Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

29.3.2014

„God’s word on horse’s back“- vor 143 Jahren starb August Becker

Am 26. März 1871, vor 143 Jahren, starb in Cincinnati, Ohio, der deutsche Revolutionär August Becker.

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Der Markierungsstein des Friedhofsbereiches zu Beckers Grab
(Foto: M. Breidenbaugh)

Beckers unglaubliches Leben steht im Schatten Georg Büchners, dessen Freund und Mitverschworener er 1833 in Gießen war. Von 1835 bis 1839 saß er für die Mitarbeit am „Hessischen Landboten“ im Gefängnis. Seine Aussagen im Umfeld der Demagogenverfolgung zeigen ihn als klug. umsichtig und loyal. Erst nach deren Tod sagt er über die Genossen Weidig und Büchner aus, und die Aufzeichnungen dazu lesen sich wie Solidaritätserklärungen. Es ist Becker, auf dessen Aussagen sich bis heute die meisten Analysen über die Urheberschaft des Landboten beziehen; von ihm wissen wir, dass Weidig Büchners Begriff „die Reichen“ durch „die Vornehmen“ ersetzen ließ.

1839 wandert er nach Zürich aus, gründet einen deutschen Handwerkerbildungsverein und kommt in Verbindung mit einem „Propheten“ des Arbeiterkommunismus, Wilhelm Weitling.Der Glockenklang der Revolution ruft ihn zurück nach Deutschland, am Tag der Aufhebung der Pressezensur, am 6. März 1848, erscheint in Gießen sein „Jüngster Tag“ – Georgs Brüder Alexander und Ludwig sind eifrige Textlieferanten.

Nach dem Scheitern der Revolution ist er von 1849 bis 1853 gewählter Angeordneter im Darmstädter Landtag – im 50. und 51. Landtag 1849/50 sitzt er neben dem nächsten Büchner – Wilhelm Büchner ist ebenfalls Abgeordneter in den „Revolutionslandtagen“.

 

1853 droht ihm eine Anklage wegen Gotteslästerung; er soll gesagt haben, eine weitere Haft in Hessen könne er nicht ertragen. Er wandert in die USA aus, ist von 1861 – 65  unter Steuben Feldprediger (!) mit dem schönen Beinamen „God’s word on horses back“. Bis zu seinem Tod arbeitet er als Zeitungsmann; in Baltimore, New York, Washington und schließlich Cincinnati ist er Herausgeber deutschsprachiger Zeitschriften.

Nach langen Bemühungen ist es mir gelungen, Bilder von seinem Grab zu beschaffen, und ich bin Margaret Breidenbaugh aus Cincinnati sehr dankbar für ihre großartige Unterstützung dabei.

 

 

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Grabstein August Beckers (17. August 1812 – 26. März 1871)
(Foto: M. Breidenbaugh)

August Becker wird im neuen Programm der Büchnerbande eine Rolle spielen. Gerade eben las ich einen Brief von Fritz Hecker, einer anderen deutschen Revolutionsikone, an ihn, in dem die Gründung des Deutschen Reiches in Versailles am 18. Januar 1871 sehr viel kritischer beschrieben wird als in den meisten zeitgenössischen Quellen.

Eduard Leyh, selbst Amerika-Auswanderer und Publizist, nennt Becker in der Gartenlaube (12/1875) seinen „alten Freund und Mentor“ und zitiert ihn mit einer spannenden These zur amerikanischen Nationalhymne:

„ … er meinte, eine so herrliche Melodie könne gar kein Amerikaner erfinden, dieselbe sei entschieden deutsch. Als Beweis führte er den Endreim eines hessischen Soldatenliedes an, welcher lautet:

 

„Unser Landgraf, der soll leben, und die Landgräfin daneben!
Hesse-Darmstädter sein mir, ja Hesse-Darmstädter sein mir.“

Becker argumentirte nun, daß die damals von ihren sauberen Fürsten an die Engländer verschacherten Hessen dieses Lied auf amerikanischem Boden häufig gesungen hätten und die Melodie hier von den Amerikanern aufgegriffen worden sei. Thatsächlich herrscht zwischen dem Liede der Darmstädter Patrioten und dem Endreime unserer Nationalhymne große Aehnlichkeit und ich war immer geneigt, Herrn Becker in diesem Punkte Recht zu geben;

 

 

von Peter Brunner

20.3.2014

Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre

Filed under: Büchner,Feminismus,Geschichte,Luise Büchner,Texte,Volksbildung — peter brunner @ 12:33

Dies ist der dritte Teil von Luise Büchners Schilderung der Deutschen Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk

Luise Büchner: „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870” Leipzig, Thomas, 1875. Seiten 383 – 395

Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier
Teil II (SS 360 – 383) hier 

 

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Der „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

 

Im fahlen Morgenlicht gingen die Offiziere, die Proklamation des Königs in der Hand, von Barrikaden zu Barrikade und forderten die Kämpfer auf, die Waffen niederzulegen, aber sie hielten bald wieder inne, als sie die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen sahen. Mit lautem Hohn wurden die Versicherungen väterlicher Liebe, sowie auch die Versprechungen,

 

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welche die Proklamation enthielt, die von den Aufständischen, als von einer „Rotte von Fremden und Bösewichtern“ sprach, aufgenommen. Anstatt sich zu entwaffnen, bereitete man sich zu neuem äußersten Widerstande vor; die Färber setzten ihre wie Vitriolflaschen zurecht, sie auf die Soldaten aus zugießen, man drohte das Schloss in Brand zu stecken und Stimmen wurden laut, mit dem Rufe: Nieder mit Friedrich Wilhelm! – Im Schlosse war inzwischen doch die Stimmung umgeschlagen; den Berichten die Möllendorf’s Adjutant brachte, konnte man das Ohr nicht länger verschließen, man musste ihn glauben, dass 40.000 Mann der besten Truppen von dem Volke besiegt waren. Als nun am Morgen des 19. März wieder eine Deputation von Stadtverordneten erschien, gab der König ihren Bitten und denen der angesehensten Einwohnern der Stadt nach; er erlaubte ihnen in seinem Namen, dem Volke Frieden zu bringen. Das Ministerium dankte ab, Männer die das öffentliche Vertrauen besaßen, von Vink aus Westfalen, Beckerath aus Elberfeld, Auerswald und Schwerin wurden zu Ministern ernannt. Das Militär bekam den Befehl die Stadt zu verlassen, die vielen Gefangenen, die man in den letzten Tagen gemacht, sollten freigegeben werden.

 

Es war ein schrecklicher Moment für die Truppen als sie ihren Abmarsch begannen; am erbitterten war der Kampf gegen die Garde gewesen, deren adeliger Offiziere sich vielfach aufreizende Reden hatten zu Schulden kommen lassen, als sie jetzt mit klingendem Spiel abziehen wollten, zwang man Sie die Trommeln zu dämpfen und den Choleramarsch zu spielen. –

Vom Balkon des Schlosses herab versprachen der König noch einmal die Freilassung der Gefangenen, die wohl 200 an Zahl zum Teil schon nach Spandau waren gebracht worden, dann bat er, man möge ihm 1 Stunde ruhen können, aber sie sollte ihm nicht werden, denn die Menge,

 

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welche vor dem Schlosse wie ein Meer hin und her wogte, durchbrach jetzt ein langer, langer Trauerzug. Eine Anzahl von Männern trugen auf ihren Schultern sieben Bahren heran, darauf lagen unbedeckt die Leichen derer, die auf der Seite des Volkes gefallen waren, mit Kränzen von Immortellen und Immergrün geschmückt.

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

 

Tausende folgten entblößten Hauptes dem Zuge, und wo er an Militärabteilungen vorüberkam, mussten Sie Halt machen und das Gewehr präsentieren. So zog man unter den Klängen des Chorals: Jesus meine Zuversicht! durch den Schlosshof, auf den Schlossplatz, und stellten die Bahren dicht unter dem Balkon des Königs auf. Jetzt verstummte der Choral, Mann an Mann stand barhaupt und nun erscholl der tausendstimmige Ruf: „König heraus! Er muss die Leichen sehen!“ Es war eine markerschütternde, herzzerreißende Szene, ein Trauerspiel, wie kein Dichter es ergreifender erdenken kann, das sich jetzt hier abspielte. Zuerst zeigte sich Graf Schwerin auf den Balkon, nach ihm Fürst Lichnowsky, beide wollten sprechen, aber man hörte sie nicht oder wollte sie nicht hören; wie ein tosendes Meer brauste es fort und fort: „Der König soll kommen!“ Endlich erschien er, die Königin, tief in Trauerkleider gehüllt, an seiner Seite. Nun hoben sich, von starken Armen getragen, die Bahren empor, man riss die Kränze hinweg, dass die klaffende Wunden sichtbar wurden und die gebrochenen Augen dem Fürsten entgegen starten! – Furchtbar schön hat Freiligrah diesem Moment geschildert in seinem Gedicht: Die Toten an die lebendigen! Mit einer Wildheit und plastischen Kraft des Ausdrucks, wie es selten einen Dichter gelingt.

 

Die Kugel mitten in der Brust,

die Stirne breit gespalten,

so habt ihr uns auf blutgem Brett,

hoch in die Luft gehalten,

 

 

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Hoch in die Luft mit wildem Schrei,

dass unsere Schmerzgebärde,

dem, der zu töten uns befahl

ein Fluch auf ewig werde! Usw.

 

4, 5 mal versuchte der König zu sprechen, die Königin rang verzweiflungsvoll und bittend die Hände, in diesem Augenblicke wankte der Thron unter ihren Füßen! Gebieterisch verlangte jetzt die Menge, dass der König herabsteige in den Schlosshof und den gefallenen Söhnen des Vaterlandes seine Achtung bezeuge. Es war eine furchtbare Rache, die das Volk an seinem Königshaus nahm, welches es einst so heiß geliebt, das im aber so lange ausgewichen war, und ihm statt des Brotes einen Stein gegeben hat! Der König schwankte die Treppe herab, er entblößte sein Haupt vor den Leichen, er neigte sich vor ihnen, und die Königin, die dem Gemahl gefolgt war, die ihn in dieser schweren Stunde nicht verlassen wollte, sank ohnmächtig zusammen. –

Nachdem man so die Herrscher genugsam gedemütigt, wurden die Leichen bis zu ihrer Bestattung in die Werder’sche Kirche gebracht. Diese Szene hinterließ einen mächtigen Eindruck, die Minister verkündeten jetzt laut, es werde alles geschehen, was das Volk wünsche, und der König erklärte bald danach einer in den Lustgarten zusammen berufen Bürgerversammlung feierlich: „ich lege die Bewachung und die Sicherheit Berlins in die Hände der Bürger; ebenso mein Leben und meine Sicherheit, wollen Sie sich bewaffnen, so sollen Ihnen die Militär-Waffenvorräte ausgeliefert werden!“

Im Nu war nun eine bewaffnete Bürgerwehr gebildet; am Abend desselben Tages illuminierte man die Stadt und die Bürgerwehrmänner, jetzt wieder ganz loyal gesinnt, riefen: „Wer nun unserm König ein Haar krümmen will, dem schlagen wir die Knochen entzwei!“

 

Aber dies alles konnte den Eindruck nicht verwischen,

 

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das der Bogen überspannt gewesen; Friedrich Wilhelm konnte nach solchen Vorgängen nicht gut mehr König bleiben. Entweder musste die Volkspartei weiter gehen und ihn zur Abdankung nötigen, oder er musste es aus freier Entschließung tun, wie König Ludwig von Bayern. Nichts von beidem geschah; auch in Berlin blieb die Bevölkerung trotz ihres Triumphes vor deThrone stehen, man bildete sich ein, der gedemütigte Monarch sei jetzt ein anderer geworden und er selbst teilte vielleicht diese Vorstellung. Im innersten Herzen aber konnte er nun und nimmermehr vergessen, wie tief er einen Augenblick von seiner gottbegnadeten Höhe herabgesunken war. Friedrich Wilhelm war kein Engel, sondern ein Mensch und niemand kann es ihm verargen, wenn er von da an die Revolution, die Volkssouveränität und alles, was damit zusammenhängt, noch tödlicher hasste als zuvor – dies war ein großes Unglück, für Preußen nicht allein, sondern für die ganze deutsche Nation. – Des Königs Bruder, der Prinz von Preußen, der jetzige Kaiser, der wunderbarerweise die Früchte jener furchtbaren Tage ernten sollte, war vor dem Unwillen des Volkes nach England geflohen, von wo aus er, wie verbürgte Quellen melden, die Situation Preußens und dessen Mission im rechten Lichte zu sehen begann, umso mehr, als seinem entschlossenen Wesen schon früher der Gedanke nahe lag, Preußen könne im nationalen Sinne wirken. Schon gleich nach dem Sturze Louis Philipps hatte er gewollt, sein Bruder solle sich an die Spitze der deutschen Ereignisse stellen. Am 20. März erschien die Erklärung einer allgemein erwarteten Amnestie für alle politischen Gefangenen und Verbannte; sie kam namentlich den Polen zugute, deren, von Unruhen in Posen her, über 90 verhaftet waren. Sie wurden jetzt im Triumph in der Stadt herumgeführt und getragen, Lebehochs ertönten auf die deutsche und die polnische Freiheit, und man begab sich wieder vor das

 

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Schloss, auch dem König ein Lebehoch zu bringen, wobei der polnische General Miroslawsky auf einem Wagen stehend, eine deutsche Fahne schwang. So träumte man man auch in Berlin im ersten Freudenrausche von einer totalen Umkehr der Zeit, einer Tilgung jeder staatsmännischen Ungerechtigkeit. –

Selbst der König sollte, trotz des Grässlichen, was er erlebt, den allgemeinen Überschwang der Gefühle teilen, hatte er auch kaum Zeit, um ruhig wieder zu sich selbst zu kommen. Auch scheint es, als ob das drängende Gefühl, seine Würde einigermaßen zu retten, ihn nun veranlasste, auch irgendetwas selbständig zu tun, wozu ihn niemand zwang, und was als sein eigenster Entschluss gelten konnte. –

In der Nacht des 20. März bemächtigte sich seiner Seele die Vorstellung, durch seine Hand ein vereinigtes Deutschland zu schaffen, ein Gedanke, der in der Tat, wenn er ihn auszuführen mutig genug war, ihn die ganze Nation wieder versöhnen, im selbst das Gefühl seiner Würde zurückgeben konnte. Höchst überraschend erschien am 21. März morgens 9 Uhr eine nicht unterzeichnete Kundgebung an die deutsche Nation. Sie lautete: „Eine neue glorreiche Geschichte hebt mit dem heutigen Tage für euch an. Ihr seid fortan wieder eine einzige große Nation, stark, frei und mächtig im Herzen von Europa! Preußens Friedrich Wilhelm IV. hat sich im Vertrauen auf euren heldentigen Beistand und eure geistige Wiedergeburt zur Rettung Deutschlands an die Spitze des Gesamtvaterlandes gestellt. Ihr werdet ihn mit den alten ehrwürdigen Farben deutscher Nation noch heute zu Pferde in eurer Mitte erblicken. Heil und Segen dem konstitutionellen Fürsten, dem Führer des gesamten deutschen Volkes, dem neuen Könige der freien wiedergeborenen deutschen Nation!“

Während man mit Staunen dies las, und die Studierenden

 

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durch den Minister, Grafen Schwerin, und den Rektor der Universität die Mitteilung erhielten, der König werde ein deutsches Parlament berufen und sich alsbald mit den deutschen Farben geschmückt in den Straßen zeigen, er erwarte, dass sich die akademische Jugend um ihn scharen werde, erschien eine königliche Kundgebung, von Friedrich Wilhelm und seinen Ministern unterzeichnet, die sich ganz im Sinne der ersten Mitteilung aussprach. Es hieß darin, dass Deutschland, welches überall in Gärung begriffen sei, den ihm drohenden Gefahren nur durch die innigste Vereinigung seiner Fürsten entgehen könne, unter einer Leitung, dann fuhr das Schriftstück weiter fort: „ich übernehme heute diese Leitung für die Tage der Gefahr. Mein Volk wird mich nicht verlassen, und Deutschland wird sich mir mit Vertrauen anschließen. Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen, und mich und mein Volk unter das ehrwürdige Banner des Deutschen Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf!“ Im weiteren Verlauf enthielt die Proklamation die Zusage aller Wünsche, die man schon lange für ein einheitliches Zusammengehen ausgesprochen.

 

Der König bereitete sich nun auch wirklich zu dem versprochenen Umritte durch die Stadt vor; er erschien zuerst auf einem Balkon in voller Uniform, ein schwarz-rot-goldenes Band um den Arm geschlungen, und verlangte eine deutsche Fahne, die schon bereitstand, und die man ihm hinaufreichte; damit kann er hinunter in den Schlosshof, bestieg sein Pferd und erbat sich die Begleitung einiger Männer aus der Stadt, denn er wolle, die er sagte: „mit seinem Volke reden“.

So bildete sich rasch ein kleiner Zug, hinter ihm her ritten die Prinzen – alles mit den deutschen Farben geschmückt. Noch im inneren Schlosshof sagte er zu den Umstehenden, dass er sich zur Rettung der deutschen Freiheit be-

 

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rufen fühle: „ich schwöre zu Gott, dass ich keine Fürsten vom Thron stoßen will, aber Deutschlands Einheit und Freiheit schützen. Sie muss geschirmt werden durch deutsche Treue. Soll Deutschland nicht in diesem Augenblick verloren gehen, so muss ich mich als sein mächtigster Fürst an die Spitze der ganzen Bewegung setzen. Ich hoffe, alle Deutschen werden sich um mich scharen. Ich schwöre es, ich will nichts, als das vereinigte Deutschland, auf den Grundlagen einer aufrichtigen konstitutionellen deutschen Verfassung!“ –

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

 

So sprach der Mann, der gerade jetzt, unter dem Eindruck der Berliner Ereignisse, der unpopulärste Fürst Deutschlands geworden war, an dessen Versicherung niemand glaubte und seine Preußen am wenigsten. Zwei Wochen früher, so gesprochen, hätte ihn, trotz der Unklarheit seiner Anschauungen, der unermessliche Jubel der deutschen Nation zum deutschen Kaiser ausgerufen! Nun hielt er seinen Königsritt durch die Berliner Straßen und stand öfter stille, um längere Anreden an die Umstehenden zu halten; am längsten hielt er an der Universität, wo ihm die Studenten das Reichsbanner vortrugen; ihnen sagte er unter anderem: „ich trage Farben, die nicht mein sind, aber ich will damit nicht usurpieren, merken Sie sich das, meine Herren, schreiben Sie es auf, dass ich nichts will, als deutsche Freiheit und Einheit!“ Unter dem Jubel der Bevölkerung endete dann dieses Schauspiel, denn mehr war es nicht, und Berlin bereitete sich jetzt vor, einer ernsten Pflicht Genüge zu leisten, und seine Toten zu bestatten.

 

Die meisten der Verwundeten hatte die Königin in das Schloss bringen lassen, wo sie in prächtigen Zimmern gebettet lagen und unter der Oberleitung der Königin aufs Trefflichste verpflegt wurden Am Abend des 22. sollten die Leichen der auf der Seite des Volkes Gefallenen feierlich und

 

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gemeinsam bestattet werden. Die Leichen der Soldaten waren heimlich und bei Nachtzeit die Spree hinab auf Kähnen fortgeführt worden; es sollte nicht bekannt werden, wie groß die Zahl der Toten war. Für die anderen war im Friedrichshain eine ungeheure Grabstätte vorbereitet worden; 42 Gefallene hatte man bereits einzeln beerdigt, die übrigen befanden sich alle in der Hedwigskirche, wo zuvor eine großartige Totenfeier stattfand. Um einen riesigen Katafalk standen 183 Särge gereiht, unter den Leichen befanden sich fünf Frauen und zwei Knaben von zwölf Jahren. Die ganze Stadt war mit Reichsfahnen geschmückt welche Trauerflor umhüllten; sie schmückten das Schloss, wie auch das niedrigste Häuschen, und die Monumente der toten Patrioten, Blücher’s, Scharnhorst’s, Bülow’s usw. Wundervoll waren die Särge geziert, selbst der Ärmste hatte sein Blümchen oder seine Schleife dargebracht, während die Angehörigen ja nur dadurch noch ihren Schmerz bekunden konnten. Besonders pracht- und liebevoll sah man die Sarkophage des Referendar Lansky, des Studenten von Holztendorf, und des Studenten Weiß dekoriert.

 

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Der „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

Als jetzt die Feier begann, erklang zuerst wieder der Choral: Jesus meine Zuversicht, untermischt von Tränen und Schluchzen, die aus jedem Auge, aus jeder Brust sich stürmisch hervordrängten. Dann sprachen nacheinander der katholischen, der protestantische und der jüdische Geistliche und segneten die Leichen ein. Der Zug, der sich dann bildete war eine Meile lang und er brauchte vier volle Stunden, um bis zum Friedrichshaine zu gelangen; über ½ Million Menschen waren bei dieser Feier versammelt.

 

Borsig, der große Maschinenfabrikant, führte selbst seine Arbeiter an, die Schriftsteller kamen als Corporation, unter einer gemeinsamen Fahne und bei der Universität ging der greise Alexander von Humboldt. Nur drei Uniformen

 

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befanden sich in dem Zuge und kein Ordensband wurde sichtbar, als das des eisernen Kreuzes.

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Auf dem  „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

 

Auch die in Berlin befindlichen Polen und Italiener hatten sich mit ihren Nationalfahnen angeschlossen, und hinter den einzelnen Särgen gingen die Angehörigen der Gebliebenen, die Witwen, Waisen und näheren Anverwandten. Sie alle trugen Blumensträuße, die man ihnen aus den Hofgarten zugeschickt hatte, und eine Menge Deputationen, die aus preußischen Städten zu der Leichenfeier gekommen waren, hatten sich mit ihren Emblemen und Fahnen dem Zuge angeschlossen. Unter den Geläute aller Glocken bewegte er sich langsam durch die Straßen und wo er hinkam, blieb kein Auge trocken; auf dem Balkon des Schlosses stand wiederum der König und ließ entblößten Hauptes die Opfer, welche er seinen Glauben an das Gottgnadentum gebracht, an sich vorüber tragen. Auf dem Friedhofe war wieder ein Altar errichtet und aus der Mitte des ungeheuren Grabes, welches die Mitstreiter der Gefallenen selbst gehöhlt hatten, ragte ein Mast mit einem verschleierten deutschen Adler an der Spitze. Am Altar hielt Prediger Sydow die Gedächtnisrede und hob hervor, dass, die hier gefallen, nun mit ihrem Blut besiegelt hätten, was ihre Väter um 1813 begonnen. Aus dem Grabe herauf töne der Ruf: Friede, Eintracht, Liebe! Nachdem noch ein Volksmann gesprochen, segnete der Bischof Leander die Särge, die jetzt eingesetzt waren, noch einmal ein, und die Schützengilde gab ihnen drei Salven mit ins Grab. – Für 150 Witwen übernahm der Staat die Sorge, alle Bewohner der Hauptstadt trugen noch 14 Tage lang Trauerkleider, und die Stadtverordneten, wie der Magistrat erklärten in verschiedenen Ansprachen, dass sich die gefallenen Kämpfer um das Vaterland wohl verdient gemacht. Während aber die Glocken Berlins die ganze Feier mit ihren

 

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Klängen begleiteten, tönten sie zur selben Stunde von allen Türmen der preußischen Städte, überall waren Trauerfeierlichkeiten zu Ehren der Berliner Gefallenen veranstaltet, am großartigsten beging man dieselben in Köln im altehrwürdigen Dome.

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Auf dem „Friedhof der Märzgefallenen“ in Berlin. März 2013

 

So bildete der Berliner Straßenkampf den furchtbar ernsten Schluss einer Revolution, die so urgewaltig und unwiderstehliche im Süden Deutschlands begonnen, und erst im Norden, in dem Staate auf den es zumeist ankam, durch blutige Opfer erkauft werden musste. Nun erst hielt sich Deutschland für völlig befreit von den finsteren System, das seit 30 Jahren auf ihm gelastet, und diese Empfindung rief eine Stimmung hervor, wie sie kaum wieder einmal so allgemein, so rein und ideal, so begeistert, einer Nation, einem Teile der Menschheit, möglich sein wird. Wer diese Zeit nicht selbst mit vollem Bewusstsein durch empfunden, kann sich nicht leicht eine Vorstellung davon machen, welche Seligkeit auf eine kurze Minute jede Brust durchbebte. – Wir haben ähnliches bei den Siegen von 70 und 71 erliegt, aber es reicht doch nicht an das heran, was damals auf einen unvergesslichen Augenblick das deutsche Herz durchzuckte. Es war als ob wirklich mit einem Zauberschlage ein goldenes Zeitalter der Menschheit angebrochen wäre, als ob ein ewiges Band der Liebe, des Friedens, des Einverständnisses alle Geister vereinigen werde, als ob Schillers Wort: Seid umschlungen Millionen! eine Wahrheit geworden! Jeder Groll, jeder Hader waren vergessen, Freund und Feind umarmten einander, ja, es gab eine Sekunde lang keinen Raum für das Böse und das Schlechte. Von den Kerkern fielen die Schlösser und Riegel, aus den entferntesten Gegenden kehrten die seit langen Jahren Verbannten freudestrahlend zurück zu der geliebten Heimaterde! – Man musste eben zuvor den ganzen Schmerz, die ganze Schmach und

 

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Schande der vorhergehenden Jahre in sich aufgenommen und durch gekostet haben, um jetzt die heiligste Freude zu empfinden, über diesen plötzlichen Sieg des Wahren, Guten und Gerechten über Tyrannei, Lüge, Heuchelei und Gemeinheit. – Hätte man nur über diesen idealen Schwung, der uns ja aber alle erfasst hatte, die Wirklichkeit nicht zu sehr aus dem Auge gelassen, oder hätte ein Gott die Welt eine Stunde lang können stille stehen machen, um sie zuerst wieder neu einzurichten! Wie sollte die neuen Ideen Gestalt und Leben annehmen, während überall die alten Formen noch aufrecht standen, die alten verknöcherten Kräfte wirksam und tätig geblieben, der alte Geist nur einen Augenblick gebannt, doch noch lange nicht verstorben war, und nach dem Gesetze der Trägheit und Gewohnheit bald wieder seinen früheren Platz einnahm. Es erging fast jedem einzelnen in der Nation, wie dem Könige von Preußen. Er wollte sich an die Spitze Deutschlands stellen, aber keinem Fürsten ein Haar krümmen, so wollten auch alle das bessere, aber Niemand sollte irgendetwas dabei verlieren. Um dieses Chaos zu lichten, zu ordnen, der jungen Freiheits-Pflanze nun erst Luft und Licht zur Weiterentwicklung zu schaffen, dazu bedurfte es fast übermenschlicher Kräfte, jedenfalls gehörten die genialsten, die umsichtigsten, die entschlossensten Staatsmänner dazu. Wo aber sollte man sie in Deutschland, das seit Jahren keine großen Männer aufkommen ließ, finden? Leider nirgends! Auch sie mussten erst erwachsen und erzogen, mussten stark und unbeugsam werden durch die nun erst recht beginnenden, neuen und langwierigen Kämpfe, denn unter geistigem Druck verkümmert ein Volk, erst die Bewegung, der Streitmacht seine Bürger kräftig und klar. Wir mögen es so recht an diesem Beispiel erkennen, wie die Menschheit, selbst bei ihrem höchsten Aufschwung, noch unter der Gewalt und Notwendigkeit des Naturgesetzes steht, welches niemals mit

 

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einem Zauberschlage neue, vollendete Bildungen hervorruft, sondern diese erst aus den kleinsten Anfängen sich allmählich heraus entwickeln lässt. Wir dürfen darum diese ganze glorreiche Revolution von 1848 heute nicht anders betrachten, als wie die erste Keimzelle unserer endlichen Einheit und Freiheit, aber in dieser ersten Zelle, in diesem ersten organischen Keime war schon alles und alles enthalten; er wuchs und entfaltete sich, er grünte und knospte, bis er unter Regen und Sonnenschein zum jungen Baum wurde, der seine Zweige jetzt über uns breitet, und den zu hüten und zu pflegen, damit er die noch fehlenden Blüten treibe, die höchste Aufgabe der Nation für Ihre Gegenwart und Zukunft ist. Von diesem Standpunkte aus werden wir denn nun auch die folgenden Ereignisse betrachten, weniger die einzelnen Menschen und Träger der Politik, als die Verhältnisse anklagend, denen jene oft nicht gewachsen waren und es auch häufig nicht sein konnten. –

 

 

von Peter Brunner

18.3.2014

„Wenn nur der Nagel hält, dass die Fahne nicht herunterfällt!“

Filed under: Büchner,Feminismus,Geschichte,Luise Büchner,Texte — peter brunner @ 19:09

Hier wie angekündigt der zweite Teil von Luise Büchners Text über die Revolution von 1848, entnommen ihrem Werk Luise Büchner: „Deutsche Geschichte von 1815 – 1870” Leipzig, Thomas, 1875. Seiten 360 – 383

Teil 1 (SS: 337 – 360) findet sich hier


Teil III hier  

 

Deputationen aus anderen hessischen Städten fanden sich gleichfalls in Darmstadt ein, aber man zögerte dort, irgendetwas zu bewilligen, stattdessen trat der Prinz Emil, ein Bruder des Großherzogs und entschiedener Freund Österreichs, schnell eine höchst verdächtige Reise nach Wien an. In dieser Zwischenzeit war es, wo in Offenbach ein geflügeltes Wort, welches man nachher unzählige Male auf die März Revolution angewendet hat, laut wurde. Bei Gelegenheit eines Festmahl alles ließ man dort vor einiger Weise eine deutsche Fahne wehen, was die Polizei sehr übel nahm, den Arbeiter, der die Fahne befestigt hatte, vorlud und durchaus von ihm wissen wollte, was er sich dabei gedacht habe, worauf jener die klassische Antwort gab, er habe gedacht: „wenn nur der Nagel hält, dass die Fahne nicht herunterfällt!“ – Der Nagel von 1848 hielt damals nicht, seitdem ist aber ein stärkerer eingeschlagen worden. Als die Bewegung mit jeder Stunde wuchs – in Mainz hatte zieht’s am 4. März in einer Bürgerversammlung erklärt: „unser Wechsel läuft schon 30 Jahre, dennoch wollen wir noch drei Tage gewähren, dann aber ziehen wir nach Darmstadt“, da berief man eiligst den damaligen Erb Großherzog von München zurück, wo dieser bei seinem Schwiegervater weilte, und gerade den letzten Akt der Lola-Komödie mit hatte abspielen sehen. Kaum wussten die Liberalen Kammermitglieder, und ihr damaliger Führer ihnen voran, Heinrich von Gagern, der jetzt dort wieder seinen

 

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Platz innehatte und in welchem das hessische Volk seinen Retter und Befreier erblickte, die Bewegung bis zur Rückkehr des Fürsten niederzuhalten. Gleich nach derselben wurde er zum Mitregenten seines alten Vaters ernannt, und erließ sodann das Edikt vom 6. März, durch welches alles verheißen und versprochen wart, was man forderte.Der Freiherr du Thil wurde entlassen und Gagern,

der des höchsten Ansehens genoss, dem man fast die Pferde aus spannte, als er am 6. März von Heidelberg zurückkehrend, durch die Straßen fuhr, zum Minister ernannt. –

Weniger rasch verliefen die Dinge in Kurhessen; dort war der halsstarrige Sinn des Fürsten wie immer zum äußersten Widerstand entschlossen und für den Fall, dass sein eigenes Militär sich unzuverlässig zeigen sollte – eine Befürchtung, zu der er allen Grund hatte – rechnete er auf preußische Hilfe. Auch dort ging die erste Bewegung nicht von der Residen sondern von Hanau, der zweiten Stadt des Kurfürstentums aus; auf höheren Befehl von Kassel sollte dort schleunigst die Bürgerwehr, welche sich, wie dies aller Orten geschah, rasch gebildet hatte, entwaffnet werden, aber diese widersetzte sich diesem Vorhaben und eine Deputation begab sich nach Kassel um Ihre Wünsche vorzubringen. Doch gelang es derselben nicht, den Widerstand des Fürsten zu brechen. Als nun Tag um Tag verging und die Hanauer Deputation immer nicht zurückkehrte, bereitete man in Hanau wie in der ganzen Umgegend einen großartigen bewaffneten Zug nach der Residenz vor; an der Spitze desselben standen die Hanauer Turner. Diese Turner, denn auch die Neubildung von lange verpönt gewesenen Turngemeinden begleitete die deutsche Erhebung, organisierten den Widerstand ganz militärisch. Sensen und Piken wurden geschmiedet, dreifarbige Fahnen und Schleifen durch die Frauen ausgeteilt, und an dem Jubel, die sich nun in dem Großherzogtum Hessen erhob, entzündete sich der Widerwille gegen das Regiment des Kur-

 

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fürsten noch heftiger.Schon sprach man laut davon, denselben zu verjagen, die beiden Hessen wieder unter einem Fürsten zu vereinigen, und schamrot blickten die begeisterten Kurhessen auf das großartige Fest, welches gerade in diesen Tagen die Mainzer vorbereiteten, um den Sieg der Freiheit zu feiern. Die ganze Stadt wurde glänzend beleuchtet, ein Fackelzug von tausenden bewegte sich durch die Straßen mit dem Bürgermeister und Gemeinderat an der Spitze, vom Balkon des Theaters herab hielt Zitz eine begeisterte Ansprache an die Versammelten, in die er für die errungenen Güter dankte, und dann alle zum feierlichen Schwur aufforderte, mit Glut und Blut an ihnen festzuhalten. 1000 stimmig, mit erhobenen Armen, wurde dieser Schwur ihm nachgerufen zum Sternenhimmel empor, während die bengalischen Flammen, welche den alten, ehrwürdigen Dom beleuchteten, die enthusiastischen Gruppen mit rot glühendem Lichte umhüllten. – Von gleichem Enthusiasmus getragen, riefen jetzt auch die Hanauer, und alle die sich ihnen angeschlossen hatten: „Sieg oder Tod!“ Schon war die Hanauer Deputation nach langen, vergeblichen Bemühungen im Begriff Kassel wieder zu verlassen; dies sollte das Signal zum Angriff auf die Residenz, die sich selbst schon in wildester Gärung befand, geben; schon heulten die Sturmglocken, schon machte sich jedermann bereit, da – in der letzten Minute, kam Befehl von Wilhelmshöhe, die Hanauer zurückzuhalten, man wolle mit Ihnen unterhandeln. So fügte sich denn auch der Kurfürst endlich in das unabänderliche. Sein verachteter Minister Scheffer entfloh, vom Land Volke bis über die Grenze verfolgt, nachdem er sich tagelang versteckt gehalten, alle dessen Kreaturen wurden entlassen, und der Märtyrer Jordan, der so schwer gelitten, im Triumphe wieder in die Kammer geholt und ihm seine Professur zurückgegeben. hier wie überall traten dann in der an die Stelle des Widerstandes Illu-

 

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minationen, Fackelzüge, Feuerwerke, und die lautesten Ausbrüche der Freude. –

 

Gleichzeitig mit Kurhessen hatte auch Nassau seine Revolution, seine Ministerwechsel, wie die Bewilligung seiner Forderungen und unaufhaltsam in die Bewegung auf Norddeutschland über. In der Regel machte eine bedeutende Nachbarstadt der Residenz den Anfang, wie wir es schon einige Male gesehen, bis dann die Letzteren mit ergriffen worden. In Sachsen gegen Leipzig mit Biedermann, Robert Blum und Arnold Ruge an der Spitze voran. Auch dort versuchte man zuerst von Dresden aus Widerstand, dann folgte Ministerwechsel und Nachgeben. In Hannover, wo ein nicht minder halsstarriger Fürst als in Kurhessen regierte, wehrte man sich gleichfalls ein Weilchen, da zogen am 17. März die Göttinger Studenten gegen Hannover aus, am 18. wurde Bürgermeister Stüve von Osnabrück zu Minister ernannt, und am 19. war wie überall alles voll Jubel und Freude, das siegende Volk ahnte freilich nicht, mit welch arger Tücke man gerade in Hannover sich notgedrungen, nur für den Augenblick liberal und national gesinnt gebärdete.

 

Das in den kleineren Staaten die Revolutionen nun auch einander Schlag um Schlag folgten, dass sie wie reife Birnen vom Baum fielen, konnte nicht fehlen; man stand des Morgens mit einer Revolution auf und legte sich mit einer andern nieder, und nur Toren, so meinte man, konnten noch zweifeln, dass nun Deutschland vollständig und für immer den Absolutismus und den Partikularismus besiegt habe. Am entschiedensten mussten natürlich die Umwälzungen in den drei größten deutschen Staaten werden, in Bayern, Preußen und Österreich. – Trotz der schönen Erfolge war alles verloren, wenn es dort ruhig blieb; aber

 

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Von dem ersten Staate hatte man dies nicht zu fürchten, denn schon im Februar waren ja dort, infolge des Lola-Regimente, neue Unruhen ausgebrochen. – Seit einem Jahre nun beherrschte die schöne Gräfin Landsfeld den König und mit ihm das ganze Land ihr Haus war der Sammelplatz junger Männer, meist Studenten, welche eine neue Verbindung, die Alemannia, gegründet hatten, und sich für volks- und freisinnig, wie auch jesuitenfeindlich aus Sie durchschwärmten und durchtranken die Nächte mit der schönen und originellen Dame, die sich nebenbei ganz ernstlich in die Regierungsgeschäfte einmischte, Bittschriften, Anstellungsgesuche und dergleichen entgegennahm, und nach Lust und Laune Gnaden und Ämter austeilt Daraufhin erklärten die übrigen Studenten die Alemannia, Lolas Garde,. in Verruf, wofür sich die Regierung durch Bedrückung der übrigen Chors rächte und es ihnen verbot am Grabe des alten Görres, der den Tag von Deutschlands Wiedergeburt nicht mehr erleben sollte, sondern am 29. Januar 1848 gestorben war, zu singen. – Darüber entrüstet kam es nun auf offener Straße zu Reibereien und Tätlichkeiten zwischen den verschiedenen Studierenden, die endlich einen Volksauflauf nach sich zogen. Die Gräfin mischte sich in den Tumult und verließ, mit einer Pistole bewaffnet, ihren Wagen, der sie in die Mitte der Streitenden gebracht hatte, aber kaum wurde sie von der Menge erkannt, als sie sich schon umringt und verfolgt sah; die Pistole, mit der sie dagegen drohte, konnte ihr nicht viel nützen und mit knapper Not flüchtete sie sich in eine nahe Kirche. Nur durch eine starke Gendarmeriemacht konnte sie von da nach der Residenz, dem Königsschlosse, gebracht werden während ihr Haus, welches man niederzureißen Anstalten machte, umstellt wurde. Erzürnt über diese Dinge und von seiner schönen Freundin aufgeheizt, ergriff der König die verhängnisvolle Maßregel, die Univer-

 

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sität – man befand sich erst im Februar – bis zum Oktober zu schließen. Alles geriet außer sich darüber, die Bürgerschaft sah sich ihres Broterwerbs beraubt, die Studenten waren in höchster Aufregung, aber jede verständige Bemühung den Sinn des Königs zu brechen, blieb vergeblich und als nun die Studenten sich in einem großen Zuge vor das Haus des Fürsten Wallerstein begraben, um, er war Vorstand des Unterrichtswesens und hatte sich in den letzten Tagen gütig und liberal gegen die jungen Leute gezeigt, Abschied von ihm zu nehmen – wurden sie ohne weiteres durch die Gendarmen auseinander gesprengt. Nun beschloss der Stadtrat noch einmal den König persönlich Vorstellungen zu machen; sie verlangten die Wiederherstellung der Universität und – dies bildete freilich den Schwerpunkt ihres Verlangens – die Ausweisung der Gräfin Landsfeld. Hinter ihnen standen der Adel und das Militär, welche Letzteren Lola Montez gleichfalls bitter hassten. Der König war in Verzweiflung; er wollte es lieber aufs äußerste ankommen lassen, als sich von seiner Freundin trennen, aber bald musste er sich überzeugen, dass im Falle eines Kampfes sich auf die Truppen nicht verlassen konnte. Als ihnen Lola, während sie in den Straßen aufgestellt wurden, Erfrischungen heruntersandte, schlugen sie dieselben aus, und nahmen nur das an, was ihnen von den Bürgern gebracht wurde. Schon fing man an Barrikaden zu bauen, Sturm zu läuten; und die Kunde kam, dass in Augsburg sich die Bürger breitmachten, nach München zu ziehen, um den dortigen Bürgern zu helfen – da endlich gab König Ludwig nach. Aber Lola war so leicht nicht zu überwinden; sie machte, ehe sie ihre Sache aufgab, erst noch einen Versuch in das Schloss zu dringen, doch die Tore desselben waren fest geschlossen, und unter dem Wutgeheul der Menge, verfolgt von Steinwürfen und Schimpfreden entkam sie mit knapper Not, nur durch die Geschick-

 

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lichkeit ihres Kutscher noch glücklich aus der Stadt. Der König suchte zu scherzen, er sagte: „hätte sie nicht Lola Montez, sogar Loyola Montez geheißen, sie wäre noch ruhig in München“, aber im Herzen war er tief betrübt und verletzt. In solcher Stimmung trafen ihn dann die März Tage, die von dem ohnehin noch tief erregten Volke umso stürmischer in Szene gesetzt wurde. Dem verhassten Minister Berks, einer Kreatur der Lola, wurden alle Fenster eingeschlagen, und als der König den uns schon bekannten Forderungen Widerstand, und Fürst Wrede – jetzt bedurfte man ja des Volkes nicht mehr gegen die Lola – sich ernstlich anschickte, bewaffneten Widerstand zu leisten, wurde das Zeughaus gestürmt, die Münchner bewaffneten sich und zum zweiten Male sah sich Bayerns König genötigt, sich der Volkssouveränität zu beugen, wenn er es nicht bis zum Äußersten wollte kommen lassen. Er fügte sich, aber während ihn jetzt anstatt der Drohungen lauter Jubel umbrauste, das Militär den Eid auf die Verfassung leistete, und sein ganzes Land in Wonne schwamm, zehrte ihm der Gram am Herzen. Am 20. März drang plötzlich die Nachricht in das Publikum, König Ludwig I habe zu Gunsten seines Sohnes Max II, abgedankt. Niemand wollte daran glauben und doch war es wirklich so. Der König ließ öffentlich erklären, er habe seit 23 Jahren nach Grundsätzen regiert, die er für die richtigen gehalten; nun sei er gezwungen geworden, Versprechungen zu machen, die er nicht zu halten im Stande sein werde, er sehe sich darum genötigt, seine Krone niederzulegen. Dies war ehrlich gesprochen und jedenfalls, mögen auch die Beweggründe gewesen sein, welche Sie wollen, hat Ludwig von allen deutschen Fürsten am meisten seine Ehre gewahrt, indem er sich nicht in den Fall brachte, das wieder verleugnen zu müssen, was er in der Stunde der Gefahr zugesagt und beschworen hatte. Er konnte nun wieder frei

 

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der Kunst wie der Poesie leben, und die Bayern betrauerten in aufrichtig, trotz der großen Mängel und Schwächen seiner Regierung. Lange erhielt sich im Volkje die Vorstellung, man habe ihm von Seiten der Pfaffen zur Entsagung gezwungen, weil er ihnen nicht mehr gehorcht habe, aber von den Münchner Ereignissen hinweg, richtete sich jetzt das Hauptinteresse Deutschlands auf die beiden wichtigsten Revolutionen, auf die von Wien und Berlin. –

 

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15. Vorlesung

 

Welcher Art die Schwierigkeiten waren, die dem österreichischen Kaiserstaate schon vor dem Jahre 1848, durch die Aufregung in Ungarn, Galizien und der Lombardei bereitet wurden, habe ich bereits angedeutet; der Ausbruch der Pariser Februarrevolution traf mit schwerer Wucht das bereits zusammenbrechende Ministerium und bedrohte die Monarchie mit noch anderweitigen Verwicklungen in Deutschland. Man hatte überhaupt seit dem preußischen Thronwechsel um 1840 mit stets wachsendem Unbehagen dahin geblickt und sich bemüht, die schwachen Bemühungen Preußens um eine Bundesreform stets möglichst zu verschleppen, aber unverkennbar blieb es darum doch, dass die deutsch-österreichische Bevölkerung mehr und mehr nach dem erwachenden Geiste im Reiche hinzuhorchen, und dort einen Halt, eine Anlehnung zu suchen begann. Mit glücklichem Erfolge hatte man gegen solche Regungen, seinerzeit, den bekannten Trinkspruch des Erzherzog Johann improvisiert, den derselbe niemals so gedacht, noch gesprochen, dessen Verbreitung jedoch einen enthusiastischen Widerhall in ganz Deutschland fand und der lautete: „kein Österreich und kein Preußen, sondern ein einiges freies Deutschland, fest wie seine Berge!“

 

Jahrelang schlug Österreich Kapital aus diesem Worte, dass ihm, im Gegensatz zu Preußen, die Popularität des

 

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übrigen Deutschland eintrug, was sich namentlich fühlbar machte, als der Augenblick kam, der diese Popularität auf die Probe stellen sollte. – Noch früher jedoch, als das Verhältnis Österreichs zu einem verjüngten Deutschland infrage kommen konnte, ereilte dessen langjährige Regierung dasselbe Verhängnis, dass jene Staaten betroffen, die im Vertrauen auf Metternichs Staatskunst, sich seiner Führung so blindlings überlassen hatten. Den ersten Anstoß zur Unruhe gaben die großen finanziellen Schwierigkeiten, in denen die österreichische Regierung sich fortwährend befand und die sich zu Anfang des Jahres 1848 besonders kritisch gestaltet hatten. War doch dem Staatsbürger seit Jahren jeder Einblick in das Budget versagt gewesen; eine Rechenschaftsablage gab es nicht, dagegen wurde immer nur Geld, immer nur neue Steuern verlangt, bis der Staats-Kredit sich aufs tiefste erschüttert zeigte, und die beängstigende Bevölkerung nun immer lauter die Einberufung der alten Stände, wie dies 1810 wo man sich in einer ähnlichen Krise befand auch geschehen war, forderten. Man hoffte in ihnen doch wenigstens eine Garantie der Regierung gegenüber zu haben, da sie entschlusslos hin und her schwankte und jetzt, als sie Revolution in Frankreich ausbrach, nichts besseres zu tun wusste, als das Schreckgespenst des Kommunismus heraufzubeschwören. Aber vergebens – die Angst, dass der Staatsbankrott, den man schon so lange gefürchtet, nun wirklich ausbrechen werde, überwältigte alle Gemüter; man drängte sich an die Staatskassen, um seine Papiernoten in klingende Münze umzusetzen, in Ungarn aber, wo die politische Reife die größte, die Behandlung öffentlicher Angelegenheiten die leichtere war, da man ja dort seine Ständetafeln von alters her besaß, knüpfte sich unmittelbar an die eben geschilderte Aufregung die offene Revolution an. Am 3. März, nachdem im Pressburger Reichstage die Not des Landes, der Druck der auf Handel und Wandel

 

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lastete, war lebhaft geschildert worden, beschloss man, von der Regierung in Wien Aufklärung über die Finanzlage Ungarns zu verlangen. Während dieser Debatten erhob sich Ludwig Kossuth, der Agitator Ungarns, und hielt jene berühmte Re welche man später als die Taufrede der ungarischen und Wiener Revolution bezeichnet hat, er verlangte vollständige Beseitigung der absolutistischen Regierungsweise, er schilderte die Hohleit und den leeren Mechanismus ihres Wesens mit drastischen Worten, „aus den beiden Kammern des Wiener Systems“, so rief er aus, „weht eine verpestete Luft uns an, die unsere Nerven lähmt, unseren Geistesflug bannt“ der Schluss seiner Rede lautete: „wir bitten daher den kaiserlichen Thron mit konstitutionellen Einrichtungen umgeben, allen Ländern Österreichs eine Verfassung verleihen zu wollen!“ Unter allgemeinem Jubel den seine folgenden Angriffe auf Anführungszeichen den alten Mann Metternich Anführungszeichen, zum stürmischen Beifall gestalteten, trat die Ständetafel Kossuths Antrag bei, und die Tafel der Magnaten wurde zu dem selben Entschluss mit fortgerissen. Wie man nun jetzt dort in Pressburg ein neues Ungarn verlangte, so erhob sich auch Prag, und forderte ein neues Böhmen; wenige Tage später rief man in Wien einem neuen Österreich.

 

Die Nachrichten, die nun Schlag auf Schlag aus Deutschland eintrafen, wirkten so überwältigend in der Kaiserstadt, dass Zensur und Polizei sich wie gelähmt fühlten; die Bevölkerung fing an sich zu Adressen und Petitionen zusammen zu tun; allen anderen voran gingen die Buchhändler, welche Rücknahme der neuen Zensurvorlage verlangten. Die Spitze der Regierung, die „Staatskonferenz“, welche schon seit längerer Zeit die Stelle des unzurechnungsfähigen Monarchen vertrat, war völlig ratlos und sah zitternd und bebend die Bewegung wachsen und steigen. Der wieder Gewerbeverein traten gleichfalls hervor und forderte in eine Adresse ein

 

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festes Anschließen der Regierung an die gerade versammelten Stände, denn es hatte sich zufällig so gefügt, dass die Regierung nun doch die niederösterreichischen Stände auf den 13. März einberufen hatte. Die Führer der Liberalen Partei entwarfen ihre Forderungen, und gleichzeitig sprach der juridisch-politische Leseverein, unter Anführung des Advokaten und späteren Ministers Alexander Bach, in einer Petition unverhohlen seine Ansicht über die Notwendigkeit einer österreichischen Gesamtverfassung aus. Dieser Kundgebung folgte dann eine Adresse der Wiener Studentenschaft, die am tapfersten zu Werke ging und frische Wege Press-, Rede-, Lern-, Lehr-Freiheit verlangte, außer der Volksvertretung und einer Bundesreform.

 

Angesichts dieser sich mit größter Schnelligkeit folgenden Schritte erschrak die Regierung doch ernstlich; die Professoren wurden aufgeboten, um die Überreichung der Studentenadresse zu verhindern, sie erreichten aber gar nichts, als das Zugeständnis der jungen Leute, Ihre Adresse nicht persönlich in die Hofburg bringen zu wollen, sondern dies Geschäft zwei einflussreichen Lehren, den Professoren Hye und Endlicher zu überlassen. Diese beiden wurden dann auch von den Kaiser empfangen, und mit freundlichen aber leeren Worten abgespeist; als am Morgen des 13. März die im dichten Scharen harrende studentische Jugend dies als Antwort erhielt, steigerte es nur die Aufregung, anstatt sie zu dämpfen. bald gruppierte sich, ohne besonderes Zutun die ganze Aktion um die Aula und um die Studentenschaft; auf und nieder wogte es in den Straßen, die Stände traten zusammen, und rufe wurden laut, welche Metternich und Seldnitzky, den verhassten Polizeiminister, als Diebe und Verräter bezeichneten, und deren Verjagen verlangten. Man verlas unter lautem Enthusiasmus Kossuths Rede, die er in Pressburg gehalten, und eine Deputation von sechs Studenten und

 

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sechs Bürgern verlangte, in die Ständeversammlung eingeführt zu werden, um dort die Wünsche des Volkes vorzutragen. Als diese Deputation sobald nicht wieder erschien, fürchtete man draußen Verrat, das Volk drang in der Ständehaus ein, und so sahen sich die versammelten genötigt, sich der Bewegung anzuschließen, und den Versuch zu machen, bis zu dem Monarchen vorzudringen.

 

In diesem Augenblicke mochte man in Wien, wenn man alles genau gewusst, mit Wallenstein sprechen: „in seiner Hofburg zitterte der Kaiser!“ Metternich wollte Gewalt anwenden, die anderen stimmten ihm jedoch nicht bei, doch ließ man unklugerweise Soldaten ausrücken und schickte sie nach dem Ständehause. Sie wurden vom Volke verhöhnt, hin und her geschoben und geneckt, bis sich der Tumulte so weit steigerte, dass ein Volkshaufe das Ständehaus zu zerstören begann. Daraufhin gaben die Soldaten eine Salve,die mehrere der Tumultuanten zu Boden streck Nun legte sich, um weiteres Unheil zu verhüten, das Bürgertum ins Mittel; man uniformierte sich als Nationalgarde, und die angesehensten Männern stürmten die „Staatskonferenz“ zur Nachgiebigkeit. Als Metternich sich unbeugsam zeigte, fort und fort von einem „verführten Pöbel“ sprach, wurden ihm die Worte entgegen geworfen: „das ist kein Krawall, das ist eine Revolution!“ Während man verhandelte, erschien auch noch der greise Jenull, der Rektor der Universität, in dem Schlosse und verlangte die Bewaffnung der Studenten, weil dieselben gedroht, sie würden sonst das Zeughaus stürmen. Da, in der höchsten Bestürzung, erinnerte man sich dass der Rektor das Recht hatte jederzeit unangemeldet vor dem Kaiser zu erscheinen. Er schickte sich an, davon Gebrauch zu machen, aber an Ferdinands Stelle empfingen ihn seine Brüder, die Erzherzöge, und als der alte Mann nun aus der Unterredung mit Ihnen heraus hörte, wie wenig Sie noch die

 

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ganze Sachlage begriffen, da warf er sich in seiner Angst auf die Knie nieder und schilderte flehend die schrecklichen Folgen, welche entstehen müssten, wenn man sich nicht rasch zu Zugeständnissen entschließen würde. Das Resultat seiner Darstellung war, dass man nun doch zu dem Entschluss kam, die Zensur aufzuheben; über solch geringe Zugeständnisse war man aber draußen nun schon längst hinaus. Als jetzt die Deputationen zu nochmaliger Beratung vor der „Staatskonferenz“ empfangen wurden, erhoben sich bereits Stimmen, die ohne Scheu vor dem allmächtigen Minister, Metternichs Entfernung verlangten, und er besaß Würde genug, dieselbe in diesem kritischen Augenblicke freiwillig anzubieten. Niemand widersprach, ein tiefes Schweigen ringsum verurteilte ihn zur Abdankung, bis ein alter Bürgeroffizier das Wort ergriff und ehrlich heraus sagte: „Durchlaucht, wir haben nichts gegen Ihre Person, aber alles gegen ihr System; und darum müssen wir wiederholen, nur durch ihre Abdankung retten Sie Thron und Monarchie!“ – So stürzte der Mann mit einem schlage, der Europa so lange in Ketten und Banden gehalten hatte; nur ging leider so schnell nicht mit ihm auch das alte System zu Grabe, dazu war es zu tief eingewurzelt, und die Welt konnte nicht plötzlich über Nacht eine andere werden. Nur der vornehmste Träger des Systems war mit Metternich gestürzt, und dennoch, als diese Kunde die Welt durchflog, da glaubte jeder sich wie von einem Alb befreit, der in tödlicher Erstarrung auf ihm geleistet, und nicht minder groß war die Freude, dass sich noch eine Vergeltung innerhalb der gegenwärtigen Geschichte vollzog, dass der Mann, der soviel Großes und Gutes zu Grunde gerichtet, aufbewahrt geblieben, um den totalen Sturz dessen mit anzusehen, was er so fest begründet wähnte. –

Nun folgte rasch, während alles vom Glück strahlte, die Bewaffnung der Studenten und des Volkes, die Bildung

 

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einer Nationalgarde, und ganz zuletzt konnte sich die Regierung dann auch der Gewährung einer Konstitution nicht länger entziehen, wie mühsam sie sich auch dazu entschloss. Die Wiener Studenten waren die Helden des Tages, man erdrückte sie fast mit Enthusiasmus und Anerkennung, und das österreichische Volk, dem so plötzlich die goldene Frucht der Freiheit zugefallen, erwartete sich nun eine herrliche Zeit, aber es sollte im Gegenteil sich schon nach wenigen Wochen in ein Gewirre, in eine Anarchie gestürzt sehen, wie sie bei den sich widerstrebenden und widersprechenden Elementen dieses Staates ganz unausbleiblich war. Das alte Österreich war durch die Wiener Revolution vollständig und mit Recht von Grund aus zerstört, aber schwere Zeiten folgten dem Umsturz, bis sich das neue entwickelte und gestaltete. Bei uns im Reiche jubelte und jauchzte man natürlich den Wiener Ereignissen enthusiastisch zu, und träumte ganz ebenso leichtgläubig wie dort, von einem neuen deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg, der das schwarz-rot-goldene Banner wieder zu Ehren brächte.

 

Unmöglich wäre diese Erfüllung dieser Vorstellungen auch nicht gewesen, wenn Österreich, dass damals alle Sympathien für sich hatte, in jenen Tagen einen großen Staatsmann besessen, der mit weit schauenden Blicke die einzelnen Teile des Kaiserstaates sich hätte zerbröckeln und losringen lassen, die kaum noch durch die äußerste Gewalt konnten zusammengehalten werden, und die mehr und mehr in fieberhaft revolutionärer Stimmung an ihrer gegenseitigen Trennung arbeiteten. Zuerst war es Ungarn, das jetzt stürmisch seine Selbstständigkeit verlangte und höchstens noch eine Personalunion mit Österreich dulden wollte; die Lombardei und Galizien verlangten eine vollständige Losreißung. Österreich konnte jetzt ein rein deutscher Staat werden, und an die Spitze

 

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Deutschlands treten – aber keiner hatte die Einsicht dies zu wollen, obwohl selbst die zähesten Staatsmänner daran verzweifelten, die widerwilligen Provinzen wieder in einen engen Zusammenhang mit dem Erzherzogtum zu bringen, die pragmatische Sanktion, die sie seit mehr als 100 Jahren aneinander fesselte, aufrechtzuerhalten. Dazu gesellte sich noch die Begeisterung der Liberalen in Österreich selbst, die für den Aufstand in Mailand, die für das Selbstbestimmungsrecht der Lombarden und Venezianer schwärmten. Kaum weniger lebhaft sprach sich eine Menge konservativer Stimmen für Freigeben der Lombardei, „durch ein friedliches Scheiden, gegen Übernahme eines Teils der Staatsschuld und anderer Bedingungen“ aus. In ähnlichem Sinne äußerte man sich auch bezüglich der anderen Provinzen: „Österreich wird auch ohne Italiens, ohne Polens Besitz kräftiger, blühender, glücklicher sein, als durch die Knechtung dieser Länder“, so ließ sich damals namentlich die Augsburger Zeitung vernehmen und dann wieder hieß es an einer anderen Stelle: „man lasse sich loslösen, was nicht zusammen bleiben kann! Man lasse frei, was nicht mit uns zusammenhängen will! Man scheide die Nationen und lasse sie gewähren, da es vergeblich ist, sie in der gegenwärtigen Vereinigung zu lassen!“ –

Doch ehe wir solchen und ähnlichen Erwägungen weiter Raum geben, die Ereignisse erzählen, die sich ferner daran knüpften, wenden wir uns zurück zu den rein deutschen Verhältnis Nachdem die glorreiche Revolution in Wien vom 13. März die Trunkenheit bei uns noch gesteigert hatte, blickte alles jetzt gespannt auf Berlin, wo es unbegreiflich ruhig blieb. Man schmähte, man höhnte darüber, man begriff es nicht, wie auch jetzt wieder das preußische Volk, mit Ausnahme Rheinpreußens, das letzte bleiben konnte, um sich an einer Bewegung zu beteiligen, welche die ganze übrige Nation mit

 

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sich fortgerissen: „diese preußische Politik“, hieß es in der damaligen Presse, „fröstelt uns an, wie ein russischer Nachwinter, gegenüber dem Vorfrühling Süddeutschlands!“ In der Tat standen in Berlin Regierung und Volk eine Weile, wie zuwartend einander gegenüber. Wohl kamen an den König Adressen von auswärtigen preußischen Städten, Breslau meldete man Ruhestörungen, dazu gesellten sich die Nachrichten vom Rheine, und am 7. März sah sich der König bewogen Zensurfreiheit, wie er es nannte, zu bewilligen. Am selben Tage zeigten sich in Berlin die ersten Spuren einer Volksbewegung, veranlasst durch einige junge Schriftsteller. Die Doktoren Oppenheim und Löwenberg Juden zu einer Volksversammlung „unter den Zelten“einem Vergnügungspark in Tiergarten, ein. Etwa 600 junge Männer aus allen Ständen der Gesellschaft kamen zur Besprechung zusammen, und obgleich militärische Vorrichtungen gegen die Versammlung getroffen worden waren, blieb doch alles ruhig. Man beschränkte sich darauf eine Adresse der Berliner Jugend an den König zu beraten und zu unterzeichnen. Sie enthielt die Mannheimer Forderungen, welche auch hier als das Programm der Freiheit adoptiert wurden. Von diesem Tage an entwickelte es sich nun langsam weiter; die Stadtverordneten beschlossen gleichfalls eine Adresse, während man von anderer Seite her, zum Gegensatz, eine Loyalitätsadresse an den König vorbereitet. Dies gab Veranlassung zu Katzenmusiken für die Unterzeichner, und ganz gemütlich entwickelten sich alle die kleinen Reibereien, welche größeren Ereignissen voranzugehen pflegen, bis der 13. März die Situation zu klären begann. Die Volksversammlungen wurden jetzt verboten, das Militär bereitgehalten und einer Breslauer Deputation, die inzwischen angekommen war, erklärte der König, die Zeit sei nicht danach angetan, besondere Zugeständnisse zu machen. Das goss Öl ins

 

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Feuer, aber noch blieb man ruhig; bei einer zweiten großen Versammlung unter den Zelten, bestiegen Arbeiter die Stühle und riefen: „wir wollen Freiheit, aber ohne Exzesse!“ –

Man trieb darauf die Leute auseinander; dies ärgerte, man fing hie und da an Steine auszureisen und versuchte Barrikaden zu bauen; nun wurde mit ernsteren Maßregeln gedroht und der König erließ ein Reskript, dass den vereinigten Landtag auf den 25. April wieder einberief: „kühn und bedächtig!“ war das Lösungswort der Regierungspartei, die unter der Hand auf Kassel, Karlsruhe und die anderen Höfe einzuwirken und zu veranlassen suchte, dass man dort wieder die Zügel schärfer anzog.

 

In dem königlichen Patent, das den Landtag einberief, war auch die Rede von einem „Kongresse“ der verbündeten Mächte, welche die neuen Geschicke Deutschlands beraten möge – nun konnte aber kein Wort übler gewählt sein, als dieses, denn die traurigsten politischen Erinnerungen knüpften sich gerade an diese „Fürstenkongresse“ an, und nicht weniger erbitterte eine andere Stelle, durch welche an den „besseren Geist“ der Nation appelliert wurde. Als ob nicht eben jetzt ihr guter, ihr besserer Genius endlich erwacht wäre. Die Zeit für solche fürstliche Phrasen war vorüber, und die aufgepflanzten Kanonen, die Kartätschen, die man gelegentlich hie und da unter die Volkshaufen schleuderte, waren schlechte Mittel, Ihnen einen neuen Glauben zu erwecken. Die schon vorhandene Aufregung steigerte sich durch die Nachrichten aus Wien; wie schämte man sich da auf einmal der trägen Haltung Berlins und lawinenartig wuchs die Bewegung jetzt heran. Die Studenten und die jungen Leute schmückten sich ungescheut mit den deutschen Farben, man verlangte Volksbewaffnung, verhöhnte das Militär, wogegen dieses seiner –

 

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seits es an Übermut gegen die Kanaille nicht fehlen ließ. Je feindlicher das große Publikum dem Militär wurde, je mehr betrachtete man den Prinzen von Preußen, den Bruder des Königs, der vorzugsweise Militär war, als dessen Hauptstützpunkt bei seinem Widerstand gegen die Volkswünsche. Man mag sich auch darin nicht geirrt haben, denn der Prinz besaß Entschlossenheit und Energie, und diese Eigenschaften waren im Augenblicke jedenfalls eher am Platze, als die Schwäche und Entschlusslosigkeit der Regierung, die während der drei nun folgenden Tage ein grausames Spiel zwischen sich und der stets steigenden Volksaufregung – selbst Kinder fingen an sich zu bewaffnen – veranlassteEntweder musste man nachgeben, oder die Gewalt im ersten Moment nachdrücklich gebrauchen..

Täglich gab es Tote bei den verschiedenen Aufläufen, schon lagen 80 Verwundete in der Charité, da ermannte sich endlich die Stadtverordneten-Versammlung und Nauwerk, der schon so manchmal für sein Volk gesprochen, drang darauf, dass man nochmals volle Pressfreiheit von der Regierung verlange, damit der König die Stimme seines Landes in Wahrheit zu hören be Die Versammlung beschloss denn auch diesen Schritt zu tun,komme. Und fast gleichzeitig lief die Nachricht durch die immer mehr aufgeregte Stadt, dass die Kölner Deputation mit dem gefeierten Franz Raveaux an der Spitze am nächsten Tag, dem 16. nach Berlin kommen werde, um die Wünsche der Rheinlande auszusprechen.

„Sie kommen,“ so hieß es überall, „mit bestimmten Forderungen; werden diese nicht erfüllt, so drohen sie mit Abfall!“ Jetzt verlangte Nauwerk nochmals entschieden in der Stadtverordnetenversammlung die Bildung einer Bürgergarde, denn mit den weißen Binden und Stäben, mit denen bewaffnet sich ein Bürgerausschuss mühte, den Frieden zu erhalten, war die Unordnung nicht länger zu bezwingen, und

 

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immer blutiger wurden die Zusammenstöße zwischen Militär und Volk. Aber die Versammlung lehnte mit Stimmenmehrheit Naufwerks Antrag ab, und auch das Anerbieten der Studenten, man möge sie bewaffnen, sie verpflichteten sich alsdann keinen Exzess zu dulden, wurde verworfen. Aber im Königsschlosse begann jetzt eine gewisse Beunruhigung Platz zu greifen. Man hatte aus Wien die sichere Kunde vom Sturz Metternichs empfangen, und wenige Stunden später langte die Fürstin Metternich selbst, flüchtigen Fußes und von allem entblößt, in Berlin an. –

Unter diesen Eindrücken wurde endlich am 17. März die Beseitigung der Zensur bewilligt, und nun kam auch in die Berliner Bürgerschaft etwas von politischem Geist; 6000 Bürger beschlossen am nächsten Tage vor das Schloss zu ziehen, um die Freigebung der Presse, Berufung des Landtages und Volksbewaffnung zu fordern. Aus den Rheinlanden kamen Nachrichten, die den Verlust der Provinzen befürchten ließen, wenn der König nicht nachgab und auch die übrigen Landesteile befanden sich in der höchsten Aufregung. Da vernahm man endlich der König habe der rheinischen Deputation in einer zweiten Audienz ihre Wünsche gewährleistet und am nächsten Morgen, am 18. März, erschien eine Proklamation des Königs, welche sich in deutschnationalen Sinne aussprach. Er versprach dahin zu wirken, dass die Bundesverfassung revidiert und ihr eine Volksvertretung beigegeben werden; desgleichen wurde eine deutsche Wehrverfassung, ein Bundesgericht, Freizügigkeit, eine deutsche Flotte und Bundesflagge in Aussicht gestellt. Am Schluss er versprach die Proklamation die alsbaldige Einberufung des vereinigten Landtags. – Ehe diese frohe Nachrichten sich jedoch allgemein verbreiten konnten, hatte sich schon, da die Stadtverordneten auf mittags zwei Uhr eine Bürgerversammlung auf dem Schlossplatz anberaumt hatten, eine ungeheure Volksmenge vor dem Schlosse angesammelt, die,

 

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als man ihr das eben erwähnte mitteilte, in so stürmische Hochrufe für den König ausbrach, dass derselbe sich auf dem Balkon zeigte und wiederum laut begrüßt wurde. –

Dieser verfrühte Jubel bewies die geringe, politische Bildung der Menge; für Preußen selbst weiter in der Proklamation sehr wenig gesagt. Man musste jetzt die Entfernung des Ministeriums und augenblickliche Volksbewaffnung verlangen, denn immer größere Militärmassen waren in die Stadt gezogen worden, alle Schlosshöfe sah man mit Kanonen und Soldaten gespickt, und doch hätte eine kluge Regierung jetzt jeden Zusammenstoß zwischen jenen und der erregten Bevölkerung zu vermeiden suchen sollen; die tiefer blickenden waren sich wohl bewusst, dass diese Sache noch nicht zu Ende sei, am Hofe selbst aber war man fest überzeugt, der Sturm, dem man sich momentan beugte, werde schnell vorüberziehen.Man wünschte sehnlich,dass die Menge sich nun entfernen möge, aber als jetzt der verhassten Minister Bodelschwingh auf den Balkon trat und die Leute aufforderte, wieder ruhig nach Hause zu gehen, als Offiziere des am Schlosse aufgestellten Regimenter die Forderungen dringender wiederholten, in oft roher und grober Weise, da schlug die Stimmung plötzlich wieder um und es brach sich mit einem Male in der Menge der Gedanke Bahn: der Minister muss entfernt werden, und mit ihm das Militär! Man rief laut, der König solle die Truppen wegschicken und sich seinen Bürgern anvertrauen, sie würden dies als das Pfand seiner Versprechungen betrachten. Während Graf Arnim im Namen der Bürger darüber mit dem Könige verhandelt, fielen die zwei bekannten und verhängnisvollen Schüsse aus dem Inneren des Schlosshofs, die später von keiner Seite aus wollten gefallen sein. Unter dem Ruf: wir sind verraten! stob die Menge auseinander, doch gelang es noch umsichtigen Leuten sie wieder zu beruhigen und die Sache als ein Missverständ-

 

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nis darzustellen. Als aber nun die entschiedene Weigerung des Königs, die Truppen weg zu schicken, bekannt, als gleich darauf von den Dragonern scharf eingehauen wurde, auch eine gleichzeitige Salve, ohne jegliche vorherige Aufforderung in die dichten Volkshaufen einschlug und mehrere Leute zu Boden streckte, da brach jener blutige, entsetzliche Straßenkampf aus, welcher der deutschen Freiheitsgöttin, die bis dahin ihr Gewand fleckenlos getragen, den Saum desselben in blutiges Rot tauchte. Im Nu waren eine Menge von Barrikaden errichtet, man stürzte Droschken und Wagen um, versperrte damit die Ausgänge der Straßen, stürmte Waffenläden und griff zu jedem Verteidigungsmittel, welches sich darbot. Der Kampf war ungleich schrecklicher, als jener der Pariser Julirevolution; hier donnerten Kanonen und Kartellchen in ein fast wertloses Volk, welches zu Anfang oft nur Dachziegel, Pflastersteine und Handwerksgeräte zu kämpfen hatte. Erst nach und nach konnten die Kämpfe sich notdürftig bewaffnen, und vielfach schossen sie nur mit gehacktem Blei, Marmorkügelchen, Knüöfen und dergleichen Dingen. Ihr Schutz waren die Barrikaden, deren zuletzt an 400 errichtet waren, und die namentlich die Anstrengungen der Reiterei nutzlos machten. –

Die ganze Nacht vom 18. auf den 19. März hindurch dauerte dieses entsetzliche Kämpfen; die Studenten, verbunden mit den Arbeitern der Borsig’schen Fabrik, bildeten einen besonderen Trupp und kämpften wie die Löwen auf und hinter den BarrikadenHäufige wurden die einzelnen Abteilungen von früheren polnischen Offizieren dirigiert,.

 

 

Und über dem kann dem Volke seine militärische Zucht zugute – Knaben trugen die Kugeln herbei, Frauen und Mädchen halfen beide Barrikadenbau, auf die man über all die deutschen Reichsfarben aufpflanzte und aus den Häusern wurde den Kämpfenden fortwährend Speisen und Erfrischungen gereicht.

 

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Noch am Abend entschlossen sich mutige Männer, unter ihnen der bekannte Doktor Löwe, der heutige Reichstagsabgeordnete, der Stadtrat Rainer und Andere, – auf dem Wege schloss sich ihnen noch der Bischof Neander im vollem Ornate an, – sich nach dem Schlosse zu begeben.In feierlicher Haltung, das Haupt entblößt, so schritten sie durch die Truppen und das aufgeregte Volk, das ihnen zurief: „brav, ihr Friedensstifter, bringt uns den Frieden!“ Sie brachten ihn nicht, der König wollte das Militär nicht zurückziehen, er blieb dabei: „nur der Bitte, nicht der Gewalt weiche ich!“ und so nahm das Verhängnis weiter seinen Gang!

Eine mond-und sternenhelle Nacht sah nieder auf die Hunderte von Wachtfeuern, auf die beleuchtete Stadt, die eine Feuersbrunst, welche in der königlichen Eisengießerei ausgebrochen war, bald mit noch grellerem Lichte überstrahlte; an die stille Himmelsdecke schlug das Knattern der Gewehre, das Geschrei der Kämpfenden, das Donnern der Kanonen, das Geheul der Sturmglocken, die das Wimmern der Sterbenden übertönten. Erbarmungs – und schonungslos wütete das Militär gegen alle, die ihm in die Hände fielen, sowie auch gegen die Einwohner der Häuser, die es in wilden Kampfe er stürmte. Am schrecklichsten tobt er in der Breitenstraße, deren Verteidigung Bürger, Studenten und Schriftsteller übernommen hatten, und welche eine mächtige Barrikade schloss, die vom Schlossportale aus 4 Stunden lang beschossen wurde. An den Schlossfenstern standen unterdessen der König und seine Generale, hinausschauend in die Schrecken dieser Nacht, aber sie blieben taub für jede Warnung und Vorstellung, die dem Schlosse von den verschiedensten Seiten hinzukamen. Mitten in der Nacht erschien im Schlosse eine zweite Deputation von Stadträten, und diese sprachen ungescheut das Wort aus:

 

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„Es ist keine Emeute, es ist eine Revolution!“ Der König und seine Umgebung blieben immer noch unbeweglich, sie wusste nicht, dass die Truppen überall zu weichen begannen; gegen Morgen nahmen die Volkskämpfer das Landwehr-Zeughaus, gewannen damit einen ungeheuren Waffenvorrat und General Möllendorf, der die Truppen führte, wurde von ihnen gefangen genommen. Jetzt ging eine neue Mahnung in das Schloss: „das Militär binnen einer Stunde zurück, oder der General wird erschossen!“ –

 

Unterdessen hatte in diesen entsetzliche Stunden der König die bekannte Proklamation: „an meine lieben Berliner!“ verfasst. Deren Inhalt bewies klar die Verblendung des unglücklichen Monarchen, der in diesem Schriftstück die Wahrheit ganz ebenso entstellte, wie sie ihm selbst durch seine reaktionäre Umgebung entstellt gezeigt wurde, und mit lautem Hohne wurden die Versicherungen väterlicher Liebe aufgenommen, sowie auch die Versprechungen, welche die Proklamation enthielt, am Schlusse gab der Fürst sein königliches Wort, das Militär alsobald zu entlassen, wenn das Volk sich entwaffnen werde. – Am Abend des Kampfes war den Truppen der Befehl erteilt worden, bis 5:00 Uhr morgens müssten Sie Herren der Stadt sein, und man hatte ihren Mut durch den reichlichen Genuss geistiger Getränke aufrechtzuerhalten gesucht, aber als jetzt der Morgen graut, lagen sie kampfunfähig, Tod, verwundet und berauscht auf ihren Standorten, während das Volk die Leichen seiner Gefallenen sammelte und sich zu neuem Kampfe vorbereitete.

 

von Peter Brunner

15.3.2014

Der Geist des Mittelalters musste sich verflüchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts

Filed under: Büchner,Feminismus,Luise Büchner,Texte,Volksbildung — peter brunner @ 14:59

In den nächsten Tagen wird es hoffentlich auch noch an anderer Stelle Informationen, Hinweise und Reminiszenzen zur Revolution von 1848 und ihren Jahrestagen im März geben.

Nicht zuletzt Renate Hupfeld, die sich unermüdlich für das Andenken Theodor Althaus einsetzt, trägt dazu bei, dass in den Weiten des Netzes dieses wichtige Datum unserer Demokratiegeschichte wahrgenommen wird.

Hier habe ich mir vorgenommen, ausnahmsweise einen langen und nicht illustrierten Text einzustellen, der die Lektüre lohnt und gleichzeitig einen guten Einblick in einen weniger bekannten Aspekt eines Büchner-Geschwisters liefert.

luise_oval

Luise Büchner hat in ihren Vorlesungen zur deutschen Geschichte analytisches und literarisches Format gezeigt und sehr deutlich republikanische und antiklerikale Position bezogen.  Wegen der klaren Formulierungen haben Zeitgenossen sie gewarnt, damit gefährde sie ihre Freundschaft zum Darmstädter Hof, besonders zur Erbgroßherzogin Alice, mit der sie in dieser Zeit eng zusammenarbeitete (in Darmstadt nannte man sie polemisch die „die Hof-Demokratin“). Tatsächlich wurde der Band in Preußen verboten; in Hessen-Darmstadt dagegen schadete er Luise Büchner nicht.

Hier also der erste Teil  der 14. Vorlesung (Teil 2 folgt), der im Inhaltsverzeichnis so angekündigt wird:

Allgemeine Bewegung in Europa vor 1848.
Bildung einer republikanischen Parthei in Süd-West-Deutschland.
Die März-Revolution in Süd-Deutschland.
Forderungen des Volkes.
Die Ereignisse in Baden, den beiden Hessen, Württemberg, Bayern u.f.f.

Luise Büchner:

Deutsche Geschichte von 1815 – 1870

20 Vorträge, gehalten in dem Alice-Lyceum zu Darmstadt

Leipzig, Thomas, 1875

hier findet sich der zweite Teil

und

hier Teil III

 

S. 337

 

14. Vorlesung

 

Es gibt wenige Momente in der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes von solch hoher Bedeutung, so ungeheurer Tragweite, als jene Märztage des Jahres 1848, da die erste deutsche Revolution siegreich durch unsere Gauen schritt. Sie kam unaufhaltsam, unwiderstehlich, wie ein Naturereignis. Von der ganzen Nation erwartet, aber nicht direkt vorbereitet, überraschte sie niemanden als die Machthaber, die sich in ihrer unbegreiflichen Verblendung gerade damals sicherer wähnten als lange zuvor, die glaubten, dass die wenigen Zugeständnisse, welche sie endlich zu machen sich bereit zeigten, hinreichen würden, das harmlose Volk wieder vollständig zu beruhigen. Aber die Lage war gar sehr verschieden von jener der zwanziger und dreißiger Jahre; unter schwerer Not und Drangsal hatte sich endlich eine Art von politischer Bildung durchgerungen, die gerade hinreichte, die ganze Masse der Nation von oben bis unten in die Bewegung mit hinein zu reißen, und einmal in die Flut gestoßen, hat der noch unbeholfene Schwimmer zwar nach hier viele Misserfolge erlitten, viele vergebliche Anstrengung zu machen gehabt, aber er blieb im Strome drin, er lernte den Gebrauch seiner Glieder nach und nach kennen, und ein stolzer Schwan, der heute seine Kreise, auf jeden Fluten, die das Jahr 1848 zuerst erregte, und in deren Auf-und Niederwogen sich die Geschichte unserer Gegenwart bewegt. –

 

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Aber diese allgemeine deutsche Revolution stand nicht vereinzelt und dies eben verhalf hiermit zum Siege; es hatte sich allgemach in den missvergnügten europäischen Staaten eine dritte revolutionäre Epoche vorbereitet, welche die deutschen Ereignisse beschleunigen half und an den wir nicht ganz teilnahmslos vorübergehen dürfen –
Mit ungeteilter Spannung hatte man schon lange vor 1848 auf den Kampf geblickt, die sich in der Schweiz zwischen den freieren Geist der protestantischen Kantonen und den bigott katholischen Landesteilen entwickelt hatte. Dessen schlimmste Folge bestand darin, dass in jeder Weise die Bestrebungen der Mehrheit, durch eine, auf den Prinzipien der neueren Zeit beruhende Bundesverfassung, die nationale Einheit und Stärke der Schweiz fest zu begründen, verhindert wurden. Wir haben bereits gehört, wie seiner Zeit die protestantische Unduldsamkeit die Berufung von David Strauß nach Zürich unmöglich gemacht hatte; nun zeigte sich durch die Aufhebung der Klöster im Kanton Aargau, um 1843, die streng katholische Partei ganz ebenso erbittert und in ihrem gegenseitigen Interessen sich jederzeit innig verwandt, stärkte der protestantische Zelotismus den Ultramontanismus so lange, bis die Anhänger des Letzteren ihr Haupt stets höher und höher erhoben.

Eine Verpflanzung der Jesuiten nach dem deutschen Teile der Schweiz, in dem ihre Berufung im Kanton Luzern durchgesetzt wurde, erregte die Gemüter aufs heftigste. Während sie in Freiburg schon seit längerer Zeit ein weiteres berühmtes Kollegium besaßen, wohin man aus allen katholischen Teilen Europas und aus den angesehensten Familien, die Zöglinge entsendet, rief dieser weitere Fortschritt die Befürchtung wach, dass die gefährlichen Väter der Gesellschaft Jesu sich nun bald über die ganze katholische Schweiz verbreiten und dort festsetzen würden

 

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Die Führer der Jesuitenpartei in Luzern waren der bekannte Siegwart-Müller, ein Schwarzwälder von Geburt, der hauptsächlich die Städter beeinflusste, Leu von Ebersol, ein Bauer von großem Einfluss, der die Landleute anführte. An der Spitze der freisinnigen Partei des Kantons stand der Arzt Robert Steiger; sie stützten sich auf eine Verbindung mit dem protestantischen Kantonen, allerdings ungesetzlicherweise, Freischarenzüge nach Luzern entsendeten, um im Verein mit den dortigen Radikalen die Festsetzung der Jesuiten gewaltsam zu verhindern. Hellauf loderte der Parteienhass von allen Seiten empor und wurde noch gesteigert, als Bürgermeister Leu, da er zuhause an seinem Tische saß, durch das Fenster meuchelmörderischer Weise erschossen wurde. Lange blieb die Tat ungeklärt, und der Täter, der, wie sich später herausstellte, hauptsächlich persönliche Beweggründe dazu gehabt, unentdeckt. Mit furchtbarer Heftigkeit jedoch schrieb man von Seiten der Ultranontanen diesem Mord den Radikalen zu, was wiederum neues Öl ins Feuer goss.
Das Resultat dieser Kämpfe, die von außen her, namentlich durch Österreich geschürt wurden, war der Sonderbund der sieben katholischen Kantone; es verbanden sich Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis, zu dem Zwecke, sich von der Eidgenossenschaft los zu reißen; zu gleicher Zeit ließen die Regierungen alle Frei gesinnten in ihren Kantonen aufs Grausamste und Rachsüchtigste verfolgen. Die Durchführung des Sonderbundes war naturgemäß der Tod der Eidgenossenschaft und gab die Schweiz ihren mächtigen Nachbarn Preis, denen es schon lange nach ihr gelüstet. Von beiden Seiten bildeten sich jetzt Freischarenzüge, die einander mit höchster Erbitterung bekämpften und das reaktionäre Europa sah mit Freuden, wie die kleine Republik sich selbst zerfleischte. Meister Metternich erwartete

 

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bereits den Augenblick, wo man sich in die zerrissenen Fetzen werde teilen können. Da raffte in der letzten Stunde der alte Unabhängigkeitssinn der Schweizer sich auf; hatten die Konservativen der protestantischen Kantone gerne die Väter Jesu und deren Schützer gewähren lassen – so viel sahen Sie jetzt doch ein – der Sonderbund musste gesprengt werden oder sie waren alle miteinander verloren.

 

Der berühmte General Dufour führte mit rascher Entschlossenheit die Schweizer-Bundesarmee, die man schnell zusammen berufen, gegen die Scharen der Sonderbündler; Freiburg wurde genommen, das Jesuitenkollegium aufgehoben, und alles, was ich in dem kostbaren Gebäude befand, zerstört. In kurzer Frist war der Sonderbund zersprengt und damit zugleich der Sieg des liberalen Regiments erfochten. Die Großmächte wagten es nicht den Sonderbedarf beizustehen, wenn sie es auch gerne gewollt hätte. Die Väter Jesu wurden in der Folge dieses Sieges ganz aus der Schweiz verwiesen, und man schritt nun ernstlich an die Bildung einer Föderativ-Verfassung, auf deren Grundlage die Schweiz gebaut und ihre heutige geachtete und auf einer gemäßigten Demokratie beruhende Stellung gewonnen hat. –
Noch ängstlicher aber wurde den Anhängern des alten Systems zu Mute bei den Neuerungen, welche der Graf Mastai-Ferretti, seit 1846 unter dem Namen Pius IX, Papst geworden, ins Werk zu setzen begann. Auch sein Ziel ging dahin, der appeninischen Halbinsel ihre nationale Unabhängigkeit zurückzugeben, freilich unter der Bedingung, dass sein eigenes geistliches Regiment den Mittelpunkt dieses erneuten Italien bilden werde. Mazzini und dessen Anhänger wirkten unablässig, wie uns schon bekannt, für ähnliche Ideen, nur mit dem Unterschiede, dass sie Italien nicht als einen vergrößerten Kirchenstaat, sondern als eine einheitliche Republik wieder geboren sehen wollten, jedenfalls aber hatten

 

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sie Pio Nono gewaltig vorgearbeitet. Das Feuer, welches einst die Carbonari entzündet, war noch nicht wieder erloschen, und Pius, als er die Funken wieder zur Flamme an blies, dachte nicht, dass dieselbe dereinst sein weltlich Regiment mit verzehren würden. Die Zustände und der Geist des Mittelalters ließen sich eben nicht wiederherstellen, sie mussten sich verflüchtigen vor dem Wehen der scharfen Luft des 19. Jahrhunderts. – Wir haben die früheren Verhältnisse Italiens genügend kennen gelernt, um die sich jetzt rasch folgenden Umwälzungen ohne weiteren Kommentar zu verstehen. Sizilien, dass man gewaltsam zu Neapel gezwungen, riss sich los und kämpfte todesmutig für seine Unabhängigkeit. Der Herzog von Toskana sah sich genötigt, eine Verfassung zu bewilligen, und Piemont zwang seinen Fürsten diesem Beispiel zu folgen. Die alten Geister schliefen nicht, und schien es auch, als hätte Karl Albert von Sardinien es vergessen, dass er einst in den zwanziger Jahren, da er noch Prinz von Carignan war, zu den Liberalen gehörte, so kam es doch bald zu Tage, die auch ihr seine Pläne nährte und dieselben nur für spätere Zeit hinausgeschoben hatte.
Die Lombardei Konto unter diesen Verhältnissen und bei der Aufregung, welche die italienische Halbinsel beherrschte, unmöglich ruhig bleiben; bald erfuhr es Österreich mit tödlichem Entsetzen, wie wenig ihm dort seine fortgesetzte Schreckensregierung genutzt hat, jetzt schon wieder ein ganzes Volk gegen seine Herrschaft in Waffen stand und wie es seine Abneigung auf jede nur erdenkliche Weise kundzugeben trachtete. Überall wo nur Österreicher sich zeigten, wurden sie als Tedeschi verhöhnt und verfolgt, und trotz der äußersten Polizeieinschüchterungen war man wahrhaft erfinderisch, die verfemten Landesfarben zur Schau zu stellen und an sich zu tragen. Besonders die Frauen zeichneten sich durch ihren Eifer darin aus. Verbot man ihnen die dreifarbige Bänder,

 

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So zeigten sie ihr geliebtes weiß, grün und rot in riesigen Bouquets, an ihren Fächern oder in der Zusammenstellung der Toilette. Nicht minder konsequent enthielten sich die Männer des Tabakrauchens und des Lottospiels, weil die österreichische Regierung das Monopol auf beide hatte; indem man keinen Gebrauch davon machte, entgegen ihr dadurch bedeutende Einnahmequellen. Von Italien aus verpflanzte sich die Bewegung gegen Österreich, nach Ungarn; auch dort machte man das Nationalitätsprinzip zur Fahne, um welche alle unzufriedenen sich enger und enger Schaden. Auf die alten und nie vergessenen Forderungen des ungarischen Volkes zurückgehend, verlangten die Stände aufs Neue ihre selbstständige Nationalregierung; außerdem Verfassungsreformen, Steuerverminderung und dergleichen. Ihr großer Sprecher und Agitator war Ludwig Kossuth ein Advokat von hoher Beredsamkeit, der ganz ebenso von einem selbstständigen, ungarischen Staat, ohne Österreichs Oberhoheit träumte, wie die Italiener von einem nationalen Einheitsstaat. Genährt wurden noch Ihre Wünsche und Kundgebungen durch die stets gärende Unruhe in den polnischen Provinzen, welche Russland für den Augenblick ganz im Schach hielten, denn schon hatten verschiedene Aufstände es klar an den Tag gelegt, wie die Polen wieder mehr denn je auf eine Wiederherstellung ihrer Nationalität hofften und pochten. – So grollte anderwärts der Donner und verkündete den herannahenden Sturm, der zündende Blitz jedoch, der sollte wieder von dort her kommen, wo er schon so oft geleuchtet, und von wo man ihn gerade jetzt am wenigsten erwartet. Frankreich sollte seine driite, die Februarrevolution durchmachen, und schneller noch als er sich auferbaut, stürzte der Thron der Juli-Dynastie wieder in sich zusammen.
Noch einmal am Ende seiner Tage, musste Ludwig Philipp das bittere Brot der Verbannung kosten. – Man hat seitdem und na-

 

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mentlich im Hinblick auf die folgende Geschichte Frankreichs oft behauptet, niemals sei eine Revolution leichtsinniger unternommen worden und unnötiger gewesen, als die vom Februar 1848, und die Franzosen hätten wie Toren gehandelt, als sie ihren „guten, alten Bürgerkönig“ fortgejagt. Dennoch wird man kaum daran zweifeln können, dass das Schicksal, welches ihn betraf, ein unvermeidliches war, wenn man bedenkt, in welchem Grade Ludwig Philipp nach und nach alle Sympathien der Nation eingebüßt hatte. Niemals hatten die Zentralisation, dass bürokratische Kanzleiwesen, das ganze Land so schwer bedrückt, als unter seinem nüchternen, schläfrigen Regiment. Es konnte sich niemand befriedigt dabei fühlen, als die Bourgeois, die kleinen Rentiers, die Börsenmänner, denen er das Beispiel des unköniglichsten Geistes und der unersättlichen Spekulationssucht darbot. Musterhaft wie sein Familienleben sich zeigte, war es auch zugleich das langweiligste und einförmigste, welches man sich nur denken konnte, und so war keine Parteien mehr mit ihm zufrieden. Kein glänzender Hof amüsierte die Pariser und den Adel, kein großmüthiger Impuls, der den Sohn der Revolution verraten und ihn angetrieben hätte, irgendwo der unterdrückten Freiheit zu Hilfe zu eilen, befriedigte die zahlreichen Republikaner, keine Versuche den arbeitenden Klassen beizustehen, beschwichtigte die Sozialisten, und war man auch in den Tuilerien selbst von der prüdesten Tugend, so drückte man doch beide Augen zu, wo es sich um Sittenlosigkeit des hohen Adels, um Bestechungen, Fälschungen und Käuflichkeit der höchsten Richter handelte, und beleidigte dergestalt zuletzt auch noch das Gefühl der honetten Leute. Dieses Königtums voller Heuchelei, Langeweile und ohne jeglichen Ruhm nach außen oder innen, wurden die Franzosen umso überdrüssiger, als der einzige populärer Mann der Orleannistischen Familie, der künftige Thronerbe, Herzog von Orleans durch einen unglücklichen Sturz aus

 

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dem Wagen im Jahre 1846 gestorben war. Als nun wird der König und sein doktrinärer Minister Guizot so unklug waren, eine Wahlreform, welche das ganze Land wünschte, wofür es sich lebhaft ausgesprochen, abzulehnen, sowie auch Bankette, die man veranstaltet, um sich bei Gelegenheit derselben über die gewünschten Reformen zu beraten, auf ein veraltetes Gesetz hin, verbieten ließ, brach das ganze Königsgebäude wie ein Kartenhaus zusammen und war auch dann nicht mehr zu halten, als nachträglich alles verwilligt wurde, was das Volk wünschte. Der Sirenengesang der Franzosen: die „Marseillaise“ ertönte und gleichzeitig mit Ihr der Ruf Republik! Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Der König, altersschwach, ohne Mut und Entschlossenheit, machte kaum einen Versuch, seine Macht zu behaupten; er entsagte der Krone zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris, aber schon hatte die republikanische Partei die Oberhand gewonnen. Als die Herzogin Helene v. Orleans mit ihren kleinen Söhnen, während der König und seine Gemahlin entflohen, in die Deputiertenkammer eingeführt wurden, um die Regentschaft für Ihr Kind in Empfang zu nehmen, war es auch damit schon zu spät. Der Königstuhl wurde aus den Tuilerien herausgeholt und zum Symbol, dass es damit auf immer vorbei sei, öffentlich verbrannt; die Herrschaft der Bourbonen wurde ein drittes Mal für erloschen erklärt und wenn nicht alle Anzeigen trügen, so wird die Geschichte auch tatsächlich über diese alte französische Königsfamilie hinweggegangen sein!
Der revolutionäre Geist aber, der in Frankreich wiederum lebendig geworden war, sollte sich nun unmittelbar auf ganz Deutschland übertragen.
Alles in allem genommen, war man in den 2-3 Jahren, die dem allgemeinen Ausbruche in Deutschland vorangingen, sich wohl bewusst, auf dem Wege ruhiger Re-

 

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formen angekommen zu sein, die man durchzuführen entschlossen war. Man sprach von einer Revolution des Geistes, deren siegreichem Vorwärts Drängen nicht mehr zu widerstehen sein werde, und man mochte sich bei dieser Annahme auf mancherlei Tatsachen stützen, namentlich auf die wachsenden Fortschritte der deutsch-katholischen und frei-christlichen Bewegung, die sich nicht mehr hemmen ließ. Auch eine Reihe protestantischer Theologen hatten sich derselben angeschlossen; Wislicenius in Halle, Uhlich in Magdeburg, suchten den wachsenden Einflüssen des Pietismus durch die Bildung von frei-religiösen Gemeinden und der Verbreitung von Blättern, die theologische Dinge im Sinne der Aufklärung besprachen, entgegenzuwirken. Von großem Einfluss auf die unteren Volksklassen waren auch die bildenden Vorträge, welcher außer dem sonntäglichen Gottesdienst, von den Leitern der deutsch-katholischen Gemeinden veranstaltet wurden; dorthin, sowie in die Sonntagsandacht drängte sich bald alles, vornehm wie gering, Protestanten wie aufgeklärte Katholiken, die, wenn sie auch nicht übertraten, mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten der Redner und Prediger lauschten, in deren Vorträgen sich Religiöses, Politisches und Nationales in oft hinreißender Weise mischte. Als Hauptredner gefeiert waren Ronge, Dowiat, Kerbler, Duller, Hieronimy, Weigelt, Kampe, Scholl und wie sie alle heißen, die sich damals als Apostel der neuen Lehren auftaten. Dass verschiedene protestantische Theologen zu dem Deutsch-Katholizismus übertraten, gab ihm eine größere Vertiefung, einen größeren geistigen Gehalt, mehrte aber auch die Gefahren die ihn bald von allen Seiten umdrohten.
So war die neue Religion trotz mancher Schwächen, die er anhafteten, in jenen Tagen ein mächtiges Ferment, ein Hebel für voran strebende Geister; dass sich bald das Politische weit mehr hineinmischte, als für eine religiöse Genossenschaft

 

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Zweckdienlich sein konnte, lag zu sehr in der Natur der Sache, als dass man einzelne Persönlichkeiten dafür verantwortlich machen dürfte und wenn auch heute der Deutsch-Katholizismus wenig mehr bedeutet, so wird er doch als eine Phase unserer Fortentwicklung immer von großer historischer Wichtigkeit bleiben.

 

In Süddeutschland, wo man ihn überhaupt am längsten geduldet, wurden Rongeund sein Mitgenoos Dowiat, als sie im Sommer und Herbst 1846 eine Reise durch Süd- und West-Deutschland machten, mit der großartigsten Begeisterung empfangen. Der Zielpunkt ihrer Reise war damals das streng-katholische Mainz, und je näher sie dahin kamen, je höher steigerte sich der Enthusiasmus. Über alle von den angesehensten Bürgern der verschiedenen Städte, die sie berührten, eingeholt und wieder fort geleitet, so zogen sie vom Neckar herunter durch die Bergstraße nach dem Rhein. Ovationen jeder Art wurde ihnen bereitet, Fackelzüge, Serenaden, festlicher Empfang und Ronge sah sich förmlich erdrückt durch die kostbarsten Ehrengeschenke, silberne Pokale, Lorbeerkränze, Schreibzeuge, goldene Federn und was dergleichen mehr ist, die ihm von allen Seiten zu flossen. Als die Reformatoren, wie man sie nannte, Darmstadt verließen, nachdem sie mehrere Tage dort verweilt und gepredigt hatten, folgte ihnen wieder ein langes Ehrengeleite von Wagen bis hinaus vor die Stadt. Die Aufregung war so groß, dass ein förmlicher Abschied war polizeilich verboten worden, wer aber konnte die Bevölkerung daran hindern, sich nach dem nahen Fichtenwalde zu begeben, um hier die Gefeierten zu erwarten. Dort sammelte sich Alles auf einem großen freien von hohen Tannen umringten Platze, Jung und Alt, Vornehm und Gering – und als der Wagen mit den zwei jungen Männern erschien, die bis an die Schultern in Blumen saßen, welche man ihnen während der Fahrt durch

 

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die Stadt zugeworfen hatte, brach ein tausendstimmiger Jubel aus, und ein begeisterter Gesang trug die Töne des alten Lutherliedes hinauf zum wolkenlosen Himmel und in das Grün der Tannen. Unter Lebehochs und Tücherschwenken setzten dann die Reformatoren, auf die man die begeistertsten Hoffnungen baute, ihre Reise weiter fort. Dies eine Beispiel möge für hundert ähnliche genügen. Der gleiche Drang zu öffentlichen Demonstrationen zeigte sich allerorten; dass die Männer, welche man so übermäßig feierte, weil man sich eben nicht anders Luft machen konnte, dadurch vielfach dem tragischen Schicksal der Selbstüberschätzung verfiel, ist natürlich. Noch schlimmer war es für sie, dass sie schließlich als Menschen erfunden werden mussten, nachdem man sie in übertriebener Weise die Halbgötter verehrt hatte.
Nichtsdestoweniger wird Ronges Name immer der Brennpunkt einer Bewegung bleiben, innerhalb welcher sich das beleidigte Gefühl der Nation zuerst wieder einmal energisch ausgesprochen, auch dürfen wir uns hier nicht die Wahrnehmung entgehen lassen wie nun, infolge der religiösen Erregung, auch die Frauen vielfach anfingen sich an dem öffentlichen Leben zu beteiligen, und ein erhöhtes Interesse dafür zu betätigen. Rogge hat das Verdienst, zuerst ein tief bedeutsames Wort darüber ausgesprochen zu haben, indem er öfter betonte, die eine Umwandlung der Zeiten sich nicht vollziehen werde, ohne die Mithilfe Wirkung der Frau und des Arbeite durch ihn angeregt, bildeten sich an vielen Orten Frauen-Vereine, die zunächst nur den Zweck hatten, die nötigen Mittel aufzubringen, um die jungen Gemeinden lebensfähig zu machen, durch selbst besoldete Prediger. Der junge Deutsch-Katholizismus hatte es in seinem Beginne versäumt, mit Nachdruck den ihm gebührenden Anteil an dem katholischen Kirchenvermögen zu fordern. Er musste dergestalt früher oder später an seiner finanziellen Misere zu Grunde

 

 

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Gehen und ein gleiches Schicksal wird unfehlbar die heutigen altkatholischen Gemeinden treffen, wenn sie nicht praktischer zugreifen und in ihrem Verlangen von den Regierungen kräftig unterstützt werden. – Blicken wir aber zurück auf jenen vorhergehenden Kampf gegen Rom und die Hierarchie, so entrollt sich uns eine glänzende Kette von gegenseitiger Opfer Freudigkeit von uneigennütziger Hingebung und von apostolischen Eifer seitens der jungen Männer, die die Kalk besoldeten, unsicheren Predigerstellen bei den neuen Gemeinden annahmen und dagegen auf glänzende Karriere verzichteten, die ihnen bei ihren besonderen Geistes gaben gewiss waren, wenn sie sich der herrschenden Strömung gefügt hätten. Waren die Gemeinden mit Predigern versorgt, so sammelt man weiter für Kirchenbauten, oder, und, dies wurde bald die Hauptaufgabe der deutschen Frauen-Vereine, welche unter sich in enger Verbindung stand, sie nahmen sich der Erziehung der Kinder, der Pflege und Sorge für Arme und Kranke der Gemeinden an. Es war ein erstes allgemeines Hervortreten eines gemeinnützigen Sinnes in Deutschland, wie man ihn unter dem Druck der Verhältnisse und der unausstehliche Polizeiüberwachung kaum jemals geübt hatte, welche sich hier kundgab.
Eine weitere tiefe Kluft trennte damals noch Deutschland von England in allem was Gemeinsinn und Selbsthülfe betraf; man war bei uns, weil der Staat alles bevormundet, auch gewöhnt, alles vom Staate zu erwarten. Man legte träge die Hände in den Schoß und beklagte sich oder schalt, aber man handelte nicht. Ein erstes Zeichen erwachen daselbst Tätigkeit boten nun diese Frauen-Vereine dar, und was haben wir nicht seitdem in dieser Beziehung alles gelernt und überwunden, wenn auch die Philisterhaftigkeit und das Vorurteil gegen ein uneigennütziges Wirken für das Allgemeine, namentlich wo es von Frauen ausgeht, stellenweise auch jetzt noch groß genug bei uns ist.

 

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Wohl am großartigsten entfaltete sich die Tätigkeit dieser Frauen-Vereine, deren Mitglieder durchaus nicht alle dem Deutsch-Katholizismus angehörten, in Breslau, Schweinfurt, Hanau und zumeist in Hamburg, wo eine Reihe von bedeutenden und zu jedem Opfer bereiten Frauen, denen es auch an den notwendigen Mitteln dazu nicht fehlte, mit vereinter Kraft nicht allein materiell, sondern auch ideell arbeiteten. Alle strebten nach einem lichtvollen, durch den Geist der Humanität gereinigten Christentum, und diesem Programm entsprechend, hat, während alle übrigen Frauen-Vereine aus jener Zeit sich wieder auflösten, dieser Hamburger Kreis fortgewirkt, selbst dann noch, als überall später nach der Reaktion von 1850, der Deutschkatholizismus verpönt und verboten wurde. War auch seine Tätigkeit zuweilen momentan unterbrochen, so trat er immer wieder neu zusammen, um später einzig und allein sich neben der Armenpflege, der Erziehung, vornehmlich der der Frauen, anzunehmen, und er hat auf diesen Gebieten nach einer mehr als fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit, unter der Leitung der ausgezeichneten Frau Emilie Wüstenfeld, in der Armenpflege sowohl, als für die geistige, wie gewerbliche Ausbildung der Mädchen, die vornehmsten und außerordentlichen Resultate erzielt, ein Vorbild für alle Frauen Vereine die sich für ähnliche Zwecke seit 1865 neu gebildet haben.

Wenn wir jetzt nach diesem Umwege, die wir nicht wohl vermeiden konnten, um zu zeigen wie die Gemüter schon vor 1848 in allen Ständen und bei beiden Geschlechtern erregt und auf Neues gefasst waren, zu den maßgebenden Kreisen, die sich bemühten, immer mehr eine kompakte politische Organisation zu Stande zu bringen, zurückkehren, so begegnen uns als besonders einflussreich die immer häufiger wiederkehrenden Zusammenkünfte und Verabredungen der Kammermitglieder

 

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aus den verschiedenen deutschen Staaten. Ihren Hauptsammelpunkt fanden sie am Rheine, bei den ehrwürdigen Itzstein, auf dessen Gute Hallgarten, während oft zur selben Zeit, nur wenige Stunden davon entfernt, sich auf den Johannisberg die Feinde des Vaterlandes um ihren Meister Metternich scharten. Aber wie schlau er auch seine Kreise zog, so sehen wir doch, wie auch Preußen zu Ende des Jahres 1847, es nicht mehr ganz zu ignorieren vermochte, dass zwingende Pflichten gegen Deutschland und gegen das eigene Volk vor ihm lagen. Ein Freund des Königs, der später so bekannt gewordene General von Radowitz, bekam den Auftrag, eine Denkschrift über eine vorzunehmende Bundesreform zu entwerfen. Mit der Schärfe, die jenen Mann charakterisierte, unterwarf er die Leistungen des Bundes einer Prüfung und gab auf die Frage, was der Bund seit den zweiunddreißig Jahren seines Bestehens getan, die vernichtende Antwort „das aus seiner Mitte auch nicht ein einziges Lebenszeichen erschienen wäre, aus welchem die Nation entnehmen könnte, dass Ihre dringendsten Bedürfnisse, ihre wohl begründeten Ansprüche und Wünsche, im Rate des Deutschen Bundes irgendeine Beachtung fänden“. – Den Vorschlägen zu einer zweckentsprechenden Änderung der Bundesverfassung, die man nötigenfalls auch ohne Österreich Zustimmung, wenn dieselben nicht zu erlangen sein würde, durchsetzen wollte, kam die Volkspartei entgegen, indem der Abgeordnete Bassermann in der Badischen Kammer, am 12. Februar 1848, einen Antrag stellte, welche die politische Schwäche Deutschlands eindringlich schilderte, und die Regierung geradezu aufforderte, sie möge dahin wirken, dass eine Vertretung der Ständekammer bei dem Bunde nun endlich erreicht werde. Dann sollten Beide vereint, eine gemeinsame Gesetzgebung, sowie auch einheitliche nationale Einrichtungen zu Stande bringen. Mit allen Stimmen gegen fünf wurde der Antrag unter dem allge-

 

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meinen Beifall Deutschlands angenommen, wie sehr auch der Minister Dusch sich während der Verhandlungen bemühte, die Vorteile des Partikularismus hervorzuheben und Baden durch die Vorstellung zu schrecken, dass dasselbe bei solchen Einrichtungen von einem blühenden Staate, zu einer verkümmerten Grenzprovinz herab sinken werde.
Mit diesem Popanz hat man seitdem ja noch oft genug ängstliche Gemüter zu bannen versucht und auch wirklich gebannt, während die Gegenwart uns genügend darüber belehrt, wie die Glieder des Reiches sich im Gegenteil nur umso wohler und besser dabei befinden, wenn das Ganze gesund und lebenskräftig ist. – Man muss dabei nun wohl bemerken, wie sie schon seit dem Jahr 1847 in Baden eine Partei gebildet hatte, welche die Opposition der Kammern heraus in das Volk zu tragen wusste; es hatte sich dergestalt einer Volksopposition gegenüber der liberalen Partei, die sich damit begnügte, Ihre Vertretung innerhalb des Ständesaales zu suchen, organisiert. Auf einer großartigen Volksversammlung zu Offenburg im Herbst 1847 hatte sich zuerst dieses Verhältnis herausgestellt; dieselbe wurde geleitet von dem Liebling des deutschen und namentlich des badischen Volkes, von Friedrich Hecker und von dem bekannten Gustav Struve. Der Letztere war ein Mann, den man bald infolge seiner Exzentrizitäten als den blutdürstigen Revolutionär betrachten musste, und dabei doch so sanftmütig, dass er keinen Bissen Fleisch essen mochte, weil er dies für roh und tierisch hielt. Das Programm, welches diese beiden Männern aufstellten, unterschied sich wesentlich kaum von demjenigen der liberalen Abgeordneten, welches wir sogleich werden kennen lernen, nur mischte leider Struve, der Sozialist geworden, die volle Unklarheit der damaligen sozialen und kommunistischen Theorien und Vorstellungen mit hinein. Abgesehen von diesen Abklärungen war man im Großen und Ganzen einig über das,

 

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was man wollte und erstrebte, dagegen sehr uneinig über das wie, über die Art und Weise, das gewünschte zu erlangen und festzuhalten.
Hecker und seine Anhänger verlangten die Mitwirkung des Volkes, wenn es nicht anders angehe; die Liberalen dagegen wollten nur auf gesetzlichem Wege zu ihrem Ziele gelangen, sie wollten vor den Thronen stehen bleiben, überzeugt, dass ein Ministerwechsel, eine Vereidigung des Militärs auf die reformierten Verfassungen, ein Versprechen der Fürsten, dieselben zu respektieren, völlig ausreichend sein würden, die neue Freiheit und Einheit zu begründen. Die anderen beanspruchten dagegen stärkere Garantien, und indem sie erwogen, wie die freiwillige Einheit von sechsunddreissig Fürsten, die bis dahin vollständig souverän gewesen, ein Ding der Unmöglichkeit sein werde, gelangten sie zu der Überzeugung, dass nur ein Wegräumen der Throne, eine Begründung der Republik, den deutschen Einheitsstaat erschaffen könne, selbst angenommen, diese Republik werde nur der notwendige Durchgangspunkt für eine wirklich konstitutionelle Monarchie sein. So erwuchs wie mit einem Schlage eine starke republikanische Partei in dem bis dahin so zahmen Deutschland, und die große Menge fühlte sich davon angestarrt, wie von dem Haupte der Medusa; man vermochte es eben noch nicht, Republik und Terrorismus voneinander zu trennen. Ganz gewiss befanden sich unter den Republikanern viele, die an und für sich für diese Staatsform schwärmten, – das Gros der Partei, so darf man wohl kühn behaupten, ging nicht einmal so weit, sie sahen darin nur den einzigen praktischen Weg aus der Zerrissenheit und Vielfältigkeit zur Einheit zu gelangen, und wie recht sie damit hatten, bewiesen uns die Ereignisse des Jahres 1866, wo die Revolution von oben in ähnlichem Sinne aufräumte, wie es damals von unten her geschehen sollte.

 

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Es ist zu bedauern, dass ein Teil der damaligen Republikaner die veränderte Sachlage mit dem Starrsinn von solchen, die eine Sache nur dann anerkennen, wenn sie dieselbe eigenhändig zu Stande gebracht haben, fort und fort befeinden. Wer die Einheit tatsächlich liebte und erstrebte, musste zufrieden sein, wenn sie überhaupt erlangt wurde und nicht die alte Zerrissenheit in der Form von Föderativ-Republiken, wofür man nach dem Vorbild der Schweiz schwärmte, verewigt sehen wollen. – Sie sehen aus dieser Darlegung, wie also bereits im Keim zwei große Parteischattierungen in Deutschland existierten, ehe noch der glorreiche März 1848 über uns angebrochen war. Hätte Preußen nur ein Jahr früher das Wehen seiner Zeit verstanden und berücksichtigt, es wären uns und ihm und vor allem seinem Könige selbst, schwere Jahre der Prüfung erspart geblieben; jetzt, da es eben im Begriffe war, das Bessere zu wollen, sich aufzuraffen zu einer Tat, welche die ersehnte Einheit bringen sollte, da schmetterte ihm die Weltgeschichte ihr: zu spät! entgegen. –

Die ersten unmittelbaren Wirkungen der französischen Revolution hatten sich in der preußischen Rheinprovinz geltend gemacht, wo man nicht übel Lust zeigte, sich mit dem republikanischen Nachbar aufs Neue zu vereinigen, um das zu retten, was dem Rheinländer arg bedroht schien, seine französische Gesetzgebung. Während sich in Köln eine Deputation nach Berlin vorbereitete und in den anderen rheinischen Städten überall Volksversammlungen zusammenströmten, gab sich schon am 27. Februar 1848 eine großartige Manifestation in Mannheim kund. Unter dem Jubel von tausenden wurde eine Adresse an die Kammer entworfen, welche die Forderungen des Volkes enthielt, und in der besonders auf die Gefahren hingedeutet war, welche Deutschland von Frankreich wie von Russland aus bedrohten, insofern es sich

 

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jetzt nicht endlich aus seiner Ohnmacht aufraffe und seine Fürsten nicht versuchten, sich auf ihr Volk zu stützen, indem sie unverzüglich dessen gerechte Forderungen erfüllten! –
Diesem Sturme vermochten die badischen Minister nicht zu widerstehen, sie fügten sich in das unvermeidliche, wurden über Nacht auch liberal und antworteten mit freisinnigen Vorlagen in der Kammer, die einen Teil des Gewünschten enthielten, auch wurden Männer der Opposition, welche das Vertrauen des Landesgenossen, wie Welcker, in den Staatsrat und zu höheren Ämtern berufen. Aber so leichten Kaufes kann man dieses Mal nicht davon; die Bürger Mannheims und die der benachbarten Orte hielten es für notwendig, durch Ihr persönliches Erscheinen in Karlsruhe der Sache mehr Nachdruck zu geben. Man sagte sich folgendes: „wir sind 1830 und 40 auch mit schönen Versprechungen hingehalten und dann bitter getäuscht worden; die Früchte der Julirevolution hat man uns ganz ebenso hinweg gestohlen, wie den Franzosen; jetzt ist es Zeit mit Nachdruck zu verlangen, was uns gebührt!“ – So zogen denn wirklich am 1. März von allen Seiten die Badener nach Karlsruhe heran und wo man von ihrem Erscheinen wusste, empfing man sie im Bahnhofe mit jubelnder Begeisterung, während Frauenhände die angekommenen mit schwarz-rot-goldenen Schleifen schmückten. Ein Zug von etwa 20.000 Menschen begab sich von da vor das Ständehaus, wo sie durch Hecker, Itzstein, Brentano und anderen empfangen wurden. Während die größere Menge draußen blieb, wurden von Ihnen gewählte Deputierte, geleitet von den Volksvertretern, herein geführt und hinauf in den Ständesaal gebracht, wo sie ein gleicher Jubel wie am Bahnhof begrüßte. Aber ehe nun noch die Vorstellungen, die sie mitbrachten, verlesen werden konnten, verkündete bereits der Minister Beck, dass das freiere Pressgesetz von 1831, welches man auf Anfängen Österreichs aufgehoben

 

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Hatte, wieder in Kraft treten solle. Der Enthusiasmus, der nun losbrach, verbreitete sich nach außen, setzte sich auf der Straße fort und im Ständesaal selber rief der Präsident Mittermaier, mit Tränen im Auge, aus: „in solch heiligem Augenblick dürfe man dem Ausbruch des Gefühls nicht wehren!“ Als man sich wieder beruhigt, verlas Hecker die Petitionen, welche die Deputierte überbracht hatte. Die Forderungen, die sie enthielten, wurden, mit geringen Unterscheidungen, dass Freiheitsprogramm für das ganze übrige Deutschland, und indem ich dieselben an dieser Stelle mitteile, mögen sie zugleich den Stand-und Zielpunkt aller Aufstände und Revolutionen bezeichnen, die von jenem Tage an ihre Runde durch alle 36 deutsche Staaten machten. Eine Forderung von höchster Wichtigkeit war vorerst diejenige, welche dem Militär, dem Stützpunkt des absolutistischen Regiments, seine Ausnahmestellung zu nehmen, den Soldaten zum Bürger zu machen versuchte. Man hoffte dies durch die Beeidigung des Heeres auf die Verfassung wirksam zu erreichen. Weiter verlangte man ein Gesetz über Ministerverantwortlichkeit und Schwurgericht, eine gerechtere Steuerverteilung nach Maßgabe des Eigentums (Vermögensteuer), Abschaffung des bevorrechtigten Gerichtsstandes für Militär und Adel, Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament, Unabhängigkeit des Richterstandes, und endlich, was sich eigentlich von selbst verstand, ein neues Ministerium, dem das Vertrauen des Volkes und der Kammer entgegenzukommen vermöge. Während nun im Ständesaal beschlossen wurde diese Forderungen augenblicklich zu beraten, tagte auf den Straßen ein Volksparlament unter Leitung von Hecker und Struve, dieses fügte dann dem Genannten noch seine weitergehenden Forderungen hinzu, die sogleich gedruckt und in tausenden von Exemplaren verbreitet wurden.Diees

 

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zweite, viel weitergehende Programm verlangte überdies, das Volk solle das Parlament selbst erwählen, und zwar nach dem denkbar freisinnigen Wahlgesetz; jeder Deutsche von 21 Jahren würde demnach wahlberechtigt, jeder von 25 Jahren zur Wahl befähigt gewesen sein. Ferner forderte man vollständige Lehrfreiheit allgemeines deutsches Staatsbürgerrecht, folglich: Freizügigkeit, Abschaffung aller Vorrechte, Zünfte, Feudallasten usw. und endlich eine gerechte Ausgleichung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit, womit die soziale Frage schon vollständig in die Bewegung mit hineingezogen war. – Wir sehen, dass es an Klarheit über das Gewollte nicht fehlte, wäre man sich nur auch ebenso klar darüber gewesen, wie das Geforderte dauernd zu erringen sei!
Vom den eben erzählten Ereignissen in Baden an, war nun der Strom der Revolution nicht mehr zurückzuhalten und schon nach fünf bis sechs Tagen hatte er im ganzen Südwesten Deutschlands alles weggeschwemmt, was man jahrelang so künstlich dagegen aufgebaut hatte, und wie einst die Franzosen die Trikolore, so pflanzte man allerorten die schwarz-rot-goldene Fahne auf, um sich unter dem alten Reichsbanner zu einem freiheitlichen Leben zu einigen. Von Baden verpflanzte sich die Bewegung zuerst nach auch dort wurde das Ministerium gewechselt und Volksmänner wie P. Pfister, Duvernoy und der Liebling der Schwaben, Römer, traten an die Spitze der Regierung. In das Entzücken und die Freude mischten sich indessen jetzt schon Befürchtungen; unruhig bewegt erhoben sich die Bauern und Fabrikarbeiter des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, und vom ersten Beginn an zeigte es sich, wie dicht hinter der politischen, das Schreckgespenst der sozialen Umwälzung sich erhob, welche die Gemüter der großen Masse in ganz anderer Weise bewegte, als alles was man jetzt in

 

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den Kammern zu erringen strebte. Sehr richtig hob es ein Sprecher der Menge, der Fabrikant Rau von Gaildorf hervor, wie ein deutsches Parlament, so wünschenswert er es auch erachte, dem Volke kein Brot geben, eine noch so gute Gesetzgebung nicht den Hunger zu stillen vermöge. Was hatte man nicht alles zu tun versäumt, während der langen Ruhe-und Friedenszeit; wie drückten den Bauern noch an vielen Orten die Feudallasten, wie lagen Ackerbau und Gewerbe hilflos darniede Nun aber lief die allgemeine Aufregung auch diese unzufriedenen Elemente mit auf den Kampfplatz, und alles arbeitsscheue Gesindel hing sich daran. Ganz ähnlich wie in den dreißiger Jahren, nur in weit ausgedehnterem Maße, wurden auch jetzt wieder die Grundbücher zerstört, die Amtshäuser und die Standesherrschaften mit dem kleinen Krieg bedroht, und die Juden auf dem Land, leider nur zu oft die Aussage des Bauern, verfolgt. Gestohlen wurde nur selten bei diesen Exzessen, umso mehr aber zerstört. In den Gegenden, wo einst der Bauernkrieg gewütet, der Bundschuh war aufgepflanzt worden, brachte der Aufruhr zuerst los, um sich von da über ganz Deutschland zu verbreiten; oft war es nur sehr geringes, was die Leute verlangten, weil eben ihre politische Unbildung sie nur das allernächster als drückend empfinden ließ. So waren an vielen Orten: Laub und Streusel! die Signatur und das Losungswort der ländlichen Revolutionen, weil es nach dem Notjahr von 1847 an Stroh für das Vieh fehlte, welches man durch Moos und dürre Blätter ersetzen wollte, ohne die Erlaubnis der Behörden dafür erlangen zu können. Charakteristisch genug für den politischen Bildungsstandpunkt des Volkes war dieses Begehren, und doch wieder einen tiefen Einblick in dessen Notstand gewährend, dass man sich mit so wenigen schon zufrieden gab. Einige Monate später, da hieß es freilich schon: es wird geteilt! und vor den Augen der Gebil-

 

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deten und besitzenden erhob sich das Schreckgespenst des Kommunismus und schreckte sie zurück in die Reihen der Reaktion, die ihr nur zu gerne mit diesem Schreckbild drohte. Man wurde dann im Handumdrehen ebenso kleinmütig und zaghaft, wie man zuvor großmäulig gewesen und vergeblich blieben die Bemühungen einer kleinen Minorität, den Erschrockenen begreiflich zu machen, dass man die törichten Ausschreitungen nicht überwältige, indem man sie gewaltsam niederschlage und ihren Ursprung ignoriere, sondern nur, wenn man sich bemühe, das Übel zu untersuchen und womöglich zu heilen Heute fehlt es uns freilich nicht an Ärzten aller Art dafür, und hoffen wir, dass sie den rechten Ausweg finden,. Nur wird es immer zu beklagen sein, dass man sich viel zu spät mit den Wünschen und Bedürfnissen des vierten Standes beschäftigte, und es namentlich versäumt hat, dem Volke jene Einsicht und Bildung zu geben, welche es befähigt, zwischen falschen und wahren Lehren zu unterscheiden. –
Doch wenden wir uns von dieser Aufzählung der Schattenseite unserer großen Bewegung, zurück zu der leuchtenden Freiheit somit jeder herrlichen Märztag jedem unvergesslich sein werden, die sie mit vollem Bewusstsein erlebt und durchgemacht hat. Wie im Badischen die Stadt Mannheim, so gab in Hessen Mainz den ersten Anstoß zu einer Bewegung des Großherzogtums. Dort schloss die Generalversammlung des Narrenvereins mit dem Rufe ab: „kein Karneval, sondern Pressfreiheit und Volksbewaffnung!“ Die Gesellschaft wandelte sich in eine großartige Bürgerversammlung um, welche beschloss, in einem Zuge nach Darmstadt zu ziehen und der Kammer eine Adresse zu überreichen, die sich zunächst an einen der Vertreter von Mainz, den Advokaten Zitz richtete, und es dürfte sich wohl hier am besten verlohnen, eine kleine Probe von der Sprechweise der Adressen aus jenen Tagen zu geben, da ge-

 

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rade diese Mainzer Adresse eine der charakteristischsten, durch die Entschiedenheit ihres Ausdrucks ist. Sie begann folgendermaßen:
„Der mächtige Atem der Zeit hat den Dunst verweht, welchen Hofdiener und kurzsichtige Regierungsbeamte dem geistigen Auge der Fürsten vorzumachen bemüht waren. Überall ist die Stimme des Volkes laut geworden, und wo sie missachtet wurde, hat der bewaffnete Arm die Rechte des Menschen zu fassen gewusst, die ihm eine verabscheuenswerte Politik nur zu lange vorenthalten hat. Auch in Hessen ist mit den Zugeständnissen gegeizt worden und eine verblendete Regierung hat die Liebe des Volkes zu Ihrem Fürsten in hohem Grade beeinträchtigt. In solchen Zeiten aber bewährt sie sich, und Rheinhessens Bürger werden die Treue bewahren, wovon sie schon so oft Zeugnis abgelegt. Aber sie verlangen dagegen mit allem Nachdruck alles, was ihnen die Verfassungsurkunde zugestellt. Sie verlangen die Lösung der Presse von allen ihren Fesseln; sie verlangen, dass ihre Gesetzgebung, die Bürgschaft ihrer bürgerlichen Freiheit unangetastet bleibe. Sie verlangen, dass das stehende Heer, dieser fressende Krebs am Staatseinkommen, aufgehoben und Volksbewaffnung an dessen Stelle gesetzt werde, sie verlangen volle Freiheit des Gemeinde-und Volkslebens, ohne Polizeigewalt und Beamtenbevormundung; sie verlangen das Recht ihren Ständen die Wünsche und Bedürfnisse ihres Landes offen auszusprechen und sich zu diesem Zwecke zu versammeln. Sie verlangen endlich eine Verfassungsurkunde in zeitgemäßem Geist, ein besseres Wahlgesetz, Gleichstellung und Freiheit des religiösen Kultus, eine wahrhafte Vertretung des deutschen Volkes durch ein Parlament. – Die Zeit drängt. Soll den Ereignissen vorgebeugt werden, so müssen Taten an die Stelle des leeren Wortschwalls treten. Die Kammer hat eine hohe Ver-

 

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antwortlichkeit gegen Fürst und Vaterland: möge sie sich ihres Berufs würdig erweisen!“ –
Das war klar und bündig gesprochen; die Spitze richtete sich nicht gegen den Fürsten sondern gegen den Minister du Thil, einen echten Metternichdiener, und so wie hier, geschah es überall, dass man die obersten Beamten der Fürsten, nicht aber den Monarchen selber, anklagte. –

 

Hier geht es zu Teil II des Revolutionsberichtes 

 

von Peter Brunner

8.3.2014

Zum 8. März: die Rüstung der Pallas Athene

Filed under: Feminismus,Luise Büchner — peter brunner @ 12:09

„ … Was können uns jene jungen Wesen nutzen, die aus der Schule heraus nicht eilig genug ins Leben treten können, ohne Ahnung eines höheren Berufes, eines ernsteren Strebens? Aus ihren Reihen wird nur selten die tüchtige Mutter, das ächte Weib hervorgehen. Trunken vom Glanze der Ball- und Gesellschftssäle, schweben sie, wie im Traume, durch ihre Jugend; aber wohl selten birgt sich unter dem flatternden Gewand das starke Herz, die hochbeschwingte Seele, deren die Frau doch so sehr, so nothwendig bedarf. Wie lieblich rauschen einige Jahre dahin, leichtbeschuht und voller Glanz; aber die Scene muß sich ändern, das wirkliche Leben klopft an die Pforten. Wie Viele wird es dann zum Kampfe bereit finden? Wie viele sind dann seinen gerechten Ansprüchen gewachsen?

 

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„Athéna portant l’égide. Camée en sardonyx, fin du Ier siècle av. J.-C. ;
monture en or émaillé de Josias Belle, fin du XVIIe siècle.”

Ob die Ehe oder das Loos der Unverheirateten diese heiteren Gestalten erwartet, nur diejenige Frau kann ihren höheren Lebenszweck erfüllen, welcher die Erziehung die Mittel dazu an die Hand gegeben. Aber diejenige Erziehung kann weder Ernst noch Tüchtigkeit verleihen, der es selber daran fehlt, und wer den Lebensweg der meisten weiblichen Naturen verfolgt, wird finden, daß ihnen mit richtiger Bildung Alles gegeben wäre, während ihnen ohne dieselbe Alles genommen ist.

 

O, ihr rosigen Kinder, euren Frohsinn und eure Heiterkeit möchten wir um keinen Preis der Welt euch rauben, ihr sollt Rosen in´s Haar flechten und das weiße Gewand tragen, aber darunter die Rüstung der Pallas Athene.“

 

Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf. Leipzig: Thomas. 5. Aufl. 1884, S. 9/10  

 

Veranstaltung zum Internationalen Frauentag

Wann 09.03.2014
von 16:00 bis 18:00
Wo Literaturhaus (Kennedy-Haus), Kasinostr. 3
Teilnehmer Eintritt: 6 Euro, die Veranstaltung ist für die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft frei

Brot und Rosen – Literarisch-musikalischer Nachmittag  für Frauen und Männer
Musik: Petra Bassus (Gesang) und Marcella Hagenauer (Gitarre)
Literatur: Katja Behrens, Ursula Teicher-Maier, Iris Welcker-Sturm, Barbara Höhfeld, Jutta Schütz.
Gemeinsame Veranstaltung mit dem Frauenbüro Darmstadt anlässlich des Internationalen Frauentages

 

von Peter Brunner
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