Neues aus Buechnerland Peter Brunners Buechnerblog

23.5.2011

Ludwig Büchner forscht über geheimnisvolles Leuchten

Filed under: Ludwig Büchner,Texte — peter brunner @ 10:23

Anlässlich des heutigen Geburtstages von Franz Anton Mesmer einmal ein etwas ausführlicherer Text zu einem verwandten Thema.

 

Ich freue mich übrigens über Kommentare hier, die mich wissen lassen, ob das Veröffentlichen historischer Texte hier von den Lesern für sinnvoll und informativ gehalten wird.

 

 

Ludwig Büchners erste eigenständige Buchveröffentlichung (nach der Veröffentlichung seiner Dissertation – dazu gelegentlich mehr – und der Herausgabe von Georgs gesammelten Werken 1850) war eine Schrift mit dem Titel „Das Od“, die er 1854 bei dem Darmstädter Buchhändler Diehl verlegte. Er setzte sich darin mit der Theorie Karl von Reichenbachs auseinander, der behauptete, eine dem Magnetismus verwandte biologische Kraft gefunden zu haben, die er „Od“ (nach dem germanischen Gott Odin) nannte.

 

 

Karl von Reichenbach

Der Text biete eine schöne Einführung in Ludwigs Methode, mit Fragestellungen und Theorien umzugehen, und ist eine Erläuterung seines Anspruches, den Dingen mit naturwissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen. Die Spiritisten kriegen gleich zu Anfang ihr Fett weg, und im Verlauf de Textes entsteht der Eindruck, dass sich Ludwig Büchner ungern, aber unerbittlich, von der Od-Theorie distanziert. Ich habe in seinen späteren Werken bisher auch noch keine weitere Erwähnung davon gefunden.

 

Ludwig schreibt:

 

„ … Abgesehen von dem wissenschaftlichen Interesse des Gegenstandes an sich, glaubte der Verfasser auch in seiner Achtung gegen das größere Publikum, welches sich bekanntlich in den letzten Jahren in großen und weiten Kreisen ungemein für die Sache interessiert hat, einen Antrieb zur Anstellung von Nachversuchen finden zu dürfen. Für sich allein freilich dürfte diese letztere Umstand, so oft er auch bei Gelegenheit des Tischrückens gegen wissenschaftliche Kreise geltend gemacht wurde, nicht das nöthige Gewicht in die Wagschale werfen, und das Publikum möge verzeihen, wenn ihm nicht jedesmal in allen seinen Neigungen der Wille gethan wird. Die außerordentliche und nie gesehene Theilnahme, welche das Publikum aller Stände und aller Länder für das Tischrücken an den Tag legte, war dennoch nicht im Stande, dem Gegenstand ein wirklich wissenschaftliches Interesse und Aufmerksamkeit von Seiten der Naturforscher zuzuwenden. Gewiß mit Recht ließen die Letzteren die enragierten Laien vergebens über die Theilnahmslosigkeit der Wissenschaft schreien und schelten. Daß ein Tisch tanzen und sprechen könne, diese widersprach so sehr allen Begriffen, welche aus einer venünftigen Naturbetrachtung erwachsen sind und stand von Vornherein, auch ohne Experimente, so sehr in Widerspruch mit den Erfahrungen, welche seit Jahrtausenden über die Unwandelbarkeit gewisser Naturgesetze gemacht worden sind, daß man wohl in stiller Nichtachtung schweigen und abwarten konnte, bis die Zeit die Närrischen von selbst zur Vernunft gebracht haben würde. … Als die Reichenbachschen Briefe in der Allgemeinen Zeitung erschienen und in wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Kreisen eine lebhafte Besprechung und Discussion fanden, theilten sich sehr rasch und entschieden die Meinungen, die Einen für, die Andern gegen die Sache. Solche rasche Partheinahme ohne nähere Prüfung konnte natürlich nur von solchen geschehen, denen die Begriffe naturwissenschaftlicher Forschung nicht geläufig waren. Keine noch so hitzige Debattierung mit theoretischen Gründen konnte sie an´s Ziel führen. Eine Sache, welche sich vor Allem auf Versuche, auf Thatsachen beruft und nicht den Stempel wissenschaftlicher Unmöglichkeit an de Stirn trägt, kann nur wieder durch Versuche, durch eine experimentelle Nachprüfung endgültig entschieden werden, so sehr vielleicht auch theoretische Gründe dagegen zu sprechen scheinen. Das Experiment ist es ja, was die Naturwissenschaften in den letzten Jahren so groß gemacht hat, daß sie gegenwärtig Leben und Wissenschaft beherrschen, das Experiment ist es, was ihnen eine noch größere Zukunft als Gegenwart sichert, das Experiment endlich ist es, welches beginnt, seinen Einfluß auch in den übrigen Gebieten des menschlichen Wissen ´s und Denken´s geltend zu machen. Was gelten jetzt noch metaphysiche Systeme? Was helfen uns jetzt die dickleibigen Bände der Staats- und Völkerrechtslehrer, was die künstlichen Gebäude der Gesellschafts-Verbesserer, nachdem die Experimente der vergangenen Jahre alle diese Theoretiker so gründlich beschämt haben?. Man glaubte die Wahrheit verbrieft und ausgemacht in der Tasche zu haben, aber beim ersten Windstoße der That flog die papieren Weisheit davon. …“

 

 

 

Es folgt jetzt eine länger Schilderung des angeblichen Ods, einer Kraft, welche ähnlich dem Magnetismus zahlreichen organischen und anorganischen Gegenständen und Lebewesen innewohne und von „sensitiven“ Menschen wahrgenommen werden könne. Dann folgt die Beschreibung von in Tübingen angestellten Experimenten sowie ein kritisch-distanzierter Schluss:

 

„ … In der Dunkelkammer hielten wir mit verschiedenen Personen beiderlei Geschlechts 11 Sitzungen von je 1- 3 Stunden Dauer. … Die Mehrzahl der Versuchs-Personen sah Nichts, bei einer Minderzahl fehlte es nicht an mitunter sehr intensiven Lichterscheinungen verschiedener Art, … Es schien uns allerdings einigemal, als ob diejenigen Personen, welche für odische Eindrücke am empfänglichsten waren, auch der Einwirkung des thierischen Magnetismus am meisten zugänglich seien. … Was nun unsere eigenen Versuche anlangt, so sind dieselben unvollständig, gering an Zahl, eigentlich nur Präliminarien zu einer genaueren und in größerem Maaßstab ausgeführten Untersuchungen, und können deßwegen auch, wie ich schon angedeutet, keinen endgültigen kritischen Ausspruch über die Sache begründen. … Ich glaube voraussetzen zu dürfen, daß Reichenbachs Versuchs-Resultate nicht minder mit solchen Fehlern und Unvollkommenheiten behaftet waren, wie die unsrigen, daß aber der Entdecker des Od, wie jeder Begründer einer neuen Theorie, nur das aus ihnen herauszog, was einer Ansicht zur Stütze dienen konnte, und das Widersprechende verschwieg. … Sollte sich auch bei solchen Prüfungen die Reichenbach´sche Theorie nicht bestätigen, so kann es immerhin nur von Nutzen und wissenschaftlichem Interesse sein, gerade in diesem als Schatten- oder Nachtseite der menschlichen Natur bezeichneten Gebiete durch eine auf Thatsachen fußende Forschung einiges Licht verbreitet zu sehen. An solchen Dingen bloß nichtachtend vorüberzuschreiten, dürfte nach meiner Ansicht nicht mehr zeitgemäß, auch nicht einmal des Gelehrten würdig sein. … “

 

Ludwig Büchner: Das Od. Eine wissenschaftliche Scizze. Darmstadt. Diehl. 1854. 48 S.

 

 

 

2 Comments »

  1. Gut so. Spannend und abwechslungsreich.

    Kommentar by Karl — 24.5.2011 @ 08:22

  2. […] Im Mai 2011 habe ich hier über „Das Od” geschrieben, und als die Luise Büchner-Gesellschaft 2013 die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek besuchte, hat Thomas Lange auch auf Alexander Büchners unveröffentlichtes Manuskript des Theaterstücks „Odisch-Magnetisch. Original-Posse in drei Akten” aufmerksam gemacht.  Die Duplizität der Beschäftigung der beiden mit dem gleichen Thema – Ludwigs aus naturwissenschaftlicher Sicht, Alexander literarisch-polemisch – schildert der Lange als „Gedankenklärung” auf „ … dem Weg zu der gemeinsamen Überzeugung, dass die Naturwissenschaft die neue Leitwissenschaft geworden war”. […]

    Pingback by Büchneriana im neuesten „Archiv für hessische Geschichte” « Neues aus Buechnerland — 17.1.2015 @ 18:49

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