Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

7.10.2011

Luise Büchner: „Der Verwünschte Kaffee!“

Filed under: Luise Büchner,Texte,Villa — peter brunner @ 12:09

 

 

 

Den schönen Text Luise Büchners über weibliche Pflicht und weibliches Vergnügen widme ich anlässlich der Übernahme des Restaurants Strud´l Stub´n in der Villa Büchner der neuen Inhaberin, Frau Sabine Gündisch, mit den besten Wünschen auf viele Kaffegäste weiblichen und männlichen Geschlechts!

 

Der Damenkaffee.

 

„Ist denn dieses viel geschmähte, unschuldige Vergnügen der geplagten deutschen Frauenwelt so überaus wichtig, dass man ihm auch noch gar ein besonderes Kapitel widmet?“ So wird vielleicht manche empfindliche Leserin entrüstet fragen und dabei alleine der frohen, gemütlichen Stunden gedenken, die sie im Kreise von lieben Freundinnen bei den duftenden Schälchen Mokka verbracht hat. – Sie hat nicht ganz unrecht mit ihrer Entrüstung, den sie merkt schon im Voraus, dass das Kapitel schwerlich dem besonderen Lobe und der Verherrlichung der „Urgemütlichen, deutschen Kaffeevisite“ dienen soll.

 

Wir antworten ihr aber schnell gefasst, dass wir gar nicht daran denken, dass „Kaffeestündchen“ angreifen zu wollen. Es hatte seine volle, ja sogar seine historische Berechtigung, es ist von den größten Dichtern unserer Nation besungen und gepriesen worden, es vereinigt die Kreise so behaglich an der Tafelrunde; und wo zwei Freundinnen sich ihre tiefsten Herzensergießungen einander mitzuteilen haben, wo ein paar Hausfrauen einmal in stiller Stunde die Freuden und Leiden ihres Haus-und Familienstandes gegenseitig austauschen möchten, oder wo ein paar alte Damen, die des Abends nicht mehr ausgehen, ihr Spielchen zusammen machen, da gibt es gewiss keine angenehmere Zutat, als den dunklen Zaubertrank, der die Zungen löst und die Fantasie beflügelt.

 

Wir haben es hier mit einem anderen Feind des weiblichen Geschlechts zu tun, den man durchaus nicht mit dem „Kaffeestündchen“ verwechseln muss, wir meinen den wohl konditioniert, regelrechten Damenkaffee. Ihn näher zu beschreiben und die Vorwürfe zu wiederholen, die man schon so oft gegen ihn geschleudert, wodurch er sich indessen gar nicht in seiner Existenz beirren lässt, ist keineswegs unsere Absicht – wer gerne klatscht, findet dazu immer Gelegenheit, auch ohne „Damenkaffee“, – wir möchten nur einmal recht nachdrücklich hervorheben, wie viele schöne, gute Zeit, wie die besten Tagesstunden damit vergeudet werden.

 

Die mittelalterliche Sitte des Ausgehens, des geselligen Verkehrs zwischen dem Mittag-und Abendläuten hat sich nirgends so beständig erhalten, als in Deutschland und vorzugsweise unter den Frauen der besseren Stände; denn die arbeitende Frau hat keine Zeit, sich in diesen Stunden, außer am Sonntag, zu vergnügen. Wie so vieles in unserem Leben, ist auch dieses Sitte mannigfach zur Unsitte geworden. Es scheint uns wenigstens eine Art von Unsitte zu sein, wenn jugendliche Frauen und Mädchen, noch in der Vollkraft des Lebens, sich zur besten Tags – und Arbeitszeit in eine entsprechende Toilette werfen, den Strickstrumpf eine andere noch leichtere Arbeit in die Tasche stecken, um sich in einem „Damenkaffee“ zu begeben und dort drei bis vier Stunden lang in der unfruchtbarsten und oft unerquicklichsten Weise ihre Gedanken und Neuigkeiten auszutauschen, während Berge von Kuchen und Süßigkeiten vor ihnen aufgehäuft stehen.

 

Was hat nun diese Art von Geselligkeit für einen Zweck, und wer amüsiert sich dabei? Eigentlich niemand, aber man ist einmal an diesen Schlendrian gewöhnt, und so geht es mit Grazie weiter in das Endlose; die jungen Mädchen fangen damit an, die jungen Frauen setzen es fort, und der „Damenkaffee“ wird zu einer nicht mehr abzuschütteln den Gewohnheit bis ins hohe Alter hinein, nur alsdann langweiliger, schaler und abgestandner.

 

Aber hoffen wir, dass auch seine Tage gezählt sind! Je mehr die Frauen sich ernster, gediegener Arbeit zuwenden, umso weniger Zeit werden sie für solche nutzlose Zeitverschwendung haben. Heute schon ist es solchen Frauen, die sich ernstlich beschäftigen, nicht möglich, einige Male in der Woche um vier Uhr des Nachmittags auszugehen und drei bis vier Stunden lang bei Kaffee, Kuchen und Konversation zuzubringen. Kommt man dann in der Hälfte des Abends nach Hause, so ist dieser ganz ebenso verloren, wie der Nachmittag; man ist müde, abgespannt, unlustig noch etwas Ernstes anzufangen, und geht gähnend und unzufrieden zu Bett, mit dem Vorsatz, sobald nicht wieder, was auch die anderen sagen mögen, „mit den Wölfen zu heulen“.

 

Wie können aber Mütter, deren Kinder gerade in der Stunde aus der Schule kommen, wo die Mama in die „Kaffeevisite“ geht, ihre Pflicht erfüllen? Gerade jetzt wäre sie ihnen am notwendigsten, um die Aufgaben zu überwachen, mit ihnen zu spielen, einen Spaziergang mit ihnenzu machen – sie sieht es auch sehr wohl ein, sie fühlt, was ihre Abwesenheit alles nach sich ziehen kann. „Der Verwünschte Kaffee!“ Aber man hat schon so oft abgesagt, man sehnt sich auch einmal wieder etwas anderes zu sehen und zu hören, man muss fort! „Man muss nicht müssen“, sagt Nathan, wir haben es schon in der Literaturstunde gelernt; aber was nützt alle Weisheit der Welt vor dem Machgebot „des Damenkaffee“? Wenn die Mutter nachhause kommt, liegen die Kinder im Bett oder werden hineingelegt, der Gatte hat sich in seinen Club, oder man verzeihe uns den süddeutschen Ausdruck, „ins Wirtshaus“ verfügt, sie sitzt allein und hat nun volle Muße über die Gemütlichkeit des „Damenkaffee“ nachzudenken.

 

Jedoch nicht allein für die Frau und Mutter, auch für die Unverheiratete ist diese Art der Geselligkeit eine Zeitverschwendung zu unrechten Stunde, zu einer Stunde, die noch irgend einer wirklichen, einer sie selbst fördernden oder für andere nützlichen Tätigkeit gewidmet sein sollte. – Man ist gegenwärtig fast überall darauf bedacht, Institutionen zu schaffen, durch welche den Frauen auf verschiedene Weise Belehrung oder geistiger Genuss zugeführt wird, aber wir fürchten, die „Konkurrenz“ der Kaffeevisite wird diese Gelegenheiten öfter nicht zur vollen Geltung kommen lassen. Indessen sind wir gewiss die letzten, die gesellige Befriedigung, welche darin liegt, leugnen zu wollen, wir wünschen nur, man möchte sie in eine bessere Zeit, von dem Nachmittag auf den Abend, verlegen und die Männer dazu heranzuziehen suchen. Wenn die Frauen damit den Anfang machen, wenn sie sich ernstlich daran gewöhnen, die Nachmittags-und ersten Abendstunden, einen kurzen Spaziergang oder Ausgang abgerechnet, zuhause zu sein, so wäre damit den Männern ein großer Vorwand genommen, ihre Abende auch fern vom Hause zuzubringen.

 

Es ist eine durchaus unerfreuliche Tatsache, dass an vielen Orten der gesellige Verkehr zwischen Männern und Frauen immer mehr abnimmt, was für beide Teile gewiss kein Vorteil ist. Man sucht es durch das erhöhte politische Leben in Deutschland zu erklären, aber dies ist nicht stichhaltig, denn in Ländern, wo weit mehr politisches Leben herrscht und seit länger herrschte als bei uns, ist dies nicht der Fall. In Frankreich, England, Belgien, Holland, teilweise auch in der Schweiz, bringen die Männer ihren Abende in der Familie oder in Gesellschaft der Frau im Freundeskreise zu. Diesem Ziele müssen auch wir zusteuern.

 

Von der siebenten Abendstunde an kann und sollte jeder Mutter und Hausfrau, ohne besondere Abhaltung, im Stande sein, ihr Haus ruhig auf einige Stunden zu verlassen, wenn sie nicht selbst Freunde bei sich sieht. Von dieser Stunde an ist jedem Menschen, Mann oder Frau, wenn er den Tag über fleißig gearbeitet, ein geselliges Ausruhen nicht allein erlaubt, sondern auch wirklicher und nachhaltiger Genuss. – Man rühmt so gerne im Gegensatz zu anderen Ländern den häuslichen Sinn der deutschen Frauen, aber mit einigem Unrecht. Keine Frau geht so viel und so zu jeder Tageszeit aus, wie die deutsche. Es ist bei uns nicht seltenes, schon des morgens um neun Uhr Besuch zu bekommen, und dies geht den ganzen Tag so fort. In den oben genannten Ländern hat man dafür seine bestimmten, fest eingehaltenen Stunden, ja Tage. Die Französin empfängt an einem bestimmten Tag in der Woche und ist in schöner Toilette in den üblichen Stunden für jeden Besuch bereit. An den sechs übrigen Tagen ist sie mehr oder weniger unsichtbar, und wenn sie keine Salon-oder Modedame ist, was doch selbstverständlich nicht alle sind, arbeitete sie recht tüchtig und ungestört, vom Morgen bis zum Abend, an welchem dann wieder die Geselligkeit mehr oder weniger in ihr Recht tritt. Während der Faschingszeit erreicht diese ihren Höhepunkt, im übrigen aber und abgesehen von einem vier bis sechs wöchentlichen Landaufenthalt im Sommer verläuft das Leben der französischen Frau ungleich einförmiger und weniger abwechselnd, als das der Deutschen, und vor allen Dingen hat sie keine Ahnung von den Zauber eines „Damenkaffee“. Das englische Frauenleben hat sehr viel ähnliches, nur widmet man der Bewegung in freier Luft mehr Zeit, im übrigen jedoch kümmert sich die Engländerin sehr eingehend um Haus und Kinder, und wenn sie auch gerade in der Küche und bei den sonstigen häuslichen Geschäfte nicht so viel mitarbeitet, wie die deutsche Frau, so leist sie dagegen sehr viel mit der Nadel, verfertigt, wenn sie nicht gerade zu den Reichen gehört, ihre Kleider, sowie die der Kinder selbst und hält ihre Zeit wohl zu Rate. Ebenso wenig dürfen wir uns verhehlen, dass die englischen Frauen, wenn sie sich ernsten Beschäftigungen und Studien hingeben, darin durchschnittlich eine höhere Stufe erreichen, als die deutsche Frau, da sich ihr Leben weniger durch eine ungeeignete Einteilung der Arbeits-und der Mußestunden zersplittert.

 

Nirgendwo außer in Deutschland hat die Frau Jahr aus Jahr ein soviel Zerstreuung und Vergnügung; jeder Deutsche, die im Ausland in mittleren Verhältnissen gelebt hat, wird uns beistimmen. Landpartien und Damenkaffees, sowohl in, als außer dem Hause, gibt es nur bei uns; Theater und Konzerte nirgends sonst in solch reicher Fülle und durch die niedrigen Preise jedermann zugänglich.

 

Im Anbetracht alles dessen wäre es gewiss kein allzu großes Opfer, wenn auch die deutsche Frau gleich dem Mann ihre Mußestunden auf den Abend verlegte und den Tag der Arbeit widmete, damit dann nach vollbrachten Tagewerk beide sich in gleichem geselligen Bedürfnis begegnen könnten. Würde diese Geselligkeit dann auch so einfach eingerichtet, wie bei den romanischen Völkern, wo die Bewirtung eine höchst untergeordnete Rolle spielt, so müsste dem geistigen Leben Deutschlands aus solch ungezwungener Vereinigung ein unendlicher Gewinn erwachsen, jedenfalls aber wäre es kein geringes Verdienst der deutschen Frauen, wenn sie, der „Kaffeevisite“ entsagend, wenigstens den Versuch machten, eine andere Art der Geselligkeit hervorzurufen, dabei Goethes weisen Spruch bedenken:

 

Tages Arbeit, Abends Gäste,

saure Wochen, frohe Feste

sei dein künftig Zauberwort!

 

 

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