Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

30.12.2016

Ein neues Bild Luise Büchners

Was würde sich in einem Blog, das sich meist dem Vergangenen widmet, zum Jahresende als Beitrag besser eignen als die Nachricht über ein verloren geglaubtes und wieder aufgefundenes Dokument? Schließlich ist keine Nachricht mehr Ansporn zu Forschung und Dokumentation als ein neuer Fund.

Jan-Christoph Hauschild hat mich kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass die Österreichische Nationalbibliothek einen ganzen Batzen neuer Digitalisate online gestellt hat, und dass er da gleich drei Büchner-Bilder gefunden hat.

 

Zwei davon sind bekannt und bereits an verschiedenen Stellen veröffentlicht:

Ludwig Büchner s/w Negativ Glasplatte des Portraits von Hermann Heid. Nach 1875. ÖNB NB 519649-B

 

 

Wilhelm Friedrich Büchner (1780 – 1855), der Goudaer Onkel der Geschwister Büchner und, als Vater von Elisabeth Büchner, der Schwiegervater Wilhelm Büchners Lithographie. Re. unten gez. H. J. Backer ÖNB PORT_00025595_01

 

Ein drittes allerdings ist ein regelrechtes Weihnachtsgeschenk gewesen und verschafft uns endlich ein weiteres gesichertes Portrait:

 

„Luise Büchner. Porträt in reiferen Jahren.“ Emilie Bieber. ÖNB Pf 16670:B (1)

 

 

Luise Büchner. Bekannte und vielfach veröffentlichte Grafik. Offenbar nach der jetzt aufgefundenen Fotografie. Hess. Staatsarchiv

 

Auf der Suche nach der Provenienz des Bildes hat die ÖNB höchst freundlich und sensationell schnell – noch am gleichen Tag – geantwortet. Mathias Böhm vom Bildarchiv schrieb mir: „Informationen zur Provenienz liegt uns nur folgende vor: 01.08.1947 von Graf Danholovsky (als Teil seiner Sammlung) übernommen.” und übermittelte einen Scan der Bildrückseite:

 

 

Rückseite der o.a. Fotografie mit versch. Vermerken. „16.670″ ist leider kein Datum, sondern die ÖNB-Signatur

 

Über Herrn von Danholovsky und seine Sammlung konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Ein paar Details zum Foto allerdings konnte ich mit Hilfe von Klaus Niermann aus Hamburg, der den Nachlass der Fotografendynastie Bieber verwaltet, inzwischen klären. Leider widersprach er meiner Vermutung, dass das Foto von einer Glasplatte gefertigt wurde, die Luise Büchner ganz abbildete – offenbar war es üblich, solche Visitenkartenfotos mit einem Filter aufzunehmen, der nur die Mitte des Portraits abbildete. Auch meine Hoffnung, das Negativ könne sich finden, konnte er nicht bestärken.  Mit Staunen lernte ich die Fotografin kennen – Emilie Bieber war eine selbständige, ledige Unternehmerin, die ihr Atelier zunächst zusammen mit einer Freundin gründete und dann jahrzehntelang erfolgreich und prämiert führte. 1877, nach 25 Jahren Tätigkeit, beschäftigte sie 30 Angestellte.

Agnes Schmidt weiß von einem längeren Hamburg-Aufenthalt. In einem ausführlichen Brief vom 26. Oktober 1873 schreibt Luise Büchner an Karl Gutzkow, dass sie „auf dem Hammerdeich .. bei Frau Wüstenfeld“ wohnte.  Der bedeutenden Hamburgerin hat wikipedia nur einen bescheidenen Eintrag gewidmet, etwas ausführlicher finden sich Informationen über sie, die zahlreiche Parallelen zum Leben und zur Arbeit Luise Büchners aufweisen, auf der website der nach ihr benannten Schule. Während dieses monatelangen Aufenthaltes traf Luise Büchner im Juli 1873 an der Ostsee auch die Schwester der Darmstädter Prinzessin Alice, die spätere Kaiserin Friedrich, Victoria von Großbrittanien und Irland, und ihren Mann, den späteren unglücklichen 99-Tage Kaiser, und im August war sie für drei Wochen auf Föhr.

Es steht außer Frage, dass  das jetzt neu gefundene Bild während dieser Zeit angefertigt wurde; das Bieber’sche Atelier war seit 1868 in den Räumlichkeiten am Neuen Jungfernstieg, die auf dem Foto als Adresse angegeben sind.

Kleiner Nachtrag: 

Agnes Schmidt schickt mir noch ein Zitat aus Luise Büchners Ratgeber für heranwachsende Mädchen („Über weibliche Berufsarten“):

„Was die Photographie anbelangt, so ist schon bekannt, dass sie sehr wohl durch Frauen ausgeführt werden kann und gibt es, namentlich in Norddeutschland sehr tüchtige Photographinnen. Sehr gesucht sind überdies Damen, welche Geschicklichkeit im Retouchieren besitzen. Wir machen auf diesen Zweig ganz besonders aufmerksam, denn es ist Tatsache, dass viele Photographen oft in Verlegenheit sind, weibliche Hilfe dafür zu finden”

 

 

von Peter Brunner

Peter Brunner

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13.12.2016

Zum Landboten bitte hier entlang

Ausnahmsweise gibt es hier statt des Beitrages nur einen link – für ihr Blogevent #MeinKlassiker habe ich Birgit Böllinger für Sätze und Schätze einen Beitrag über den Hessischen Landboten geschrieben. Zu ihrem Blog schreibt sie:

 „ … seit 2013 finden sich unter dem Titel „Sätze&Schätze“ die literarischen Sätze und Schätze, die sich in einem Leserleben ansammeln: Schwerpunkte liegen auf der Literatur der Weimarer Republik, nordamerikanischen Autoren sowie zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. Ab und an werden literarische Orte vorgestellt und Kunst geschaut, weil Lesen eben doch nicht alles ist…
Der Blog ist ein reines Freizeitvergnügen von Birgit Böllinger, Jahrgang 1966, im Hauptberuf Pressesprecherin einer Gebietskörperschaft in Bayern. Regelmäßig bringen auch Gastautoren frischen Wind und neue Ansätze auf die Seite, die sich mit Lust&Leidenschaft Sätzen&Schätzen der Literatur verschrieben hat.”

Die entstandene Reihe (sie schreibt ganz zu Recht, dass das ein Adventskalender hätte werden können …) ist auf charmante Art illuster und individuell – sowohl was die vorgestellten Texte wie was die Persönlichkeiten der Beitragenden angeht. Ich freue mich also sehr, wenn Sie jetzt erst meinen Beitrag

#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner

und dann auch alle anderen lesen!

Übrigens ist es ganz einfach, diesen Blog, Birgits „Sätze und Schätze“ und auch fast alle anderen, für die sich das lohnt, nicht aus den Augen zu verlieren: Blogs lassen sich (sehr gerne) abonnieren; meist mittels Anmeldung, die hier bspw. rechts unter „Registrieren“. Dann kommt nach jedem neuen Beitrag eine Erinnerungs-Mail. Das kostet und verpflichtet zu nichts!

 

von Peter Brunner

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7.12.2016

Der Gipfel des Ruhms

Filed under: Büchner,Publizistik — Schlagwörter: , , , — peter brunner @ 12:27

In Hessen wurde beschlossen, nicht das historische Ereignis der Proklamation Groß-Hessens durch die amerikanische Militärregierung am 19. September 1945, die Historiker bisher stets für den Gründungsakt des neuen Landes hielten, zu feiern, sondern den 1. Dezember 1946, an dem die neue Verfassung durch Volksabstimmung angenommen wurde. Kritische Stimmene behaupten, das sei einfach der Tatsache geschuldet, dass 2015 niemand früh genug an das Jubiläum erinnert habe …

Für die historische Perspektive allerdings, und das rechtfertigt den Termin, hat die vom Volk beschlossene Verfassung tatsächlich die größere Bedeutung behalten.

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Beuschergruppe im historischen Saal des IG-Farben-Hauses in Frankfurt, wo 1945 Eisenhower die Gründung von „Groß-Hessen“ proklamierte

Jetzt wird jedenfalls gefeiert, was das Zeug hält:

„Laut und lustig geht es dann wieder beim Elvis-Auftritt zu, inklusive hysterischer Mädchen. Elvis Presley (1935-1977) war von 1958 bis 1960 als Soldat in Friedberg stationiert. Etwas zu lachen gab es auch, als der Schauspieler und Kabarettist Michael Quast rund 20 Jahre hessische Geschichte in viereinhalb Minuten steckte. Mit einem Ausschnitt aus dem Theaterstück „Woyzeck“ wurde dem (sic – pb) Schriftsteller Georg Büchner (1813 – 1837) gedacht, dessen Geburtshaus in Riedstadt bei Darmstadt steht. Auch die Erinnerung an den Parade-Hessen und „Blauen Bock“-Moderator, Heinz Schenk, wurde wieder lebendig, als eine Aufzeichnung von „Es ist alles nur geliehen“ über die große Leinwand flimmerte.” (Offenbach-Post am 1.12.16 über die Feierlichkeiten am 30. 11. im Wiesbadener Kurhaus)

Der Erwähnung Büchners war es noch nicht genug. Im Artikel über das eigens zum Jubiläum geschaffene Sammelbilderalbum erwähnt ihn Viola Bolduan im Darmstädter Echo am 7. Dezember mitsamt seiner Familie ausführlich – in einem Parforceritt durch hessische Prominenz von den Grimms zu Paul Kuhn. Das „Medienbüro juststickit“ hat das Album auf Anregung der hessischen Staatskanzlei und unterstützt durch Mitarbeiter der Verlagsgruppe Rhein-Main unter Schirmherrschaft des hessischen Ministerpräsidenten herausgebracht. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Pustekuchen.

Dankenswerterweise hat das ECHO den Bericht von Frau Bolduan mit einer Auswahl der Bildchen illustriert, die da in Tütchen á 5 Stück unter die sammelwütigen Hessen gebracht werden – und dankenswerterweise auch das, unter dem „Georg Büchner“ steht.

 

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Ausriss aus dem Darmstädter Echo vom 7. 12. 2016

 

Das kennen wir nun leider gut, und wir müssen selbstkritisch akzeptieren, dass dieses Blog bestenfalls Brechts Formulierung „hat Vorschläge gemacht“ entsprechen kann. Hier wurde ja mehrfach und ausführlich (am gründlichsten von Jan-Christoph Hauschild) darauf hingewiesen, wie unwahrscheinlich es ist, dass wir dort Georg Büchner vor uns haben.  Im „Büchner-Portal“ von Burghard Dedner wird das Bild heute (als Illustration der Zeittafel „Darmstadt und Giessen 1833 – 1835″ mit der Bemerkung präsentiert: „Vermutlich im Dezember 1833 fertigt der spätere Frankfurter Theatermaler August Hoffmann die Zeichnung „Junger Mann mit Notenblatt“. Der darauf Dargestellte ähnelt dem unter dem Namen „Büchner im ‚Polenrock'“ bekannt gewordenen Porträt, das ebenfalls von Hoffmann stammt. Wahrscheinlich entstanden beide Zeichnungen etwa gleichzeitig. August Hoffmann war ein Schwager von Büchners Onkel Georg Reuß.“. So viel Platz ist halt beim besten Willen auf keinem Sammelbildchen.

Die Redaktion von juststickit schreibt mir:

Hallo Herr Brunner,

das Büchner-Bild stammt ja von August Hoffmann, der Büchner mit Bleistift gezeichnet hat.
Dass das Bild nicht ganz zweifelsfrei Büchner zeigt, steht ja auch im Wiki-Eintrag. 
Wir fanden das Bild, das wir letztlich verwendet haben, sehr schön. Beim Vergleich dieses Bildes, mit jenem, das Büchner zweifellos zeigt, fanden wir außerdem: Die Ähnlichkeit ist verblüffend.
Insofern haben wir beschlossen, den Sammlern ein Bild zuzumuten, das Büchner nur mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigt. Wir glauben: So oder so ähnlich wird er ausgesehen haben – und hoffen, wir liegen damit nicht ganz falsch!
Herzliche Grüße, bleiben Sie uns (hoffentlich) gewogen
Alexander Böker
Juststickit GbR
Medienproduktion

 

Wir hätten da einen anderen Vorschag:

 

panininichtbuechnerfrei

 

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von Peter Brunner

Peter Brunner

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