Zu den Erinnerungsstücken, die bei Nachfahren der Familie Büchner aufbewahrt werden und die ich in den letzten Jahren sichten und kopieren durfte, gehört auch ein unscheinbares und darüber hinaus beschädigtes Glasnegativ von etwa 10 x 20 cm Größe.

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Es handelt sich um die Fotografie eines aquarellierten Stammbaums der Familie Büchner. Das Originalbild des Darmstädter Theatermalers Hermann Schlegel (1860 – 1917) ist, wahrscheinlich im 2. Weltkrieg, verloren gegangen. Von der Glasplatte ist die linke obere Ecke abgebrochen und verloren. Schlegel, zu dessen Leben und Werk ich wenig herausfinden konnte, war ein Darmstädter (Theater-)Maler und, wie sich dessen Nachfahren erinnern, mit Fritz Büchner, ebenfalls einem Darmstädter Maler und Großneffe Georg Büchners, dem Enkel Wilhelm Büchners, befreundet.

Der Stammbaum zeigt die Generationenabfolge der Büchners seit Kilian Büchner (* 1575) und bietet keine neuen genealogischen Erkenntnisse. Ungewöhnlich ist, dass der Maler jeweils die Kinder als Seitenast darstellt, die weiter verfolgte Person dann am Hauptast wiederholt. Außerdem entspricht die Reihenfolge der Kinder nicht der ihrer Geburt. Die Datierung fällt ungewöhnlich leicht: Fritz Büchner heiratete 1911 Anna Julia Flückinger (1884 – 1954), 1913 wurde ihr erstes Kind, Karl Wilhelm Büchner (1913 – 1942) geboren. Die Ehefrau ist bereits eingetragen, das Kind noch nicht. Höchstwahrscheinlich ist der Stammbaum also in diesen wenigen Jahren, vielleicht anlässlich der Hochzeit der beiden am 20. Mai 1911, entstanden. Aufschlussreich für die Familienverhältnisse ist darüber hinaus, dass hier nur Ernst Büchners Nachfahren aus der ersten Ehe mit seiner Kusine Elisabeth Büchner gezeigt wird. Ernst Büchner hat 1885 in Berlin (?!) nach einer Scheidung Marie von Ferber geheiratet und mit ihr das gemeinsame Kind Anton Büchner (1887 – 1985), den ersten Chronisten der Büchnerfamilie, gezeugt. Diese Ehe und natürlich auch ihr Spross fehlen hier.

Die Halbbrüder Fritz und Anton Büchner haben sich nach dem Tod Ernst Büchners 1924 gelegentlich besucht; die lebenden Nachfahren erinnern sich an freundschaftlichen Umgangston der beiden.

Das Negativ ist eine schöne Erinnerung an einen verloren gegangenen Familienschatz.

Ich hatte jetzt die Gelegenheit, das Negativ einem Künstler zu zeigen, der sich regelmäßig mit der Kolorierung historischer schwarz-weiß-Fotos beschäftigt. Auf meine Anregung hin hat Doug Banks  das kleine Negativ wieder zum Leben erweckt und uns einen Eindruck davon verschafft, wie dieses schöne Bild einmal gewirkt hat.

 

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Bei Gelegenheit möchte ich eine kleine Dokumentation dieses Fundes mit Erläuterungen zu den dargestellten Personen und einem guten Druck der kolorierten Version des Aquarells veröffentlichen – Interessenten melden sich bitte per Mail oder Kommentar hier im Blog.

 *Grimm’sches Wörterbuch: „Stammbaum“

 

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von Peter Brunner