franzos am 9. September 1878.

 

1851 ließ Alexander Büchner eine Reihe von Gedichten drucken, die im Umfeld seiner Revolutionsaktivitäten 1848/49 entstanden waren.

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Darunter diese beiden, die von zweimal vergangener Hoffnung zeugten:

 

Zwei Geschichten vom Michel.

Erste Geschichte.

1813.

Zum deutschen Michel sprachen einst die Herren:
(Sie legten sich voll Angst zu seinen Füßen,
denn für sie leuchtete keine Rettung Stern)
„wir wollen einen neuen Bund beschließen!
Die Freiheit sei das Unterpfand
und Einheitsband.“

der Michel nahm das Neue Testament,
(das neueste und schlechteste von allen)
sein Schwert ergänzt, die Kriegesfackel brennt,
und Michel´s Kriegsruf hört man laut erschallen.
Bald fliehet aus dem Vaterlande
der Feinde Bande.

Und als der Michel wieder heimgekehrt,
da warf er seine blut´gen Waffen nieder
und legte sich, von seinem Sieg betört
vertrauensvoll auf seine Steine wieder
und träumte von der Preßfreiheit
und Einigkeit.

Da haben ihn die Herren zugedeckt,
mit Ketten und mit Kettchen, grob und fein,
das Testament ward aber nicht vollstreckt –
die Herren wollten wieder Herren sein;
und nach und nach ward’s allen klar,
dass Michel doch betrogen war.

 

Zweite Geschichte.

1848.
Jüngst aber hatte ich einen schönen Traum –
(dass er sich so erfüllte, hofft‘ ich kaum)
da war der liebe Michel aufgetaut
und hatte sich einmal rings umgeschaut.

Da sah er sich mit Ketten ausgeziert,
an Kopf und Magen jämmerlich geschnürt,
die Herren saßen breit auf seinem Bauch
und Tafel nach altem, deutschem Brauch.
Da sprach der Michel: „Liebe Herren, verzeiht,
ist das denn Freiheit, was man mir so beut?
Wie? Ketten um den Hals und um die Hand,
und um die Füße ein gewaltig Band?
Ist das die Preßfreiheit, dass ihr euch jetzt
also auf meinem alten Bauch ergötzt?“

Die Herren riefen: „Alter Michel, still!
Du siehst ja, dass man euer Bestes will,
denn kannst du Hals und Arm und Bein nicht regen,
so wirst auch Hals, Arm und Bein nicht brechen!“

Da ist im Michel ‚mal der Zorn erwacht,
die schweren Fesseln sprengte er mit Macht
und sprang auf seine eigenen Füße wieder –
die Herren fielen jämmerlich darnieder,
„gebt ihr mir nicht, was ihr gesollt,
so packt euch nun, wohin ihr wollt!
Ich nehme mir, was mir gehört,
will sehen, wer es mir verwehrt!“

 

 

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Alexander Büchner 25.10.1827 – 7.3.1904

von

Peter Brunner

Peter Brunner

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31.10.2015

„Liebe Frooinde“, wie Datterich sagen würde, „en Momend emol“

Schon vor Jahrzehnten habe ich gelernt, dass es ein schwerer Fehler ist, Wünsche oder Forderungen so zu formulieren, dass sie mit anderen, ungerecht oder überhöht erscheinenden Leistungen verglichen werden. „Ich will tausend Euro mehr, weil mein Kollege die bekommt, obwohl er weniger arbeitet und eine kleinere Familie zu unterhalten hat“ mag zwar meine innerste Überzeugung sein, hat aber mit dem Gegenstand meiner Klage, der unangemessenen Bezahlung meiner eigenen Arbeit, nichts zu schaffen. Darüber hinaus macht mir dieses Argumentieren, wenn es bekannt wird, mindestens den benannten Kollegen für immer zum Gegner.

Gleiches gilt in der Politik: Forderungen pro Kultur kommen schlecht an, wenn sie als Forderungen contra Sport oder Straßenbau formuliert werden. Ganz abgesehen davon, dass Sport und Straßenbau wahrscheinlich sehr viel mehr Anhänger haben als das, was gemeinhin als Kultur verstanden wird, gilt hier das Gleiche wie im Arbeitsleben: wer in Darmstadt heute damit argumentieren würde, dass die geplanten Investitionen in das Fußballstadion mal mindestens die freie Theater- und Literaturszene für Jahrzehnte von Existenzangst und Überlebenskampf befreien könnte, hätte zwar Recht, aber kaum noch Freunde.

Dies vorausgeschickt kann ich es dennoch nicht vermeiden, über das Gedenken an Darmstadts Söhne Georg Büchner und Ernst Elias Niebergall zu schreiben. Beider wurde in den vergangenen Jahren aus chronologischen Gründen besonders gedacht: Georg Büchner wurde 1813, vor kürzlich 200 Jahren, geboren und starb vor ebenfalls kürzlichen 175 Jahren, 1837. Ernst Elias Niebergall wurde 1815, vor gerade jetzt 200 Jahren, geboren, sein Schauspiel „Der Datterich“ wurde 1915, vor 100 Jahren uraufgeführt.

Soeben hat man in Darmstadt ein weiteres Denkmal für Niebergall enthüllt. Professor Thomas Duttenhöfer hat eine lebensgroße Plastik geschaffen, die wohl eher Datterich als Niebergall darstellt – es ist Darmstädter Allgemeingut, dass Niebergall als einigermaßen verkrachte Existenz selbst durchaus zu Recht in seiner Figur erkannt wird. Im Deutschlandfunk hat Ludger Fittkau darüber berichtet „Darmstadt rehabilitiert verfolgten Verfasser“.

„Liebe Frooinde“, wie Datterich sagen würde, „en Momend emol“:

von mir aus kann für Niebergall, dem bereits mit dem „Niebergall-Brunnen“ von 1930 und einer Datterich-„Installation“, die heute kein Brunnen mehr ist, gedacht wird, noch ein viertes und ein fünftes Denkmal aufgestellt werden (schon ist eine Plakette an seiner ehemaligen Schule, dem „Pädagog“ geplant, neben Liebig, Lichtenberg und Büchner); da halte ich es wie mit dem Fußballstadion – Mehrheiten wollen bedient werden. Was allerdings seine Qualitäten angeht, rate ich zu Tucholskys „hamse’s nich ne Nummer kleiner?“, gerade, was den Vergleich mit dem „anderen“ Darmstädter angeht. Bei näherer Betrachtung stellt sich neben die Gemeinsamkeit des Heimatortes (bezüglich des Geburtsortes wollen wir mal nicht so pingelig sein) und des Schul- und später Studienortes eigentlich nur noch die sehr allgemeine Zugehörigkeit zur dichtenden Zunft. Georg Büchner ist seit Jahren international der weltweit meistgespielte deutsche Dramatiker, sein Werk ist von so außerordentlicher Qualität, dass ich selbst mir immer wieder und nur mit Mühe den unseligen Begriff „Genie“ verkneife (während er anderen leicht von der Hand geht). Niebergall ist der Dichter eines amüsant-tiefgründigen Lokaldramas, das durchaus zu Recht aus der endlosen Reihe von deutschen Mundartstücken hervorragt (wenn es auch nach meiner bescheidenen Ansicht die Stärke und Kraft von Zuckmayers „Fröhlichem Weinberg“ nicht erreicht). Seine weiteren Werke, die nun in einer „Historisch-kritischen Edition“ erscheinen sollen, erreichen die Qualität des „Datterich“ nicht. So sehr Georg Büchners Leben vom politischen Impetus erfüllt und bewegt war, so wenig wissen wir von Niebergalls politischer Haltung. Bekannt ist nur seine Verwicklung in die Auflösung des Burschencorps „Palatia“ in Gießen „wegen verschwörerischer Umtriebe“, was sein Examen verzögerte. Eine dokumentierte Äußerung zu seiner politischen Haltung von ihm selbst gibt es nicht.

Für Georg Büchner, und da irrt Fittkau, gibt es kein Denkmal in Darmstadt.

Die „Grande Disco“ von Arnaldo Pomodoro , die auf dem Büchnerplatz steht, hat der Künstler mit diesem Titel geschaffen; erst der damalige Darmstädter Oberbürgermeister hat einen Streit um ein Büchnerdenkmal damit beendet, dass er die Plastik sozusagen nachträglich verbüchnert hat. 1974 erklärte er zur Aufstellung : „Georg Büchner selbst braucht kein Denkmal, da seine Werke für sich sprechen, aber die Darmstädter Bürger bedürfen dieses Denkmals, um sich immer wieder an Büchner zu erinnern“. Immerhin schon 1955 hatte Wilhelm Loth Entwürfe vorgelegt, die alle nicht verwirklicht wurden.

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Wilhelm Loth (aus Uwe Haupenthal, Das plastische Menschenbild bei Wilhelm Loth, Darmstadt 1989)

Und auch Thomas Duttenhöfer, dem hier zuallerletzt ein Vorwurf aus der Gestaltung des gelungenen Datterich gemacht werden soll, hat schon vor langer Zeit einen wunderschönen „Büchner-Kopf“ modelliert. Einer seiner Besitzer, der kürzlich hochbetagt verstorbene Darmstädter Architekt Fritz Soeder, Ur-Großneffe Georg Büchners, hat ihn mir stolz gezeigt.

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Thomas Duttenhoefer: Georg Büchner

Der Autor Fritz Deppert hat 2013 in einer Erzählung die Büchner-Denkmallosigkeit Darmstadts zum Thema gemacht („Georg Büchner geht durch Darmstadt“. Justus-von -Liebig-Verlag. 2013. 9783873903333).

Seit kurzem gibt es die Initiative der regen Luise Büchner-Gesellschaft, wenigstens ihrer Namensgeberin, der bedeutenden Frauenrechtlerin, Publizistin, Historikerin und Autorin Luise Büchner, einer Schwester Georg Büchners, in Darmstadt öffentlich zu gedenken. Im übernächsten Jahr, 2017, zum 150. Jubiläum der Gründung der von ihr initiierten „Alice-Frauenvereine“ in Darmstadt, soll es aufgestellt werden. Die Finanzierung der vielleicht 20.000 Euro, die dafür voraussichtlich benötigt werden, kann der kleine Verein alleine nicht leisten. Stattdessen hat er, unterstützt von der Frauendezernentin und der Frauenbeauftragten der Stadt, Vereine, Initiativen, Gruppen, Schulen und andere Zusammenschlüsse aufgerufen, mit Benefiz-Aktionen ein „Crowd-Funding“ zu unterstützen. Dem ist aus vielen Gründen alles Gute zu wünschen: Natürlich verdient Luise Büchner die Würdigung eines Denkmals, unbedingt verdient Darmstadt endlich ein weiteres Denkmal für eine Frau (davon gibt es zu Unrecht viel zu wenige), die Schaffung und Errichtung eines Denkmals macht als Ausdruck einer tatsächlichen öffentlichen Bewegung besonders viel Sinn und – es könnte als Annäherung an die überfällige Würdigung weiterer Familienmitglieder wirken.

An Georg Büchner muss da noch gar nicht gedacht werden: der Bruder Ludwig war im 19. Jahrhundert ein weltberühmter Autor, Publizist und Politiker, der Bruder Wilhelm ein Erfinder, sozial höchst engagierter Unternehmer und ebenfalls aktiver Politiker, und auch der Bruder Alexander verdient in Darmstadt Erinnerung als Autor und Sprachwissenschaftler, der in Frankreich als Sprachlehrer unermüdlich für Freundschaft und Verständnis der beiden Völker untereinander gearbeitet hat. Der Schwester Mathilde schließlich konnte kürzlich immerhin der Grabstein gesetzt werden, der in der Vergangenheit vergessen wurde oder verloren ging. Ein Gruppendenkmal für die ganze Familie auf dem Ludwigsplatz, anstelle des von den Büchners nicht besonders geschätzten Bismarck, das hätte was.

Georg Büchners Gedenken überfordert dagegen wohl seine kleine Stadt: schon sein späterer Biograf Kasimir Edschmid schrieb ja von der darmhessischen Beschränktheit zwischen Süd- und Ostbahnhof und dem Horizont auf Höhe des innerstädtischen Badesees „Großer“ Woog. Dort mag sich Niebergall getrost aufgehoben fühlen. In Büchners Geburts„Stadt“ Riedstadt-Goddelau beraten die Kommunalpolitiker den Etat für das kleine Museum in seinem Geburtshaus mit der gleichen Verve wie den für das in gleicher Zuständigkeit liegende Leeheimer Heimatmuseum und lassen uns so ihren geistigen Horizont und die allgemeine öffentliche Bereitschaft ahnen, Büchner als den bedeutendsten hessischen, einen der größten deutschen, Dichter zu würdigen.

Nein, für das Gedenken an Georg Büchner braucht es mehr als heimatkundliches Engagement: sein Geburtshaus, die Forschung über sein Leben und Werk (die das Land Hessen gerade leichtfertig aus der Hand gibt), vielleicht auch eines Tages die Errichtung eines Denkmals sind Aufgaben, denen sich Literatur und Politik jenseits aller Grenzen verpflichtet sehen müssen, damit sie erfolgreich und wirksam sein können. Die „Büchner-Biennale”, die in den vergangenen Jubiläumsjahren Büchners gedenken und ihn in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses stellen sollte, hat jedenfalls eine, vielleicht ihre bedeutendste, Aufgabe verpasst: Fundamente zu setzen, auf denen öffentliches Gedenken und wissenschaftliche Forschung auf stabile Füße hätten kommen können.

Ein Vergleich mit dem anderen „größten Hessen“ liegt nahe: Mit Goethehaus, Freiem Deutschen Hochstift, Goethe-Gesellschaft(en), Goethe-Institut und Goethe-Schiller-Archiv (wo ironischerweise die meisten Büchner-Handschriften liegen), zu schweigen von den Goethe-Denkmalen in Stadt und Land ist dessen Gedenken mehr als Genüge getan.

Die mangelnde Lobby für Georg Büchner drückt seine Wirkung vielleicht stärker aus als jede Forschungsarbeit das könnte: da sind noch immer zu viele Widerhaken, mit denen sein Werk sich in der Wirklichkeit festkrallt. Noch immer wirken Büchnerzitate wie Guillotinemesser, wo Goetheworte nur noch als mildes Olympiertum aus vergangenen Zeiten klingen.

Es geht nicht darum, das nächste runde Jubiläum abzuwarten , um endlich Georg Büchner Anerkennung zu zollen. Stattdessen kann das nur geschehen, wenn diejenigen, die er bis heute berührt, denjenigen, die über die nötigen Mittel und Wege verfügen, unmissverständlich auf die Sprünge helfen: So lange ein hessischer Wissenschaftsminister öffentlich auftreten kann, ohne dass ihm die Versäumnisse um Büchnerforschung und Gedenken um die Ohren gehauen werden, so lange eine Landesregierung von Kulturförderung reden kann, ohne dass ihr die Lage von Büchners Forschungsstelle und von seinem Geburtshaus entgegengehalten wird, so lange ein Kunstwerk wie die freie Büchnerbühne in Riedstadt nur durch grenzenlose Selbstausbeutung der Künstler und unter prekärsten Umständen bestehen kann, so lange nicht Georg Büchner auf dem schönsten Denkmal Darmstadts steht – so lange kann Georg Büchners Anerkennung nicht als gesichert gelten. Jede Schauspielerin, jede Regisseurin, jede Autorin, jede Germanistin, jede Ärztin, jede Biologin und nicht zuletzt jede halbwegs republikanische Politikerin, die in ihrem Leben je erkannt hat, was Georg Büchner ihr zu bieten hat (und alle Männer in den genannten Tätigkeiten dürfen sich mit gemeint verstehen), ist aufgerufen, Georg Büchner ein Denkmal zu setzen. In Gedanken, Worten und Taten.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

19.9.2015

Thomas Lange: Georg Büchner in Frankreich

Unsere Zeit steht im Begriff, durch das Mittel des täglich wachsenden internationalen Verkehrs die noch bestehenden Stammes-, Sitten- und sonstige Verschiedenheiten der heutigen europäischen Kulturvölker unter sich auszugleichen. Wir haben in großen Städte Leute kennen gelernt – und zwar nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer, und keine Ideologen, sondern erfahrene, praktische Geschäftsmenschen welche, unter Anführung vieler empirischer Gründe, – behaupteten, binnen fünfzig bis hundert Jahren werde von den gegenwärtigen Unterschied jener Nationen, namentlich der Deutschen, Engländer und Franzosen, wenig mehr zu bemerken sein; namentlich müsse sich bis dahin eine gemeinsame, für Alle gleichmäßig verständliche, Verkehrs- und Umgangssprache gebildet haben. ” (Alexander Büchner: Französische Literaturbilder aus dem Bereich der Aesthetik, seit der Renaissance bis auf unsere Zeit. Frankfurt am Main. Hermann´scher Verlag. 1858. Einleitung: Die starken und die schwachen Seiten der französischen Dichtung)

Die hundertfünfzig Jahre alte Vermutung, die Alexander Büchner gleich so relativiert: „ … daß manche Gattungen und Formen der Kunst dem Einen Volk mehr als dem Anderen passen, daß das Eine mehr auf diesem, das Andere mehr auf jenem Felde leistet. … ” (a.a.O.) hat sich nicht zur Gänze verwirklicht, wenn auch der Autor dieser Zeilen bestätigen muss, dass die lingua franca unsere Tage, das gestammelte Englisch, jedenfalls in Italien und inzwischen auch in Frankreich alle Versuche torpediert, sich in Bruchstücken mühsam angeeigneter Landessprachen zu verständigen.
Noch immer ist es selbst für die Literatur unserer nächsten Nachbarländer bei uns (und ebenso für unsere Literatur dort) unumgänglich, übersetzt zu werden, um zum Gegenstand aktueller Diskussion zu werden. Damit einher geht dann allerdings oft die Bemerkung kenntnisreicher Rezensentinnen, welch großen Verlust die Übersetzung eines Textes bedeute und wie unmöglich es eigentlich doch sei, sich der Sprachmacht der jeweiligen Autorin zu nähern, ohne ihre Sprache zu beherrschen. Immerhin gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass in fremder Sprache verfasste Texte sowohl in der Literatur wie erst recht in Politik und Wissenschaft wirksam und folgenreich werden konnten.
Der langjährige Darmstädter Archivpädagoge Thomas Lange hat sich mit dem Weg von Georg Büchners Werk in Frankreich beschäftigt. Lange hat in der Vergangenheit Studien und kenntnisreiche Veröffentlichungen über Alexander Büchner, der in Frankreich neue Freunde und eine neue Heimat fand, vorgelegt und darin auch den ersten Übersetzer von „Dantons Tod“, Auguste Dietrich, als Schüler Alexander Büchners erwähnt (z. B. in seinem Aufsatz „Champions du libéralisme …“ im Archiv für Hessische Geschichte 70, 2012).
Seine Untersuchung teilt er in die Kapitel 1845 bis 1878, 1889 – 1913, 1924 – 1939, NS-Kulturpropaganda und Nach 1945 und damit zugleich in Epochen des französisch-deutschen Verhältnisses zwischen aufgeschlossenem Interesse und feindlicher Abneigung.
Gründliche Recherche und profunde Kenntnis von Georg Büchners Werk machen den Band als Wirkungsgeschichte Büchners in Frankreich zugleich zu einer Betrachtung über das Auf und Ab der Zu- und Abneigung gegenüber der Literatur aus Deutschland in Frankreich. Es ist bemerkenswert und ein Zeichen für gründliche Textkenntnis, wie Lange entlang der Geschichte der Veröffentlichungen zu Georg Büchner und deren Autoren souverän darauf hinweisen kann, zu welchen Zeiten welche „Stellen“ der Prüderie, dem Zeitgeist oder der Haltung des Übersetzers zum Opfer fielen, zensiert wurden oder einfach den bereits „bereinigten“ deutschen Vorlagen folgten.
Die frühe Rezeption Büchners in Frankreich beginnt mit der Erwähnung durch „einen der besten Kenner der deutschen Gegenwartsliteratur“, Saint-René Taillandier, einem Professor für französische Literatur in Montpellier, im Jahr 1845. Schon in den Buchauflagen des Textes 1848 und 1849 ließ dieser allerdings die Erwähnung Büchners aus – Lange vermutet, wohl zurückschreckend vor dem Lob der Radikalen im Angesicht der Barrikaden von 1848. 1865 hat Taillandier dann ganz unmittelbar mit den Büchners zu tun bekommen: er war Präsident der Prüfungskommission, die über Alexander Büchners Bewerbung um die „agrégation für die littérature étrangères“ (als sechstbesten der zwölf Bewerber) entschied. Allerdings wird das Werk des Bruders wohl nicht Thema der beiden gewesen sein, denn „Alexander vermied als französischer Beamter im Zweiten Kaiserreich, sich offen als Bruder zweier radikaler Deutscher zu erkennen zu geben“ (Lange). Bis zum endlichen Erscheinen einer französischen Übersetzung blieb Georg Büchner in Frankreich stets der zusammen mit den Geschwistern, insbesondere dem berühmten Ludwig, gemeinsam erwähnte deutsche Republikaner.
Lange hält es für keinen Zufall, dass dem ein veränderter Blick der Franzosen auf ihre revolutionäre Vergangenheit mit der Errichtung von Denkmälern für Diderot (1886 in Paris, zur Einweihung sprach Ludwig Büchner), 1888 für Marat in seinem Geburtsort Arcis-sur-Aube und 1891, wieder in Paris, schließlich für „den Patrioten“ Danton, voraus gegangen war. Allerdings „blieb die Reaktion auf die erste französische Werkausgabe von Büchner verhalten“ (Lange). 1896 kommt es endlich zum Plan der Aufführung von Dantons Tod am „Odeon“ in Paris, wo der rührige Impressario Paul Ginisty mit „volkspädagogischem Engagement“ inszeniert. Es bleibt ein Rätsel, warum es zur zweimal angekündigten Aufführung schließlich nicht kam. Lange vermutet Furcht vor wirtschaftlichem Misserfolg, aber auch vor der auch unter der Republik durchaus weiter existierenden Zensur. Es dauerte schließlich bis 1948 (!), als Dantons Tod durch Jean Vilar auf die Bühne gebracht wurde.
1931 erscheint eine Woyzeck-Übersetzung in der Zeitschrift „Commerce“, die ausländische Dichter in den Fokus ihrer Veröffentlichungen stellte. Der Co-Übersetzer Jean Paulhan macht den Theaterradikalen Antonin Artaud auf Georg Büchner aufmerksam: es wäre „eine wunderbare Sache“, wenn er den „Woyzeck wieder neu erfinden würde“. Jedoch: „je mehr Artaud in den folgenden Jahren sein Theaterkonzept aber in Richtung eines Mythentheaters mit magischen Erlösungswirkungen veränderte, desto mehr verlor der Plan, die letztlich doch realistischen und gesellschaftskritischen Woyzeck-Fragmente auf die Bühne zu bringen, für ihn an Bedeutung“ (Lange). Besondere Erwähnung findet bei Lange „Georg Büchner radiophonique“, Aufführung und Wirkung von Büchners Stücken im französischen Radioprogramm. Am 20. August 1939, gerade einmal zwei Wochen vor dem Kriegsausbruch, sendet Radio Paris einen „Danton“ in der Adaption des deutschen Exilanten Richard Thieberger. Thieberger hat sich als „Hörspielexperte“ früh und gründlich mit der Bearbeitung von Theaterstücken für den Rundfunk beschäftigt und historische Stoffe als besonders geeignet dafür bezeichnet. Somit „scheint das Hörspiel das ideale Medium für Büchners Dantons Tod zu sein“. Leider ist das Tondokument nicht erhalten. Lange fand das maschinenschriftliche Skript, das auf der ersten Seite als Motto „Die Geschichte Frankreichs als Inspiration deutscher Dichter“ trägt.
Die NS-Kulturpropaganda in Frankreich verzichtete nicht auf Büchner, wenn dieser auch im Reich der „tendenziösen Verherrlichung des republikanischen Freiheitsgedankens“ bezichtigt wurde. Höchst unappetitlich waren die Versuche bspw. der zweisprachigen „Deutsch-französischen Monatshefte“ , der Erklärung der Menschenrechte in Frankreich die Reinhaltung und Pflege der Rasse gegenüberzustellen. In Deutschland ist Georg Büchner „nach 1940 in der NS-Diktatur nur noch in wenigen Nischen zu finden“. Eine davon war die Luftwaffenzeitung „Adler im Süden“, in der Ernst Gläser, der 1939 als einer von wenigen Exilanten freiwillig nach Deutschland zurückgekehrt war, über Leonce und Lena als „Zeugnis einer Heiterkeit ohnegleichen“ schreiben durfte.
Aufschlussreich liest sich Langes Darstellung der „Kulturpolitik der deutschen Sieger in Frankreich“. Im „französischen Sender unter deutscher Leitung“ Radio Paris wird am 23. 2. 1941 „Léonce et Lena, comédie en dix tableaux de George Büchner“ angekündigt. Mit deutscher Arroganz und Überheblichkeit ignoriert der vormalige Oberspielleiter des Rundfunks Stuttgart, Karl Köstlin als deutscher Besatzer die Tradition französischen Hörspiels und postuliert das Selbstverständnis als „Kulturbringer“ – man habe „mit der rundfunkmäßigen Bearbeitung der Hörspiele für Frankreich eine Neuerung eingeführt.“ Alles in allem gelang es den Deutschen naheliegenderweise nicht „auf nennenswerte Weise Gewohnheiten und Geschmack eines Publikums zu verändern, das durch eine lange pluralistische Tradition geformt worden war“ und „Radio Paris lügt, Radio Paris ist deutsch“ („Radio Paris ment, Radio Paris est allemand“) wurde auf die Melodie von „la cucaracha“ gesungen. Am 28. Dezember 1944 sendet Radio Toulouse wieder Thiebergers Bearbeitung von Dantons Tod – „gewissermaßen zum Fest der Befreiung“, wie Thieberger selbst schreibt.
Nach der Befreiung kommt schon 1946 der Woyzeck, 1948 Danton auf französische Bühnen – nicht unumstritten, aber triumphal. Die Freiluftaufführung des Danton durch Jean Vilars in Avignon wird ein ungeheurer Erfolg, „die Geburt einer neuen Ästhetik des Freilichttheaters“. Und Büchner wird von den Franzosen wieder zurück in seine Heimat geführt. Der Generaldirektor für kulturelle Angelegenheiten der französischen Besatzungszone, Raymond Schmittlein, ein Mann des militärischen Widerstandes, formuliert als Aufgabe der Umerziehungspolitik: „die demokratische deutsche Tradition zu erneuern, indem man jene Schriftsteller bevorzugt, die sich für Freiheit, Toleranz, Weltbürgertum und den Primat des Geistigen eingesetzt haben, um so den engen nationalistischen Kreis zu durchbrechen, der Deutschland seit der Romantik umgab und ihm bewusst zu machen, dass es auch nur ein Glied der menschlichen Gemeinschaft darstellt.“ 1947 erscheint Dantons Tod in Offenburg – mit der Einleitung von Karl Emil Franzos aus der deutschen Ausgabe von 1879, allerdings ohne diesen zu erwähnen und mit Kürzungen, die Lange „vielleicht als Folge der Zensurvorschriften der Besatzungsmächte“ erklärt – über das Elsass und Straßburg zu schreiben, erschien nicht opportun. Im bis 1949 streng vorzensurierten Südwestfunk wurde 1947 eine Woyzeck-, 1948 eine Danton-Bearbeitung gesendet. Und Richard Thieberger war als französischer Kulturoffizier für das Erziehungswesen zuständig und „sorgte für die Verbindung zwischen den französischen und deutschen Buchhändlern und Verlegern“. So kam er wohl in Kontakt mit dem Darmstädter Buchhändler Ludwig Saeng, dessen Originalexemplar von Dantons Tod mit Georg Büchners eigenhändigen Korrekturen (heute im Besitz der Darmstädter Landesbibliothek) er auslieh und für seine Forschungen benutzte.
Langes Schluss, dass „Büchners Dramen in Frankreich zum festen Bestandteil an gültiger Literatur gehörten“ darf nach der hier vorgelegten Studien als belegt gelten.

 

Eine besonderes Lob verdienen die zahlreichen Illustrationen in dem schön ausgestatteten Band, die Zeugnis für Langes gründliche Recherche ablegen – ein Bild des ersten Übersetzers und Alexander Büchner-Freudes Auguste Dietrich hat er allerdings leider nicht finden können.

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Lange, Thomas: Georg Büchner in Frankreich. Vom „französischen Hamlet“ zum „Instrument gelungener Kollaboration“. Wahrnehmung und Wirkung 1845 – 1947. Marburg, Jonas Verlag, 2015. ISBN 978-3-89445-509-5. 127 S., ca. 25 Abb., Broschur. 20 €

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von Peter Brunner

20.5.2015

Die Büchners erobern die Bretter, die die Welt bedeuten

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Probenfoto (Copyright Tina Perisutti)

Nach der Uraufführung von „Die Nerven der Fische“ sind jetzt erste Besprechungen erschienen:

 

Die Kronenzeitung (wohl nicht online, hier der Ausriss beim Theater) schreibt:

„Lange schon hat es hierzulande kein Stück mehr gegeben, das die zügellose Lust am Experiment zur Kunstform erhebt“

 

und die „Kleine Zeitung Kärnten“

 

„ … mit Zitaten geizt sie nicht, die jüngste und … vorerst letzte Produktion des klagenfurer ensembles …”

 

Wer Lust und Gelegenheit hat, sich selbst ein Bild zu machen, fahre hin –
nach den Aufführungen in Klagenfurt gibt es noch ein Gastspiel in Graz:

Diese Aufführungen finden statt: 23., 24., 25., 26., 27. Juni 2015, jeweils 20.00 Uhr im Tanz&TheaterZentrum Graz

SPeterBrunner

 

von Peter Brunner

13.5.2015

Die Nerven der Fische

Eines der tiefsten Worte in der Deutschen Sprache ist „Familienbande”
soll Karl Kraus gesagt haben, und wohin sollte dieses Zitat passen, wenn nicht gerade ins Geschwisterblog zu einem Thema aus Österreich.

 

Nach der Geschwister-Revue über die „fabelhafte Büchnerbande”, Peter Schanz‘ Theaterstück über Luise und Mathilde und der Dramatisierung von Edschmids Rosen-Roman über Georg Büchner durch die Büchnerbühne hat sich jetzt ein österreichisches Theater, das Klagenfurter Ensemble, des Stoffes angenommen, den die Jahrhundertfamilie zweifelsohne bietet.

Die Nerven der Fische
FamilienLustSpiel à la Büchner
von Josef Maria Krasanovsky und Alexander Mitterer
Bühne und Regie: Josef Maria Krasanovsky

soll am 18. Mai in Klagenfurt uraufgeführt werden.

Im Text zur Inszenierung heißt es:

Nach der Koproduktion des Theater Kaendace (Graz) mit dem klagenfurter ensemble mit dem Titel „Wozzek oder das Leben liebt die Klinge“ im Jahr 2006, waren zwei Dinge klar: der Kosmos um Georg Büchner hat noch viel zu bieten und das soll wiederum in einer Koproduktion umgesetzt werden. „Die Nerven der Fische“ soll diesen vielschichtigen Kosmos theatral zeigen:

Der Titel des Stückes ist auch der Beginn des Titels von Georg Büchners Doktorarbeit an der Universität Straßburg, welche von den Sehnerven der Rheinbarbe handelt und aus einem naturwissenschaftlichen und einem philosophischen Teil besteht. Schließlich schnitt sich der 23jährige Georg Büchner mit dem Seziermesser und starb an dem darauffolgenden Wundfieber. 

Die Familie Büchner ohne den inzwischen berühmtesten Vertreter Georg wird dargestellt:von tatsächlichen Biographien ausgehend, geht die Geschichte über in Fiktion und thematisiert den aktuellen Gesellschaftszustand. Dabei steht die Familie als Sinnbild der Gesellschaft und wird somit zum Reflektor unserer Zeit. Bislang gibt es kein einziges Stück über diese Familie, welche damals Themen aufbrach, die heute wieder sehr aktuell ist.

Das verschwundene Stück mit dem Titel „Pietro Aretino“ schürt Mutmaßungen: – Warum ist das Drama verschwunden? – Wovon handelte das Drama? Der Namensgeber des Dramas „Pietro Aretino“ war bekannt für seine deftig-frivolen Sonnete. Vor allem Georg Büchners Verlobte Wilhemine (Minna) Jaeglé wurde für das Verschwinden des
Dramas verantwortlich gemacht.

Der Autor, Regisseur und Bühnenbildner Josef Maria Krasanovsky:
„Es ist ein poetischer Abend mit großem Hang zur Ehrlichkeit. Und er ist lustig.“

Der Mit-Autor und Schauspieler Alexander Mitterer:
„Das Wirken Georg Büchners auf seine damals so berühmte Familie soll dargestellt werden.“

Der künstlerische Leiter des klagenfurter ensemble Gerhard Lehner:
„Hier findet zeitgenössisches Theater statt, welches auch als Experiment bezeichnet werden kann.“

Dem ist zunächst nichts hinzuzufügen – außer der Wusch nach gutem Gelingen!

Gerade schreibt mir die Produktionsleiterin, Tina Perisutti, auf meine Bitte um den Text oder gar einen Mitschnitt der Aufführung:

„Bezüglich Textbuch bzw. Filmmitschnitt sind wir leider abhängig von den uns zur Verfügung gestellten Mitteln, und die sind im Land Kärnten gerade so bestellt, dass wir unser Theater zumindest für die nächsten drei Monate schließen werden müssen.”

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

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