Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

19.4.2016

Nur noch 21 Jahre bis zur nächsten Büchner-Ausstellung!

Ein Fund, den ich schon vor längerer Zeit durch den freundlichen Hinweis einer Nachfahrin von Ernst Emil Hoffmann machen konnte, hat gestern den angemessenen Platz gefunden.

Ernst Emil Hoffmann ist für die Büchnerinteressenten in den Fokus geraten, weil er der Vermieter der Familie in Darmstadt war. Ausgerechnet am 1. April 2014 habe ich zum ersten Mal in einer Glosse auf die zweite Darmstädter Büchner-Ausstellung bekannt machen können, dass ein Bild des Hauses gefunden wurde, in dem die Büchners zur Zeit der Geburt von Luise und Ludwig Büchner (1821/1824) in der damaligen „Oberen Baustraße“ lebten. In Beiträgen zu ihren Geburtstagen habe ich das dann wiederholt erwähnt und vertieft. Hier finden sich alle Beiträge dazu in chronologischer Folge.

Dabei ist dieser Darmstädter Demokrat durchaus auch ganz ohne einen Bezug zu den Büchners von einiger Bedeutung und, da wiederhole ich mich gerne, des Gedenkens sicher mehr wert als manch anderer, dem unangemessen ergeben gedacht wird.

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Büste Ernst Emil Hoffmanns. Darmstadt, Alter Friedhof

Die „Hessische Biografie” führt seine Verdienste tabellarisch so auf:

Werdegang:

  • Besuch des Gymnasiums in Darmstadt
  • Kaufmännische Lehre in Mannheim und Hamburg
  • 1805 erfolgreicher Unternehmer
  • Einer der Führer der freiheitlichen Richtung, der „Schwarzen“, als Politiker ein redegewaltiger „Volkstribun“
  • Durch sein Vermögen bald umfangreich sozial tätig
  • 1813 Beiträge zum deutschen Freiheitskampf
  • 1820er Jahre Beiträge zum griechischen Freiheitskampf
  • 1826 Mitglied der zweiten Kammer des Großherzogtums Hessen, konnte den Sitz aber erst 1829 einnehmen
  • 1828-1842 Mitglied des Darmstädter Gemeinderats, als Bürgermeister von der Regierung nicht bestätigt
  • 1829-1835 Abgeordneter
  • Gründete das „Hessische Volksblatt“
  • Vorkämpfer des Deutschen Zollvereins
  • Initiator und Anreger der Main-Neckar-Bahn
  • Veranstaltete 1842 für die Geschädigten des großen Brandes von Hamburg und 1843 für die Erdbebenopfer von Guadeloupe Geldsammlungen
  • Griechisches Ehrenbürgerrecht

Drei Bände seines „Hessisches Volksblatt“ von 1832/33 sind hier bei der Bayerischen Landesbibliothek als Digitalisate einsehbar.

Im Katalog zur Büchner-Ausstellung von 1987 ist ein Familienbild der Hoffmanns mit dem Hinweis „Fotografie der verschollenen Lithographie“ aus dem Darmstädter Stadtarchiv abgebildet.

 

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Ernst Emil Hoffmann und seine Familie, 1839. Unsignierte Lithografie. Scan der Fotografie aus der Familiengenealogie. (Das „neue” Darmstädter Original hat eine andere Titelei)

Im Odenwald lebt eine Nachfahrin Hoffmanns, die mich vor einiger Zeit darauf ansprach: sie besitze dieses angeblich verschollene Original. Tatsächlich hat sie mir, als ich sie dann besuchte, bei Kaffee und Kuchen das schöne Bild, offenbar zur Zeit seiner Entstehung um 1839 gerahmt und mit handschriftlichen Erläuterungen auf der Rückseite versehen, gezeigt. Außerdem besitzt sie eine sechsbändige Genealogie der Familie Hoffmann, die sie mir auslieh, und auf deren allerletzter Seite ich dann das Bild des lange gesuchten Hauses fand.

Schon lange wünschten sie und ich, dass die Grafik ins Darmstädter Stadtarchiv kommt, und Dr. Peter Engels hat sie gestern durch meine Vermittlung aus ihren Händen übernommen.

 

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Stadtarchivar Peter Engels hat die Gelegenheit unseres kurzen Gespräches dazu genutzt, am Beispiel Hoffmanns darauf hinzuweisen, dass das gerade unter „Büchnerianern“ verbreitete Bild von der schläfrig-schlafmützigen Beamtenstadt Darmstadt im Biedermeier den Berichten zweier aufmüpfiger und zu der Zeit auch noch pubertärer Jugendlicher entspringt. Georg und Alexander Büchner, die mehrfach abschätzig über ihre Heimatstadt schrieben, haben damit ja nichts anders getan als Millionen andere Jugendlicher, die die Enge ihrer Heimat als bedrückend und die Ferne als verlockend empfinden. Tatsächlich gab es im Darmstadt des 19. Jahrhunderts zahlreiche aufrechte und aktive Demokratinnen und Demokraten, die die Autokratie des Hofes gehörig aufmischten und wichtige Grundsteine zur hessischen und deutschen Republik gelegt haben.

Ich freue mich sehr, dass dieses schöne Stück aus der Vergessenheit auftauchte und jetzt zu Anschauung und Forschung zur Verfügung steht. Und wenn es zum 200. Todestag Georg Büchners 2037 vielleicht irgendwo irgenwie irgendeine Ausstellung geben wird, kann es zu den vielen Stücken und Informationen gehören, die sich seit 1987 gefunden haben.

 

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von Peter Brunner

31.10.2015

„Liebe Frooinde“, wie Datterich sagen würde, „en Momend emol“

Schon vor Jahrzehnten habe ich gelernt, dass es ein schwerer Fehler ist, Wünsche oder Forderungen so zu formulieren, dass sie mit anderen, ungerecht oder überhöht erscheinenden Leistungen verglichen werden. „Ich will tausend Euro mehr, weil mein Kollege die bekommt, obwohl er weniger arbeitet und eine kleinere Familie zu unterhalten hat“ mag zwar meine innerste Überzeugung sein, hat aber mit dem Gegenstand meiner Klage, der unangemessenen Bezahlung meiner eigenen Arbeit, nichts zu schaffen. Darüber hinaus macht mir dieses Argumentieren, wenn es bekannt wird, mindestens den benannten Kollegen für immer zum Gegner.

Gleiches gilt in der Politik: Forderungen pro Kultur kommen schlecht an, wenn sie als Forderungen contra Sport oder Straßenbau formuliert werden. Ganz abgesehen davon, dass Sport und Straßenbau wahrscheinlich sehr viel mehr Anhänger haben als das, was gemeinhin als Kultur verstanden wird, gilt hier das Gleiche wie im Arbeitsleben: wer in Darmstadt heute damit argumentieren würde, dass die geplanten Investitionen in das Fußballstadion mal mindestens die freie Theater- und Literaturszene für Jahrzehnte von Existenzangst und Überlebenskampf befreien könnte, hätte zwar Recht, aber kaum noch Freunde.

Dies vorausgeschickt kann ich es dennoch nicht vermeiden, über das Gedenken an Darmstadts Söhne Georg Büchner und Ernst Elias Niebergall zu schreiben. Beider wurde in den vergangenen Jahren aus chronologischen Gründen besonders gedacht: Georg Büchner wurde 1813, vor kürzlich 200 Jahren, geboren und starb vor ebenfalls kürzlichen 175 Jahren, 1837. Ernst Elias Niebergall wurde 1815, vor gerade jetzt 200 Jahren, geboren, sein Schauspiel „Der Datterich“ wurde 1915, vor 100 Jahren uraufgeführt.

Soeben hat man in Darmstadt ein weiteres Denkmal für Niebergall enthüllt. Professor Thomas Duttenhöfer hat eine lebensgroße Plastik geschaffen, die wohl eher Datterich als Niebergall darstellt – es ist Darmstädter Allgemeingut, dass Niebergall als einigermaßen verkrachte Existenz selbst durchaus zu Recht in seiner Figur erkannt wird. Im Deutschlandfunk hat Ludger Fittkau darüber berichtet „Darmstadt rehabilitiert verfolgten Verfasser“.

„Liebe Frooinde“, wie Datterich sagen würde, „en Momend emol“:

von mir aus kann für Niebergall, dem bereits mit dem „Niebergall-Brunnen“ von 1930 und einer Datterich-„Installation“, die heute kein Brunnen mehr ist, gedacht wird, noch ein viertes und ein fünftes Denkmal aufgestellt werden (schon ist eine Plakette an seiner ehemaligen Schule, dem „Pädagog“ geplant, neben Liebig, Lichtenberg und Büchner); da halte ich es wie mit dem Fußballstadion – Mehrheiten wollen bedient werden. Was allerdings seine Qualitäten angeht, rate ich zu Tucholskys „hamse’s nich ne Nummer kleiner?“, gerade, was den Vergleich mit dem „anderen“ Darmstädter angeht. Bei näherer Betrachtung stellt sich neben die Gemeinsamkeit des Heimatortes (bezüglich des Geburtsortes wollen wir mal nicht so pingelig sein) und des Schul- und später Studienortes eigentlich nur noch die sehr allgemeine Zugehörigkeit zur dichtenden Zunft. Georg Büchner ist seit Jahren international der weltweit meistgespielte deutsche Dramatiker, sein Werk ist von so außerordentlicher Qualität, dass ich selbst mir immer wieder und nur mit Mühe den unseligen Begriff „Genie“ verkneife (während er anderen leicht von der Hand geht). Niebergall ist der Dichter eines amüsant-tiefgründigen Lokaldramas, das durchaus zu Recht aus der endlosen Reihe von deutschen Mundartstücken hervorragt (wenn es auch nach meiner bescheidenen Ansicht die Stärke und Kraft von Zuckmayers „Fröhlichem Weinberg“ nicht erreicht). Seine weiteren Werke, die nun in einer „Historisch-kritischen Edition“ erscheinen sollen, erreichen die Qualität des „Datterich“ nicht. So sehr Georg Büchners Leben vom politischen Impetus erfüllt und bewegt war, so wenig wissen wir von Niebergalls politischer Haltung. Bekannt ist nur seine Verwicklung in die Auflösung des Burschencorps „Palatia“ in Gießen „wegen verschwörerischer Umtriebe“, was sein Examen verzögerte. Eine dokumentierte Äußerung zu seiner politischen Haltung von ihm selbst gibt es nicht.

Für Georg Büchner, und da irrt Fittkau, gibt es kein Denkmal in Darmstadt.

Die „Grande Disco“ von Arnaldo Pomodoro , die auf dem Büchnerplatz steht, hat der Künstler mit diesem Titel geschaffen; erst der damalige Darmstädter Oberbürgermeister hat einen Streit um ein Büchnerdenkmal damit beendet, dass er die Plastik sozusagen nachträglich verbüchnert hat. 1974 erklärte er zur Aufstellung : „Georg Büchner selbst braucht kein Denkmal, da seine Werke für sich sprechen, aber die Darmstädter Bürger bedürfen dieses Denkmals, um sich immer wieder an Büchner zu erinnern“. Immerhin schon 1955 hatte Wilhelm Loth Entwürfe vorgelegt, die alle nicht verwirklicht wurden.

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Wilhelm Loth (aus Uwe Haupenthal, Das plastische Menschenbild bei Wilhelm Loth, Darmstadt 1989)

Und auch Thomas Duttenhöfer, dem hier zuallerletzt ein Vorwurf aus der Gestaltung des gelungenen Datterich gemacht werden soll, hat schon vor langer Zeit einen wunderschönen „Büchner-Kopf“ modelliert. Einer seiner Besitzer, der kürzlich hochbetagt verstorbene Darmstädter Architekt Fritz Soeder, Ur-Großneffe Georg Büchners, hat ihn mir stolz gezeigt.

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Thomas Duttenhoefer: Georg Büchner

Der Autor Fritz Deppert hat 2013 in einer Erzählung die Büchner-Denkmallosigkeit Darmstadts zum Thema gemacht („Georg Büchner geht durch Darmstadt“. Justus-von -Liebig-Verlag. 2013. 9783873903333).

Seit kurzem gibt es die Initiative der regen Luise Büchner-Gesellschaft, wenigstens ihrer Namensgeberin, der bedeutenden Frauenrechtlerin, Publizistin, Historikerin und Autorin Luise Büchner, einer Schwester Georg Büchners, in Darmstadt öffentlich zu gedenken. Im übernächsten Jahr, 2017, zum 150. Jubiläum der Gründung der von ihr initiierten „Alice-Frauenvereine“ in Darmstadt, soll es aufgestellt werden. Die Finanzierung der vielleicht 20.000 Euro, die dafür voraussichtlich benötigt werden, kann der kleine Verein alleine nicht leisten. Stattdessen hat er, unterstützt von der Frauendezernentin und der Frauenbeauftragten der Stadt, Vereine, Initiativen, Gruppen, Schulen und andere Zusammenschlüsse aufgerufen, mit Benefiz-Aktionen ein „Crowd-Funding“ zu unterstützen. Dem ist aus vielen Gründen alles Gute zu wünschen: Natürlich verdient Luise Büchner die Würdigung eines Denkmals, unbedingt verdient Darmstadt endlich ein weiteres Denkmal für eine Frau (davon gibt es zu Unrecht viel zu wenige), die Schaffung und Errichtung eines Denkmals macht als Ausdruck einer tatsächlichen öffentlichen Bewegung besonders viel Sinn und – es könnte als Annäherung an die überfällige Würdigung weiterer Familienmitglieder wirken.

An Georg Büchner muss da noch gar nicht gedacht werden: der Bruder Ludwig war im 19. Jahrhundert ein weltberühmter Autor, Publizist und Politiker, der Bruder Wilhelm ein Erfinder, sozial höchst engagierter Unternehmer und ebenfalls aktiver Politiker, und auch der Bruder Alexander verdient in Darmstadt Erinnerung als Autor und Sprachwissenschaftler, der in Frankreich als Sprachlehrer unermüdlich für Freundschaft und Verständnis der beiden Völker untereinander gearbeitet hat. Der Schwester Mathilde schließlich konnte kürzlich immerhin der Grabstein gesetzt werden, der in der Vergangenheit vergessen wurde oder verloren ging. Ein Gruppendenkmal für die ganze Familie auf dem Ludwigsplatz, anstelle des von den Büchners nicht besonders geschätzten Bismarck, das hätte was.

Georg Büchners Gedenken überfordert dagegen wohl seine kleine Stadt: schon sein späterer Biograf Kasimir Edschmid schrieb ja von der darmhessischen Beschränktheit zwischen Süd- und Ostbahnhof und dem Horizont auf Höhe des innerstädtischen Badesees „Großer“ Woog. Dort mag sich Niebergall getrost aufgehoben fühlen. In Büchners Geburts„Stadt“ Riedstadt-Goddelau beraten die Kommunalpolitiker den Etat für das kleine Museum in seinem Geburtshaus mit der gleichen Verve wie den für das in gleicher Zuständigkeit liegende Leeheimer Heimatmuseum und lassen uns so ihren geistigen Horizont und die allgemeine öffentliche Bereitschaft ahnen, Büchner als den bedeutendsten hessischen, einen der größten deutschen, Dichter zu würdigen.

Nein, für das Gedenken an Georg Büchner braucht es mehr als heimatkundliches Engagement: sein Geburtshaus, die Forschung über sein Leben und Werk (die das Land Hessen gerade leichtfertig aus der Hand gibt), vielleicht auch eines Tages die Errichtung eines Denkmals sind Aufgaben, denen sich Literatur und Politik jenseits aller Grenzen verpflichtet sehen müssen, damit sie erfolgreich und wirksam sein können. Die „Büchner-Biennale”, die in den vergangenen Jubiläumsjahren Büchners gedenken und ihn in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses stellen sollte, hat jedenfalls eine, vielleicht ihre bedeutendste, Aufgabe verpasst: Fundamente zu setzen, auf denen öffentliches Gedenken und wissenschaftliche Forschung auf stabile Füße hätten kommen können.

Ein Vergleich mit dem anderen „größten Hessen“ liegt nahe: Mit Goethehaus, Freiem Deutschen Hochstift, Goethe-Gesellschaft(en), Goethe-Institut und Goethe-Schiller-Archiv (wo ironischerweise die meisten Büchner-Handschriften liegen), zu schweigen von den Goethe-Denkmalen in Stadt und Land ist dessen Gedenken mehr als Genüge getan.

Die mangelnde Lobby für Georg Büchner drückt seine Wirkung vielleicht stärker aus als jede Forschungsarbeit das könnte: da sind noch immer zu viele Widerhaken, mit denen sein Werk sich in der Wirklichkeit festkrallt. Noch immer wirken Büchnerzitate wie Guillotinemesser, wo Goetheworte nur noch als mildes Olympiertum aus vergangenen Zeiten klingen.

Es geht nicht darum, das nächste runde Jubiläum abzuwarten , um endlich Georg Büchner Anerkennung zu zollen. Stattdessen kann das nur geschehen, wenn diejenigen, die er bis heute berührt, denjenigen, die über die nötigen Mittel und Wege verfügen, unmissverständlich auf die Sprünge helfen: So lange ein hessischer Wissenschaftsminister öffentlich auftreten kann, ohne dass ihm die Versäumnisse um Büchnerforschung und Gedenken um die Ohren gehauen werden, so lange eine Landesregierung von Kulturförderung reden kann, ohne dass ihr die Lage von Büchners Forschungsstelle und von seinem Geburtshaus entgegengehalten wird, so lange ein Kunstwerk wie die freie Büchnerbühne in Riedstadt nur durch grenzenlose Selbstausbeutung der Künstler und unter prekärsten Umständen bestehen kann, so lange nicht Georg Büchner auf dem schönsten Denkmal Darmstadts steht – so lange kann Georg Büchners Anerkennung nicht als gesichert gelten. Jede Schauspielerin, jede Regisseurin, jede Autorin, jede Germanistin, jede Ärztin, jede Biologin und nicht zuletzt jede halbwegs republikanische Politikerin, die in ihrem Leben je erkannt hat, was Georg Büchner ihr zu bieten hat (und alle Männer in den genannten Tätigkeiten dürfen sich mit gemeint verstehen), ist aufgerufen, Georg Büchner ein Denkmal zu setzen. In Gedanken, Worten und Taten.

SPeterBrunner

von Peter Brunner

11.6.2015

Nicht still, als bis der Tod dich bricht!

Am 12. Juni 1821, vor 194 Jahren, wurde in Darmstadt, im Haus der Familie, Obere Baustraße, heute Elisabethenstraße, Luise Büchner geboren.

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Nach dem großen Erfolg ihrer Schrift „Die Frauen und ihr Beruf“ (hier ist die von ihr umfangreich überarbeitete und erweiterte Ausgabe  letzter Hand, die 4. von 1872, verlinkt) veröffentlichte sie zahlreiche Aufsätze und Erzählungen. 1862 erschien in Berlin ihr Gedichtband „Frauenherz“.

Luise Büchners bleibende Qualität liegt nicht in ihrer lyrisch-belletristischen Begabung, vieles davon ist heute nur noch als Reminiszenz an sie zu lesen. Bedeutend bleibt sie als Frauenrechtlerin. Aber immer wieder finden sich Texte, in denen  die persönliche Betroffenheit der Autorin unübersehbar ist. Dies gilt ganz besonders für Texte, die als guter Rat für das Leben einer Frau verfasst sind – so wie hier, wo wir buchstäblich das schwere Los einer mutigen, ledigen, konsequenten Frau des 19. Jahrhunderts nachlesen können:

 

 

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Guter Rath

Still mußt du werden, pochend Herz,
Still wie der Stern am Himmelszelt,
Wie er, mußt unberührt du steh’n
Vom nicht’gen Treiben dieser Welt.

Still mußt du werden wie der Fels,
An dem sich wild die Brandung bricht;
Ob auch ein Schifflein jach zerschellt
An seinem Fuß, er fühlt es nicht.

Still mußt du werden wie der Schwan,
Der lautlos schwimmt den See dahin,
Wie einsam er die Fluth zertheilt,
Mußt du des Lebens Kreise zieh’n.

So stolz mußt steh’n du, so allein,
Dann wirst du froh und glücklich sein.
Doch ach! du seufzest leise: nein,
Nicht froh, nicht glücklich werd‘ ich sein!

O, ich versteh‘ dich, glühend Herz,
Zu heiß liebst du das Leben noch,
Trotz seinen Schmerzen, seiner Qual,
Trotz seiner Noth liebst du es doch.

So schlag‘ in Menschenleid und Lust,
So dulde denn und klage nicht,
Sei einsam eher nicht und kalt,
Nicht still, als bis der Tod dich bricht!

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

28.3.2015

Zu Ludwig Büchners 191. Geburtstag am 29. März

Filed under: Darmstadt,Ludwig Büchner — Schlagwörter: — peter brunner @ 18:53

Friedrich Karl Christian Ludwig Büchner wurde am 29. 3. 1824, also vor jetzt 191 Jahren, in Darmstadt geboren.

 

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Die Familie lebte damals im Haus „Obere Baustraße” , der heutigen Elisabethenstraße, von dem leider kein Stein und auch nur wenige Ansichten erhalten blieben. Zu dem Haus konnte ich vor einiger Zeit neue und bis dahin unbekannte Details ermitteln, weil mich eine Nachfahrin des Vermieters der Büchners, Ernst Emil Hoffmann, auf einige Hinterlassenschaften ihrer Familie aufmerksam machte. Dort sind zwei von Georgs Geschwistern, Luise (1821) und Ludwig (1824), geboren, Georg Büchner war zu der Zeit also zwischen sieben und zehn Jahre alt. Zu den mir überlassenen Materialien gehört ein lithographiertes Familienbild der Hoffmanns und eine mehrbändige genealogische Ausarbeitung, auf deren allerletzter Seite ich das lang gesuchte Hoffmann’sche Haus abgebildet fand:

 

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Blick durch die Ludwigstraße auf das Hoffmann’sche Haus. Photographie (Postkarte) von ca. 1900

 

 

Ludwigsplatz, Haus Böttinger um 1935

Das gleiche Haus auf einer Photographie aus den 1930er Jahren als „Haus Böttiger”. (Zur Orientierung: das Haus stand dort, wo sich heute das „C&A”-Kaufhaus befindet) Mit freundlicher Erlaubnis des Stadtarchiv Darmstadt

 

Seit 1825 lebte die Familie dann in der Grafenstraße, im ebenfalls nicht erhaltenen Haus Nr. 39

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Das Haus der Büchners, Darmstadt, Grafenstraße 39. Aufnahme ca. 1920.

 

wo Ludwig die Praxis des Vaters übernahm, bis er schließlich in der Hölgesstraße das Haus kaufte, in dem seine Nachfahren bis zur Zerstörung 1944 lebten.

Ich selbst habe ihn in den vergangenen Jahre je nach Alter des Publikums mit den Protagonisten der Wissenschaftspopularisierung unserer Zeit, Heinz Haber, Hoimar von Ditfurth und Rangar Yogeshwar, verglichen – er war ein Welterklärer par excellence.

Neben dem schönen Vorwort zur 21. Ausgabe seines Hauptwerkes „Kraft und Stoff”, in dem sein Bruder Alexander auf sein Leben zurückschaut, gibt es zwei weitere Texte, die aus interessanter Perspektive und mit überraschenden Ergebnissen über Ludwig Büchners Leben berichten.

Rudolf Steiner hat am 13. Mai 1899 einen Nachruf auf ihn im „Magazin für Literatur“ verfasst, der für Materialisten wohl ebenso verblüffend zu lesen ist für Anthroposophen.  Der Text findet sich hier im „Steiner Online Archiv” .

Steiner schreibt u.a.:

 

„Wenn heute die Rede auf Ludwig Büchner kommt, wird man nur selten einem anderen Urteile als dem begegnen, dass sein «populäres Gerede» längst abgetan ist und dass er «in seiner Oberflächlichkeit allen Halbwissern und Dilettanten naturwissenschaftlich interessante Tatsachen und eine damit vermischte, kindlich rohe Metaphysik in leichtfasslicher Form darbot». … Es wird immer viel zu wenig darauf hingewiesen, woher eigentlich das Gefasel über den «rohen Materialismus» stammt. Es hat seinen Grund gar nicht in der Vernunft, sondern in der Empfindungs- und Gefühlswelt. Eine jahrtausendalte Erziehung des Menschengeschlechtes, zu der das Christentum ein Ungeheures beigetragen hat, war imstande, uns die Empfindung einzupflanzen, dass der Geist etwas Hohes, die Materie etwas Gemeines, Rohes sei. Und wie soll das Hohe aus dem Gemeinen stammen?… Tief steckt unseren Zeitgenossen noch die Sucht im Leibe, das Wissen zu beschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen. Und Geister, welche dem Wissen die Macht zuerkennen, den Glauben allmählich zu verdrängen, werden als unbequem empfunden. Ja, «es ist zum Entzücken gar», wenn man irgendwelche Fehler m ihren Gedankengängen nachweisen kann. Als ob es nicht eine alte Erkenntnis wäre, dass im Anfange alle Dinge in unvollkommener Gestalt auftauchen! …”

Und einige Jahre nach der deutschen „Wende” veröffentlichte die Leibniz Societät hier einen Aufsatz ihres Mitglieds Dieter Wittich, in dem dieser auf eine geradezu honorige Art und Weise eine Ehrenrettung des von vielen Marxisten als „Vulgärmaterialist” und „Reiseprediger” abgetanen Büchner unternimmt:

 

„Warum haben Marx und Engels diesen Mut so wenig honoriert, sich einzig auf offensichtliche Schwächen von Büchners philosophischem Denken konzentriert und diese mit Hohn und Spott bedacht? … Ein Grund hierfür ist sicher in der Arbeiterbewegung selbst zu suchen. Nicht nur dass Büchners Schriften in dieser verbreitet waren und dort philosophisch
andere Akzente setzten, als dies Marx und Engels lieb sein konnten. Büchner widersetzte sich auch bald nach der Revolution von 1848/49 dem Bemühen, eigenständige Arbeiterparteien zu bilden und erst recht der Forderung nach einem gewaltsamen Umsturz der bestehenden sozialen Verhältnisse. In der Frage der Machterlangung entfernte er sich vom zweiten Teil der berühmten Losung seines Bruders Georg, dem „Krieg den Palästen!“, um so mehr je älter er wurde. Freilich, die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse hielt auch er auf Dauer nicht für haltbar. Viele der auch heute noch ins Auge springenden Widersprüche hat er wieder und wieder angeprangert. Eine gerechtere Gesellschaft, die er sozialistische nannte, schien auch ihm nicht nur begehrenswert, sondern auch unausweichlich. Aber sein Allheilmittel waren nicht die „Diktatur des Proletariats“, nicht die politische Revolution, nicht die Herrschaft einer sozialen Klasse (einer relativ ungebildeten zudem, von deren Macht er nur ein politisches und kulturelles Desaster erwartete, einer Klasse, die noch lange Zeit der Fürsorge sozial engagierter Bürger und besonders von Intellektuellen bedürfe). Der Weg zur Macht könne allein durch Einsicht, Vernunft, Überzeugung und vor allem eine weit höhere Volksbildung geebnet werden. Für eine solche friedliche Überwindung des Kapitalismus lebte und wirkte er. Auch ein staatliches Eigentum an Produktionsmitteln im Unterschied zu einem gesellschaftlichen wollte er nicht, denn das, meinte Büchner schon 1863 gegenüber Ferdinand Lassalle, würde die Eigeninitiative hemmen, die staatliche Bürokratie und Bevormundung grandios vermehren.
Ja, eine solche Nationalproduktion müsse an der Schwerfälligkeit ihrer Bürokratie ersticken. Das waren Einwände, über die auch ich mich in früheren Publikationen geringschätzig hinweggesetzt habe, die aber nach dem in den letzten Jahrzehnten Erlebten weit ernsthafter zu betrachten sind.”

 

 

 

SPeterBrunner

von Peter Brunner

28.11.2014

Luise Büchner zum 193. Todestag: „Die concrete Erscheinung hat ohne Zweifel das Recht, auch concret beurtheilt zu werden“

Am 28. November 1821, vor 193 Jahren, starb Luise Büchner in Darmstadt.

Ludwigsplatz, Haus Böttinger um 1935

Das Haus in der Oberen Baustraße, heute Elisabethenstraße, am Darmstädter Ludwigsplatz, in dem Luise Büchner geboren wurde (ca. 1935, Foto Stadtarchiv Darmstadt – links der heute noch stehende Brunnen, den es 1821 ebensowenig wie die Fahrräder gab)

 

In ihrem meist zitierten Werk, Die Frauen und ihr Beruf, in der Ausgabe letzter Hand, der 4. von 1872, ist der Anfang des Kapitels  „Die Pflicht der Selbsterziehung“ ein gutes Beispiel dafür, wie Luise Büchner weit über die damals üblichen Erziehungsratgeber hinaus erkennt und beschreibt.

 

Die Pflicht der Selbsterziehung

Vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die

unsterblichen Götter.

Hesiod.

 

Der ist gut vor Allen, der selbst jedwedes erkennet,

Sinnend im Geist, was künftig ihm Besserung schaffe zum End‘ aus!

Hesiod.

 

Es denkt gewiß heutigen Tages kein Gebildeter mehr daran, die Behauptung zu verneinen, daß die ganze Fortentwicklung der Menschheit lediglich auf deren Erziehung und Bildung beruht. Dies ist keine neue Wahrheit, aber in ihrer ganzen Bedeutung ist sie wohl noch zu keiner Zeit so tief aufgefaßt und begriffen worden und so wird gewiß auch das Wie, welches dem höheren Ziele entgegenführt, von allen Seiten stets deutlicher erkannt und entwickelt werden.

Auf den Lykurgischen Standpunkt, der ein ganzes Volk nach der Schablone erziehen will, werden wir wohl hoffentlich nie mehr zurückkommen und sicherlich ist nur jene Ansicht unserer Zeit und der fortgeschrittenen, sittlichen Entwicklung würdig, welche stets bei der Erziehung die Individualität des Einzelnen im Auge behält.

Darum muß aber auch sowohl die öffentliche, als die häusliche Erziehung zuerst darauf hinwirken, daß der Einzelne sich selbst als Individuum schätzen lerne und daß der Trieb in ihm lebendig wird, an seiner Entwicklung thätig mitzuwirken. –

 

Sehen wir uns in der Geschichte der alten und neuen Zeit um, wo finden wir ein schöneres Vorbild der Volkserziehung, als in der Atheniensischen, die jedem Einzelnen die Möglichkeit einer freien, geistigen Entwicklung darbot? Wenn sich dort auf einem kleinen Fleck Erde Alles vereinigt fand, was die griechische Kunst Großes leistete, wo die Philosophie in offenen Schulen gelehrt wurde und das Spiel der Bühne ohne Unterschied allen Bürgern zu Theil wurde – wenn sich dort also eine Bildung geltend machte, von der wir heute kein Beispiel mehr haben und nach deren Ideal Dichter und Gelehrte aller folgenden Zeiten die Hände verlangend ausstreckten, so ist doch nicht zu verkennen, daß unsere Zeit so viele Bildungsmittel fast aller Orten aufgehäuft hat, um den Meisten, wenn sie ernstlich wollen, die Möglichkeit der Selbstbildung zu gewährleisten. Daß wir als deren schönste Frucht wiederum nur die höhere, moralische Empfänglichkeit, die reinste Humanität begrüßen können, versteht sich von selbst. –

So wie also jeder Einsichtsvolle den Fortschritt der Menschheit in der Entwicklung des Menschen sieht, kann er wohl nicht anders, als auch umgekehrt, die Verbrechen, die Laster und Fehler, welche die Menschheit beflecken, nicht in deren ursprünglicher Verderbtheit, in einer angeborenen Sucht zum Bösen zu erblicken, sondern er wird sie lediglich in individuellen Anlagen und was noch mehr ist, in den Verhältnissen suchen, unter deren Einfluß sich entweder der Einzelne, oder ganze Schichten einer Bevölkerung entwickelt haben.

Verdammung des Fehlers, aber objective Beurtheilung des Fehlenden, nach Maßgabe der Umstände und Verhältnisse, unter denen seine Individualität sich entwickelte, dieses muß nach unserer bescheidenen Ansicht, heute das Programm jedes ächten Anhängers der Humanität sein. Daß man diesen Grundsatz häufig mißdeutet und verkennt, daß man eine Verherrlichung des Schlechten überhaupt darin erkennen will, ja, daß auch andererseits Manche und nicht selten die Poesie in ihren Werken das Verbrechen mit dem Verbrecher zu adeln sucht, selbst diese Abirrung kann ihm von seiner inneren Wahrheit und Trefflichkeit nichts rauben. Die concrete Erscheinung hat ohne Zweifel das Recht, auch concret beurtheilt zu werden, ehe man ein Verdammungsurtheil über sie ausspricht. Es muß sich natürlicherweise dieser Grundsatz auf alle Verhältnisse und Beziehungen des Lebens anwenden lassen; es gilt eben so wohl für die kleinsten Fehler als die gröbsten Vergehungen, und die Ersteren sind es eigentlich, von welchen wir hier zu reden haben.

Wir schreiben für und über die Familie und es ist hier unsere Aufgabe zu zeigen, wie neben der nothwendigen Toleranz der Einzelnen unter einander, sich der sittliche Ernst des Individuums, der Trieb nach seiner eigenen, höheren Fortentwicklung geltend machen muß. Denn es gibt kleinere Vergehen, kleinere Fehler, die in ihrer täglichen Wiederholung oft grausamere und abscheulichere Folgen nach sich ziehen, als ein einfacher Todtschlag, und wir haben die größten Verbrecher und Verbrecherinnen nicht immer auf dem Schaffot oder in den Jahrbüchern der Criminalisten zu suchen. –

Sei uns aber das Innere eines Menschen und seine Handlungsweise noch so unklar und dunkel, wir werden beide verstehen lernen, sobald wir erfahren, unter welchen Verhältnissen und Beziehungen es sich entwickelte. Tout savoir, c’est tout comprendre, sagt ein geistreicher Franzose, und gewiß, könnten wir genau den Gang verfolgen, welchen die Erziehung von tausenden sogenannt »Wohlerzogenen« genommen, wir würden uns weit öfter in dem Fall sehen, beweinen und beklagen zu müssen, als daß wir verdammen dürfen.

Aber ist damit der Tugend und der Sittlichkeit Genüge geleistet? Sind beide damit zufrieden gestellt, wenn wir uns fast täglich genöthigt sehen, die alte Entschuldigung zu wiederholen: »Was konnte aus dem Menschen Besseres werden bei dieser Erziehung, diesem Beispiel, bei so vieler Vernachlässigung, das Gute zu wecken und zu pflegen?« Das aber ist die wahre Erbsünde, welche sich fortpflanzt von Geschlecht zu Geschlecht, daß es noch zu häufig mißkannt wird, was man der heranwachsenden Generation schuldig ist. Man glaubt gewöhnlich, es sei genug, die Kinder von dem Anblick grober Laster entfernt zu halten; als ob es genügen könnte, sie allein vor Diebstahl, Raub und Mord sicher zu stellen. Der tägliche Anblick des Leichtsinns, des Zorns, der Koketterie, der Unordnung, der Vergnügungssucht und der Oberflächlichkeit, wirken sie nicht gleichfalls demoralisirend auf das jugendliche Gemüth? Was nützen die schönsten moralischen Reden und Lehren der Eltern und Erzieher, wenn nicht das Beispiel des Guten und Schönen hinzutritt!

Diese Ersten sind es also vornehmlich, denen die Pflicht, an der eigenen Fortentwicklung unermüdlich zu arbeiten, nicht dringend genug an das Herz gelegt werden kann; Eltern, welche sich mit ihren Kindern nicht noch einmal miterziehen, sind sich selten klar über den ganzen Umfang ihrer Pflichten. Wer nur einige Erfahrung in der Welt gemacht, hat es gewiß schon hundertmal gesehen, wie systematisch in Kindern durch die Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit ihrer Erzieher, die fehlerhaften Anlagen auf Kosten der Besseren recht geflissentlich entwickelt und gesteigert werden.

Der vollständige Text findet sich z.B. hier bei Zeno.org

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von Peter Brunner

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